22.06.2009

UNION„Ich, Merkel“

Beate Baumann ist Büroleiterin und engste Vertraute der Bundeskanzlerin. Sie hat nur ein politisches Ziel, den Machterhalt ihrer Chefin. Es ist die Aufgabe, der sie alles untergeordnet hat: Freundschaften, Karriere, das eigene Leben. Die Geschichte einer Verschmelzung. Von Ralf Neukirch
Bei den Touristen im Café Einstein Unter den Linden fällt die Herrin über das Kanzleramt glatt durch. Ins Einstein geht man nicht wegen des Apfelstrudels, sondern um die Wichtigen und Mächtigen zu beobachten. Wer durch die Eingangstür tritt, wird gemustert und taxiert. Maybrit Illner oder Karl-Theodor zu Guttenberg lösen aufgeregtes Tuscheln aus. Für Beate Baumann unterbricht niemand sein Gespräch.
Im hinteren Saal, wo Politiker, Lobbyisten und Journalisten vor weißen Tischdecken sitzen, ist es ein wenig anders. Ein Herr im Blazer mit gegeltem Haar nickt Baumann zu. Von einigen Plätzen kommen verstohlene Blicke. Während Baumann einen Kaffee bestellt, flüstern am Nachbartisch zwei Männer miteinander. Offenbar haben sie einiges über Baumann gehört. Sie soll sehr mächtig sein.
Baumann, 45, ist die Frau auf der unsichtbaren Seite der Macht. Man weiß, dass es sie gibt, aber Genaues ist nicht bekannt. Sie tritt nicht öffentlich auf und gibt keine Interviews. Sie ist ein Phantom.
Sie ist die "Leiterin des Kanzlerbüros", heißt es offiziell, aber das sagt nur wenig über ihre wahre Rolle aus. Sie ist die wichtigste Beraterin der Kanzlerin, niemand steht dieser politisch so nahe wie Baumann. Zwischen den beiden Frauen herrsche ein "totales Vertrauensverhältnis", bemerkte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff einmal. Es klang durch, wie sehr ihn das ärgert.
Wulff hat eher noch untertrieben. Baumann und Merkel, das ist die Geschichte einer Verschmelzung. Baumann hat sich der Kanzlerschaft ebenso verschrieben wie Merkel selbst.
Es ist kein Bündnis, an dem beide den gleichen Anteil haben. Baumann ist für Merkel eine wichtige Vertraute, aber man kann sich ein politisches Leben von Angela Merkel ohne Beate Baumann vorstellen. Alles Schöne fällt für Merkel ab, die Macht, die Aufmerksamkeit, die Anerkennung in der Öffentlichkeit.
Während Merkel für ihren Anteil an der Kanzlerschaft reich belohnt wird, hat Baumann einen mäßig bezahlten Job, in dem sie so hart arbeiten muss wie wenige. Das macht sie seit mehr als zehn Jahren. Sie hat ihr Leben vollkommen dem Karriereglück einer anderen gewidmet. Warum?
Ihr Zimmer im siebten Stock des Kanzleramts verströmt reine Sachlichkeit. Ein Computerbildschirm auf dem aufgeräumten Schreibtisch, ein Fernseher, eine Besucherecke. Es gibt keine Reiseandenken auf dem Regal, keine privaten Fotos, nichts von dem Schnickschnack, mit dem viele ihre Arbeitsstätten heimeliger machen. Nur ein Strauß Blumen steht verloren auf einem Beistelltisch herum.
Alles wirkt praktisch, auch die Frau, die in diesem Büro arbeitet. Beate Baumann hat einen Kurzhaarschnitt, sie trägt Hosen und flache Schuhe. Kein Make-up, keinen Schmuck. Man nimmt ihr sofort ab, dass sie kein Interesse an öffentlicher Aufmerksamkeit hat. Baumann ist die Konzentration auf das Wesentliche. Es gibt keinen Zierrat, der ablenkt, weder in ihrer Umgebung noch an ihr selbst. Es gibt nur eine Aufgabe.
Wie kann Angela Merkel Kanzlerin bleiben? Das ist die wichtigste Frage für Beate Baumann, eigentlich die einzige. Alles andere hat nur eine abgeleitete Funktion: politische Inhalte, die Partei, persönliche Loyalitäten. Baumann identifiziert sich total mit dieser Aufgabe. Im Gespräch sagt sie manchmal "ich", wenn sie Merkel meint. Dann verbessert sie sich schnell: "Ich, Merkel". Es wirkt wie eine Anmaßung, aber es könnte auch das Gegenteil sein: Die Preisgabe des eigenen Ichs, um einem anderen Ich vollkommen dienen zu können.
Besessen oder auch nur verkniffen wirkt Baumann allerdings nicht, im Gegenteil. Sie hat Spaß am politischen Spiel. Sie kann komplizierte Situationen präzise analysieren, sie in fassbare Bestandteile zerlegen und zu einem neuen Bild zusammensetzen. Es ist wie bei dem chinesischen Legespiel Tangram, wo aus ein paar Dreiecken und Vierecken plötzlich etwas Überraschendes entsteht, ein Boot oder ein Haus.
Für ihre Aufgabe hat Baumann einen eigenen Begriff geprägt. Sie ist für die "Tonalität" der Kanzlerschaft zuständig. Die Tonalität, das sind nicht nur die Reden und Interviews Merkels. Es ist das Gesamtbild der Kanzlerin, ihre politischen Gesten, ihre Auftritte. Wenn Merkel den Papst wegen seiner Haltung zur Piusbruderschaft kritisiert oder dem designierten US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama einen Redeauftritt vor dem Brandenburger Tor verwehrt, dann gehört das zur Tonalität.
Vor zwei Jahren stand Merkel vor der Frage, ob sie den Dalai Lama im Kanzleramt zum Gespräch treffen sollte. Die außenpolitischen Experten rieten ab. Die Chinesen würden sich düpiert fühlen, die Beziehungen zum wichtigsten Land Asiens wären belastet.
Baumann sah nicht Deutschland, sie sah Merkel. Der Dalai Lama ist im Westen beliebt. Merkel könnte zeigen, wie wichtig ihr die Menschenrechte sind. Warum sollte sie sich vorschreiben lassen, wen sie als Gast empfängt? Baumann definierte Weltpolitik nach den Interessen der Kanzlerin.
Merkel empfing den Dalai Lama. Ob es den Beziehungen zu China dauerhaft geschadet hat, ist schwer zu sagen. Merkels Ansehen bei vielen Bürgern hat es jedenfalls genutzt.
Man muss nicht lange mit Baumann reden, um zu ergründen, warum Merkel sich auf sie verlässt. Beide haben den gleichen analytischen Blick auf die Welt. Sie sehen die Eitelkeit der anderen Mitspieler und nutzen sie. Sie haben ein sehr kühles Verhältnis zur Politik.
Das gilt auch für die eigene Partei. Baumann fühlt sich dem liberalen Flügel der Union verbunden, aber es ist ähnlich wie bei der Kanzlerin: Wenn es um die CDU geht, spürt man kein Feuer in ihr.
Die Partei ist wichtig, weil sie Merkels Machtbasis ist. Baumann sorgt dafür, dass das so bleibt. Sie führt faktisch die Parteizentrale; einzelne Abteilungsleiter im Adenauer-Haus wie Organisationschef Ulf Leisner und der Marketingexperte Oliver Röseler sind ihr durch persönliche Loyalitäten verbunden.
Kollateralschäden bleiben bei dieser Herrschaftstechnik nicht aus. Der jetzige Fraktionschef Volker Kauder gab sein Amt als Generalsekretär vor dreieinhalb Jahren auch deshalb auf, weil er sich nicht länger von Baumann vorschreiben lassen wollte, welche Plakate er für den Wahlkampf auszuwählen hat.
Michael Spreng, Medienberater des früheren CSU-Chefs Edmund Stoiber, erinnert sich gut an die Wahlkampfbesprechungen mit Baumann vor der Bundes-
tagswahl im Jahr 2002. Dem damaligen Generalsekretär Laurenz Meyer fuhr sie oft rüde über den Mund. "Das machen wir anders", blaffte sie. "Die Vorsitzende will es so." Danach war die Diskussion beendet. Baumann kann sehr scharf sein, sehr verletzend.
Vor ihren Ausbrüchen ist selbst die Chefin nicht sicher. Als vor einiger Zeit bei einer Besprechung mit Mitarbeitern die Rede auf ein Statement Merkels kam, fuhr Baumann die Kanzlerin an: "Wie konnten Sie nur so etwas sagen!" Die Zuhörer zuckten zusammen. Merkel nahm den Vorwurf wortlos hin.
Baumann ist die Einzige, die sich solche Grenzüberschreitungen erlauben darf. Sie ist trotzdem mit Merkel immer noch beim "Sie". Vermutlich ist das eine Art Sicherung dafür, dass eine Mindestdistanz gewahrt bleibt.
Baumann und Merkel, das ist grenzenlose Loyalität, aber nicht uneingeschränkte Bewunderung. Niemand in der CDU analysiert Merkels Schwächen kühler als Baumann, ihre Zögerlichkeit, ihre Fehleinschätzungen. Niemand benennt sie klarer. Baumann darf das, weil sie nur Merkels Erfolg will und nichts für sich selbst.
Eine Beziehung wie zwischen Merkel und Baumann entsteht in der Politik nur unter außergewöhnlichen Umständen. Dabei begann sie als Zufallsbekanntschaft. Wulff, seinerzeit im CDU-Vorstand von Niedersachsen, vermittelte Baumann 1992 an Merkel, damals Frauenministerin und stellvertretende CDU-Vorsitzende. Sie suchte einen Mitarbeiter für ihr Büro im Konrad-Adenauer-Haus.
Eigentlich wollte Baumann Lehrerin für Deutsch und Englisch werden, doch die Politik machte ihr Spaß. Merkel holte sie als Referentin ins Jugendministerium und 1994 ins Umweltministerium. Es war das übliche Chef-Mitarbeiter-Verhältnis, vertrauensvoll, aber nicht sehr eng.
Das ändert sich, als 1999 die Parteispendenaffäre über die CDU hereinbrach. Die unerfahrene Generalsekretärin musste die CDU durch die schwierigste Situation ihrer Geschichte steuern. Die wichtigen Dinge erfuhren Merkel und ihre Mitarbeiter aus den Medien. Der abgewählte Kanzler Helmut Kohl und der neue Parteichef Wolfgang Schäuble redeten nicht über das, was sie wussten.
Baumann stand oft abends am Bonner Hauptbahnhof, um die Zeitung des nächsten Tages zu kaufen. Wenn sie Merkels Büro betrat, sagte sie statt einer Begrüßung: "Nichts Schlimmes!" Es sei denn, es war wieder etwas Schlimmes passiert.
Merkel hätte im Strudel der Ereignisse untergehen können. Doch sie löste sich von Kohl, von Schäuble, am Ende stieg sie zur Parteivorsitzenden auf. Baumanns Hingabe und ihr wachsender Einfluss auf Merkel erklären sich aus dieser Erfahrung.
Als Merkels Kanzlerschaft während der Verhandlungen über die Gesundheitsreform im Herbst 2006 in die Krise rutschte, drängte ihr Sprecher Ulrich Wilhelm zum Handeln. Die Kanzlerin sollte zeigen, dass ihr die Regierung nicht entgleitet. Wilhelm hat bei Stoiber gelernt. Dort ging es jede Woche darum, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.
Baumann war dagegen. Sie hält so etwas für eine typische Männerreaktion. Das passe nicht zu Merkel, sagte sie. Es wäre der falsche Ton. Männer glaubten immer, sie müssten handeln. Das hat Baumann in der Parteispendenaffäre erlebt. Die Stärke der Frauen sieht sie darin, dass sie warten können. Baumann ist sich sicher, dass Schäuble als Parteivorsitzender überlebt hätte, wenn er nur ruhig geblieben wäre. Merkel hörte auch diesmal wieder auf sie.
Auf der Leitungsebene des Kanzleramts ist es noch stiller als in den Fluren darunter. Man hört keine Schritte, kein Türschlagen. Nur manchmal dringt aus einem Zimmer das Klingeln eines Telefons oder das Klappern einer Tastatur. Baumanns Büro ist auf dem gleichen Gang wie das der Kanzlerin, nur einige Vorzimmer liegen dazwischen. Die Türen sind meist offen, man sieht sich häufig, es sind nur ein paar Schritte zum anderen. Sigrid Krampitz, die Büroleiterin von Gerhard Schröder, arbeitete einen Stock tiefer. Es war eines der ersten Dinge, die Merkel änderte.
Am Anfang, als im Kanzleramt eine neu zusammengewürfelte Truppe die Arbeit aufnahm, da wusste noch nicht jeder, wo seine Macht endet. Kanzleramtschef Thomas de Maizière dachte, er sei auch zuständig für die politische Strategie. Er hatte da etwas missverstanden. Baumann hat ihm das schnell klargemacht.
Das ist eine ihrer Belohnungen: die Mächtigste im Umfeld der Kanzlerin zu sein. Und sie ist genau der Typus für diese Rolle. Sie ist nicht die Frau, die erwartet, dass der eigene Auftritt in größeren Kreisen Wirkung erzielt. Ihre Unscheinbarkeit ist so, dass sie nicht zu überwinden ist.
Deshalb verlagert sie ihre Wünsche auf den ganz großen Erfolg auf Merkel. Deren Belohnungen werden zu den eigenen. Für deren großes Leben wird sie zur Architektin. Von einem Privatleben der Beate Baumann ist so gut wie nichts bekannt.
Aber aus dieser Unterwerfung macht Baumann keine tumbe Dienerschaft. Sie ist selbstbewusst und intelligent genug, um sich zur Herrscherin der kleinen Kreise zu machen, wo es nicht auf Strahlkraft ankommt, sondern auf das Argument, auf die Entschlossenheit.
Baumann ist überzeugt davon, dass ihre Ausnahmestellung Merkel nutzt. Es ist die Sicherheit einer Frau, die sich bisher gegen alle Widerstände durchgesetzt hat. Merkel ist doch Kanzlerin geworden. Wo ist das Problem?
Aber es gibt Probleme. Die gemeinsame Zeit, die ähnliche Sicht auf die Welt führen dazu, dass Teile der Wirklichkeit ausgeblendet bleiben. Baumann hat Merkel lange in dem Glauben unterstützt, dass es zweitrangig sei, wie sie sich im Fernsehen präsentiere, welche Kleider sie trage oder ob sie geschminkt sei. Sie fand es zu Recht unverschämt, wenn Edmund Stoiber sich in Talkshows darüber ausließ, dass Merkel mehr aus sich machen könnte. Aber es war wichtig, dass Merkel irgendwann begann, stärker auf diese Dinge zu achten. Baumann hat das lange nicht erkannt.
Merkels Probleme liegen ausgerechnet in dem Bereich, für den Baumann verantwortlich ist: Die Tonalität stimmt oft nicht. Sie findet für große Ereignisse selten eine eigene Sprache. Sie hat die Weltwirtschaftskrise, die das Ende der Großen Koalition überschattet, nicht auf einen Begriff bringen können, der hängengeblieben wäre. In einer Situation, in der man nicht nur handeln, sondern auch erklären musste, hatte sie keine Botschaft an das Volk.
Baumann verfasst die wichtigen Reden, sie liest jedes Interview. Es ist der Bereich, in dem ihr Einfluss am stärksten ist. Aber sie schafft es nicht, Merkel zu geben, was ihr fehlt.
Ein guter Redenschreiber könnte helfen. Das finden selbst enge Vertraute Merkels. Vielleicht würden dann wenigstens einige Sätze funkeln. Aber Baumann ist strikt dagegen. Sie fürchtet, dass Merkel dann nicht mehr authentisch wirkt. Dabei klingt Merkel in ihren Reden gar nicht wie Merkel. Sie kann auch bei öffentlichen Auftritten klar und präzise sein, wenn sie nicht nur abliest. Ihre Manuskripte sind dagegen in einer Kunstsprache verfasst. Sie sind ein Destillat dessen, was Baumann für eine authentische Merkel-Rede hält. Und Merkel offenbar auch.
Ein Redenschreiber würde Merkel nicht weniger authentisch machen, aber er könnte ihr Bild ein wenig verändern. So weit dürfte es nicht kommen. An diesem Bild hat Beate Baumann mehr als 15 Jahre gemalt. Es ist ihr Opus magnum, ihr Meisterwerk. Sie wird es sich von niemandem aus der Hand nehmen lassen.
* Mit Anhängern nach seinem Besuch im Kanzleramt 2007.
Von Ralf Neukirch

DER SPIEGEL 26/2009
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