08.06.2009

IRLAND„Wir waren Sklaven“

Priester und Laien haben über Jahrzehnte 15 000 Kinder misshandelt oder vergewaltigt. Nach und nach kommt das Martyrium der Jungen ans Licht der Öffentlichkeit.
Der Alptraum des Jungen begann im Moor, in das die Ordensbrüder die Heimkinder immer trieben, damit sie Torf stechen, den ganzen Tag lang. John Kelly war damals 13 Jahre alt, und er erinnert sich so gut an seine erste Vergewaltigung wie die anderen Opfer auch.
Bruder James rief ihn zu sich in den Lastwagen der Aufseher im Moor, so geht John Kellys Aussage. Dort schlug ihm Bruder James plötzlich mit dem Handrücken ins Gesicht, so hart, dass das Kind zu Boden ging. Bruder James schrie den Jungen an, er sei ein kleiner, dreckiger Bastard, dann warf er ihm ein Handtuch hin, er solle sich säubern.
John Kelly gehorchte, aber sofort nahm ihm der Bruder das Handtuch wieder ab und sagte, er wolle das machen. Er rieb John den Rücken ab, die Beine. Dann sagte er ihm, er müsse die kurze Hose aufknöpfen, so dass er ihn auch dort säubern könne. Kurz danach kam dieser stechende Schmerz.
Am Abend schickte Bruder James ihn unter die Dusche im Kinderheim von Daingean - und kam selbst mit. Als er wieder ging, blutete das Kind.
Heute, 44 Jahre später, lebt Bruder James als Pensionär in einem Heim seines Ordens, der "Oblate Fathers", Katholiken natürlich, dies ist Irland. Er will nichts sagen zu John Kelly und den anderen. Es würde ihm auch kaum noch jemand auf der Insel glauben.
Denn aus kleinen Jungs werden Männer. Viele bleiben ihr Leben lang Opfer nach solchen Erfahrungen. Aber manche dieser Männer ziehen auch in den Kampf, um die Jungs zu rächen, die sie einst waren.
John Kelly ist Taxifahrer, er hat einen Nacken wie ein Bulle, und seine Hände sind Pranken. In der Küche seines winzigen Hauses kann er sich kaum umdrehen. Nach oben geht er nur ungern, denn dort ist alles voll mit den Akten des Verbands, den er gegründet hat: der "Survivors of Child Abuse" (Soca), der Opfer der kirchlichen Kinderschänder.
Rund 4500 Mitglieder hat Soca inzwischen. Knapp 15 000 Opfer gibt es insgesamt, die meisten sind heute ältere Männer, die nicht vergessen können und jetzt nicht mehr verdrängen wollen.
Kelly und die Chefs anderer Verbände haben einen Skandal vorangetrieben, der nun Irland erschüttert. Am 20. Mai hat eine unabhängige Untersuchungskommission ihren Bericht vorgelegt. Neun Jahre lang ermittelten Experten unter Führung der Richter Mary Laffoy und Seán Ryan, was jahrzehntelang geschehen ist in Irlands Kinderheimen, in Waisenheimen, Gewerbe-Internaten, in Besserungsanstalten für Jugendliche - allesamt finanziert vom Staat, betrieben aber von 18 katholischen Orden wie etwa den "Christian Brothers". Die Orden sind die Hilfstruppen der irischen Kirche: Tausende Männer, nicht zu Priestern geweiht, die aber leben wollen wie Mönche.
Die Ordensbrüder haben Kinder geschlagen, gequält, vergewaltigt. Sie ließen sie hungern und frieren, und manche der Gottesmänner haben die Lederriemen ihrer Peitschen mit Salz eingerieben, damit jeder Schlag lange brennt. "Das waren katholische Konzentrationslager, der irische Archipel Gulag", sagt Kelly.
Bald schon wird eine zweite Untersuchungskommission, geführt vom Justizministerium, ihren Bericht vorlegen. Er soll enthüllen, wie Priester und Mönche nicht nur in geschlossenen Heimen Kinder misshandelten, sondern auch in den Gemeinden, mitten in der Gesellschaft, bis ins Jahr 2004. Um die 500 Täter werden darin wohl genannt, allein in der Erzdiözese Dublin. Es geht auch um die Kirchenführer, die ihre Kinderschänder schützten.
Und dann sollen Fahnder und Ankläger die Täter jagen, das hat Premierminister Brian Cowen am Mittwochabend Kelly und den anderen Opfervertretern bei einem Kaffee in seinem Büro versprochen.
Es geht auch um anderes als Schuld und Sühne - um enorme Schmerzensgelder zum Beispiel: Über 1,1 Milliarden Euro hat die Regierung den Opfern schon gezahlt, um Massenprozesse zu vermeiden. Es hat nicht geholfen. Nun kämpfen Staat, Kirche und Opfer darum, wie viele hundert Millionen es noch werden und wer sie bezahlt.
Es geht aber auch um das Selbstverständnis Irlands, wo die Kirche noch mächtig ist wie in keiner anderen westlichen Demokratie. Diese Macht schwindet jetzt von Tag zu Tag.
Die Ryan-Kommission hat ihren Bericht ins Internet gestellt (www.childabusecommission.ie). Jeder kann ihn herunterladen. Die Kommission hat die Grausamkeiten ausgewertet, nach Art und Intensität, es gibt Statistiken, über Verbrechen, Schulen, Tätertypen. Tabellen listen auf: schwere Wunden, ausgeschlagene Zähne, verbrannte Haut, gequetschte Nieren, gebrochene Arme, Beine, Finger - alles, was man an einem Kind kaputtmachen kann.
Mädchen tauchen selten als Opfer auf, weil die Nonnen seltener zu Täterinnen wurden. Und die frommen Brüder kamen an die Mädchen nicht heran; vielleicht auch dafür mussten die Jungen bluten.
"Die Nächte waren das Schlimmste", so steht es im Ryan-Report. "Wenn sie dich nicht holten und schlugen, dann hörtest du, wie sie es anderen antaten. Bis zu vier Brüder kamen und holten einen aus dem Bett und schlugen ihn. Sie waren wie jagende Rudel."
Das Verbrechen der Kinder war in der Regel ihre Armut. John Kellys Mutter zog allein sieben Kinder groß. Der Vater versuchte, Jobs auf dem Bau zu finden, in England, wo aber damals an Ecken noch solche Schilder hingen: "Iren, Schwarze und Hunde unerwünscht". Deshalb schliefen die Kelly-Kinder auf Bahnhöfen, wenn die Mutter die Miete nicht zahlen konnte. Und deshalb klaute einer der Brüder Cadbury-Schokolade in einem Kiosk. Er gab John, dem Zwölfjährigen, zwei Tafeln ab, da kam auch schon die Polizei.
In der Verwahranstalt Daingean bewachten 25 Geistliche hinter den hohen Mauern der ehemaligen Kaserne 500 Jungs. John wurde zu Nummer 253. Er schob schwere Schubkarren durchs Moor, er grub Kartoffeläcker um, mistete Schweineställe aus. Der Orden verkaufte Torf, Kartoffeln und Fleisch, und auch die Kinder, als Leiharbeiter an Bauern. "Wir waren Sklaven."
Schulunterricht gab es nur anfangs, Schläge und Arbeit immer. Die Kinder stellten alles her, was nötig war: Die Brüder trugen über den Kutten lange lederne Peitschen. Auch diese Peitschen mussten die Kinder nähen.
Jeder Bruder hatte sein eigenes Design. Die meisten ließen sich Pennys auf die neuen Lederstreifen nähen, damit es schmerzte. Manche bevorzugten Bleistücke oder Kupferdraht. Die noch Perfideren ließen die Gewichte ans Ende der Lederstreifen nähen. Dann wickelte sich das Leder beim Schlag gegen einen Schenkel ums Bein und traf oft die Hoden. "Du wurdest entmenschlicht, und irgendwann glaubtest du, dass du ein Untermensch bist", sagt Kelly.
Nach gut zwei Jahren ließen ihn die Brüder frei, und John Kelly rannte weg aus Irland, nach London. "Ich habe am Anfang im Hyde Park auf der Bank geschlafen. Ich hatte nichts, es regnete, aber zum ersten Mal fühlte ich mich wieder sicher."
Erst fast 30 Jahre später, 1997, kehrte er zurück. Es erschienen damals Artikel über die verlorenen Kinder in irischen Zeitungen, die BBC sendete einen langen Dokumentarfilm. Und John Kelly gründete Soca. Der Tanz konnte beginnen.
Die Kirche sah ihre Opfer kommen und schloss 2002 einen Deal mit der Regierung. Die alte Kumpanei der Macht funktionierte noch: Die Kirche müsse nur einen kleinen Teil der absehbaren Schmerzensgeldzahlungen übernehmen, 128 Millionen Euro, zahlbar etwa mit Immobilien. 2004 erstritten dann die Christian Brothers, dass die Beschuldigten anonymisiert wurden.
Die Kirche hat bislang nur etwa die Hälfte ihres Anteils bezahlt - und die versprochenen Latifundien sind in der Wirtschaftskrise auf einmal viel weniger wert geworden. Zugleich fordern die Opferverbände, die Kirche müsse bluten, nicht der Steuerzahler.
"Der Konflikt ist jetzt da", sagt Patrick Walsh, "dieses Land war eine Theokratie, keine Demokratie. Kein Premierminister wurde gewählt ohne die Unterstützung der Bischöfe. Dafür revanchierten sich die Politiker. Das ändert sich jetzt. Und das trennt auch das Volk von der Kirche."
John Kelly ist der Kämpfer der Opfer, Patrick Walsh ist ihr Denker: ein stiller Banker, Exil-Ire aus London, mit einer großen Brille und einer Aktentasche immer neben sich.
Er war zwei Jahre alt, als seine Mutter sich von seinem Vater trennen wollte. Scheidungen waren verboten in Irland, der Vater befürchtete, die Frau würde nach England durchbrennen und zeigte sie bei der "Garda" an: Die Polizisten kamen und brachten die vier Kinder in Heime.
Patrick, der Kleinste, musste 14 Jahre bei den Prügel-Katholiken bleiben. Einmal nur durfte ihn seine Mutter besuchen in diesen Jahren. Er sagt, die Ordensbrüder seien die Mannschaften des Antichristen. "Satan tarnt sich als Engel des Lichts", heißt es in der Bibel, und weiter: "Ihr Ende wird ihren Taten entsprechen."
Der Druck auf die Kirche wächst, mit dem Ryan-Report und dem nächsten über die Erzdiözese Dublin, die lange ihre Männer vor der Justiz schützte. Ein Pater wird darin vorkommen, der acht Jungs vergewaltigte - in einem Kinderkrankenhaus. Dazu ein Glaubensbruder, bei dem man noch gar nicht weiß, wie viele Kinder er misshandelte.
Der neue Erzbischof Diarmuid Martin, vom Papst geschickt, ein Vatikan-Diplomat, weiß, worum es geht. Als einer der wenigen Bischöfe will er Aufklärung, er will auch, dass die Orden zahlen für ihre Opfer, schnell. "Wir dürfen keine Zeit verlieren. Mit dem Missbrauch und der Rolle der Kirche dabei verspielen wir unseren Respekt." Die Untersuchungen und die Entschädigungen seien die "letzte Chance" zu retten, was noch zu retten ist.
Denn es wird im neuen Bericht noch viel mehr Geschichten geben wie die von Colm O'Gorman, Geschichten wie Schneebälle, die manchmal eine Lawine auslösen können.
Man findet O'Gorman heute in der irischen Zentrale von Amnesty International, wo die O'Connell Street anfängt, Dublins Prachtmeile. O'Gorman, 43, ist der Direktor von Amnesty in Irland, er war auch schon Senator des Parlaments, er ist prominent auf der Insel.
Es war ein sehr weiter Weg bis dahin. "Die Priester nehmen ihre normalen Schulen als ihr Jagdrevier", sagt er, Grund- und Hauptschulen werden überwiegend von der katholischen Kirche kontrolliert. Was irische Kinder lernen, das lernen sie von der Kirche, ein "bizarrer Fehler", sagt O'Gorman.
Als O'Gorman 14 war, entdeckte Pater Seán Fortune den Jungen auf seiner Schule. Schon im Priesterseminar hatte er sich an Pfadfindern vergriffen. Doch das Bistum versetzte ihn nur, nach Wexford im Südosten.
Sein Talar beeindruckte O'Gormans Mutter und auch den Jungen. Der Priester warb ihn, angeblich für eine Jugendgruppe. Aber schon am ersten Wochenende vergewaltigte er ihn, nachdem er sich vorher die Hände eingecremt hatte. "Wenn ich Creme rieche und das Geräusch höre, läuft es mir noch heute den Rücken runter", sagt O'Gorman. Und dann redete der Priester dem Jungen ein, der sei schuld. Er drohte, es den Eltern so zu erzählen, irische Eltern glaubten Priestern. "Mein Vater wäre gestorben", sagt O'Gorman.
Über zweieinhalb Jahre ging das so, dann fragte Pater Fortune den nun 17-Jährigen, ob der ihm nicht einen jüngeren Bekannten besorgen könne, dafür würde er ihn ziehen lassen.
Da rannte Colm O'Gorman weg, nicht zu den Eltern, sondern nach Dublin. Er lebte auf der Straße, er schlief in der Souterrain-Toilette von Burger King auf der O'Connell Street, 100 Meter von seinem jetzigen Büro entfernt. Wenn ihm ein Mann ein Bett anbot für die Nacht und eine Dusche, nahm er es an. "Ich war doch eh nichts mehr wert."
Er fand trotzdem später einen Job, eine Wohnung, langsam arbeitete er sich hoch, wurde Therapeut. 1994 beschloss er zu handeln. 1995 ging er zur Polizei. Innerhalb von ein paar Wochen fand der Kripo-Beamte gleich mehrere Fortune-Opfer. Die hätte es nie gegeben, wenn das Bistum den Priester gestoppt hätte. Fortune kämpfte, leugnete, aber kurz vor Beginn des Prozesses um 66 Fälle brachte er sich mit Whiskey und Tabletten um.
O'Gorman verklagte den Papst, dessen Nuntius in Irland, die Kirchen-Hierarchie. Der Nuntius zog sich auf diplomatische Immunität zurück, doch gegen die Kirche gewann O'Gorman, 300 000 Euro musste das zuständige Bistum Ferns ihm zahlen. Und von O'Gormans Kampf wusste nun ganz Irland.
Er hat gekämpft, er bekam recht, er bekam Genugtuung, soweit es sie geben kann. Aber eines, sagt Colm O'Gorman, könne er noch immer nicht: Pater Fortune vergeben. CLEMENS HÖGES
Von Clemens Höges

DER SPIEGEL 24/2009
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