18.05.2009

ALLGEMEINBILDUNGDramatische Differenz

Mehr als 600 000 Menschen haben beim Studenten-Pisa-Test von SPIEGEL und studiVZ mitgemacht. Der Wissenstest lässt erahnen, wo Deutschlands klügste Köpfe studieren, und wirft eine große Frage auf: Warum schneiden Frauen schlechter ab als Männer?
An der römischen Zahl wäre Ingmar Strottmann beinahe doch noch gescheitert. Wofür CLVIII steht? "Da kam ich ein bisschen durcheinander", gesteht der 31-Jährige.
Bis dahin hatte Strottmann, Student an der Technischen Universität Dresden, keine Wissenslücke offenbart. Den Sudan hatte er an der richtigen Stelle auf der Afrika-Karte verortet und ebenso den Vogel auf dem Foto, ein Rotkehlchen, richtig benannt.
Auch über Maler, ob einen alten Meister wie Rembrandt oder einen zeitgenössischen Künstler wie Gerhard Richter, wusste er Bescheid. Selbst die Frau, die den meisten anderen Studenten ein unbekanntes Wesen blieb, hatte er identifiziert: Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU).
Bei der römischen Zahl aber wurde es knapp. "Ich habe lange überlegt", sagt Strottmann. Viel Zeit blieb ihm nicht, maximal 30 Sekunden standen für jede Aufgabe zur Verfügung. Im letzten Augenblick tippte Strottmann die richtige Lösung in den Computer: 158.
Damit sicherte sich Strottmann ein ebenso perfektes wie seltenes Ergebnis beim Studenten-Pisa. Der große Wissenstest des SPIEGEL in Kooperation mit studiVZ gab den meisten Teilnehmern reichlich Rätsel auf. Hunderttausende wagten die Wissensprobe, aber nur 26 Teilnehmer knackten wie Strottmann den Test und beantworteten alle Fragen richtig - das ist eine Quote von 0,0043 Prozent.
Das Studenten-Pisa ist der vermutlich größte Test des Allgemeinwissens, den es jemals in Deutschland gegeben hat. Mehr als 1,5 Millionen Mal wurde er im März und April auf den Seiten von SPIEGEL ONLINE aufgerufen, mehr als 600 000 Menschen beantworteten ihren Fragenkatalog oder versuchten es zumindest. Von den Studenten machten mehr als 200 000 mit, ungefähr jeder zehnte Studierende in Deutschland.
Nun liegen die Ergebnisse vor und liefern viele Erkenntnisse über die Teilnehmer. Es sind erschreckende wie erstaunliche darunter. Nur eine Minderheit wusste etwa, wer eigentlich an diesem Samstag den Bundespräsidenten wählt (die Bundesversammlung), und nur eine knappe Mehrheit vermochte zu sagen, ob ein Perpetuum mobile in der Praxis funktionieren kann (kann es nicht).
180 Aufgaben umfasste der Fragenkatalog insgesamt. Die Aufgaben wurden von der Hamburger Psychologieprofessorin Sabine Trepte in einem Vortest überprüft. Jedem Teilnehmer des Studenten-Pisa wurde dann nach dem Zufallsprinzip eine gleich schwierige Auswahl von 45 Aufgaben präsentiert. Sie stammten aus fünf Wissensgebieten: Politik, Geschichte, Wirtschaft, Naturwissenschaften und Kultur.
Die besten Testwerte erzielten im Durchschnitt
* Studenten mit den Hauptfächern Politikwissenschaft, Geschichte, Volkswirtschaftslehre oder Physik;
* die bekannten Universitäten in Berlin, Mannheim, Freiburg, Tübingen, Karlsruhe, Konstanz und Heidelberg;
* kleine Privathochschulen wie die WHU, die European Business School oder die Bucerius Law School;
* ältere Teilnehmer, insbesondere Rentner, die ungefähr so gut abschnitten wie Doktoranden;
* männliche Teilnehmer, sie erzielten im Mittel deutlich bessere Testergebnisse als die Frauen.
Im Durchschnitt wurden 24,5 der 45 Aufgaben richtig gelöst, also etwas mehr als die Hälfte. Frauen beantworteten 21,5 Fragen richtig, Männer hingegen 26,5 Fragen. Die Wissenslücke zwischen den Geschlechtern ist nicht nur statistisch signifikant, sondern auch überraschend. Denn normalerweise gibt es in Bildungsstudien eine dramatische Differenz zu Lasten der Männer.
So heißt es im Nationalen Bildungsbericht: "Mädchen und junge Frauen werden im Bildungssystem immer erfolgreicher" - während die Autoren für das andere Geschlecht schwarzsehen: "Parallel zu dieser Erfolgsgeschichte entwickelt sich eine neue Problemkonstellation: Das Risiko für Jungen und junge Männer, im Bildungssystem zu scheitern, nimmt zu."
Als die SPIEGEL-Redakteure, die an der Studie beteiligt waren, die Ergebnisse des Studenten-Pisa erstmals sahen, trauten sie deshalb ihren Augen nicht - und baten die beauftragten Mathematiker um Kontrollrechnungen. Doch wie man die Zahlen auch dreht und wendet: Die Lücke bleibt.
So macht es fast keinen Unterschied, dass die weiblichen Teilnehmer im Durchschnitt etwas jünger sind als die männ-lichen. Ebenso wenig wirkt sich der unterschiedliche Bildungsstand aus. Vergleicht man relativ gleiche Gruppen, nämlich Studentinnen und Studenten, zeigt sich ein kaum verändertes Ergebnis. Weibliche Studierende beantworteten 24 Fragen richtig, männliche hingegen 28,1 Fragen.
Die Erklärung muss also eine andere sein, und Manfred Prenzel hat auch sofort eine parat. Der Professor hat viele Jahre lang die offiziellen Pisa-Untersuchungen der OECD in Deutschland geleitet. Es sei ja "sehr beeindruckend, dass so viele Menschen am Studenten-Pisa teilgenommen haben", meint Prenzel. Doch ein Online-Test, bei dem jeder mitmachen könne, müsse immer Verzerrungen fürchten. "Das Ergebnis könnte schon dadurch zustande kommen, dass die intelligenten Frauen nicht in gleich hohem Maße teilgenommen haben wie die Männer", sagt Prenzel. Solch ein Wissenstest spreche zudem vielleicht eher "Männer an, die ihn als echten Wettbewerb verstehen und dementsprechend motiviert mitmachen".
Das klingt erst einmal überzeugend. Beim Studenten-Pisa hätten demnach einfach zu viele schlaue, selbstbewusste, hochmotivierte Männer mitgemacht, als dass das Ergebnis aussagekräftig wäre.
Doch ganz so einfach ist es wohl nicht. Das zeigt der "Bochumer Wissenstest" der Wissenschaftler Rüdiger Hossiep und Marcus Schulte. Es ist der einzige standardisierte Wissenstest in Deutschland, über viele Jahre entwickelt und seit vielen Jahren erprobt, und er liefert in all diesen Jahren ein immer gleiches Ergebnis: Frauen schneiden schlechter ab.
"Der Unterschied ist groß, deshalb überrascht mich auch das Ergebnis des Studenten-Pisa überhaupt nicht", sagt Hossiep. Mehr als 10 000 Menschen hätten seinen Wissenstest bereits ausgefüllt. Bevor er erstmals Ergebnisse analysiert habe, im Jahr 2001, habe er etwas ganz anderes erwartet. "Mädchen sind die besseren Schüler, deswegen hatte ich gedacht, dass sie auch in unserem Test die besseren Ergebnisse erzielen", sagt der Psychologe. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Seitdem sucht der Wissenschaftler nach einer Erklärung. An der Zusammensetzung der Stichprobe - dumme Mädchen, schlaue Jungen - liege es jedenfalls beim Bochumer Wissenstest nicht. "Stichprobenverzerrungen können fast gänzlich ausgeschlossen werden", heißt es in den wissenschaftlichen Erläuterungen des Tests, "Ausbildungs- beziehungsweise Bildungsdefizite oder Sozialisationsunterschiede scheiden als mögliche Ursachen definitiv aus."
Wenn diese Ursachen beim Bochumer Wissenstest ausscheiden, liegt auch beim Studenten-Pisa der Gedanke nahe, dass es andere Gründe für den Geschlechterunterschied gibt. Eine Vermutung, die Wissenschaftler wie der Tübinger Professor Ulrich Trautwein schnell äußern: Es liegt nicht nur an den Teilnehmern, sondern auch an den Fragestellern, also der SPIEGEL-Redaktion.
Anders als vermutet waren jedoch Männer wie Frauen beteiligt, als die Fragen erstellt wurden: Fachleute aus der Redaktion, der Dokumentationsabteilung und der Marktforschung des SPIEGEL. Das Redaktionsteam war paritätisch besetzt. Auf Sportfragen wurde bewusst verzichtet, gerade weil anzunehmen ist, dass etwa bei Fußballfragen ein Geschlecht im Nachteil sein könnte. Auch wurde auf manches allzu bunte Thema verzichtet, weil es dem Redaktionsteam zu unwichtig erschien.
"Der Test zeigt die SPIEGEL-Welt des Wissens", sagt Trautwein. Viele Aufgaben könnten einfach eher von Männern gelöst werden, etwa Fragen nach Daimler-Chef Dieter Zetsche oder Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Wären mehr Fragen aus Bereichen wie Verbraucherschutz oder Gesundheit gestellt worden, hätten die Frauen besser abgeschnitten, vermutet der Tübinger Professor. Und tatsächlich betrifft eine der beiden Aufgaben aus dem Bereich Wirtschaft, die Studentinnen häufiger richtig gelöst haben als Studenten, das grüne, sechseckige Bio-Siegel, also ein Verbraucherschutzthema.
Insgesamt scheinen den Studentinnen die Fragen aus den Bereichen Naturwissenschaften und Kultur leichtergefallen zu sein. Bei mehreren dieser Fragen schneiden sie sogar besser ab als männliche Studierende. Mehr Frauen als Männer wissen um die Heimatstadt der "Buddenbrooks" (Lübeck), nennen den Titel des Bestsellers von Daniel Kehlmann ("Die Vermessung der Welt") und kennen eine rachsüchtige antike Kindsmörderin ("Medea").
Den größten Vorsprung bei den Kulturfragen hatten die Studentinnen bei der Frage, wer seine Karriere nicht in der Kindersendung "Mickey Mouse Club" begonnen habe: Britney Spears, Beyoncé Knowles, Christina Aguilera oder Justin Timberlake? Die richtige Antwort, Beyoncé Knowles, gaben 92 Prozent der weiblichen und 83 Prozent der männlichen Studierenden. Einen solch guten Wert, über 90 Prozent, erreichten die Studentinnen bei keiner anderen Aufgabe, egal aus welchem Fachgebiet.
Ein durchaus doppeldeutiger Befund. Er beruhigt, weil er zeigt: Frauen wissen auf bestimmten Gebieten besser Bescheid als Männer, sie wissen also nicht weniger, sondern nur anderes. Doch zugleich beunruhigt der Befund, weil Frauen bei staatsbürgerlichen Fragen deutlich schlechter abschneiden - und eine Sängerin wie Beyoncé Knowles, bei allem Respekt, dann eben doch nicht ganz so wichtig ist wie ein Bundespräsident. Wäre es wirklich hinzunehmen, wenn Frauen sich mit Pop auskennen und Männer mit Politik?
"Das Ergebnis könnte auch damit zusammenhängen, dass vor allem Faktenwissen geprüft wurde und keine Verständnisfragen gestellt wurden", sagt Wolfram Schulz, ein deutscher Wissenschaftler beim Australian Council for Educational Research. Bei solchen Faktenfragen, wie sie auch in Quiz-Shows normalerweise verwendet werden, scheinen Männer im Vorteil zu sein.
Schulz sitzt gerade an der Auswertung eines internationalen Vergleichs der politischen Bildung von Schülern. Die Forscher knüpfen an eine große Studie an, die vor rund einem Jahrzehnt erstellt wurde. "Bei den 14-Jährigen zeigten sich damals nur sehr geringe Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, lediglich bei älteren Jugendlichen war die Differenz etwas größer", sagt Schulz.
Nur: Solches Faktenwissen ist ja nicht immer wertlos. Selbst kritische Geister wie Ulrich Trautwein, der Professor aus Tübingen, sehen Faktenwissen keineswegs als veraltetes Konstrukt an, das keine Bedeutung mehr habe. "Vorwissen - und dazu zählt Faktenwissen - ist immer der beste Prädiktor für späteren Wissenserwerb", sagt Trautwein. Das funktioniere nach dem "Matthäus-Prinzip": Wer hat, dem wird gegeben. Auch andere Kompetenzen bedürften eines gewissen Wissensstands: "Natürlich ist Kritikfähigkeit wichtig, aber man kann sie nur lernen, wenn man ein wenig Ahnung hat von Strukturen und Systemen", sagt der Professor. "Ohne Wissen ist Kritik nur ärgerlich und dumm."
Daran hat sich auch in Zeiten von Google und Wikipedia wenig geändert. Selbstverständlich lässt sich heute vieles schnell per Mausklick finden. An diesem Montag geht Wolfram Alpha in Betrieb, eine neuartige Suchmaschine, die auf eine Frage eine einzige präzise Antwort geben soll (SPIEGEL 20/2009). Schon seit längerem befriedigen Google und andere Internet-Dienste den Wissensdurst vieler Menschen, und sei ihre Frage auch noch so abseitig.
Doch reicht das aus? "Nur Leichtgläubige vertrauen Wikipedia", sagt der Wuppertaler Geschichtsprofessor Eckhard Freise, der mit seiner profunden Allgemeinbildung als erster Kandidat in Günther Jauchs Quiz "Wer wird Millionär?" den Höchstgewinn abräumte (siehe Interview Seite 44). Der Showmaster selbst fasste seine Skepsis gegenüber dem Internet-Wissen kürzlich in den schönen Satz: "Bildung lässt sich nicht downloaden."
Aus dieser Perspektive betrachtet wirft das Studenten-Pisa - fernab des Geschlechterunterschieds - noch ganz andere Fragen auf. Selbst in einer Welt, in der Wissen immer und überall verfügbar ist, sollte man gewisse Fakten kennen, um als mündiger Staatsbürger am politischen Leben teilzunehmen: Wenn alle Macht vom Volke ausgeht, sollte das Volk ein wenig Bescheid wissen.
Testfrage Bundestagswahl: Welche Funktion hat die Zweitstimme? Nur 44 Prozent der Studierenden wissen, dass sie maßgeblich ist für die Sitzverteilung im Deutschen Bundestag. 48 Prozent hingegen glauben, dass sie damit den Direktkandidaten ihres Wahlkreises wählen. Selbst wenn man nur jene Studierenden berücksichtigt, die ihre Hochschulreife in Deutschland erworben haben, also in aller Regel über ein deutsches Abitur verfügen, kennen sich lediglich 45 Prozent aus. Erst die Teilnehmer, die 40 Jahre oder älter sind, wissen mehrheitlich Bescheid. Bis zu diesem Alter aber scheint weithin Unwissenheit zu herrschen, wie so eine Bundestagswahl eigentlich funktioniert.
Eine andere Testfrage: Wie viele Staaten sind Mitglied der Uno? Die Aufgabe setzt eine ungefähre Vorstellung von der gegenwärtigen Weltordnung voraus. Man muss wissen, was die Uno ist und dass die meisten Staaten ihr angehören, und man muss ahnen, wie viele Staaten es ungefähr gibt auf dieser Welt. Vier Antworten waren vorgegeben (29, 55, 192, 312), dennoch war die Aufgabe für viele Teilnehmer zu schwer. Nur 53 Prozent der Teilnehmer wussten, dass die richtige Antwort bei 192 Staaten liegt.
Die Bildungslücken in der Politik sind freilich nicht die einzigen. Auch in anderen Wissensgebieten, etwa den Naturwissenschaften, ging so manches durcheinander. Manche Fehler klangen zumindest noch romantisch. Jeder sechste Teilnehmer hing der Vorstellung an, dass der Himmel blau ist, weil sich die Weltmeere spiegeln. Die meisten anderen kannten die richtige Antwort: weil blaues Licht in der Atmosphäre am stärksten gestreut wird.
Andere Fehler überraschten mehr, weil nicht einmal grundlegendes mathematisches Wissen vorhanden zu sein schien. Als beinahe schwierigste Frage im Test entpuppte sich eine Aufgabe der Wahrscheinlichkeitsrechnung: Sie würfeln mit zwei Würfeln - wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass beide Würfel die gleiche Zahl anzeigen?
Die Trefferchance mit simplem Raten war gar nicht so klein, denn es waren vier Antworten zur Auswahl vorgegeben (1/3, 1/6, 1/12, 1/36). Die Teilnehmer aber versuchten wohl zu überlegen, und bei den meisten ging das gründlich schief. Nur 16 Prozent aller Teilnehmer kamen auf die richtige Lösung 1/6, auch die Studenten waren nicht besser. Nachdem sie in ihrer persönlichen Auswertung über das Ergebnis aufgeklärt wurden, beschwerten sich manche sogar bei der SPIEGEL-Redaktion, weil die angeblich zu dumm zum Rechnen sei. Sie wurden in einer kleinen Nachhilfestunde per E-Mail aufgeklärt.
Solche Nachhilfe benötigten jene 26 Teilnehmer nicht, die alle Fragen richtig beantworteten. 15 von ihnen hat die SPIEGEL-Redaktion befragt, mancher wies gleich auf eine vermeintliche Ungenauigkeit im Test hin. Rüdiger Otterpohl hatte unter anderem die Frage zu beantworten, wie groß die Summe der Innenwinkel eines Dreiecks ist. Die Frage sei nicht ganz eindeutig gestellt: "Die 180 Grad, die als richtige Antwort gewertet wurden, stimmen streng genommen ja nur in der euklidischen Geometrie", sagt der Diplom-Volkswirt. Das stimmt selbstverständlich, aber immerhin wird Euklid heute in den Schulen gelehrt.
Auf die Frage nach ihrem Erfolgsrezept gaben fast alle Alleswisser eine ähnliche Antwort. "Ich lese täglich Zeitung und schaue auch täglich ins Internet", sagt Reinhard Zander, Rentner aus Essen. Der 61-Jährige glaubt, dass ihm sein Alter geholfen hat: "Ich stamme noch aus einer Zeit, in der etwas mehr Wert auf Faktenwissen gelegt wurde."
Zander war vor anderthalb Jahren auch schon beim Casting für Jörg Pilawas Quizshow, aber da fiel er durch. "Vermutlich bin ich nicht telegen genug", sagt der Pensionär. Auch Jörg Petersen aus Kiel wird es vielleicht einmal im Fernsehen versuchen. "Meine Familie will mich immer schon zu Günther Jauch schicken, aber ich habe mich bislang dagegen gewehrt", sagt der 49-Jährige. Das Studenten-Pisa liefert der Familie ein neues Argument, es endlich zu probieren.
Auch einige jüngere Teilnehmer erreichten die Bestnote. "Meine Freundin hat lachend gesagt, nachdem sie selbst teilgenommen hatte: Mach doch mal mit, um den Durchschnitt zu retten", erzählt Lukas Schadomsky, 25, Jurastudent an der Bucerius Law School in Hamburg. Wie andere Alleswisser macht auch Schadomsky keinen Hehl daraus, dass er bei einigen Fragen ein bisschen Glück brauchte.
"Es ist sicher auch eine Frage, wie neugierig man auf die Welt ist", sagt Jens Siegert. Er leitet das Moskauer Büro der Heinrich-Böll-Stiftung und scheint äußerst neugierig zu sein, "ein Freund hat mich schon einmal Informationsmülleimer genannt, weil ich mir so viele Dinge merke, bevorzugt auch unnütze", sagt Siegert. Für Stephan Schneider aus München hängt der Erfolg im SPIEGEL-Test auch mit dem beruflichen Hintergrund zusammen: "Als Werbetexter hat man mit vielen verschiedenen Themen zu tun und verfügt über ein gesundes Halbwissen."
Das Studenten-Pisa hat gezeigt, wie es um das Viertel-, Halb- oder Universalwissen vieler hunderttausender Teilnehmer bestellt ist. Neben manch ernüchternder Erkenntnis über staatsbürgerliche oder auch naturwissenschaftliche Wissenslücken bleibt ein Trost: eine Literaturfrage, die fast alle zu beantworten wussten. Sie enthielt das heimliche Motto einiger Teilnehmer. "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor", lautet der Stoßseufzer.
Rund 80 Prozent der Teilnehmer, Männer wie Frauen, erkannten das Werk und den Autor: "Faust" von Johann Wolfgang von Goethe. MARKUS VERBEET
Weitere Informationen und alle Testfragen und -antworten bei SPIEGEL ONLINE (www.spiegel.de/studentenpisa). Zudem stellt sich SPIEGEL-Redakteur Markus Verbeet ab Dienstag, 19. Mai, 11 Uhr, auf www.studivz.net den Fragen der studiVZ-Nutzer.
Von Markus Verbeet

DER SPIEGEL 21/2009
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