20.04.2009

UMWELTBerge ohne Spitzen

In den US-amerikanischen Appalachen werden Hunderte Gipfel weggesprengt, um an Kohle heranzukommen. Viel zu spät bemüht sich die Umweltbehörde um den Schutz der artenreichen Natur.
Früher holten sie die Kohle aus dem Berg. Aber es geht auch anders: In den Appalachen sprengen sie einfach den Berg, um an die Kohle zu kommen.
Was das mit dem Land anstellt, kann erfassen, wer auf den Kayford Mountain im Südwesten des US-Staates West Virginia klettert. Der Berg ist 730 Meter hoch und gehört seit drei Generationen Larry Gibson und seiner Familie. Hier oben haben sie Kinder geboren, haben Schnaps gebrannt, Kühe gemolken und Eichhörnchen gejagt.
Vor vier Jahren war der Ort ringsum noch von dichtbewaldeten Gipfeln überragt. Jetzt geht der Blick nach unten - auf kahle Plateaus. "Unser war immer der kleinste Berg hier", sagt Larry Gibson, 63. "Jetzt ist er der höchste."
Ginge es nach der Bergbaufirma Magnum, wäre Kayford Mountain wohl ebenfalls längst geschleift. Denn auch er ist von Flözen durchzogen, an manchen Stellen bröselt die Steinkohle aus dem Boden.
150 000 Dollar habe ein Landaufkäufer damals geboten, erzählt Gibson. Die Familie hat es ausgeschlagen, und seither kämpft er gegen die Kohle-Leute. Er ist Sohn eines Bergmanns und hat die Branche früh hassen gelernt. "Ich habe gesehen, wie mein Vater aus den Stollen gekrochen ist."
Gearbeitet hat Gibson drüben, in Ohio, in einer Autofabrik von General Motors. Erst jetzt, nach seiner Pensionierung, ist er zum Hüter seines Berges geworden. Das Land haben er und seine Familie einer Stiftung übertragen, damit es niemals an die Bergbaufirmen fällt. Nun dient der Gipfel als Ausguck, von dem aus Gibson Besuchern die Verwüstungen zeigt.
Nur 1,52 Meter ist er groß, und er hat eine kleine Beretta mit neun Schuss - ein widerspenstiger David, um den sich der Goliath nicht weiter scherte. Mehr als 400 Berge haben sie in den vergangenen Jahren plattgemacht - und feiern es als technische Meisterleistung.
"Wir sind die kreativste und innovativste Industrie der Welt", sagt Jason Bostic von der West Virginia Coal Association. Er ist ein schwerer Mann in einem zu engen Anzug. Er kaut Kaugummi und lungert im State Capitol von West Virginia in Charleston herum. Das ist sein Beruf. Bostic ist Lobbyist und versucht, etwaige Einwände, die Politiker gegen das Sprengen der Berge haben könnten, zu zerstreuen.
Bis vor kurzem war das ein leichter Job. Mit George W. Bush saß ein Mann im Weißen Haus, der den Abbau der heimischen Kohle ausdrücklich begrüßte. Umweltprobleme wurden hintangestellt.
In den Bush-Jahren haben sie in West Virginia, aber auch im angrenzenden Kentucky, in Virginia und Tennessee, ganze Landstriche ein paar hundert Meter tiefergelegt. Wenn das so weitergeht, dann könnten bis zum Jahr 2012 knapp sieben Prozent der Appalachenwälder betroffen sein.
Doch seit Barack Obama regiert, gestaltet sich Bostics Geschäft schwieriger. Die Umweltbehörde Epa in der Hauptstadt Washington hat Ende März "erhebliche Bedenken" gegen zwei beantragte Tagebaue geäußert. Etwa 50 weitere Pläne werden erst einmal zurückgestellt. Die Behörde will prüfen, ob die Projekte das Wasser verseuchen könnten.
Dass die Beamten in Washington auf einmal genauer hingucken, das hat viele in den Appalachen tief verstört. Ron Stollings etwa gehört zwar wie Obama zur Partei der Demokraten, aber als Senator in West Virginia vertritt er das Boone County, die Hochburg des Abbaus. Hier werden jedes Jahr 34 Millionen Tonnen Kohle aus dem Boden geschaufelt. Die Umweltbehörde plane wohl Auflagen, befürchtet Stollings: "Das könnte einen abschreckenden Effekt haben."
Ein Drittel der gesamten Kohlenproduktion in den USA kommt aus den Appalachen, und davon wiederum wird jede dritte Tonne nach dem Spreng-den-Bergweg-Verfahren gewonnen.
Es geht um Gewinne, Steuereinnahmen und Strom, es geht aber auch um eine artenreiche Landschaft, die zu den ältesten Gebirgszügen der Erde gehört.
Mitte des vorigen Jahrhunderts kamen Tausende Einwanderer aus Europa, angelockt von angeblich guten Löhnen in den Minen von West Virginia - und wurden dort von den Kohlekapitalisten fast wie Leibeigene behandelt. Ihre Werkzeuge mussten die Bergleute gegen hohe Gebühren leihen. Ihren Lohn erhielten sie in einer Währung, mit der sie nur in den firmeneigenen Läden bezahlen konnten. Auf diese Weise kamen die Minenbesitzer immer auf ihre Kosten: Wenn sie mit den Löhnen nach oben gehen mussten, erhöhten sie entsprechend die Preise.
Bis heute ist von den Kohlemillionen nicht viel in den Revieren West Virginias hängengeblieben. Entlang den Straßen hausen Menschen in schäbigen Trailerhomes, überall rosten Autowracks vor sich hin. West Virginia ist nach Mississippi der ärmste Bundesstaat in den USA.
Weder eine faire Bezahlung noch die Sicherheit der Bergleute hat die Bosse wirklich interessiert. Statistisch gesehen war es während des Ersten Weltkriegs sicherer, an der Front zu kämpfen, als in West Virginia Kohle zu hauen. Und gefährlich bleibt es bis heute: Im Januar 2006 erschütterte eine Explosion eine Mine in Sago - zwölf Männer wurden eingeschlossen und starben einen elenden Tod.
Der Industrie gilt die Schreckensbilanz unter Tage inzwischen als Argument, den Tagebau weiter voranzutreiben. Das Einebnen der Gipfel ("mountaintop mining") sei sicherer, billiger und vielerorts technisch die einzige Möglichkeit, die Flöze auszubeuten, sagen die Bergbaufirmen.
Zunächst entfernen gewaltige Bagger das Erdreich samt Bäumen - den "Abraum", wie die Arbeiter sagen. Dann bohren sie Löcher in den Fels, stecken Dynamit hinein und zünden: 50 Meter hoch fliegen Schiefer und Sandstein durch die Luft.
Das gelockerte Material schieben Raupen einfach in die Täler, wo es Bäume und Bäche unter sich begräbt. Die freigelegte Kohle laden die Arbeiter auf acht Meter hohe Lastwagen oder Förderbänder. Deutlich sind die weißgrauen Narben in der sonst tiefgrünen Landschaft auf Google Earth zu sehen.
Die Kohlefirmen sind zwar gehalten, den Zustand einigermaßen wieder herzustellen. Doch natürlich lassen sich die Wälder, in denen 130 verschiedene Baumarten vorkommen, niemals mehr ersetzen. Dafür wuchert die Ölweide Elaeagnus umbellata auf den Halden: ein aus Asien eingeschlepptes Grünzeug.
Aus dem Abraum fließt eine Brühe hervor, die mit Blei, Eisen, Mangan, Selen, und Schwefel belastet ist. Dadurch werden Flüsse und Brunnen bedroht - und genau deshalb hat die Umweltbehörde Epa jetzt erstmals Skrupel, das Verschieben ganzer Landschaften weiter zu dulden.
Ein totales Verbot müssen die Sprengmeister dennoch kaum fürchten, eher Auflagen und Geldstrafen. Denn so schmutzig ihre Kohle auch sein mag, die USA werden kaum darauf verzichten: Die Hälfte des US-Stroms wird daraus gewonnen.
Die bereits genehmigten Tagebaue in den Appalachen dürfen denn auch ungestört weitergehen. Kubikmeter um Kubikmeter raspeln sie über die Berge, immer näher an die Menschen heran.
Dabei hatte Therman Caudill, 82, immer gehofft, die Kohleindustrie werde wenigstens ihn verschonen. Sein Großvater wurde in einer Mine durch Steinschlag getötet, sein Vater verlor einen Teil des Augenlichts bei einem Grubenunfall.
"Ich wollte mit dem Bergbau nie was zu tun haben", sagt Caudill. Er wurde Dorflehrer und lebte in einem idyllischen Hochtal. Doch eines Tages zitterte das Geschirr im Schrank - der Berg hinterm Haus wurde stückweise weggesprengt. JÖRG BLECH
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 17/2009
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