30.05.2009

KÖNIGSBERGAngriff auf die Kultur

Es gibt kaum noch deutsche Spuren in Ostpreußens früherer Hauptstadt, dem heute russischen Kaliningrad. Dass sie radikal getilgt werden, dafür sorgt auch die Russisch-Orthodoxe Kirche. Die will sich jetzt ausgerechnet den Königsberger Dom übereignen lassen - das einstige Wahrzeichen der Stadt, im Krieg zerstört und seit 1992 mit bislang sieben Millionen Euro Spenden wieder aufgebaut. Die Hamburger "Zeit"-Stiftung finanzierte das neue Dach, Berlin zahlte die Restaurierung des Grabmals von Immanuel Kant, und im vorigen Jahr wurde die von der Potsdamer Firma Schuke neuerrichtete Orgel geweiht. Die Russisch-Orthodoxe Kirche interessierte der Dom bislang nicht; sie hatte sich vor drei Jahren eine 73 Meter hohe Marmorkathedrale errichtet. Durch den geplanten Wiederaufbau der Altstadt gewinnt das weitläufige Domareal jedoch schlagartig an Wert. In einem Schreiben vom 1. April (Aktenzeichen 1239/6) an "Seine Hohe Exzellenz", Ministerpräsident Wladimir Putin, drängt Russlands geschäftstüchtiger Patriarch Kirill auf die "schnellstmögliche Überführung von Objekten mit religiöser Zweckbestimmung" aus öffentlichem Besitz in das Eigentum seiner Kirche - erst recht im früher deutschen Kaliningrader Gebiet, weil es dort angeblich "interkonfessionelle Spannungen" zu vermeiden gelte. Dass es den Orthodoxen um den fast 700 Jahre alten Dom geht, hatte zuvor der Sekretär des zuständigen Bistums präzisiert. Die Forderung der russischen Staatskirche sei "ein Verbrechen und ein Angriff auf die Kultur dieser Stadt", kommentiert der Chef der Dombaufirma, Igor Odinzow, das unfromme Begehren: Sie habe "mit dem Dom der Lutheraner nichts zu tun, nicht mit seiner Architektur und schon gar nicht mit seiner Geschichte".

DER SPIEGEL 23/2009
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KÖNIGSBERG:
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