25.05.2009

SRI LANKA„Traurig und ernüchtert“

Der frühere Chefvermittler Erik Solheim über das Ende des Bürgerkriegs, die schwierige Zukunft der Insel und den getöteten Chef der Tamilischen Tiger
SPIEGEL: Die LTTE hat kapituliert, ihre Chefs leben nicht mehr, und in Colombo wird gejubelt. Sie haben mit allen wichtigen Akteuren verhandelt, insbesondere mit der Nummer eins der Tiger, mit Velupillai Prabhakaran. Sind auch Sie jetzt in Feierlaune?
Solheim: Es ist eher belastend, dass wir nach so vielen Anstrengungen mit dem gewaltsamen Tod vieler Menschen konfrontiert sind, egal auf welcher Seite sie gestanden haben. Meine Kollegen und ich sind traurig und ernüchtert, auch bezüglich der toten LTTE-Führer. Es wäre leichter gewesen, vernünftige Verhältnisse in Sri Lanka herbeizuführen, wenn die Waffen geordnet niedergelegt worden wären.
SPIEGEL: Die Regierung in Colombo hatte Norwegen vor einigen Monaten offiziell gebeten, sich zurückzuziehen, trotzdem blieben informelle Kontakte mit Oslo bestehen. Wie lange noch?
Solheim: Genau bis zum 17. Mai um Mitternacht, und zwar mit beiden Seiten. Ich wurde direkt von Seevaratnam Pulidevan, dem Leiter des "Friedenssekretariats" der LTTE, darüber informiert, dass die politische Führung gegenüber dem Internationalen Roten Kreuz (ICRC) die Kapitulation erklären wolle. Im Hintergrund war Gewehrfeuer zu hören. Daraufhin haben wir auf allen uns zur Verfügung stehenden Kanälen versucht, diese Nachricht dem ICRC und der Regierung mitzuteilen.
SPIEGEL: Haben die Tiger auch Mitglieder der internationalen Gemeinschaft um Vermittlung gebeten? Auch Oslo?
Solheim: Ja, das ist korrekt.
SPIEGEL: Bereits vorvergangenes Wochenende hatten die Tamilen-Rebellen angeboten, die Waffen schweigen zu lassen. Als Pulidevan und Balasingham Nadesan, der Chef des politischen LTTE-Flügels, jedoch mit weißen Fahnen auf eine Armee-Einheit zuschritten, wurden sie angeblich aus kurzer Entfernung erschossen. Können Sie das bestätigen?
Solheim: Es gibt leider eine komplette Informationssperre aus dem Kriegsgebiet, was solche Details betrifft.
SPIEGEL: Die LTTE-Führung existiert nicht mehr. Sind damit auch die Forderungen der Tamilen nach einem eigenen
Staat erledigt? Werden sie sich nun in die mehrheitlich singhalesische Gesellschaft einfügen?
Solheim: Das kann man noch nicht sagen. Es hängt stark davon ab, ob die Regierung die Minderheiten erreicht und inwieweit sie diese auch wirklich einbinden will. Wir ermutigen die Tamilen, an politischen Lösungen mitzuarbeiten und so ihre Rechte zu sichern. Colombo hat den Krieg gewonnen, aber noch nicht den Frieden.
SPIEGEL: Welche Rolle könnte das Ausland spielen?
Solheim: Zunächst einmal eine entscheidende, wenn es um die humanitäre Hilfe für alle Opfer geht. Es muss Druck auf die Regierung ausgeübt werden, um uneingeschränkten Zugang zu den Lagern und den Kriegsgefangenen im gesamten Norden zu erhalten. Rotes Kreuz und Uno müssen den Flüchtlingen eine baldige Heimkehr ermöglichen, was auch eine rasche Minenräumung bedeutet. Wichtig ist außerdem, dass sich Colombo großmütig gegenüber den Tamilen zeigt. Alle Sri Lanker, ob Singhalesen oder Tamilen, müssen die Gewissheit haben, gleiche Rechte zu besitzen. Eine freie Presse ist dafür unabdingbar, sie muss nun auch die noch gesperrten bisherigen Kampfzonen betreten dürfen.
SPIEGEL: Wird Norwegen im Friedensprozess wieder eine maßgebliche Rolle spielen?
Solheim: Zurzeit konzentriert sich unser Außenministerium auf die vertriebenen Zivilisten und andere Kriegsopfer - gemeinsam mit den USA, den Europäern, Japan, Indien, der Uno und dem ICRC.
SPIEGEL: Wie haben Sie selbst Tiger-Chef Prabhakaran erlebt?
Solheim: Ich war ihm denkbar nahe. Wir haben Meeresfrüchte gegessen, wir haben über das Kochen und seine Lieblingsfilme geredet. Und über Geschichte. Er war eine schüchterne und ruhige Person.
SPIEGEL: Ist er wirklich tot?
Solheim: Ich denke schon - was nicht heißt, dass ich grundsätzlich allen Meldungen der Regierung Glauben schenke.
INTERVIEW: PADMA RAO
* Von der Armee zum Beweis seines Todes veröffentlichtes Foto.
Von Padma Rao

DER SPIEGEL 22/2009
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