27.04.2009

DDR-VERGANGENHEIT„Mitleid mit den Eltern“

Klaus Schroeder, 59, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, über die Aufarbeitung der DDR-Geschichte
SPIEGEL: Die DDR sei kein totaler Unrechtsstaat gewesen, sagte Erwin Sellering, Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern. 41 Prozent der Ostdeutschen teilen seine Meinung. Wird die SED-Diktatur schöngeredet?
Schroeder: 20 Jahre nach dem Mauerfall erreicht die Verklärung der DDR einen neuen Höhepunkt. Man unterschätzt, wie sehr sich die Menschen noch mit dem Regime identifizieren. Jugendliche bewerten die DDR heute sogar positiver als ihre Eltern. Das zeigen Umfragen aus Thüringen und Sachsen-Anhalt. Diese jungen Leute können und wollen die Schattenseiten der DDR gar nicht kennen. Nicht einmal die Hälfte der ostdeutschen Jugendlichen bezeichnet die DDR als Diktatur. Eine Mehrheit hält die Stasi für einen normalen Geheimdienst. Das sind erschreckende Erkenntnisse.
SPIEGEL: Woher beziehen Jugendliche heute ihr Bild von der DDR, die sie selbst gar nicht mehr kennengelernt haben?
Schroeder: Am wenigsten aus der Schule. Im Unterricht kommt die DDR in West- und Ostdeutschland kaum vor. Die Delegitimation der SED-Diktatur ist bislang nur unzureichend gelungen. Ostdeutsche Jugendliche haben ihr Wissen vor allem aus Familiengesprächen, die sich um den Alltag und die glückselige Erinnerung drehen. Über Politik oder Unterdrückung wird dabei kaum gesprochen. Die Mangelwirtschaft taucht allenfalls in witzigen Anekdoten auf.
SPIEGEL: Dass schöne Momente in der Erinnerung überwiegen, überrascht kaum. Wann wird daraus Geschichtsklitterung?
Schroeder: Gefährlich wird es, wenn die Erinnerung an das private Lebensglück kritische Hinweise auf das System verdrängt. Wenn es etwa zur Indoktrination in Kindergärten und Schulen heißt: So war das nicht. Natürlich möchte niemand ein Kind haben, das indoktriniert wurde. Aber durch die Schilderung eines skurrilen Alltags verschwimmen die Grundrisse der Diktatur. Nicht einmal die Hälfte der von uns befragten Schüler wusste, ob es in der DDR demokratische Wahlen gab.
SPIEGEL: In der Bundesrepublik der sechziger Jahre setzte die Aufarbeitung der Nazi-Zeit mit bohrenden Fragen der Nachkommen ein. Fragen die Jugendlichen heute im Osten nicht: Papa, wie hast du zur Stasi gestanden?
Schroeder: Es passiert das Umgekehrte. Die Kinder verteidigen ihre Eltern gegen den Vorwurf, in der Diktatur weggesehen zu haben.
SPIEGEL: Wie kommt es zu dieser Solidarisierung?
Schroeder: Nach 1945 musste die gesamte Bundesrepublik gemeinsam mit der Vergangenheit klarkommen. Heute muss nur ein Teil der Deutschen Aufarbeitungsarbeit leisten. Das schweißt Jung und Alt zusammen. Den Konflikt zwischen den Generationen gibt es im Osten kaum.
SPIEGEL: Kritische Nachfragen werden also vor allem im Westen gestellt?
Schroeder: Viele Ostdeutsche haben auch 20 Jahre nach dem Mauerfall eine eigene Identität. Das liegt sicher an der ökonomischen Situation im Osten und an den hohen Erwartungen, die im Vereinigungsprozess enttäuscht wurden. Die Jugend fragt nicht nach, weil sie Mitleid mit den Eltern hat. Und wenn sich Jugendliche zu Hause kritisch über die DDR äußern, hören sie oft: Ihr seid ja Westler geworden.
SPIEGEL: Wie kann die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit gelingen?
Schroeder: In der politischen Debatte darf es keine Rücksicht auf Befindlichkeiten geben. Unrecht muss beim Namen genannt werden. Die Schulen müssen Fakten vermitteln. Wenn es zum Beispiel um das Recht auf Arbeit geht, dann muss auch die Pflicht zur Arbeit erwähnt werden. Lehrer müssen von der ungleichen Vermögensverteilung sprechen, von der hohen Selbstmordrate und der Umweltverschmutzung in der DDR. Das sind Dinge, die auch vielen ehemaligen Ostbürgern nicht bekannt sind, weil sie in der Diktatur nicht veröffentlicht wurden. Die Schüler müssen gegen Gesäusel immunisiert werden, sonst werden sie verführbar, auch für rechtsextremes Gedankengut.

DER SPIEGEL 18/2009
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