20.04.2009

KUBA„Das Meer ist unsere Mauer“

US-Präsident Obama macht Havanna Offerten. Aber die beiden Castro-Brüder sind sich uneins, wie es weitergehen soll mit ihrem Land. Die jungen Leute respektieren die greisen Revolutionäre, doch sie haben das Warten auf Reformen satt.
Seltsame Geschöpfe bevölkern Havanna. Eine Herde schwarzer Blechelefanten stürmt den Platz der Revolution. Im Hof des Museums der Schönen Künste stecken riesige Pinocchios ihre Lügennasen in Koffer und Gepäckkarren.
Die Phantasiewesen sind Werke kubanischer Künstler, die bis Ende April während der 10. Biennale die Toleranzschwelle des Regimes testen. Anspielungen auf dickhäutige Politiker und Reisebeschränkungen ließ die Zensur durchgehen. Ein Projekt der in den USA lebenden Kubanerin Tania Bruguera ging der Regierung aber zu weit. In einem vollbesetzten Ausstellungsraum hatte die bekannte Künstlerin ein Rednerpodest aufgestellt und bat die Zuschauer, eine Minute lang zu einem Thema ihrer Wahl zu sprechen.
Als Erste trat die Bloggerin Yoani Sánchez vors Publikum und forderte freien Zugang zum Internet, andere Regimekritiker folgten. Zwei Mitwirkende in Militäruniform setzten den Rednern eine weiße Taube auf die Schulter.
Jeder Kubaner versteht diese Anspielung: Während seiner großen Rede nach dem Ein-
marsch der Revolutionäre in Havanna 1959 setzte sich eine weiße Taube auf Fidel Castros Schulter; seine Anhänger sahen darin einen Wink Gottes. Witze über das Ereignis aber sind tabu. Die Veranstalter der Biennale verurteilten die Aktion, die als Video auf YouTube zirkuliert, als eine Provokation der "antikubanischen Propagandamaschine".
Die Nerven des Regimes liegen blank, das spüren nicht nur die Besucher der Biennale. Seit den neunziger Jahren, als Kuba nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der wirtschaftliche Kollaps drohte, war nicht mehr so viel Polizei auf den Straßen wie jetzt. Während der Erzfeind in Washington Entspannung signalisiert, igelt sich die Regierung in Havanna ein.
Seit Monaten rätseln die Kubaner über den Kurs ihres Präsidenten Raúl Castro, 77. Im Februar 2008 hatte der schwerkranke Fidel, 82, seinem jüngeren Bruder offiziell die Regierungsgeschäfte übertragen. Anfangs weckte der Machtwechsel Hoffnung auf Reformen: Die Regierung erlaubte den Besitz von Handys und Computern, und Raúl ermunterte die Kubaner zu offener Kritik an Korruption und Vetternwirtschaft. Doch dann erlahmte sein Eifer. "Unter Raúl hat sich nichts geändert", stellt der Videokünstler René Francisco resigniert fest.
Dabei wächst der Druck auf das Regime: Es mehren sich die Zeichen, dass der Kalte Krieg zwischen Washington und Havanna 50 Jahre nach der Revolution zu Ende gehen könnte. Vergangene Woche erfüllte US-Präsident Barack Obama ein Wahlkampfversprechen und hob alle Reisebeschränkungen für kubanischstämmige Amerikaner auf. Sie dürfen außerdem ihren Verwandten auf der Insel künftig uneingeschränkt Geld zukommen lassen. Im US-Senat wird sogar eine generelle Aufhebung des Reiseverbots für US-Bürger diskutiert.
Lateinamerikas Staatschefs, allen voran Brasiliens Präsident Lula, bedrängen Washington, auch das Wirtschaftsembargo zu beenden. Doch Obama wartet auf ein positives Signal aus Havanna, etwa die Freilassung inhaftierter Regimegegner.
Unter jungen Kubanern genießt der US-Präsident Kultstatus. "Obama ist unsere Hoffnung", sagt Lucas Fernández, 20: "Das Embargo hat nichts gebracht. Es ist an der Zeit, das absurde Theater zu beenden." Am Terminal 2 des Flughafens von Havanna, wo die Charterflieger aus Miami ankommen, wartet der blonde Medizinstudent mit seiner Familie auf die Rückreise in die USA. Vor neun Jahren hatte er im "Bombo" gewonnen, wie die Visa-Lotterie der Amerikaner genannt wird. Er ließ seine Mutter zurück und zog zu seinem Vater, der in Miami lebt. Bislang durfte er die Mutter nur alle drei Jahre besuchen.
Damals, als er ausreiste, spielten sich vor dem Gitter am Eingang des Flughafens noch herzzerreißende Szenen ab: Kinder ließen ihre Eltern zurück, Brüder ihre Schwestern, Männer ihre Ehefrauen. Der Flug nach Miami dauert nur 45 Minuten, aber die Reisebeschränkungen rissen Familien oft für Jahrzehnte auseinander. "Das Meer ist unsere Mauer", sagt der Künstler René Francisco: "Kuba und die USA sind wie ein unglückliches Liebespaar."
Obamas Annäherungsversuche zeigen bei der Führung jedoch bisher kaum Wirkung. Der Neue im Weißen Haus sei zwar viel besser als sein Vorgänger, räumte Fidel jüngst in der Parteizeitung "Granma" ein, aber er bleibe ein "Gefangener des Imperiums". Die Aufhebung des Wirtschaftsembargos sei unabdingbar: "Kuba wird nie die Hand aufhalten und um Almosen bitten." Fidel traut den Amerikanern nicht.
Wenn es um das Verhältnis zum großen Nachbarn geht, hat der Alte das letzte Wort. Sein Gesundheitszustand hat sich offenbar gebessert, jüngst wurde er beim Spazierengehen gesichtet. Rund ein Dutzend lateinamerikanischer Staatschefs haben ihm in den vergangenen Monaten die Aufwartung gemacht, und meist gab es Fotos mit dem Gastgeber. Vor zwei Wochen empfing er sogar eine Gruppe amerikanischer Kongressabgeordneter.
Fast täglich sind in der "Granma" neue "Reflexionen des Comandante" zu lesen, und mitunter fällt er seinem Bruder dabei mit Kommentaren zur Weltlage in den Rücken. Jüngst provozierte er einen diplomatischen Zwischenfall mit Chile, weil er sich während eines Staatsbesuchs von Präsidentin Michelle Bachelet in einen historischen Streit der Chilenen mit Bolivien einmischte.
In diplomatischen Kreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass es zwischen beiden Brüdern kriselt. Raúl will Ruhe an der diplomatischen Front, er ist auf Ausgleich bedacht. Die Propagandaplakate vor der US-Vertretung am Malecón, der Uferpromenade von Havanna, ließ er abmontieren, seit seinem Amtsantritt kam es zu keiner einzigen Massenkundgebung gegen die Amerikaner. Und während Fidel seine Freundschaft zum Hitzkopf Hugo Chávez pflegt, baut Raúl die Kontakte zu Lateinamerikas gemäßigten Linken aus.
Zähneknirschend erträgt der Präsident das Störfeuer vom nahen Krankenbett. "Er kann seinem Bruder schließlich kein Schreibverbot erteilen", sagt Richard Haep, Vertreter der Welthungerhilfe in Kuba. Loyalität geht dem Parteisoldaten Raúl über alles, nie würde er Fidel öffentlich widersprechen.
Doch im Volk wächst der Frust über den Zickzackkurs an der Staatsspitze. Auf den ersten Blick ist alles wie immer: Am Malecón flirten die Liebespärchen, Jugendliche lassen die Rumflasche kreisen und preisen Zigarren vom Schwarzmarkt an, und durch die Altstadt schieben sich die Touristengruppen. Nach den Wirbelstürmen "Gustav" und "Ike", die im vergangenen Jahr weite Landstriche verwüsteten, hat sich die Versorgungslage schnell normalisiert. Stromausfälle, die früher zum Alltag gehörten, sind selten geworden.
Die Gerüchteküche aber brodelt. Dafür ist Raúl verantwortlich: Er setzte Anfang März überraschend Außenminister Felipe Pérez Roque, 44, und den für Wirtschaft zuständigen Vizepräsidenten Carlos Lage, 57, ab. Beide galten als Fidels Kronprinzen.
Lage war für die Liberalisierung der Wirtschaft in den neunziger Jahren verantwortlich, er verkörperte die Hoffnung auf Öffnung und Modernisierung. Pérez Roque hatte den Spitznamen "Taliban", er war seinem Vorbild Fidel besonders fromm ergeben. Auf Auslandsreisen vertraten beide oft die Castro-Brüder, untereinander sind sie sich spinnefeind.
Kurz nach dem Coup veröffentlichte die Regierung zwei ähnlich lautende Selbstanklagen der Entmachteten, ganz in der Art, wie sie früher Stalin in ähnlichen Fällen in die "Prawda" setzen ließ. Seine einstigen Lieblingsschüler hätten vom "Honig des Ehrgeizes" genascht, tadelte Fidel in der "Granma".
Hatten Pérez Roque und Lage sich zu weit vorgewagt? Will Raúl den Einfluss seines Bruders in der Regierung zurückdrängen? Oder hatten die beiden womöglich zusammen mit Venezuelas Präsident Hugo Chávez einen Coup gegen Raúl geschmiedet, wie der ehemalige mexikanische Außenminister und Kuba-Kenner Jorge Castañeda mutmaßt?
"Das Volk wartet auf Klärung", mahnt Mariela Castro, die älteste Tochter des Staatschefs; die Direktorin des Nationalen Instituts für Sexualerziehung ist eine der wenigen Parteikader, die sich öffentlich eine eigene Meinung erlauben.
Inhaftiert sind die in Ungnade Gefallenen offenbar nicht: Wenige Tage nach seiner Absetzung wurde Pérez Roque bei der Ummeldung seines Autos gesichtet. Jetzt sickerte durch, dass er sich im Februar zusammen mit Lage auf der Party eines Geschäftsmannes über die Castro-Brüder lustig gemacht habe. Der Gastgeber hatte die Gespräche aufgezeichnet, später fielen die Bänder dem kubanischen Geheimdienst in die Hände. Hat Raúl die Nachwuchsstars deshalb zum "Plan Pyjama" verdonnert, wie der Volksmund den vorzeitigen Ruhestand für Regierungsmitglieder nennt?
Viele Funktionäre fürchten, dass der Präsident die Gelegenheit zu weiteren Säuberungen in den Ministerien nutzt. Sie sind deshalb in Deckung gegangen und meiden jeden Kontakt mit Ausländern. Europäische Geschäftsleute klagen, dass ihre kubanischen Partner keine privaten Einladungen mehr annehmen.
"Raúl schließt die Reihen", sagt ein Beobachter. Der General hat sich mit Militärs und alten Revolutionskämpfern umgeben, das Durchschnittsalter im Staatsrat stieg nach der Entlassung von Lage und Pérez Roque auf über 70 Jahre an. Mit militärischer Disziplin sollen die alten Kämpen den Schlendrian in den Staatsbetrieben bekämpfen.
Grundlegende Wirtschaftsreformen sind nicht geplant, die Säulen des sozialistischen Systems rührt Raúl nicht an. Er stützt sich auf seine alte Machtbasis: die KP und die Streitkräfte.
Auf einem Parteikongress im Herbst soll über die Zukunft der Revolution entschieden werden. Dann will Raúl darlegen, wie er die größten Herausforderungen des Systems seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu meistern gedenkt: den nahenden Tod Fidels, ein Ende des US-Embargos - und die Abkehr der "Generation Y".
So bezeichnet Bloggerin Yoani Sánchez die Generation der 20- bis 30-Jährigen. Unter deren Müttern war es Mode, den Kindern Vornamen mit Y zu geben. Zehntausende junge Kubaner tragen Phantasienamen wie Yamisleidis, Yamanda, Yudexis, Yoel oder Yoandre.
Die Generation Y trifft sich in Musikclubs wie dem "Copacabana" in der Provinzstadt Camaguey, wo schon am frühen Nachmittag der "Reggaeton" aus schweren Boxen dröhnt. Die Männer tragen gefälschte Designer-T-Shirts von Dolce & Gabbana und Goldschmuck-Imitate, die Frauen stöckeln in hautengen Jeans und hochhackigen Schuhen übers Parkett. In den Gesprächen geht es um Musik, Sex und Mode; Politik ist verpönt.
Doch eine Frage steht immer im Raum: Soll ich in Kuba bleiben oder ins Ausland gehen? Die Generation Y steht am Scheideweg, auch das drückt der Buchstabe aus.
Yamila**, 32, hat ihre Wahl getroffen: Sie folgt ihrem Mann nach Brasilien, er hat dort einen Job als Computerexperte bekommen. "Ich empfinde Respekt und Zuneigung für Fidel", sagt die Lehrerin aus der Provinz Pinar del Río, "aber die Revolution hat ihre Werte verloren." Wer Zugang zu Devisen habe, wie Kellner oder Taxifahrer, verdiene das Vielfache vom Lohn eines Arztes, Lehrers oder Ingenieurs.
Ihren Lehrerjob hat Yamila schon vor zwei Jahren aufgegeben. Sie hatte 320 Pesos im Monat verdient, rund 17 Dollar, davon könne man kaum leben. Jetzt wohnt sie bei Verwandten in einer Bruchbude in Alt-Havanna. Tagsüber arbeitet sie als Buchhalterin in einem Friseursalon, nebenher verdingt sie sich als Computerspezialistin, natürlich illegal.
Sie ist nicht die einzige Lehrerin, die den Job hingeworfen hat: Weil im ganzen Land Lehrer fehlen, kommandiert die Regierung inzwischen schon 16-jährige Studenten zum Unterrichten ab, Rentner werden aus dem Ruhestand zurückgeholt.
Eine ganze Generation junger, gutausgebildeter Kubaner kehrt der Revolution den Rücken. An die 50 000 flohen allein 2008 übers Meer. Die Enkel der Revolution lieben ihr Land, aber sie haben das Warten satt. "Ich möchte nur ein bisschen Normalität", sagt Yamila.
Abends trifft sich die Generation Y beim Biennale-Empfang im Museum Bellas Artes. Livrierte Kellner servieren Häppchen, Barmänner mixen Mojitos, der kubanische Starpianist Roberto Fonseca spielt Avantgarde-Jazz.
Neben dem Eingang krabbeln einige Riesenkakerlaken die Wand hinauf. Sie haben bleiche, menschliche Gesichter. Eine liegt auf dem Rücken, sie hat den Aufstieg nicht geschafft. Die anderen Kreaturen streben verzweifelt zum Licht, die erste hat den Dachfirst fast erreicht.
Eine Gruppe junger Kubaner verharrt sinnierend vor dem Werk des Künstlers. Er nennt es "Überlebende". JENS GLÜSING
* Mit dem honduranischen Präsidenten José Manuel Zelaya (M.).
* Am Flughafen von Havanna. ** Name geändert.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 17/2009
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