06.04.2009

SÜDAFRIKANationaler Notstand

In keinem anderen Land der Welt leben so viele HIV-infizierte Menschen wie in Südafrika: fast sechs Millionen sind es laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation, damit ist fast jeder achte Bürger davon betroffen. Die Krankheit schwächt auch das politische Establishment des Landes, stellt nun eine Studie des südafrikanischen Instituts für Demokratie fest. Zwischen 2001 und 2007 seien in den Provinzen des Landes 285 Bezirksräte gestorben, davon 70 Prozent an Aids. Die meisten Todesfälle entfielen auf die 22- bis 49-Jährigen, die durchschnittliche Lebenserwartung der Bezirksräte liege bei nur 51 Jahren. Die junge Demokratie in Südafrika stehe vor einer großen Herausforderung, wenn es nicht gelinge, erfahrenes, ausgebildetes Personal im politischen System zu halten, heißt es in der Studie. Justin Steyn, einer der Autoren der Untersuchung, zweifelt jedoch am politischen Willen zur Veränderung: "Die meisten Politiker haben Angst, mit ihrer Krankheit offen umzugehen, da ihre Wahlergebnisse darunter leiden könnten." 2002 war zum Beispiel Peter Mokaba, ein Vorstandsmitglied des Afrikanischen Nationalkongresses, ANC, vermutlich an Aids gestorben. Er hatte für Aufsehen gesorgt, indem er behauptete, das Virus existiere nicht und Medikamente seien "giftig". Auch sieben Jahre später gibt es in Südafrika keine ernsthafte Aids-Prävention: Die im vergangenen September entlassene Gesundheitsministerin empfahl gegen die Krankheit Knoblauch und Rote Bete. Laut Steyn rafft die Krankheit nicht nur Politiker, sondern auch die Wähler dahin: Jeden Monat sterben 28 000 Wahlberechtigte an Aids, daher müsse man das Problem endlich wie einen "nationalen Notstand" behandeln.

DER SPIEGEL 15/2009
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Nationaler Notstand