15.06.2009

TitelSie lernen jemanden kennen, googeln Sie ihn?

Wer die jungen Deutschen zwischen 20 und 35 fragt, wie sie denken, was sie wollen, wem sie trauen, bekommt das Selbstporträt einer Generation, die düster in die gesellschaftliche Zukunft blickt. Die Politik und Sex nicht wichtig findet, auf Barack Obama hofft und mit 85 Jahren sterben möchte.
1. Wie beeinflusst die Finanzkrise Ihr Leben?*
Die Staatsschulden belasten meine Generation auf Jahrzehnte 77
Die Krise wird zu politischer Instabilität führen 58
Werde Probleme haben, einen Job zu finden oder zu behalten 30
2. Der Kapitalismus ...*
... bietet Wohlstand und soziale Sicherheit für alle 27
... schafft wenig Reiche und zu viele Arme 70
... ist krisenanfällig und muss reguliert werden 61
3. Zum Kapitalismus gibt es keine gute Alternative.
4. Der Kapitalismus sollte durch ein anderes System abgelöst werden.
5. Der Sozialismus ...*
6. Was bedeutet Arbeit für Sie?
7. Möchten Sie in fünf Jahren noch den gleichen Job haben bzw. in der gleichen Firma wie heute sein?
ja 75
8. Waren Sie schon einmal arbeitslos?
ja 48
9. Was halten Sie vom Kündigungsschutz in Deutschland?
10. Würden Sie für einen Arbeitsplatz umziehen?*
ja, innerhalb meiner Stadt 78
ja, in meinem Landkreis 74
ja, in meinem Bundesland 62
ja, innerhalb Deutschlands 54
ja, innerhalb Europas 49
ja, weltweit 42
11. Wie oft sind Sie in Ihrem Leben schon umgezogen?
12. Wie viele Praktika haben Sie bisher gemacht?
keins 11
eins 14
zwei 24
drei 21
vier 9
fünf und mehr 20
13. Wie hoch ist Ihr Nettoeinkommen im Monat?
unter 400 Euro 14
400 bis 750 18
750 bis 1500 28
1500 bis 2000 21
2000 bis 2500 7
mehr als 2500 7
14. Sparen Sie?
regelmäßig 68
gebe immer alles aus 6
Ich kann mir Sparen nicht leisten 26
Und worauf sparen Sie?
Rücklage für schlechte Zeiten 29
Haus/Wohnung 16
Urlaub 9
Auto, Elektronik 8
ohne konkretes Ziel 37
15. Haben Sie gerade Schulden von mehr als 500 Euro?
ja 33
Und? Macht Ihnen das Sorge?
Das sehe ich locker 47
Das wird sich wieder einrenken 31
Meine Schulden machen mir richtig Sorgen 22
16. Dass die Rentner heute so gut versorgt sind, ist ungerecht. Es geht zu Lasten der jungen Generation.
17. Wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft?
Und wie sehen Sie die Zukunft der Gesellschaft?
eher düster 60
eher positiv 39
18. Gehen Sie regelmäßig zur Wahl?
ja 70
sehr unregelmäßig 16
bin eher Nichtwähler 13
19. Und wen würden Sie wählen, wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?
Ich weiß noch nicht 19
würde nicht wählen 8
würde ungültig wählen 4
Und falls Sie wählen?
CDU/CSU 33
SPD 26
FDP 12
Linke 9
Grüne 13
andere 7
20. Sind Sie Mitglied in einer Partei, einer Initiative oder einer Gewerkschaft?
ja 16
21. Interessieren Sie sich für Politik?
22. Würden Sie es als Beleidigung empfinden, wenn jemand sagt, Sie seien unpolitisch?
nein 83
23. Wird Barack Obama die Welt zum Besseren verändern?
ein wenig 59
stark, sehr stark 31
24. Was ist für Sie das bedeutendste weltpolitische Ereignis in Ihrem Leben?
11. September 40
Mauerfall 37
Finanz- und Wirtschaftskrise 14
Irak-Krieg 6
25. Was macht Ihnen große oder sehr große Angst?*
26. Wann haben Sie zum letzten Mal demonstriert?
innerhalb des letzten Jahres 10
innerhalb der letzten fünf Jahre 15
mehr als fünf Jahre her 15
noch nie 59
27. Bringt die Globalisierung Ihnen eher Vorteile?
ja 58
28. Waren Sie schon mal zwei Monate oder länger im Ausland?
ja 24
29. Wie oft fliegen Sie im Jahr?
1- bis 4-mal 55
5- bis 10-mal 4
mehr als 10-mal 1
gar nicht 39
30. Was ist für Sie Heimat?
31. Sind Sie stolz, Deutsche/Deutscher zu sein?
ja 76
nein 19
32. Sollten Deutsche bei der Wohnungssuche, bei Lehrstellen oder Studienplätzen gegenüber Ausländern bevorzugt werden?
33. Wie viele Bücher haben Sie in den vergangenen drei Monaten durchgelesen?
eins bis zwei 32
drei und mehr 39
keins 29
34. Sind Sie Mitglied bei Facebook, StudiVZ oder Ähnlichem?
ja 59
Und warum?*
Ich finde alte Bekannte wieder 89
Es ist praktisch, etwa um Nachrichten zu senden 75
Es ist schön, zu sehen, dass ich so viele Freunde habe 45
Ich lasse meine Freunde auf diese Weise an meinem Leben teilhaben 44
Ich mag es, mich im Internet zu präsentieren 9
Man muss dort sein, um wahrgenommen zu werden 7
35. Haben Sie Angst, dass jemand im Internet Informationen über Sie findet, die er gegen Sie verwenden kann?
36. Sie lernen jemanden kennen. Googeln Sie ihn?
sehr oft 2
oft 5
gelegentlich 28
nie 65
37. Haben Sie schon mal gesagt, dass Sie Sport treiben, obwohl das gar nicht stimmt?
ja 14
38. Kommt es bei Ihnen vor, dass Sie wichtige Dinge immer weiter aufschieben, Briefe an den Vermieter beispielsweise oder die Steuererklärung?
ja, andauernd 7
ab und zu 46
Ich erledige alles immer sofort 47
39. Was ist das Wichtigste im Leben?
Familie 44
Gesundheit 24
Liebe 11
Freundschaft 10
Gerechtigkeit 4
Freizeit 2
Spaß 2
Geld 1
Karriere, Erfolg 1
Sex 0
40. Hatten Sie schon mal eine Fernbeziehung?
41. Sind Sie schon mal fremdgegangen?
ja 16
nein 83
42. Versuchen Sie herauszufinden, ob Ihr Partner fremdgeht?
ja 24
Und wie?
43. Wie ist Ihr Beziehungsstatus?
verheiratet 34
feste Beziehung 30
lockere Beziehung 5
Single 31
Und wie lange wird Ihre Beziehung wohl halten?
für immer 55
zehn Jahre 17
fünf Jahre 9
ein Jahr 1
einige Monate 5
kann man nicht sagen 13
Wollen Sie denn irgendwann mal heiraten?
ja 70
44. Können Sie sich vorstellen, eine Schönheitsoperation machen zu lassen?
45. Wie viele Kinder haben Sie?
46. Wie viele möchten Sie einmal haben?
47. Wo sind Sie vor allem aufgewachsen?
bei beiden Elternteilen 81
bei einem Elternteil 15
bei Verwandten / Patchwork-Familie 3
48. Wohnen Sie noch bei Ihren Eltern?
nein, bin ausgezogen 75
Und? Wie oft haben Sie jetzt noch Kontakt zu den Eltern?
täglich 42
einmal die Woche 48
einmal im Monat und seltener 10
49. Glauben Sie an Gott?
50. Wie alt wollen Sie sein, wenn Sie sterben?

POLITIK
Adrian Renner, 23, Student
Ich kann nicht mehr sagen, wann ich merkte, dass Politik von langweiligen Menschen mit langweiligem Leben gemacht wird. Ich stand in Berlin im Bundestag, in Straßburg im Europäischen Parlament, in München im Landtag und habe sie tun sehen, was sie Politikbetrieb nennen.
Wer mich fragt, ob ich ein politischer Mensch sei, dem sage ich nein, und denke: stimmt nicht. Ich habe nur keine Ahnung, was politisch sein heute überhaupt noch bedeutet. Was ich weiß: auf welcher Seite des politischen Spektrums ich stehe. Was ich tue: Ich denke über mein Leben und über die Welt in politischen Kategorien nach.
Meine Agenda sagt nicht: Engagiere dich, tritt einer Partei bei, löse das Welthungerproblem, überwinde den Kapitalismus, gehe fleißig demonstrieren. Ich weiß, das wird erwartet von mir, von uns, von meiner Generation. Wir sollen rebellisch sein. Und protestieren. Dann sind die Leute, die das wollen, irgendwie beruhigt. Warum eigentlich?
Keine Sorge, meine Agenda beinhaltet nicht, dass mir alles egal ist. Ich kann sehr genau sagen, welche Dinge mich interessieren, Dinge, bei denen noch Wut, Zorn, Betroffenheit und Empörung da sind.
Vielleicht haben Leute mir etwas voraus, die dafür sorgen, dass in einem Vertrag die Zahl hinter dem Komma genau richtig ist. Vielleicht ist das Politik. Ich kann das nicht. Es ist ein ästhetisches Unbehagen. Die Angst, dass mein Leben so hässlich wird wie die Parteizentralen.
Ich rede über Liebe und Musik, über die letzten Wahlen in Israel und über ökosoziale Marktwirtschaft und wie fassungslos man jedes Mal ist, wenn man sieht wie schlecht es Menschen in Deutschland gehen muss. Aber ich rede nicht über Politik. Nie.

VIELLEICHT
Jan-Ole Arps, 30, Aktivist
Andauernd sage ich: "vielleicht". Das heißt: Ich will mich nie festlegen, ich kann mich schwer entscheiden. Damit bin ich nicht allein. Meine Generation leidet an der Vielleicht-Krankheit. Sind wir planlos, traurig, selbstmitleidig, weil es uns zu gut geht und wir uns nie entscheiden mussten? Das glaube ich nicht. Weil wir uns entweder im Dispo oder im Unklaren bewegen und weil uns der Zwang nicht mehr von außen entgegentritt, sondern wir ihn als Selbstdisziplin verinnerlicht haben, ist es nicht leicht, nein zu sagen. Deshalb: vielleicht.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zwar kann ich mich wirklich oft schwer entscheiden, aber wenn ich ehrlich bin, ist es ganz anders: "Vielleicht" ist meine Art, nein zu sagen.
Lebensplan? Nein. Karriere? Nein. Ich mache Jobs, aber vor allem mache ich, was mir wichtig ist. Straßen blockieren gegen G 8, in die Ferne fahren, lesen und darüber schreiben. Das gegen einen 40-, 60-Stunden-Job einzutauschen erscheint mir nicht sehr attraktiv.
Und das geht nicht nur mir so, auch vielen Freunden und Bekannten.
Dass der Kapitalismus falsch ist, ist mir seit langem klar. Er lässt die Menschen gegeneinander antreten, anstatt zusammen zum Wohle aller zu arbeiten. Wie dumm! Er ist das Recht des Stärkeren. Er zerstört die Umwelt. Wer das befürwortet, ist nicht bei Trost. Ich weiß also, wie es nicht geht. Ich weiß nur nicht genau, wie es anders sein soll. Der wissenschaftliche Sozialismus hat ausgedient, und die Mini-Version von Sozialismus, besetzte Häuser, gibt es auch nicht mehr. Doch mit einem Ja zu einer Alternative kann man nein zum Kapitalismus sagen. "Vielleicht" ist meine Überlebensstrategie - bis das Nein wiederkommt.

FAMILIE
Karline Weiss, 27, Schauspielschülerin
Früher sind wir oft stundenlang zum See gefahren. Ich war vielleicht fünf, und immer lagen alle nackt da, meine Mutter, ihre Zwillingsschwester, die anderen Frauen und Rainer in der Mitte. Ich war die Einzige, die einen Badeanzug trug. Die anderen waren nackt. Ich fand es peinlich. Ich brauchte das nicht, um mich frei zu fühlen. Anders als die 68er, die sich befreien mussten, muss das in unserer Generation niemand mehr. In meiner Schulzeit ging es mir nie darum, anders zu sein. Ich wollte mich anpassen, damit ich nicht auffalle.
Wir haben keine Eltern, die gerade aus dem Krieg gekommen sind und die sich schwertun, Andersartiges zu akzeptieren. Meine Mutter fand alles interessant, was ich machte. Einmal, ich war etwa acht Jahre alt, stießen Rainer und ich im Englischen Garten auf ein totes Eichhörnchen. Ich wollte es am nächsten Tag in die Schule nehmen, und meine Mutter erlaubte es. Als ich es dort auspackte, wurde geweint, die Lehrerin brüllte. Ich verstand das nicht, meine Mutter ebenfalls nicht, und Rainer fand es auch doof, der Rainer Langhans aus der Kommune I. Aber das waren die 68er: von allem begeistert wie kleine Kinder. Anders als meine Mutter will ich gern heiraten. Ich sehne mich nach Werten, die meine Mutter und Rainer schrecklich finden, Treue, Sicherheit, Familie. Als Kind habe ich mir selbst den Wecker gestellt und bin zur Schule losspaziert. Ohne Frühstück. Meine Mutter lag da noch im Bett. Ich will für meinen Mann kochen, wenn er nach Hause kommt, und für meine Kinder da sein. Danach will ich in einem Club auflegen. Mir "Flavor of Love" auf MTV anschauen. Danach Schiller lesen. Beim Konzert von Leonard Cohen heulen. Mir egal, was andere darüber denken.

MUT
Julian Ditz (Name geändert), 32, SEK-Beamter
Wenn die Kripo sagt: "Das ist uns zu gefährlich, der ist bewaffnet und schießt auf uns", dann kommen wir. Da fährt man innerlich hoch, das Adrenalin steigt. Wir kümmern uns um Geiselnahmen, Erpressungen, Entführungen. Trotz jahrelanger Erfahrung lassen mich die Einsätze nicht kalt. Es ist Gefahr mit diesem Job verbunden.
Mut klingt nach Heldentum. In meinem Beruf gibt es keinen Platz für so was. Wenn ich meine Uniform anziehe, trage ich Verantwortung. Als Polizist läufst du einem Straftäter hinterher, springst ins Wasser, wenn ein Kind reinfällt. Das ist nicht mutig, das ist meine Arbeit.
Mut ist was Privates für mich. Mutig sein heißt, ein unkalkulierbares Risiko einzugehen. Sich ohne Kohle eine Eigentumswohnung kaufen. Aus Lust auf was Neues den Job kündigen, alles hinter sich lassen und nach Australien auswandern. Mutig fand ich mich, als ich mit 20 meine Sachen gepackt habe, in mein Auto gestiegen bin und in eine neue Stadt zog. Ich stand zum ersten Mal auf eigenen Füßen.
Manchmal fehlt mir was Kreatives in meinem Beruf. Mein Beamtenstatus hat Vorteile, gerade in der momentanen Krise. Ich habe 'nen bombenfesten Job. Trotzdem denke ich manchmal: "Es muss doch noch was geben." Wo ist das Risiko? Was sind die ursprünglichen Gefahren des Lebens? Ich will müde sein, schmutzig sein, durstig sein.
Heute braucht man zum Leben keinen Mut mehr. Ich muss nicht um mein Essen kämpfen, nicht um meinen Schlafplatz. Unsere Eltern haben es noch zu was gebracht, weil es einen Mangel gab. Meine Generation lebt beschützt und behütet, zerbricht sich den Kopf an Kleinigkeiten und ist zu träge, um sich gegen was aufzulehnen.
TNS Forschung für den SPIEGEL; 500 Befragte vom 19. bis 29. März; Angaben in Prozent; an 100 fehlende Prozent: keine Angabe.
* Mehrfachnennungen möglich.

DER SPIEGEL 25/2009
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DER SPIEGEL 25/2009
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