15.06.2009

ZEITGESCHICHTEManipulationen im Untergang

Ein Blick auf die letzten Kriegsjahre / Von Dieter Wellershoff
Wellershoff, 83, ist Schriftsteller und lebt in Köln. Nach einem Bericht des "Zeit-Magazins" wurde jetzt eine auf seinen Namen ausgestellte Mitgliedskarte der NSDAP gefunden - ohne unterschriebenen Aufnahmeantrag. In autobiografischen Büchern ("Der Ernstfall", "Der lange Weg zum Anfang") hat er sich mit seinen Erlebnissen im Nationalsozialismus beschäftigt. Im Sommer erscheint sein Roman "Der Himmel ist kein Ort".
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Die Mitteilung, dass es im Bundesarchiv in Berlin eine Karteikarte vom "Gau Düsseldorf" gibt, die mich unter der Nummer 10172531 zum Mitglied der NSDAP erklärt, scheint mir wie ein schlechter Scherz oder ein grotesker Irrtum. Denn im Gegensatz zur Wehrmacht, die ich als Jugendlicher wie fast alle meine Altersgenossen in den ersten Kriegsjahren idealisierte, hatte ich immer eine an Verachtung grenzende Abneigung gegen die "braunen Bonzen" der Partei. Sie waren für mich Maulhelden und uniformierte Spießer. Ich wurde Jungvolkführer, um nicht mit 14 Jahren in die Hitlerjugend zu müssen und mit 18 in die Partei übernommen zu werden. Als ich dann 1943 mit 17 Jahren als Kriegsfreiwilliger zur Wehrmacht einberufen wurde, war für mich diese Gefahr endgültig gebannt.
Nun allerdings warteten, vor einem verdüsterten Zukunftshorizont, die wirklichen Gefahren auf mich. Seit Stalingrad war die Wehrmacht an allen Fronten in Rückzugskämpfe verstrickt. Das Afrikakorps hatte in aussichtsloser Lage kapituliert. Nacht für Nacht wurden, ohne wirksame Gegenwehr, die deutschen Städte bombardiert. Ich hatte heimlich BBC gehört und begriffen, dass der Krieg verloren war.
Es war eine Mischung aus Resten patriotischer Moral und dumpfer Schicksalsergebenheit, mit der ich in den Krieg zog. Ich kam zur militärischen Ausbildung nach Holland, dann nach Berlin und im Sommer 1944 in Litauen an die Ostfront, wo die Kompanie im Laufe von zehn Wochen annähernd die Hälfte ihres Bestandes verlor. Nachdem sie mit Rekruten des Jahrgangs 1926 aufgefüllt worden war, wurde sie Mitte Oktober bei einem aussichtslosen Angriffsunternehmen, bei dem auch ich verwundet wurde, in einem einzigen Tag fast ganz aufgerieben oder, wie es damals hieß, "verheizt". Den Kriegswinter verbrachte ich im Lazarett, kam im März noch einmal an die Oderfront und gelangte im Chaos des Zusammenbruchs auf einem Fahrrad zu den Amerikanern.
Während dieser ganzen Zeit wäre es für mich ein völlig abwegiger Gedanke gewesen, in die Partei einzutreten. Fünfzig Jahre später schrieb ich mein Buch "Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges", in dem ich die Erfahrungen und Mentalitäten meiner Generation dargestellt habe. Es wäre für mich auch eine plastische und unverzichtbare Gelegenheit gewesen, über die Idiotie eines Parteieintritts in der Endphase des Krieges zu schreiben - wenn es ihn denn gegeben hätte.
Um das Rätsel der Karteikarte aufzuklären, rief ich im Bundesarchiv in Berlin an. Dort erfuhr ich, dass es in den Beständen des Archivs keinen von mir unterschriebenen Antrag auf Aufnahme in die Partei gebe. Aus weiteren Unterlagen, die mir das Bundesarchiv geschickt hatte, konnte ich entnehmen, dass in der Parteibürokratie des letzten Kriegsjahres vieles obskur war. Zum Beispiel ein "Laufschreiben" mit Eingangsstempel vom 25. Januar 1945, mit dem der Schatzmeister des Gaus Düsseldorf 368 Aufnahmescheine von HJ-Angehörigen der Jahrgänge 1923/24 und 1925 an die Reichsleitung der NSDAP in München überweist. Es handelte sich um nachgereichte Anträge, zu denen ein Oberbereichsleiter Schneider bei der Reichsleitung der NSDAP in München an den Gau Düsseldorf im klassischen Amtsdeutsch geschrieben hatte: "In Erledigung Ihres Schreibens vom 28. März 1944 erkläre ich mich ausnahmsweise damit einverstanden, daß Aufnahmeanträge von Angehörigen der HJ der Jahrgänge 1923/24 und 1925, soweit diese mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse im Gau Düsseldorf der Reichsleitung bisher nicht vorgelegt werden konnten, unter Bezugnahme auf diesen Brief eingereicht werden."
Was war da los? Was waren die zitierten "besonderen Verhältnisse"? Verlust von Unterlagen durch Bombenschäden? Möglicherweise. Jedenfalls gab es eine Bringschuld im Gau Düsseldorf: Beim jährlichen Parteinachwuchs, der jeweils zu Hitlers Geburtstag als Geschenk an den Führer präsentiert wurde, war eine Lücke von drei Jahrgängen entstanden, die nun kurzerhand geschlossen werden sollte. Doch zum Zeitpunkt des zitierten Briefwechsels waren viele der angeblichen Antragsteller längst tot oder in Gefangenschaft oder verschollen. Was konnte man da tun? Nun, man konnte alles tun, da die Betroffenen nicht mehr protestieren konnten. Man konnte Namenslisten und Karteikarten herstellen, die dem erwarteten Bild entsprachen, und dann alles zurückdatieren, damit es glaubwürdiger wurde. Sehen wir hier also der Arbeit einer politischen Fälscherwerkstatt zu?
In dem informierenden Begleitbrief zu den Unterlagen, die mir das Bundesarchiv schickte, wird auf Aussagen des Leiters des Mitgliedschaftsamtes bei der Reichsleitung der NSDAP, Dr. Anton Lingg, aus dem Jahre 1947 verwiesen. Lingg gab damals zu Protokoll, niemals seien Personen in die Partei aufgenommen worden, für die nicht ein persönlich unterschriebener Einzelantrag vorlag. Aufnahmen durch Sammellisten seien nicht vorgekommen. Lingg machte diese Aussage im Internierungslager Regensburg bei seiner Vernehmung durch die alliierten Kontrollbehörden. Ihr Wahrheitswert muss bezweifelt werden - Linggs Interesse, sich persönlich zu schützen und sich als Biedermann und korrekten Bürokraten darzustellen, sicher nicht.
Was ist das für ein befremdliches Interesse, das diesem Nazi-Funktionär Glaubhaftigkeit zubilligt, um einer langen Reihe von Intellektuellen, Schriftstellern, Künstlern, Musikern, Wissenschaftlern und Politikern, die gegen Ende des Krieges zwischen 17 und 21 Jahre alt waren und in den folgenden Jahrzehnten maßgeblich die Kultur unseres Landes geprägt haben, unterstellen zu können, sie seien Lügner, die sich weigerten zuzugeben, freiwillige Mitglieder der Nazi-Partei gewesen zu sein? Handelt es sich hier um einen nachgetragenen Generationenkrieg?
Die Glaubwürdigkeitsdebatte ist 2007 durch einen Artikel im "Focus" ausgelöst worden und dauert immer noch an. Aber sie hat sich inzwischen gewendet, schon allein deshalb, weil die vorübergehend verdächtigten Personen im Gegensatz zu jenem Dr. Lingg alle durch ihr Lebenswerk ausgewiesene Menschen sind, die es nicht nötig hätten, Irrtümer und ideologische Gläubigkeiten ihrer Jugend zu verleugnen. Vor allem aber haben renommierte Historiker wie Hans Mommsen, Hans-Ulrich Wehler und Norbert Frei festgestellt, dass es durchaus Massenrekrutierungen für die Partei ohne persönlich unterschriebene Aufnahmeanträge gegeben hat. Laut Ulrich Herbert gibt es auch Hinweise, dass ehrgeizige NS-Führer bemüht waren, zum Beweis ihrer Tüchtigkeit hohe Eintrittszahlen zu melden. Da es in den letzten Kriegsjahren immer weniger freiwillige Beitrittserklärungen gab, boten sich kollektive Rekrutierungen von Mitgliedern ohne persönlich unterschriebene Beitrittserklärungen als einziges Mittel an, eine Massensolidarität der Jugend mit der NS-Führung vorzutäuschen.
Solche Manipulationen und Scheinaktivitäten, wie zum Beispiel auch die Einführung des Hitlergrußes in der Wehrmacht, gehören in das Gesamtpanorama des unumkehrbaren Niedergangs der militärischen und politischen Macht, der von einem Prozess fortschreitender Irrealisierung des Bewusstseins begleitet wurde. Angesichts der enormen Verluste an Menschen, Material, Rohstoffen und Territorium und der gewaltigen militärischen und materiellen Übermacht der Alliierten blieb für die deutsche Propaganda zuletzt kein anderes Motiv mehr, als auf die Fiktion einer überlegenen Moral zu setzen. Die militärische und materielle Unterlegenheit Deutschlands wurde nicht mehr geleugnet oder vertuscht, sondern sogar, vor allem in den Durchhaltereden von Joseph Goebbels, mit düsteren Untergangsszenarien unterlegt, um dann mit einer plötzlichen Wendung ins Imaginäre eine vermeintlich typisch deutsche, unüberbietbare geistige Ressource ins Spiel zu bringen: den Willen zu einem fanatischen Opfergang bis zum Endsieg, der für ganz Europa das Tor zu einer großartigen Zukunft öffnen würde.
Der größte Phantast und Einpeitscher der Illusion von der Überlegenheit des Willens über die materielle Übermacht war natürlich Goebbels. Es war das zentrale Thema seiner zahlreichen Reden, in denen er die Vision eines endgültigen Sieges dank überlegener Moral beschwor, so eindrücklich, dass es wie tiefe Gewissheit klang. Vielleicht glaubte er es auch, solange er redete. Es war der in rhetorische Phantasie umgewandelte Rettungswunsch eines Menschen, der sich in einer immer aussichtsloser werdenden Situation sah und sich immer wieder in Illusionen flüchtete.
Bei einer Veranstaltung am 3. Oktober 1944 in einer großen Kölner Werkhalle erhob er es zum entscheidenden politischen Erziehungsprogramm, "den Widerstandswillen im deutschen Volke zu fanatisieren", und erging sich in Lobeshymnen auf die "opferbereite und einsatzwillige Jugend", die im Westen und im Osten beim Festungsbau der Nation das edelste Beispiel nicht nur der Einsatzbereitschaft, sondern auch der Standhaftigkeit und der Treue zu den beschworenen Werten unseres nationalen Lebens gegeben habe.
Das waren Worte, die vermutlich in der Bevölkerung nicht mehr viel Eindruck machten, aber umso eifriger in der Partei gehört wurden. Der Düsseldorfer Gauleiter, der auch an dieser Veranstaltung teilgenommen haben muss, wird verstanden haben, dass diese Worte als eine Anweisung an ihn gerichtet waren, die sich auflösenden Reihen wieder fest zu schließen. Das erklärt die Bedenkenlosigkeit, mit der die Düsseldorfer Gauleitung 368 bis dahin nicht greifbare Anträge auf Parteimitgliedschaft aus dem Hut zauberte und als Geschenk zu Hitlers Geburtstag nach München meldete. Um zu den Geburtsjahrgängen zu passen, wurden sie um ein Jahr zurückdatiert. Einsprüche waren nicht zu erwarten.
Niemand erfuhr von den Manipulationen, was ich bestätigen kann, wie offenbar viele andere auch. Viele waren inzwischen auch gefallen.
Von Dieter Wellershoff

DER SPIEGEL 25/2009
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