15.06.2009

ZEITGESCHICHTEDer Ton der Großväter

Was bedeutet die kürzlich enthüllte Stasi-Tätigkeit des Polizisten, der 1967 Benno Ohnesorg erschoss, für die Sicht der 68er auf den Springer-Konzern? Verlagschef Mathias Döpfner sieht die Chance, „das Geschichtsbild zu korrigieren“. Ein Blick in die Archive gibt dazu wenig Anlass.
Hans-Hermann Tiedje, 60, findet, dass sich aus dem Fall Kurras etwas machen lässt. Gutgelaunt sitzt der ehemalige "Bild"-Chefredakteur auf einer Restaurantterrasse über der Elbe, genießt den Weißwein, kastriert alle paar Minuten seine verglühende daumendicke Zigarre und erklärt gern, wie er, wäre er noch Boss bei "Bild", mit der Enthüllung umgehen würde: dass der Polizist, der 1967 Benno Ohnesorg erschoss, ein Stasi-Mann war.
"Ein halbes Jahr lang jeden Tag eine Kurras-Meldung ins Blatt - bam, bam, bam."
Bam, bam, bam: Der "Bild"-Ex und heutige Medienberater triumphiert. Jeden Tag müsste man es den 68ern unter die Nase reiben, wen sie damals, bei den Straßenschlachten in Berlin, zum Symbol des kapitalistischen Unterdrückerstaates aufgebaut haben, einen Stasi-Mann. Der Zigarrenquäler ist sicher: "Das bestätigt doch nur, der ganze linke Kram war Müll. In Erklärungsnot sind jetzt die anderen."
Dass sich etwas machen lässt aus dem Fall Kurras, das sehen sie in den Chefetagen des Springer-Verlags nicht viel anders. Dass "die anderen" nun in Erklärungsnot sind, all jene, die über Jahre Anklage erhoben haben gegen die Springer-Presse, gegen "Bild" und "Welt" und "B.Z." als publizistische Brandstifter in den Tumulten der späten sechziger Jahre, das gefällt auch dem Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner: Es sei an der Zeit, forderte er in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszei-
tung", "dass sich die uneinsichtigen Protagonisten der 68er-Bewegung mal bei unserem Haus entschuldigen". Dem Unternehmen sei "Unrecht widerfahren in dieser Auseinandersetzung, die bis heute negativ auf unser Haus wirkt".
Döpfner war vier Jahre alt, als Karl-Heinz Kurras den Studenten Ohnesorg am Rande der Schah-Demonstrationen vor der Berliner Oper erschoss. Doch nun sieht der Enkel die Chance, den Makel zu beseitigen, der an den Großvätern klebt: Die Springer-Journalisten von damals hätten die Stimmung mit erzeugt, aus der heraus die Schüsse fielen, auf Ohnesorg und vor allem, ein Jahr später, auf Rudi Dutschke.
Bam, bam, bam: Die drei Schüsse auf den linken Apo-Führer am Gründonnerstag 1968 in Berlin, abgegeben von einem rechten Desperado, lösten beispiellose Protestaktionen von Demonstranten gegen den Springer-Verlag aus. Das Verlagsgebäude an der Berliner Mauer wurde noch in der Nacht des Mordanschlags zum Zentrum gewalttätiger Auseinandersetzungen mit der Polizei. Militante zündeten Zeitungslieferwagen an und warfen die Scheiben des Glaspalastes an der heutigen Rudi-Dutschke-Straße ein. In mehreren Städten versuchten Demonstranten, die Auslieferung der Konzernblätter zu verhindern. "Dieser Sturm auf die Meinungsfreiheit" sei "der schwerste seit den Tagen des Dritten Reiches" gewesen, resümierte damals "Bild am Sonntag". Und "Bild" säte weiteren Sturm mit schadenfrohen Parolen wie der, dass Dutschke "Opfer des von ihm gepredigten Hasses geworden" sei.
Solche Parolen waren es vor allem, die damals bei Wissenschaftlern, Publizisten, Politikern und Studenten die wütende Forderung lodern ließen: "Enteignet Springer!"
Nicht die Stasi-Mitgliedschaft des wirren Polizisten Kurras, wohl aber die Verwirrung, die diese Enthüllung bei den Springer-Hassern der einstigen Apo ausgelöst hat, gibt die Gelegenheit, die Geschichte umzuschreiben. Scheint die Zeit ohnehin reif für eine neue Sicht der Vergangenheit: Schließlich hat doch die Stasi, viel mehr, als sich Linke wie Rechte das einst vorstellen konnten, immer wieder in die Geschichte der jungen West-Republik hineingepfuscht. Damals, so verbreitet der junge Verlagschef Döpfner heute, habe sich "die 68er-Bewegung, wissentlich und unwissentlich, zum Handlanger der SED machen lassen, um den Axel-Springer-Verlag als Feindbild und Fratze der freien Presse zu positionieren".
Genau das ist der Ton der Großväter. Dass die Linke vom Osten gedungen sei und - "wissentlich und unwissentlich" - den Kommunisten in die Hände arbeite, war die hysterische Unterstellung der Berliner Springer-Zeitungen in den späten sechziger Jahren. "Bild" und "B.Z." führten den empörten Schulmeisterton ein, der schließlich aus den Mündern von Studienräten und Hausfrauen, von kuchendicken Witwen im Café Kranzler jedem entgegentönte, der Kritik äußerte: "Dann geh doch gleich nach drüben."
Einen gepflegteren, infameren Ton wählte die "Welt", deren Kommentator Matthias Walden in der Ausgabe mit dem Datum des Todestags von Benno Ohnesorg erklärte, worum es geht: "Die Kommunisten werden bekämpft, weil sie nachweislich Unrecht begehen, das sie unterlassen könnten, wenn sie es nur wollten."
Warum lassen die das nicht? Mit dieser Frage quälte "Bild"-Berlin sich und seine Leser in der Revoluzzer-Stimmung vor dem Tod des Studenten fast jeden Tag. Schon im Februar 1966, als aus Protest gegen den Vietnam-Krieg der Amerikaner Studenten Eier - angeblich sechs Stück - gegen das Berliner Amerika-Haus warfen und versuchten, die US-Fahne auf Halbmast zu setzen, wusste die "B.Z.": "Ulbricht freut sich", und die ebenfalls zu Springer gehörende "Berliner Morgenpost" ergänzte: "Die Steuerung der Demonstration von ,drüben' war ... nicht zu übersehen."
Der ungezogene Übergriff im spießigen Berliner Westen mutierte in der Deutung der Springer-Presse schnell zur Krise. "B.Z." dichtete: "Studenten warfen Eier gegen das Gebäude, Studenten, die ihr Studium in Freiheit in dieser Stadt den Amerikanern verdanken, vergriffen sich an der amerikanischen Fahne. Pfui Teufel!"
"Bild" wusste schon damals, was zu tun ist: "Zwei Millionen Berliner lassen sich nicht von 1500 Wirrköpfen auf der Nase herumtanzen. Sie werden dafür sorgen, dass in Zukunft ähnlichen Demonstrationen die gebührende Antwort zuteilwird."
Pogromstimmung, in der Unschuld des Jahres 1966 noch subkutan, wurde im harten Jahr 68 dann ganz offen verbreitet: "Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen", ermutigte "Bild" im Februar die Leser, die mit ihrem Regenschirm auf dem Weg zum KaDeWe über Anti-Springer-Flugblattverteiler schon mal derart herfielen, dass diese Schutz bei der stets einsatzbereiten Polizei suchen mussten.
Bam, bam, bam: In den Wochen und Monaten vor der Schah-Demonstration gerieten die Einschläge der Springer-Kanonen immer heftiger: "FU-Randalierer", "Radau-Brüder", "Das Fass ist jetzt voll", "Jetzt wird aufgeräumt"! Die "Welt am Sonntag" sah am 30. April ein "paar hundert geistig und moralisch gestörte Studenten, die einigen deutschen Universitäten die üble Reputation eines intellektuellen Bordells anhängen". Und "Bild" setzte nach: "Werden drei Dutzend superlinke politische Gammler ... die Macht (an der Uni) endgültig an sich reißen?"
Wenn es Apo-Leuten gelungen war, sich mehr oder weniger lustig in Szene zu setzen, schwoll das Berliner Grundrauschen der Empörung vernehmlich an. So war es bei der als "Pudding-Attentat" berühmt gewordenen Aktion der Kommune 1 im April 1967: "Geplant: Bombenanschlag auf US-Vizepräsident" titelte "Bild" - ein US-Geheimdienst hatte Kommune-Mitglieder dabei belauscht, wie sie für den Besuch Hubert Humphreys in der Frontstadt fettige Wurfgeschosse und Rauchbomben vorbereiten wollten, um sie gegen den Wagen des Staatsgastes zu schleudern.
Aber keine Sorge, so versicherte "Bild", "Mister Humphrey, mit diesen Bombenlegern werden wir fertig".
Der Boden in der Frontstadt war bereitet, als wenige Wochen später die Schüsse aus der Dienstpistole von Karl-Heinz Kurras fielen. "Gestern haben die Krawallmacher zugeschlagen", berichtete "Bild" von der Schlacht vor der Oper, die sich zuspitzte, während das persische Kaiserpaar drinnen der "Zauberflöte" lauschte. "Bild" über die draußen: "Ihnen genügte der Krach nicht mehr. Sie müssen Blut sehen."
Als am folgenden Tag klar war, wie tragisch die Auseinandersetzung geendet war, erklärte sich die "Morgenpost" dann auch "betroffen": "Wer wäre nicht betroffen, dass die Krawallgier einiger radikaler Halbstarker eine Situation heraufbeschwor, in deren Hysterie das Unglück geschah." Benno Ohnesorg, so die Wahrheit aus der Springer-Zentrale, "ist nicht der Märtyrer der FU-Chinesen, sondern ihr Opfer". Und wieder war es dem feinsinnigen "Welt"-Kommentator Walden vorbehalten, die Geschichte genauer zu erklären: "Es waren die unbeherrschten Unreifen unter den Demonstranten, die durch ihre Steinwürfe und durch ihre polizeifeindliche Haltung die Vorwände oder auch die Motive für die subjektive Notwehrsituation des Schützen lieferten."
Es gibt eine unverdächtige Zeugin dieser wilden Zeit: Elisabeth Noelle-Neumann, die konservative Demoskopin, untermauerte 1968 die Kritik an der Springer-Presse mit einer wissenschaftlichen Studie.
Bei der Untersuchung der Artikel vom 3. bis 10. Juni 1967 attestierte Noelle-Neumann 83 Prozent der Springer-Blätter eine "polemisierende Berichterstattung", die sich nur bei 6 Prozent aller Zeitungen aus anderen Verlagen ausmachen ließ. Zudem enthielten 67 Prozent der Kommentare in den Springer-Titeln "Kritik an Demonstranten", die nur in 35 Prozent der anderen Zeitungen zu finden war.
Als Ostern 1968 die drei Schüsse auf Rudi Dutschke fielen und der Sturm aufs Springer-Haus begann, waren sich die Kommentatoren des Verlags dennoch sicher, dass sie für die aufgeheizte Stimmung der vergangenen Monate und Jahre nichts konnten. Der Fall Dutschke sei "nur der Auslöser" gewesen, wusste die "B.Z.", "die Pläne für den Sturm auf die Verlags- und Druckhäuser lagen fix und fertig in den Schubladen der Revoluzzer". Und "Bild" wusste, wie sie dahin gekommen waren: "Kommunistische Maßarbeit".
Doch die "ganze Wahrheit", wie "Bild" das nennen würde, war anders. Wenn es einen Initiator der Anti-Springer-Kampagne der sechziger Jahre gab, war es nicht der SED-Chef Walter Ulbricht, sondern der Hamburger CDU-Politiker Gerd Bucerius. Der "Zeit"- und "Stern"-Verleger schrieb bereits im Februar 1961 an Springers Generalbevollmächtigten: "Es ist meine Überzeugung als Verleger und als Politiker, dass die publizistische Macht des Hauses Springer an die äußerste Grenze dessen gekommen ist, was ein Staat hinnehmen kann." Im Mai 1966 schrieb "Buc" an den "Lieben Axel", mit dem er schon Urlaubstage verbracht hatte: "Eine Macht, wie Sie sie aufbauen, verletzt die Verfassung." Vor seinen Kollegen John Jahr sen. und Richard Gruner klagte er über die "peinliche Selbstvergötterung" und "flegelhafte Machtbekundung" Springers, den er schlicht für einen "Paranoiker" hielt.
Mitte der Sechziger avancierte ein durch Springers Expansion drohendes Meinungsmonopol zum Thema der öffentlichen Debatte. SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein schrieb im August 1966: "Springers Konzern wächst, nicht gerade wie eine Lawine, aber wie ein gefräßiger Tumor."
Dass Augstein - wie es Manfred Bissinger erinnert - einen Scheck über 50 000 Mark für die Anti-Springer-Kampagne ausgestellt hat, dafür hat sich bislang beim SPIEGEL noch kein Beleg gefunden. Vom Abhalten des "Springer-Tribunals" riet er auf jeden Fall ab und nannte es bei einer Podiumsdiskussion eine "Schnapsidee".
Nach Angaben eines Ex-Apo-Aktivisten spendete Augstein 20 000 Mark für die Renovierung des Republikanischen Clubs, des Treffpunkts der West-Berliner Linken. Bei Projekten, die er politisch für unterstützenswert hielt, war er nicht geizig.
Doch, so urteilt heute Ernst Cramer, 96, einst Springers engster Vertrauter und Aufsichtsrat, das Geld von Augstein und Kollegen sei "nicht so entscheidend" gewesen, "viel wichtiger war die publizistische Unterstützung der Studentenbewegung durch die Hamburger Verlage".
Der Druck kam von allen Seiten: Im Mai 1967 sah sich die Bundesregierung auf Drängen des Bundestags genötigt, eine Kommission einzuberufen, die mögliche "Folgen der Konzentration für die Meinungsfreiheit" untersuchen sollte. Zu den Gutachtern zählte auch Axel Springer, der allerdings beleidigt sein Amt niederlegte, als der Tagesordnungspunkt "Konzentration" verhandelt werden sollte. Ein CDU-Mann in der Kommission forderte, der Anteil eines Verlegers an der Gesamtauflage müsse per Gesetz auf 30 Prozent begrenzt werden. Der Springer-Verlag kontrollierte rund 26 Prozent der Tages- und 29 Prozent der Wochenzeitungsauflage. Die Große Koalition schreckte indes davor zurück, sich mit Springer anzulegen.
Es blieb den Redakteuren der Studentenzeitung "Berliner Extra-Blatt" überlassen, im Mai 1967 die Forderung "Enteignet Axel Caesar Springer!" zu erheben. Der Kommentator des Studentenblatts verwies darauf, dass sich knapp 70 Prozent der West-Berliner Tageszeitungsauflage in der Hand Springers befanden, und fragte: "Wo aber - verdammt noch mal - steht eigentlich geschrieben, dass sich eine demokratische Gesellschaft von einem reichen Mann ein politisches Diktat aufzwingen lassen muss?"
In Anlehnung an die damals populären Hippie-Ansteck-Buttons ("Make Love not war"), ließ der Schriftsteller Hannes Schwenger, auch ein "Extra-Blatt"-Autor, im Sommer 1967 Buttons mit dem Spruch "Enteignet Springer" herstellen. Die erwiesen sich als Renner, "vom Verkaufserlös", so Schwenger, "übergaben wir später jeweils 10 000 Mark an Dutschke und den Republikanischen Club".
Der Journalist arbeitete auch beim Zeitungsprojekt "Heute" mit. Finanziert von Rudolf Augstein, bastelte ein Dutzend junger Journalisten an einer anspruchsvollen Zeitung. Hermann Gremliza, späterer SPIEGEL-Redakteur und heutiger "Konkret"-Chef, sowie Ernst Elitz, später Intendant des Deutschlandradios, mischten mit. Zum Stab gehörten zudem drei Männer, die von der Stasi als Inoffizielle Mitarbeiter geführt wurden: Carl Guggomos, Dietrich Staritz, später kurzzeitig SPIEGEL-Redakteur, und Walther Barthel. Staritz und Barthel waren praktischerweise Doppelagenten und dienten auch dem West-Berliner Verfassungsschutz.
Augstein beerdigte das Experiment bald, weniger aus politischen Gründen, vielmehr waren die Probenummern teils von unterirdischer Qualität. Obwohl die Stasi ihm damals über die Schulter sah, bleibt Schwenger dabei: "Die Anti-Springer-Kampagne wurde uns nicht von der DDR oder Stasi-Agenten eingepflanzt." Es seien die Springer-Journalisten gewesen, "die uns auf die Palme gebracht hatten".
Außer Frage steht, dass die ostdeutschen Kommunisten Springer hassten - und dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte. Der SED-Chefideologe Albert Norden hatte 1962 zum Boykott der "Kriegshetzer" aus dem Hause Springer aufgerufen. Stasi-Offiziere versuchten Axel Springer und ersatzweise seiner Familie eine Nazi-Vergangenheit anzudichten, die es nicht gab.
Um noch auf den Anti-Springer-Zug der Studenten aufzuspringen, gründete das SED-Zentralkomitee 1967 eine "Arbeitsgruppe zur Unterstützung der Anti-Springer-Kampagne in Westdeutschland und Westberlin". Als besonders hilfreich erwiesen sich die Genossen nicht. So versprach ein Mann, den die Studenten für einen Ost-Berliner Spion hielten, belastendes Material über Springer zu beschaffen. "Es war eine große Enttäuschung", erinnert sich der Schriftsteller Peter Schneider an das Dossier.
Die These, wonach die Apo ein Erfüllungsgehilfe der SED gewesen sei, hält der DDR-Experte Jochen Staadt für überwiegend falsch. Staadt gehört zu den Wissenschaftlern, die im Auftrag des Springer-Verlages dessen Bearbeitung durch die Stasi untersucht haben. Staadt sagt einerseits: "Zu 85 Prozent war die Kampagne hausgemacht", andererseits räumt er ein, die Stasi habe "draufsatteln" können.
Auch Helmut Müller-Enbergs, bei der Birthler-Behörde für Westagenten zuständig, warnt davor, den Einfluss des Mfs im Westen zu überschätzen. "Die Stasi wollte in erster Linie Pläne und Absichten in Erfahrung bringen, nicht aber steuern." In West-Berlin, so der Forscher, blieben linke Gruppen auf DDR-Kurs "stets politisch marginal".
Dass Döpfner dennoch die alten Thesen seiner Großväter wieder aufwärmt, erstaunt
selbst Weggefährten des in der Branche als liberal und intellektuell geltenden Verlagschefs. So hatte er 2005 in einem Aufsatz geschrieben, die Anti-68er-Bewegung im Hause Springer habe "eine Bunker- und Barrikadenmentalität in den eigenen Reihen erzeugt" und das Zeitungshaus isoliert. Auch räumte Döpfner die Eskalationen der Konzernblätter Ende der Sechziger wiederholt ein - wenngleich immer verbunden mit der Aufforderung an die 68er, bitte ähnliche Selbstkritik zu üben. Springer schien ein moderner Verlag wie jeder andere zu werden.
Doch nun will Döpfner moralisch nach vorn - und dem Verlag die lang versagte Gerechtigkeit widerfahren lassen. "Wenn es jetzt die Möglichkeit gibt, das von der SED-Propaganda geprägte Geschichtsbild Springers zu korrigieren, dann muss man sich als Unternehmensverantwortlicher hierfür engagieren und kann sich nicht wegducken, zumal der Konzern bis heute an diesem falschen Bild Schaden nimmt", erklärt Döpfner. Er fordere nur "eine differenzierte Auseinandersetzung" mit Springer ein.
Es ist nicht allein das vermurkste Image, das ihn antreibt. Er sagt: "Dass der Verlag heute in Deutschland ein Bruchteil so groß ist wie Bertelsmann, hat auch damit zu tun, dass Axel Springer infolge der Enteignet-Springer-Kampagne und der Vorwürfe zu großer Meinungsmacht einen Teil seines Verlages verkaufte und Zukäufe unterließ."
Der Schmerz sitzt gerade bei Döpfner tief: 2006 verbot das Kartellamt Springer die Übernahme des TV-Konzerns ProSiebenSat.1, mit der der Verlag in Bertelsmannsche Größenordnungen vorgestoßen wäre. Begründung: Springers allzu große Marktmacht. Die 68er-Debatte als Chance, die alten Fesseln abzuwerfen?
Dass das nicht ganz so einfach ist, räumt auch Springers Weggefährte Cramer ein, "denn ganz bestimmt haben auch wir eine Menge falsch gemacht".
Nur einer der Beteiligten von einst scheint dieser Tage gänzlich unberührt von Selbstzweifeln: Karl-Heinz Kurras, der zu den Stasi-Vorwürfen beharrlich schweigt. Vorigen Freitag bekam er unerwartet Besuch von ehemaligen Kollegen.
Die ermitteln gegen ihn wegen illegalen Waffenbesitzes und fanden bei Kurras - Ex-"Bild"-Chef Tiedje könnte frohlocken - einen Totschläger und, bam, bam, bam, einen Revolver.
MARKUS BRAUCK, THOMAS DARNSTÄDT, ISABELL HÜLSEN, MICHAEL SONTHEIMER, PETER WENSIERSKI
* An Ostern 1968 vor dem Berliner Springer-Haus nach dem Attentat auf Rudi Dutschke.
* Ostermarsch 1968 in Stuttgart.
Von Markus Brauck, Thomas Darnstädt, Isabell Hülsen, Michael Sontheimer und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 25/2009
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