22.06.2009

INTERNETDie digitale Revolution

Twitter, YouTube und Facebook sind zurzeit die Hauptwaffen der Demonstranten in Iran. Das Internet hilft den Massen, sich zu organisieren und Bilder ihres Aufstands zu verbreiten. Aber kann es auch eine Diktatur stürzen?
Siemens hat es schon lange gewusst. Bevor überhaupt die erste Twitter-Nachricht über einen möglichen Wahlbetrug in Teheran durch das Internet schoss und die tausendfache Verbreitung dieser Botschaften schließlich einen Massenprotest in den Straßen Irans anfachte, hatte der Münchner Technologiekonzern sein Geschäft mit der Angst schon gemacht - der Angst vor der Macht des Internet.
Nokia Siemens Networks hatte Iran im Frühjahr vergangenen Jahres ein Abwehrprogramm verkauft, das darauf spezialisiert ist, alles aufzuspüren, was ein Mensch in Computersystemen an Spuren so hinterlässt. Es ist ein Geschäft, das weder Gut noch Böse kennen möchte.
"Intelligence Platform" heißt das Paket. Rund 60 Länder sind bereits Kunden, Demokratien und Diktaturen. Den einen geht es um die Abwehr von Terroristen; die sollen sich nicht im Internet zu Attentaten verabreden können. Für Regime wie das der Mullahs in Iran geht es um etwas anderes: Sie suchen vor allem den Schutz vor dem eigenen Volk. Denn das ist nicht mehr so leicht zu kontrollieren, wenn es einmal gelernt hat, mit dem Internet umzugehen und Online-Dienste wie Twitter und Facebook für seine eigenen Interessen einzusetzen.
Die Mullahs haben Angst. Und die ist berechtigt.
Seit gut einer Woche wird die Weltöffentlichkeit Zeuge, wie ein Regime die Macht erst über das Volk und dann über die Informationen und Bilder verliert. Die Welt sieht zu, in verwackelten Videos auf YouTube, die es bis in die "Tagesthemen" und in die "CNN Breaking News" schaffen, über Handyfotos auf der Internet-Plattform Flickr, per Blog und Kurznachrichtenservice Twitter.
Das Internet dient gleich mehrfach der Revolte. Es hilft, die Massen zu organisieren. Es schmuggelt Informationen, Bilder und Filme nach draußen. Es bietet dem Einzelnen im Dickicht des World Wide Web zumindest Sichtschutz vor dem direkten Blick der Behörden.
"Jetzt endlich entfaltet sich die revolutionäre Kraft des Internet", sagt der Medientheoretiker Norbert Bolz. "Worüber jahrelang nur theoretisiert wurde, ist in Iran Realität geworden."
Wäre zum Beispiel so etwas wie das Massaker am Pekinger Platz des Himmlischen Friedens überhaupt möglich gewesen, wenn man 1989 schon die heutige Hightech besessen hätte? Wäre das Regime nicht ganz anders vorgegangen - schon aus Angst vor den Bildern?
"Das Internet hat den entscheidenden Anteil an dieser demokratischen Revolution", meint der CDU-Politiker Heiner Geißler, der sich seit langem mit Demokratisierungsbewegungen beschäftigt. "Es ist durch Zensur nicht mehr beherrschbar."
"In Iran sehen wir eine neue Sternstunde des Internet", schwärmt auch Claus Leggewie, Politologe und langjähriger Beobachter der Internet-Demokratie.
Wie aus dem Nichts bilden sich spontane Protestgruppen, die sich virtuell verabreden und von den Zensoren und Geheimpolizisten des Regimes kaum kontrolliert werden können. "Es sind Netzwerke, in denen die Rädelsführer nur schwer auszumachen sind", sagt Bolz.
Deshalb ist die neue Generation der Revolutionäre so flexibel wie keine zuvor. Jeder ist Aufrührer und Mitläufer zugleich. Und wenn der Protest erst einmal eine kritische Masse erreicht hat - von Hunderttausenden wie in Iran -, ist der Aufwand, der zur effektiven Kontrolle nötig wäre, kaum noch zu leisten.
Gleichzeitig wächst der Druck von außen, weil die Welt mit den jungen Revolutionären mitfiebert, überall sind ihre Bilder zu sehen, die sie übers Internet in alle Welt verbreiten.
Aber kann das Internet auch eine Diktatur stürzen? Ist es ein demokratisches und demokratisierendes Medium, durch das sich gesellschaftlicher Wandel erzwingen lässt?
Schon immer galt die Regel: Wer eine Revolution anzetteln will, muss über Medien verfügen. Und zwar über Medien, die die Massen erreichen.
Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks machte es überhaupt erst möglich, dass Martin Luther seine reformatorischen Gedanken verbreiten und die Papstkirche unter Druck setzen konnte. Andererseits wäre das Nazi-Regime ohne die Wucht seines omnipräsenten Propagandaapparats nicht denkbar gewesen.
Im kommunistischen Polen sorgten über den Vatikan eingeschleuste und von den USA finanzierte Matrizenvervielfältiger dafür, dass die Gewerkschaft Solidarnosc Flugblätter drucken konnte. 1989 wurden heimliche Filmaufnahmen von den Protesten in Leipzig vom damaligen SPIEGEL-Korrespondenten in den Westen geschmuggelt. Erst über das Westfernsehen erfuhren die DDR-Bürger vom Ausmaß der Aufstände im eigenen Land.
Und auch in Iran weiß man schon lange um die Bedeutung von Massenmedien: Ajatollah Ruhollah Chomeini ließ einst Tonbänder von seinen Predigten vervielfältigen und verteilen, um 1979 den Sturz des Schahs vorzubereiten.
Natürlich lässt sich ein Umsturz nicht einfach herbeitwittern. Aber das Internet macht in Iran, was es ohnehin am besten kann. Es sorgt für mehr Transparenz. Jeder kann sehen, was das Regime am liebsten verheimlichen würde: wie groß der Unmut wirklich ist.
Bevor sich der Protest auf den Straßen formiert, bildet er sich im Netz ab. 60 Prozent der Iraner sind unter 30 - in ihrer Lebenswelt ist das Netz allgegenwärtig. "Das funktioniert aber nur, wenn die Leute auch vorher schon politisiert sind. Man zieht niemanden über Facebook, Twitter oder YouTube einfach so in die Thematik rein", sagt der Berliner Soziologe Dieter Rucht. Auch Bolz meint: "So eine Internet-basierte Revolte ist nur möglich, wo ein Regime verwundbar ist."
Seit es das Netz gibt, reden seine Befürworter von nichts so gern wie von seiner demokratisierenden Wirkung. Davon, wie es Eliten entmachtet und die Massen aus ihrer Ohnmacht erlöst. Eingelöst wurde von dem Versprechen bislang nicht viel. Bis zu den Tagen von Teheran.
Der US-Journalist Thomas L. Friedman fragt bereits, ob Facebook für die sanfte iranische Revolution das sein könnte, was während der Islamischen Revolution 1979 die Moscheen waren. Dennoch sind die Gegenmächte nicht zu unterschätzen. Mit allem, was ihnen zur Verfügung steht, versuchen die Zensoren des Establishments gegenzuhalten.
Das Bizarre ist: Die konservativen Machthaber in Iran waren einst selbst von den Möglichkeiten des Netzes begeistert. "Die Internet-Nutzung wurde in Iran gefördert, um die Wirtschaft und Wissenschaft zu beflügeln nach dem Krieg gegen den Irak", sagt Babak Rahimi, Iran-Spezialist an der University of California.
Die religiösen Führer sahen das Netz zunächst als große Chance für die Bekehrung von Ungläubigen, so Rahimi. Landauf, landab, sogar in mittelalterlich anmutenden, erzkonservativen Städten wie Ghom, bastelten strenggläubige Webdesigner fleißig an frommen Online-Seiten - bereits 1997.
Damals dachten die Mullahs wohl im Traum nicht daran, was für ein gefähr-liches Werkzeug sie da nutzten. Für die Revolutionswächter war das Internet lange kein Befreiungsmedium. Für sie galt es allenfalls als harmloser Spielplatz, auf dem Dissidenten ihren Frust ablassen durften, solange sie das System nicht destabilisierten, sagt Rahimi. So kann man sich täuschen.
Die Bürger durchkreuzten die Pläne der Mullahs. Bald sorgten kritische Blogger für Unruhe. Auch die freizügigen Geständnisse einer Prostituierten aus Teheran waren nicht das, was sich das Regime einst vorgestellt hatte. Es schlug zurück.
Immer wieder wurden Internet-Cafés geschlossen, und ein raues Zensur-Regime wurde eingeführt, das nach Schlagworten suchte und dadurch nicht nur ausländische Medienseiten blockierte, sondern auch beispielsweise die britische Fluglinie Virgin Atlantic. Das iranische Regime war aufgewacht, und es orientierte sich in seinem Tun nun beim unangefochtenen Weltmeister in Sachen Zensur: China.
Eine eigenartige Kooperation entstand; religiöse Eiferer lernten von Kommunisten. Die größte Internet-Nation der Welt macht vor, wie man den Informationsfluss kontrolliert, beeinflusst, abriegelt. Die Regierung in Peking sperrt nicht einzelne missliebige Seiten aus, sie sperrt mehr als eine Viertelmilliarde Internet-Nutzer ein - hinter einer digitalen chinesischen Mauer.
"The Great Firewall of China" wird das chinesische Zensursystem inoffiziell genannt, und es gilt als das raffinierteste der Welt. Ein Parteisprecher dagegen nennt es "Golden Shield" - einen goldenen Schild, geschmiedet, um die Bürger zu schützen.
Im Online-Reich der Mitte herrschen andere Regeln als im Rest des Netzes. Das Grundprinzip ist einfach: An den Rändern des chinesischen Binnennetzes überwachen Zensursysteme den Datenstrom, der über Glasfaserkabel aus dem Rest der Welt hereinschwappt.
Unliebsame Web-Seiten, aber auch etliche Umgehungsprogramme werden geblockt. Ein Heer von zigtausend Zensoren und Spitzeln ist rund um die Uhr unterwegs, um die Kommunikationskanäle nach den drei verbotenen Ts zu scannen: Tibet, Tiananmen, Taiwan. Dazu kommen Reizwörter wie Falun Gong, Porno oder Demokratie.
Doch das Beispiel China ist auch ein Lehrstück in digitaler Dialektik. Denn China exportiert nicht nur Internet-Zensur - sondern auch deren Umgehung. Die besten Verbündeten der iranischen Opposition im Kampf gegen Internet-Zensur sind chinesische Aktivisten - aus Kalifornien.
Seit über zehn Jahren verfolgt die Kommunistische Partei Chinas die Glaubensgemeinschaft Falun Gong als Feind der Volksrepublik. Viele Anhänger sind ins Ausland geflohen, insbesondere nach San Francisco - in die unmittelbare Nähe des Silicon Valley. Von dort aus setzen sie ihren Kampf fort mit immer neuen Mitteln und Medien. Sie versenden etwa Massen-Mails, die helfen sollen, zensurfrei zu surfen.
"Jede Woche verschicken wir 20 Millionen E-Mails mit Anweisungen, wie man Internet-Zensur umgeht", sagt Shiyu Zhou, der Gründer des "Global Internet Freedom Consortium". Shiyu arbeitet eng mit kalifornischen Internet-Firmen zusammen und verfügt über ein ausgefeiltes Arsenal an virtuellen Waffen, um die digitalen Mauern seiner alten Heimat zu durchlöchern.
Als Student prägte Shiyu das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens. Dann wurde sein Vater, Offizier in der Volksarmee, davongejagt wegen seiner Mitgliedschaft bei Falun Gong. Seitdem betreibt Shiyu so etwas wie eine Erdbebenwarte für Volksaufstände. "Als in Birma die Mönche demonstrierten, haben sich von dort die Abrufe unserer Website verdreifacht", sagt er. "Und derzeit bekommen wir über hundert Millionen Anfragen aus Iran - pro Tag."
Diese Zahl ist so hoch, weil das Katz-und-Maus-Spiel sich fast im Stundentakt verschärft: Die Zensoren passen ihre Filter an, die Dissidenten suchen neue Server. Die Gedanken sind frei, sie huschen vorbei wie nächtliche Schatten, die mitrüstenden Zensoren immer im Nacken.
Das ist eine weitere Lehre der neuen Digital-Dialektik: Je stärker die Zensoren die Schrauben anziehen, desto mehr befeuern sie ihre Gegner. Das war schon in der DDR so. Je dreister das Ostfernsehen log, desto mehr Bürger schalteten um auf Westfernsehen und erfuhren so, wie sie über Ungarn ausreisen konnten.
Das Kräftemessen zwischen Volk und Staatsgewalt läuft auf einen ökonomischen Kampf hinaus - mit ungleich verteilten Mitteln. Es ist eine einfache Rechnung: Das Blockieren von Botschaften kostet mehr als das Verschicken, eine Briefmarke ist billiger als der Lohn eines Zensors.
Selbst wenn eine Diktatur ihre Bürger fast komplett abschottet wie Nordkorea oder Kuba und Verarmung und Massenflucht in Kauf nimmt, gibt es doch immer wieder Beispiele wie Yoani Sánchez aus Havanna, die munter ihr Blog "Generación Y" veröffentlicht. Sie schreibt ihre Texte daheim am PC, speichert sie auf einem Datenstick und trägt sie in ein Hotel, wo sie Zugang zu einem Internet-Rechner hat. Wenn ihr auch das verwehrt wird, verteilt sie die Texte, indem der Datenstick im Freundeskreis die Runde macht.
Das Regime in Iran attackiert die Web-Guerilla mit einer ebenso günstigen wie wirkungsvollen Waffe: Verunsicherung und Angst. Derzeit kursieren E-Mails in Iran, die vor gefälschten Servern warnen, digitalen Fallen, die vom Regime betrieben werden, um Namen und Daten der Dissidenten abzugreifen, um ihnen später den Prozess machen zu können.
"Wir haben Meinungsfreiheit, wir können schreiben, was wir wollen - die Frage ist nur, was danach passiert", sagt ein iranischer Blogger. Auch "New York Times"-Kolumnist Friedman befindet nüchtern: "Waffen schlagen Mobiltelefone."
Aber am Ende wird wohl nur ein Regime zu Tode getwittert, das auch vorher schon anfällig war. Abbas Milani, Direktor für Iran-Studien an der Stanford University, jedenfalls ist optimistisch: "Die Vermählung von zivilem Ungehorsam und sozialen Netzwerken ist der Tod des Despotismus."
MARKUS BRAUCK, MARTIN U. MÜLLER,
HILMAR SCHMUNDT
Von Markus Brauck, Martin U. Müller und Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 26/2009
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