11.05.2009

USADie Folter-Firma

Die Folterpraxis bei Verhören von Qaida-Gefangenen wurde nicht von Washingtoner Regierungsangehörigen entwickelt, sondern von privaten Sicherheitsexperten. Gegen Tageshonorar überwachten sie das Programm persönlich in den Geheimgefängnissen der CIA.
Das neue Leben des James Mitchell beginnt jeden Morgen mit dem gleichen Ritual: Er geht joggen, in Adidas-Shorts und schwarzem Muskelshirt, den iPod im Ohr. Danach steigt er in seinen Lexus-Geländewagen und fährt zurück in sein Zwei-Millionen-Dollar-Haus am Lake Vienna Drive, Pasco County, Florida.
Das Anwesen im imitierten Hazienda-Stil mit Natursteinfassade, Säulengängen und Palmen vor dem Eingang ist brandneu. Mitchell hat es gerade erst bauen lassen, mitten in einer bewachten Wohnanlage für Besserverdienende.
Im Garagenpavillon rechts vor der Villa ist Platz für drei bis vier Autos, hinten auf dem Geländewagen klemmt ein Mountainbike. Mitchell - Ende 50, sonnengebräunt, silbernes Haar, korrekt gestutzter Bart und modische Sonnenbrille - trainiert zwei Stunden täglich. Sport spielt eine große Rolle in seinem neuen Leben unter dem blauen Himmel Floridas.
Mitchell ist der Mann, der für die Regierung von George W. Bush die Regeln jenes Programms entwickelt hatte, das etwas verschämt "spezielle Verhörtechniken" genannt wurde und das der Präsident im Sommer 2002 autorisierte. In Wahrheit arbeitete Mitchell eine Anleitung zum Foltern aus. Sein Auftraggeber war die CIA. Der amerikanische Auslandsgeheimdienst hat in seiner Geschichte schon ziemlich viel gemacht, was er erst bejubelt und später bitterlich bereut hat - nun steht auch fest, dass die CIA ausgerechnet bei ihren Folterverhören, dem dunkelsten Kapitel der Bush-Jahre, Outsourcing betrieb. Ausarbeitung und Überwachung dieser Verhöre überließ sie einer privaten Sicherheitsfirma - geführt von James Mitchell und seinem Kollegen Bruce Jessen.
Und so erstellten zwei Psychologen, die in ihrem Leben noch nie zuvor ein Verhör geführt hatten, in großen Teilen das Programm zur Befragung von Gefangenen. Zwei Amateure also.
WASHINGTON, DEZEMBER 2001.
Drei Monate nach dem 11. September 2001 hat Bush die Taliban aus Afghanistan vertrieben und die Befragung hochrangiger Qaida-Gefangener der CIA übertragen. Der Dienst hat nur wenig Erfahrung mit Verhören, und so wendet er sich an das Verteidigungsministerium mit der Bitte um Hilfe. Das fragt unter anderem bei der Joint Personnel Recovery Agency an. Diese Abteilung des Verteidigungsministeriums ist zuständig für in Gefangenschaft geratene Amerikaner und für das geheime SERE-Training der US-Armee.
Das Kürzel SERE steht für Survival, Evasion, Resistance, Escape, das Programm soll US-Soldaten, insbesondere Piloten, auf Situationen nach einer Gefangennahme vorbereiten. In verschiedenen Trainingseinheiten lernen sie, Misshandlungen durch den Feind und im schlimmsten Fall auch Folter besser widerstehen zu können.
Die Methoden gehen größtenteils auf Erfahrungen aus dem Korea-Krieg zurück: Die US-Soldaten werden während des SERE-Trainings vollständig ausgezogen, extremen Temperaturen ausgesetzt, mit lauter Musik beschallt und gegen Wände geschleudert. Sie müssen stundenlang in unbequemen Positionen verharren und werden auch dem Waterboarding unterzogen.
Die CIA-Anfrage zu möglichen neuen Verhörmethoden erreicht auch James Mitchell. Der Psychologe hat jahrelang für das Militär gearbeitet und Soldaten im SERE-Programm geschult. Mitchell habe große Verdienste in diesem Bereich, sagt Air-Force-Oberst Steven Kleinman. "Wenn er dabeigeblieben wäre, könnte man sogar sagen, er habe viel für sein Land getan. Leider hat ihn danach niemand gestoppt."
Als Mitchell von der Anfrage aus Washington erfährt, ist er seit sechs Monaten aus dem Militär ausgeschieden. Er hat sich selbständig gemacht und zum ersten Mal in seinem Leben ein eigenes kleines Unternehmen gegründet: Knowledge Works, eine Beratungsfirma, so steht es auf dem Papier. Kunden und Aufträge sind also willkommen.
SPOKANE/BUNDESSTAAT WASHINGTON, ANFANG 2002.
Um die Jahreswende kontaktiert Mitchell einen alten Kollegen, der noch immer beim SERE-Ausbildungsprogramm arbeitet, inzwischen im Rang eines Abteilungsleiters. Es ist der Psychologe Bruce Jessen, damals Anfang 50, verheiratet, Vater eines Sohnes. Wie Mitchell ist auch Jessen Mormone. Beide sind strenggläubig, so sagen Kollegen, und, wie so viele Mormonen, glühende Patrioten.
Mitchell bittet Jessen um Hilfe. Er soll Dokumente, die US-Truppen in Afghanistan gefunden haben und die Trainingsmethoden von Qaida-Mitgliedern beschreiben, für ihn einsehen. Beide verfassen anschließend eine erste Empfehlung mit Maßnahmen, die den Widerstand von Qaida-Gefangenen brechen könnten.
Im April präsentieren sie den ersten Entwurf eines neuen Verhörprogramms. Darin kommen schon die nun bekannten Methoden des Schlafentzugs, der physischen Gewaltanwendung und des Waterboarding vor. Beide, so sagt einer, der damals dabei gewesen ist, waren ganz versessen darauf, als Berater für die CIA in den "Krieg gegen den Terror" zu ziehen. Und die CIA? Die suchte nach wissenschaftlicher und psychologischer Rechtfertigung für das, was sie vorhatte, sagt der Informant.
FAISALABAD/PAKISTAN, 28. MÄRZ 2002.
FBI-Agenten und pakistanische Polizeieinheiten stürmen nachts um zwei Uhr ein zweistöckiges Haus am Stadtrand und nehmen den Qaida-Logistiker Abu Subeida fest. Damit halten die Amerikaner ihren bisher wichtigsten Gefangenen in den Händen. Sie glauben, Abu Subeida sei die Nummer vier in der Qaida-Hierarchie.
Die Festnahme Abu Subeidas führt zu neuer Nervosität in Washington. "Jetzt begannen Diskussionen mit dem Nationalen Sicherheitsrat, wie wir mit ihm umgehen sollten", schreibt Ex-CIA-Direktor George Tenet später, "und wir fragten uns, was wir auf legaler Basis tun konnten, um an Informationen von ihm zu kommen."
Es folgen mehrere Treffen und Präsentationen, an denen Bush, Vizepräsident Dick Cheney, Außenministerin Condoleezza Rice sowie CIA-Chef Tenet und sein Stellvertreter teilnehmen. Tenet erklärt, nach intensiven Recherchen sei die CIA zur Auffassung gelangt, nur mit den SERE-Methoden könne man aus den Qaida-Fanatikern Details über künftige Pläne der Terrorgruppe erfahren. Solche Verhörpraktiken seien im Training ja an Tausenden Amerikanern erprobt worden.
Irgendjemand hätte den Washingtoner Politikern allerdings auch die zahlreichen Warnungen von einem halben Dutzend SERE-Trainern vortragen sollen, die beim Verteidigungsministerium eingegangen waren. Air-Force-Oberstleutnant Daniel Baumgartner, verantwortlich für das SERE-Programm, hatte bereits im Dezember in einem Brief gebeten, die SERE-Methoden bei Verhören nicht einzusetzen. Sie seien "wenig verlässlich" und könnten die gegenteilige Wirkung haben, den Widerstand eines Gefangenen nur erhöhen.
Einen Tag nach der Festnahme Subeidas, am 29. März 2002, schließt James Mitchell seine gerade erst gegründete Firma Knowledge Works. Gemeinsam mit Bruce Jessen, der Monate später den Militärdienst quittiert, gründet er ein neues Unternehmen, die Mitchell Jessen & Associates. Beide werden Vertragspartner der CIA - für 1000 Dollar am Tag, Sonderzahlungen nicht inbegriffen.
CIA-GEHEIMGEFÄNGNIS IN THAILAND, APRIL 2002.
Nur wenige Tage nach seiner Festnahme wird der in Saudi-Arabien geborene Palästinenser Abu Subeida in ein Geheimgefängnis der CIA nach Thailand geflogen, FBI-Agenten begleiten ihn. Einer der FBI-Männer, der gebürtige Libanese Ali Soufan, spricht fließend Arabisch, er ist Muslim, zog 1987 in die USA und ermittelte schon beim Anschlag auf den amerikanischen Zerstörer USS "Cole" im Jahr 2000 im Jemen gegen al-Qaida.
Soufan, damals Anfang 30, ist ein Anhänger der alten FBI-Strategie des "rapport building": Erst wenn eine Beziehung, eine Art Vertrauensverhältnis, zum Gefangenen aufgebaut ist, kann ein Verhör den gewünschten Erfolg haben. Soufan versorgt die frischen Wunden von Abu Subeida, der bei seiner Festnahme angeschossen wurde. Er gibt ihm zu verstehen, dass er sogar den Kosenamen, den Subeidas Mutter ihrem Sohn gab, kennt.
Sieben Jahre lang hat Soufan über seine Rolle bei dem Verhör in Thailand geschwiegen. Vergangene Woche sprach er nun mit "Newsweek", weil "es einfach nicht wahr ist, dass diese aggressiven Techniken effektiv waren".
Soufan zeigt Abu Subeida Fotos von Qaida-Mitgliedern, bei dem Bild von Chalid Scheich Mohammed sagt ihm der Gefangene, das sei der Mann, der die Anschläge des 11. September ausgedacht und organisiert habe. Die Bush-Regierung wird diese Erkenntnis aus dem FBI-Verhör später ohne jeden Grund als großen Durchbruch und Erfolg ihrer neuen Verhörtechniken feiern.
Wenige Tage später treffen CIA-Agenten in Thailand ein und mit ihnen auch James Mitchell, der Architekt der neuen Verhörmethoden. Der Ton der Befragungen ändert sich schlagartig. Mitchell ordnet an, die Behandlung zu verschärfen, falls Abu Subeida nicht auf Fragen antworte.
Eines Tages findet FBI-Mann Soufan den Gefangenen nackt vor, er wirft ihm ein Handtuch über. Später hat er eine lautstarke Auseinandersetzung mit Mitchell: "Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika und machen so etwas nicht", habe er ihn angeschrien. Er fragt ihn auch, wer Mitchell zu einem solchen Vorgehen ermächtigt habe. Der antwortet, "höchste Kreise in Washington" hätten die Methoden autorisiert. Das war im April 2002, vier Monate vor dem ersten Foltermemorandum, mit dem die Bush-Regierung die Verhörtechniken juristisch rechtfertigte.
Zum endgültigen Bruch kommt es an dem Tag, an dem Soufan eine Holzkiste entdeckt, die aussieht wie ein Sarg. Ein Utensil für eine Scheinbeerdigung? Der FBI-Mann ruft seinen Vorgesetzten in Washington an. FBI-Chef Robert Mueller entscheidet daraufhin, seine Leute sollten nicht länger an diesen Verhören teilnehmen, und beordert Soufan und einen Kollegen zurück nach Washington. Von da an haben Mitchell und die CIA freie Hand.
Abu Subeida hat später gegenüber Mitarbeitern des Roten Kreuzes ausgesagt, er sei immer wieder und stundenlang in die Kiste gesperrt worden, er habe kaum atmen können. Außerdem habe man ihn wieder und wieder gegen eine Wand geschleudert, vom Schlafen abgehalten, mit eiskaltem Wasser übergossen, ihm extrem laute Musik vorgespielt. 83-mal wurde er mit Waterboarding gefoltert.
"Sie sagten mir auch in dieser Zeit, dass ich einer der Ersten sei, bei dem sie diese Verhörtechniken anwendeten, es würde noch keine Regeln dafür geben", erklärte er Jahre später. "Ich hatte das Gefühl, dass sie dabei noch experimentierten und ausprobierten, welche Techniken sie später bei anderen anwenden könnten."
Abu Subeida war Mitchells Laborversuch. Man müsse ihn halten wie einen Hund im Käfig, soll der Psychologe anwesenden FBI-Agenten gesagt haben. Es sei wie ein Experiment: Wenn man Hunde mit Elektroschocks behandle, würden auch die irgendwann aufgeben.
Für kurze Zeit waren die Verhöre von Abu Subeida die am besten dokumentierten überhaupt. 90 Videobänder der Befragungen - Waterboarding inklusive - lagen einst bei der CIA. Im November 2005 wurden alle Bänder vernichtet. In dieser Woche aber wird FBI-Agent Soufan als Zeuge vor dem Justizausschuss des US-Senats aussagen.
SPOKANE/WASHINGTON, APRIL 2009.
Die Geschäfte von Mitchell Jessen & Associates gehen nach wie vor gut: Die Firma hat inzwischen 120 Angestellte, die meisten davon haben eine "security clearance", wie man sie nur als Regierungsmitarbeiter bekommt. Viele ehemalige Kollegen aus dem SERE-Programm arbeiten hier. Mitchell und Jessen haben in Spokane gleich zwei Etagen eines Bürogebäudes im Stadtzentrum angemietet, darunter das oberste Stockwerk. Das ist abhörsicher und mit besonders festen Türen versehen - ein Standard, den die CIA in der Zusammenarbeit mit Partnern einfordert.
Abu Subeidas Anwalt Brent Mickum will eine Zivilklage gegen Mitchell und Jessen einreichen, falls Präsident Barack Obama keine Strafverfahren anstrebt.
Er würde gern zu alldem etwas sagen, erklärt James Mitchell in diesen Tagen höflich gegenüber Journalisten, aber er dürfe leider nicht, er habe ein Schweigeabkommen unterzeichnet.
JOHN GOETZ, BRITTA SANDBERG
Von John Goetz und Britta Sandberg

DER SPIEGEL 20/2009
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USA:
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