29.06.2009

„Großes Marktpotential“

Mitten in der Konsolidierungsdiskussion lässt die schwäbische LBBW eine nationale Expansionsstrategie erarbeiten.
Sie investierten in dubiosen Steueroasen, verloren Milliarden mit US-Ramschhypotheken und hängen jetzt am Tropf des Staates: Die deutschen Landesbanker haben ihren Ruf nachhaltig ruiniert. "Da hatten einige Bankmanager ihr Geschäft nicht im Griff", wettert Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der das Geschäft des provinziellen Größenwahns früherer Zeiten nun endlich zurechtstutzen will. Ganz im Sinne der EU-Kommission drängt er auf die kompromisslose Zusammenlegung einzelner Institute.
Doch die Idee solcher Zwangsehen stößt vor allem in einem Bundesland auf Widerstand, in dem man laut Eigenwerbung alles zu können glaubt - außer Hochdeutsch. Nachdem der Landtag in Stuttgart vor wenigen Tagen den 12,7 Milliarden Euro teuren Rettungsschirm für die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) aufgespannt hat, geben ausgerechnet Steinbrücks lokale Parteikollegen neuerdings Durchhalteparolen aus.
"Wir müssen auch die Landesbank vor überstürzten Fusionen zu Lasten der Beschäftigten schützen", trommelt SPD-Haushaltsexperte Nils Schmid für die Unabhängigkeit. CDU-Ministerpräsident Günther Oettinger solle jetzt "den Elfmeter reinschießen", den ihm der Landtag ermöglicht habe.
Da passt es gut ins Bild der schwäbischen Autonomiebewegung, dass auch die Führungsriege von Deutschlands größter Landesbank heimlich mehr Tore schießen will - im Alleingang und vor der Haustür der Erzrivalen aus anderen Bundesländern.
Laut internen Dokumenten der Unternehmensberatung Roland Berger bastelt die gebeutelte LBBW mit dem "Ausbau Großkundengeschäft" an einer nationalen Expansionsstrategie. Die Stuttgarter überlegen, wie sie künftig von A wie Adidas bis Z wie ZF Lenksysteme jeden Konzern des Landes als Kunden gewinnen könnten. Nordrhein-Westfalen und Bayern bieten laut den Experten die fettesten Jagdreviere.
Der Geheimplan nimmt alle Unternehmen ins Visier, die mehr als eine halbe Milliarde Euro Umsatz machen. "Von 928 möglichen Zielkunden in Deutschland werden 204 bereits durch LBBW bedient - großes weiteres Marktpotential", heißt es in einer Bestandsanalyse, die der Bank vor wenigen Tagen präsentiert wurde.
Intern gilt etwa die Geschäftsbeziehung mit Lufthansa als "Best-Practice-Beispiel" für ein Expansionsmodell. Mit der Fluggesellschaft verdiente die LBBW vergangenes Jahr 3,2 Millionen Euro. Dort gebe es in der Projektfinanzierung und der Vermögensverwaltung "Potential, aber noch keinen Erfolg".
Die Stuttgarter wollen den Rückzug der Auslandsbanken und die Fusion von Commerzbank und Dresdner nutzen, um in die Lücke zu springen.
Roland Berger lieferte zudem detaillierte Analysen von Branchenkonkurrenten wie Deutsche Bank, Bayerische Landesbank, HSH Nordbank und WestLB.
Von der dezimierten Konkurrenz und der Angst der Firmen vor der Kreditklemme versprechen sich die LBBW-Manager einen steilen Anstieg der Margen. Mit firmenadäquaten Finanzprodukten wie beispielsweise Währungsabsicherungen, Unternehmensanleihen, Vermögensverwaltung oder Exportfinanzierungen wollen die Banker ihre Provisionserlöse massiv steigern. Die Abhängigkeit vom reinen Zinsertrag soll dagegen sinken.
Laut Berger hat das Geschäft mit den Firmenkunden den enormen Vorteil, dass im Vergleich zu den Wachstumschancen ein "deutlich unterproportionaler Kernkapitalbedarf" besteht. Die guten Bonitätsnoten der Großkonzerne nach der Krise würden es möglich machen. Geschäfte mit maroden Risikopapieren fressen dagegen deutlich mehr Kapital.
Herrscht in Stuttgart also schon wieder ein neuer Größenwahn? Wie will eine Bank expandieren, die mit Hilfe einer 5-Milliarden-Euro-Kapitalspritze und einer 12,7-Milliarden-Euro-Garantie vor dem Zusammenbruch bewahrt werden soll? Übernimmt der neue Bankchef Hans-Jörg Vetter blind die Projekte des Vorgängers Siegfried Jaschinski?
"Das sind reine Planspiele", wiegelt ein Banksprecher ab. Angesichts der zu erwartenden Auflagen aus Brüssel stehe das nicht zur Diskussion.
Trotzdem lassen die Strategen in ihrem Sandkasten den Plan bereits erstaunlich genau ausarbeiten. Anfang Juli trifft sich der Lenkungsausschuss zur nächsten Sitzung. Thema: "Detaillierung Ertragspotential".
Der Traum der Provinzbanker vom glamourösen Auslandsgeschäft scheint allerdings definitiv ausgeträumt. Eine interne Liste mit allen LBBW-Kunden in den USA und Großbritannien zeigt, wie erfolglos die Landesbanker dort in der Vergangenheit agiert haben.
Mit dem elf Milliarden Euro schweren Einzelhandelsriesen Marks & Spencer aus Großbritannien schafften die Schwaben im Jahr 2007 einen Erlös von nur 106 000 Euro. Beim USamerikanischen Dialyse-Anbieter Davita waren es gar lediglich 74 000 Euro. Das dürfte kaum die Kosten für die Flüge der LBBW-Banker in der Business Class gedeckt haben. BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 27/2009
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