27.04.2009

ERMITTLUNGENDie Rätsel des Millionenbruchs

Dem spektakulären Einbruch in das Berliner Kaufhaus KaDeWe folgte eine ebenso spektakuläre Fahndung. Das Protokoll des Tatablaufs lässt auf eine gutorganisierte Bande schließen. Verdächtig ist ein Zwillingspaar arabischer Herkunft. Aber kann der Fall je aufgeklärt werden? Von Stefan Berg
Es sind jene Stunden, in denen die Nacht in den Tag übergeht, halbdunkel, halbhell, als die Geschichte des Berliner Kaufhauses des Westens, kurz KaDeWe, um einen Superlativ bereichert wird.
Die Türen der Citibank gegenüber sind verschlossen, die Jalousien der Currywurstbude noch heruntergelassen, als am Sonntag, dem 25. Januar, um 6.30 Uhr ein Kleintransporter über das grauschwarze Pflaster der Ansbacher Straße rollt. Er stoppt am gläsernen Seiteneingang des KaDeWe, von wo gewöhnlich die Einkäufer tütenbehängt zum U-Bahnhof Wittenbergplatz streben. Vier Männer sitzen in dem Wagen, vier Männer auf dem Weg zum Coup ihres Lebens. Sie brauchen dazu nicht viel: eine Klappleiter aus Aluminium, ein Seil, eine Strickleiter, Schraubendreher, ein Brecheisen, mehrere Rucksäcke - und ziemlich viel Kaltschnäuzigkeit.
Es gibt Verbrechen, die wegen ihrer Brutalität abstoßen, Entführungen, hinterhältige Überfälle. Es gibt aber auch Taten, die faszinieren. Der große Postzugraub von England im Jahr 1963 gehört dazu, bei dem eine Bande mehr als zwei Millionen Pfund erbeutete. Die Männer und ihr genial geplanter Überfall auf einen Postzug wurden zur Legende, ihre Geschichte verfilmt. Auch der Coup vom KaDeWe hat das Zeug zum Filmstoff. Denn die Männer, die am Morgen des 25. Januar aus dem Auto steigen, haben sich einen der spektakulärsten Einbrüche der deutschen Kriminalgeschichte vorgenommen, bei dem sie Schmuck und Uhren im Wert von mehreren Millionen Euro einsacken werden.
Als wäre ein Drehbuchschreiber bereits im Januar am Werk gewesen, folgt dem unglaublichen Millionenraub eine Fahndung mit überraschenden Volten. Erst lässt die Polizei zwei Scherzbolde festnehmen und anschließend wieder frei. Kurz darauf gibt es einen scheinbar unschlagbaren Beweis, eine DNA-Spur am Tatort. Aber wieder muss die Polizei die Verdächtigen ziehen lassen, denn die mutmaßlichen Täter sind eineiige Zwillinge mit nahezu identischer DNA, ein kriminalistischer GAU, die Polizei kann die Spur keinem der beiden zweifelsfrei zuordnen.
Wenigstens haben es die Ermittler geschafft, Hinterlassenschaften am Tatort und Videoaufzeichnungen so auszuwerten, dass sich weitgehend rekonstruieren lässt, was im KaDeWe am 25. und 26. Januar geschah. Das Protokoll des Millionenbruchs ist das eines beinahe perfekten Verbrechens. Sehr schnell muss alles gegangen sein, in Phase eins des Einbruchs. Raus aus dem Auto, die Aluminiumleiter aufgeklappt, hoch auf das metallbeschlagene Vordach über dem Seiteneingang, dann das Eisen angesetzt, schon ist das Fenster offen, wenig entfernt von den Steinfiguren, die hier die Seite des Kaufhauses zieren. Die Polizei findet später Hebelspuren an dem Fenster. Es wurde zur Schleuse zwischen zwei Welten, zwischen Halb- und Glitzerwelt.
Während ein Komplize im Wagen wartet, schieben sich drei Männer auf das Fensterbrett im Innern, ein kleiner Sprung, und sie stehen in der Herrenabteilung, Etage 1, gar nicht weit von den Umkleidekabinen. Still ist es, ganz still. Einen Moment Warten, ob Alarm ausgelöst wird. Dann ein kurzes Zeichen, die Masken mit den Augenschlitzen über die Köpfe, runter auf die Knie, um ja nicht von den Kameras erfasst zu werden, nicht von den Bewegungsmeldern, die in Etage 1 an ein Alarmsystem gekoppelt sind. Stück für Stück geht es über Parkett und Steinboden, vorbei an Leder und teurem Tuch, vielleicht 50 Meter, 60 Meter zum Innenhof des Kaufhauses, in dem ein gläserner Fahrstuhl tagsüber die Besucher von Etage zu Etage shuttelt.
Die drei Männer können sich hier sicher fühlen, die Videokameras erfassen diesen Winkel des Kaufhauses nicht, sie packen Seil und Strickleiter aus und fixieren sie nahe der Rolltreppe und dem Fahrstuhl an einem Geländer. Dann geht es hinab in den Lichthof, in die Schatzkammer des KaDeWe, wo Gold und Diamanten lagern, zum Juwelier Christ. Die drei Maskenmänner wissen offenbar um die Achillesferse des Sicherheitssystems. Ausgerechnet diese Goldgrube ist schlechter gesichert als die Herrenabteilung in Etage 1. Die Videokameras sind bei Christ nicht an ein Alarmsystem angeschlossen.
Kaum haben die Männer sich in den Lichthof im Erdgeschoss abgeseilt, machen sie sich an den Vitrinen zu schaffen, einer trägt ein großkariertes Hemd, das ist auf den Überwachungsvideos deutlich zu sehen: Um 6.37 Uhr erfasst die Kamera die Einbrecher, aber ein Alarm bleibt aus. Einer von ihnen hat ein Gerät mit Display dabei, über das die Polizei rätselt. Ist es ein Funkgerät? Oder ein Empfänger für den Polizeifunk?
Sicher, sehr sicher fühlen sich die Einbrecher, sie legen ihre Rucksäcke auf den Boden, sie öffnen mit einem Schraubendreher die Schaukästen, packen Schmuck und Uhren in ihre Rucksäcke, ehe sie den Rückzug antreten. Um 7.24 Uhr werden sie zuletzt von den Kameras erfasst. Dann geht es hinauf in Etage 1, Richtung Fenster. Sie steigen ab vom viereinhalb Meter hohen Seitendach, die Alu-Leiter runter, rein in das wartende Auto. Niemand weiß, wohin sie verschwinden.
Alles bleibt ruhig im KaDeWe. Kein Alarm, keine Polizei, keine Streife. Die Nachtwache, zwei Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, hat auf ihren Kontrollgängen um das Haus herum nichts bemerkt. Um 6 Uhr haben sie die Rollgitter zur Tauentzienstraße aufgeschlossen, da war es zu früh. Auch um 7 Uhr, als sie die Rollgitter an den Schaufenstern zur Ansbacher Straße öffnen, schöpfen sie keinen Verdacht.
Den Einbrechern entgeht das komplette Versagen der Sicherheitssysteme nicht. Keine Nachricht über Polizeifunk, im Radio nur Meldungen vom neuesten Koalitionsstreit oder von der Abwrackprämie. Da werfen die Gangster eine Grundregel des Kriminellenhandwerks einfach über den Haufen: Sie kommen an den Tatort zurück. In der Nacht zum Montag, um 0.36 Uhr, erfasst die Videoaufzeichnung bei Christ erneut drei Männer. Der Mann mit dem karierten Hemd fehlt, jetzt läuft einer mit einer Jacke mit großem Schriftzug durchs Bild. Ein fünfter Komplize?
Bei Christ sieht es inzwischen aus wie nach einem Granateneinschlag. Vitrinen sind geöffnet, Glasscheiben zersplittert, Schränke geöffnet, am Boden liegen abgeräumte Decken, große weiße Staubschützer und ausgeräumte Schubfächer. Um 1.13 Uhr verlassen die Männer den Juwelier. Zurück lassen sie ihr Werkzeug, Klapp- und Strickleiter, das Naturfaserseil, Karabinerhaken und einen Bauarbeiterhandschuh, eingedreht im Seil. Dann ist wieder Stille im Einkaufsparadies. Es dauert noch Stunden, ehe der Einbruch bemerkt wird. Um 6 Uhr schlägt die Sicherheitsfirma endlich Alarm.
Für die Ermittler steht eines rasch fest: Die Einbrecher waren nicht nur eiskalt, sie müssen genau über die Sicherheitsausstattung im KaDeWe informiert gewesen sein, auch über das lückenhafte Alarmsystem. Diesen Bruch kann nur eine Bande organisiert haben, mit Hinterleuten und Hehlern, die die Beute beiseiteschaffen. Die Polizei gibt die Hinterlassenschaften vom Tatort den Spurenspezialisten, fordert Mitarbeiterlisten von Christ, KaDeWe und den Sicherheitsfirmen an. Zeugen werden gesucht. Eine frühere Beraterin von Christ gibt zu Protokoll, sie habe schon vor längerer Zeit auf Probleme im Alarmsystem hingewiesen.
Es dauert nur wenige Tage, da gibt es die erste konkrete Spur. Ein Mann aus Amsterdam meldet sich beim Juwelier Christ, in der Firmenzentrale in Hagen. Zwei Männer aus Berlin hätten sich bei ihm gemeldet. Sie brauchten dringend Quartier, sogar sehr dringend. Ob er nicht von der Sache im KaDeWe gehört habe, habe einer der beiden gefragt.
Etwas seltsam mutet der Vorgang an. Welcher Dieb sucht ein Quartier und spricht am Telefon selbst von der Tat? Aber Christ schaltet Privatdetektive und Polizei ein. Am 29. Januar um 10.50 Uhr nimmt die holländische Polizei am Hauptbahnhof von Amsterdam zwei vollkommen überraschte Männer fest. In ihrem Schließfach finden sich keine Juwelen, sondern lediglich ein paar Kleidungsstücke. Sie hätten nur einen Scherz gemacht, erklären sie. Keine blasse Ahnung, wo die Beute aus dem KaDeWe tatsächlich sei.
Einen Tag nach dem Reinfall von Amsterdam können die Ermittler erneut Hoffnung schöpfen. Kriminaltechniker haben die Spuren am Tatort untersucht, sie haben keine Fingerabdrücke gefunden, aber im Bauarbeiterhandschuh eine DNA-Spur entdeckt und in der Datenbank einen Mann, zu dem sie passt: Abbas O., 27, geboren in Beirut, wohnhaft in Rotenburg an der Wümme in Niedersachsen. Für die Polizei ist er kein Unbekannter. Er hat mehrere Einträge im Bundeszentralregister, auch Diebstahl ist dabei. Eine Gefängnisstrafe musste er jedoch noch nie absitzen.
Die Ermittler glauben nun zum zweiten Mal an den Durchbruch. Abbas allein trauen sie den Coup vom KaDeWe nicht zu, aber seinem Umfeld, seinem Clan durchaus. Denn Abbas gehört zu einer weitverzweigten Großfamilie, in der fast jeder schon Ärger mit der Polizei hatte. Wegen Hehlerei, Raub, Drogenhandel oder Körperverletzung. Sie sind Staatenlose aus dem Libanon, kurdischer Herkunft, wie sie erklären. Asylbetrüger, glauben Polizisten, Menschen, die ihre Herkunft bewusst verschleiern, seit sie Anfang der achtziger Jahre nach Deutschland kamen. Weil sie kein Staat aufnimmt, können sie nicht abgeschoben werden, egal wie kriminell sie sind. Der Zusammenhalt stehe für den Clan über der bundesdeutschen Rechtsordnung, sagt die Polizei. Im Familienrat werde schon mal entschieden, wer im Zweifelsfall für eine Straftat geradestehe.
Diesmal gibt es für Abbas kein Entrinnen, glauben die Ermittler. Es trifft sich für sie gut, dass der Mann auch verdächtigt wird, am 28. Januar mit einem Verwandten aus Berlin Laptops in einem Rotenburger Computerladen geklaut zu haben, obwohl sie dabei nicht beobachtet und die Laptops bei ihnen nicht gefunden wurden. Doch die Polizei glaubt nun, der gesuchten Gruppe auf der Spur zu sein, sie spricht von "schwerer Bandenkriminalität" und kann nun das ganz große Besteck auspacken, Telefone anzapfen, die Verdächtigen überwachen. Die Fahnder hoffen, sie werden sie zur Beute bringen.
Die Kriminalen in Berlin aber kennen offenbar Rotenburg in Niedersachsen nicht, eine Observation dort ist keine leichte Sache. Rotenburg an der Wümme ist ein nettes, überschaubares Städtchen, noch überschaubarer ist die Straße, in der Familie O. wohnt. Abbas und dessen Zwillingsbruder Hassan seien zudem sehr polizeierfahren, kabeln die Beamten aus der Provinz nach Berlin. Sie würden sich extrem vorsichtig bewegen, ließen Fahrzeuge gezielt an sich vorbeifahren. Und da sei ja noch ein Problem: Abbas und Hassan seien eineiige Zwillinge, rote Haare, gleiche Größe, nur mühsam unterscheidbar.
Es ist der 4. Februar, an dem den Berliner Fahndern klarwird, dass dieser Fall noch viel komplizierter ist als ursprünglich angenommen. An diesem Tag trifft ein Fax vom LKA Niedersachsen in Berlin ein. Es enthält nur eine simple, aber sehr bedeutsame Information: Im Bestand existiere eine weitere, zur Tatortspur passende DNA, die von Zwillingsbruder Hassan. Zu ihm gibt es keinen Eintrag im Bundeszentralregister, aber zu den "O-Brüdern" allerlei Überlieferungen bei der Polizei in Rotenburg. Mehrere Verfahren seien schon eingestellt worden. Aufgrund der Ähnlichkeit der beiden konnte keiner von ihnen eindeutig überführt werden.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten die Ermittler in Berlin ihre Strategie überdenken müssen. Ein Haftbefehl aufgrund einer DNA, die nicht eindeutig zuzuordnen ist, das ist ein riskantes Unterfangen. Dennoch beantragen die Ermittler Haftbefehl gegen beide. Alles wird nun aufgefahren, was sich zu den Brüdern finden lässt oder zu ihnen zu passen scheint. Selbst ein früherer Einbruch bei Christ in Kassel wird ihnen nun zugerechnet, obwohl er bislang nicht aufgeklärt werden konnte oder gerade weil er nicht aufgeklärt wurde. Bandenabsprache werfen die Ermittler den beiden Rothaarigen vor. Am 11. Februar nimmt die Polizei Abbas und Hassan fest, in einer Spielothek an einem Autohof nahe Rotenburg.
In Berlin beschert der vermeintliche Fahndungserfolg den Ermittlern Schlagzeilen in den Hauptstadtblättern. Die Verdächtigen aber sagen kein Wort. Und die Hausdurchsuchungen in Rotenburg und Berlin bringen nichts, kein Beutestück, kein neues Indiz. Auch die Vernehmungen zweier anderer angeblicher Bandenmitglieder schlagen fehl. Der Verwandte aus Berlin schweigt, ein älterer Bruder der Zwillinge, mutmaßlich "Alarmexperte", bestreitet jede Tatbeteiligung. Ob er sich mit Sicherheitsanlagen auskenne, wird er gefragt. Nun, er wisse, wie man eine Tür abschließt, kontert er. Was das KaDeWe angehe, glaube er, seine Brüder seien "zu dumm für so einen Coup". Und er selbst? Er habe schon mal eingekauft im KaDeWe, das sei alles.
Die Ermittler in Berlin haben nun mehr als ein Problem: Eine DNA-Spur, die nicht als Beweis ausreicht, schweigende Verdächtige, keine neuen Spuren, kein Stück Beute und nicht mal Zeugen, die den Kleintransporter beschreiben können. "Wir haben nischt", so ein frustrierter Fahnder. Fünf Wochen nach der Festnahme lässt die Staatsanwaltschaft den Haftbefehl gegen die Zwillingsbrüder aufheben. Die beiden sind wieder frei.
Von nun an belauern sich Ermittler und Verdächtige. Gespannt warten die Polizisten auf einen Fehler der Zwillinge. Einen machen sie dann tatsächlich. Sie geben ein Interview und lassen sich mit rausgestreckter Zunge fotografieren, es sieht so aus, als würden sie sich über die Justiz lustig machen. Gelinkt worden seien sie, erklären sie der Staatsanwaltschaft. Sie hätten die Ermittler nicht provozieren wollen.
Aber die sind gereizt. Sie hoffen nun auf ihre Informanten in der schwatzhaften arabischen Szene. Auf ein falsches Wort am Telefon, ein unvorsichtiges Treffen, auf eine Prahlerei am Kneipentisch. In einer Discothek in Rotenburg werden die Zwillinge wie Helden gefeiert, aber was beweist das schon?
Das Haus der O.s in Rotenburg ist ein weißes zweistöckiges Gebäude. Das Sozialamt hat es seit Jahren angemietet für die Familie. Im Wohnzimmer steht ein flacher Tisch, ein Schrank mit Vasen, an den Wänden hängen Bilder mit arabischen Schriftzügen.
Die Brüder sitzen auf dem Sofa. Beide sprechen Deutsch ohne Akzent und Arabisch, "Hocharabisch", erklärt Hassan. Abbas hat sein rotes Haar nach hinten gegelt, Hassans Haare sind ungelbar kurz geschnitten, Abbas Stimme ist etwas tiefer. Früher hatten sie lange Haare, wie Mädchen hätten sie ausgesehen, sagen Freunde. Als Kinder haben sie mit der Verwechslung Spaß gehabt, beim Unterricht oder beim Spiel mit den Nachbarkindern. Später haben sie sich in der Schule ausgeholfen, Freunde und Freundinnen verwirrt. Als junge Erwachsene erkannten sie noch andere Vorzüge des Zwillingswesens: Einer machte den Führerschein, beide fuhren. Erst als die Polizei bei der Kontrolle die Fingerabdrücke nahm, flog der Schwindel auf. Die Polizei hatte es auch sonst nicht leicht mit der Familie. Einmal gab es einen Riesenpolizeiaufmarsch in der kleinen Straße in der kleinen Stadt - Drogenrazzia.
Der Einbruch im KaDeWe? Sie seien zur Tatzeit in Rotenburg gewesen, sagt Hassan. Und Abbas nickt. Sie hätten jede Aussage verweigert, sie sind ja Experten in juristischen Dingen: "Aussage verweigern ist unser Recht." Ihre Anwälte sitzen neben ihnen.
Vor kurzem war die Polizei wieder da, im Haus der Familie O. in Rotenburg. Abbas und Hassan mussten Geruchsproben geben, die dann Hunden vorgeführt wurden, die diese mit Spuren am Tatort abglichen. Die beiden haben eingestimmt in den Geruchstest mit den Metallstäben. Sie wissen, dass Ermittler ganz schön verzweifelt sein müssen, wenn sie auf solche Proben setzen. "Welche Beweiskraft haben Hundegebell und Geruchsproben, wenn schon die DNA-Spur so zweifelhaft ist?", fragt Strafverteidiger Axel Weimann. Die DNA-Spur spreche allenfalls dafür, dass einer der beiden irgendwann einmal den Handschuh anhatte. Und Anwalt Ladislav Anisic fügt hinzu: "Was wäre gewesen, wenn das eineiige Fünflinge wären? Hätte man dann alle fünf eingesperrt?"
Bei der Staatsanwaltschaft in Berlin sitzen die Fahnder nun mit der DNA-Spur, die dafür spricht, dass einer der beiden Brüder am Tatort war, die aber vorerst bei der Aufklärung nicht weiterhilft. Die Ermittler glauben, irgendwann einen oder beide überführen zu können. Zu diesem Zweck wird nicht nur nachgerochen, es wird auch nachgemessen. Die Größe der Täter auf dem Video wird mit der von Abbas und Hassan verglichen. "Solche Messungen sind so ungenau", sagt Weimann, "da glauben doch nicht einmal die Ermittler an die Beweiskraft." Staatsanwälte sehen das ähnlich.
Rund 90 Tage nach dem Millionenbruch deutet nichts auf eine schnelle Lösung des Falles und vieles auf Legendenbildung. Im Berliner Kaufhaus ist im Innenhof auf Etage 1 eine Ecke abgesperrt. Sie sieht aus, als plante das Kaufhaus der Superlative eine kleine Gedenkstätte. Ein Anziehungspunkt wäre sie schon. Auch in Rotenburg gibt es neue Nahrung für einen Filmstoff - falls der Showdown ausfällt, sogar für ein Happy End.
Der Sohn von Hassan ist erst drei Jahre alt. Aber der Kleine hat schon einen Berufswunsch. Er will Polizist werden.
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 18/2009
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