06.07.2009

TitelDer Unfriede von Versailles

Nach dem Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 wollten die Sieger ewigen Frieden schaffen. Doch der Vertrag, den sie vor 90 Jahren unterschrieben, säte nur Zwietracht unter den Völkern Europas. Bis heute diskutieren Historiker über die Gründe des Scheiterns. Von Klaus Wiegrefe
Das Grauen begann gleich hinter der französischen Grenze. Die Lokomotive des Sonderzugs mit der deutschen Delegation drosselte das Tempo auf 15 Stundenkilometer, an jeder noch so kleinen Station hielten die Waggons minutenlang - die Vertreter Berlins sollten sich genau ansehen, was ihr Krieg im Nachbarland angerichtet hatte. Vor St. Quentin drängten sich einem schon von weit her sichtbar die Ruinen der Kathedrale ins Blickfeld; das Dach eingebrochen, die Spitze des Turms weggeschossen, das gespensterhaft aufragende Kirchenschiff umgeben von einem Meer ausgebrannter Steinmauern, aus denen Kamine ragten.
Und so war es entlang der ganzen Strecke, wie der Journalist Victor Schiff beobachtete, der im Sonderzug saß: "Tergnier, Chauny, Noyon - überall dasselbe Bild des Schreckens: keine Häuser, nur notdürftige, nach dem Waffenstillstand errichtete Wellblechbaracken ... und im Übrigen: eine tiefaufgewühlte Erde, keine Bäume, keine Äcker, nur ein Granattrichter neben dem anderen - und Steine, Steine, Steine."
Obwohl der Frühling schon weit fortgeschritten war, vermochte Schiff aus dem Abteilfenster allenfalls vereinzelt grüne Flecken zu entdecken. Artilleriegeschosse hatten das Erdreich umgepflügt, Giftgasangriffe die Pflanzen verdorren lassen. Schützengräben und Drahtverhaue durchschnitten wie tiefe Narben die einst liebliche Landschaft Nordfrankreichs. Auf den Hügeln reihte sich Baumstumpf an Baumstumpf, die Stämme hingen wie "geknickte Streichhölzer" daran.
Vier Stunden durchquerte der Zug die einstige Kampfzone, passierte dann in einem Bogen Paris mit dem Ziel Vaucresson, einem Ausflugsvorort der Hauptstadt. Autobusse mit militärischer Begleitung brachten die Deutschen vom Bahnhof nach Versailles ins Hotel des Réservoirs in einer Nebenstraße des weltberühmten Schlosses.
Journalist Schiff und die anderen Delegationsmitglieder bezogen ihre Zimmer, kurz darauf rief ein Diplomat aus dem Auswärtigen Amt die Ankömmlinge zusammen. Die Ansage der Franzosen war unmissverständlich: Die Deutschen durften sich nur in einem Bereich bewegen, der zwei weitere Hotels auf der anderen Straßenseite umfasste sowie das Viereck um den Neptunbrunnen im Schlosspark. Wie ein Gehege war das Areal mit Brettern und Draht gesichert. Wer es verlassen wollte, musste einen Antrag stellen. Empört notierte Schiff, der Abordnung eines besiegten Landes seien "noch nie in der Geschichte derartige Einschränkungen auferlegt" worden.
Ein Einwand freilich, der im Frühjahr 1919 wenig galt. Denn nichts an den seit Januar laufenden Friedensberatungen im nahen Paris entsprach dem Herkömmlichen. Nicht der Auslöser, nicht der Umfang, nicht die Erwartungen, nicht das Ergebnis.
Über 10 000 Menschen hatten sich zu dieser ersten Mega-Konferenz des 20. Jahrhunderts in der französischen Hauptstadt eingefunden: Staats- und Regierungschefs, Minister und Diplomaten, Prinzen, Geografen, Wirtschaftsexperten, Völkerrechtler, Geheimdienstler, Schreibkräfte. Es waren darunter die Gesandten der Großmächte Großbritannien, Frankreich und USA, aber auch Vertreter aus Nicaragua, Uruguay und den anderen 22 Ländern, mit denen sich das deutsche Kaiserreich und seine Verbündeten, die k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich, im Krieg befunden hatten.
Mit größten Hoffnungen schauten die Völker der Welt auf die französische Hauptstadt. Ein neues Zeitalter sollte hier beginnen; eines, wie US-Präsident Woodrow Wilson verkündet hatte, in dem das Abschlachten zwischen den Nationen endlich ein Ende habe: "Unser Programm ist das Programm des Weltfriedens." Als er vor Konferenzbeginn Paris, London und Rom besuchte, jubelten ihm die Massen zu, als wäre er der Erlöser.
Die geschundenen Völker hatten schließlich den ersten totalen Krieg der Menschheitsgeschichte durchlitten. Der Schock saß tief, die Furcht, das Misstrauen. "Wir wollten nicht nur den Frieden vorbereiten", so schilderte es der britische Diplomat Harold Nicolson, "sondern den ewigen Frieden."
Ewiger Friede - laut der Bibel herrscht der nur im Paradies. Die Sieger nahmen sich gut fünf Monate Zeit, um den hehren Anspruch auf Erden zu verwirklichen und den Ersten Weltkrieg zu beenden. Das Ergebnis war jener Vertrag, den die Deutschen im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles unterschrieben und den die Weimarer Nationalversammlung am 9. Juli 1919 ratifizierte. Die Deutschen fügten sich äußerst widerwillig. Die Bedingungen seien "unerträglich", klagte Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann von der SPD, der mit seinem Kabinett zurückgetreten war, weil er dem Vertrag nicht hatte zustimmen wollen: "Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fessel legt?"
Ein Siebtel des Territoriums von 1914 ging verloren mit insgesamt einem Zehntel der Bevölkerung. Ostpreußen wurde durch den polnischen Korridor abgetrennt, das Rheinland von den Siegermächten besetzt, die Kolonien wurden unter ihnen aufgeteilt.
Dazu die wirtschaftlichen Verluste: ein Drittel der Kohle-, drei Viertel der Erzvorkommen, die Handelsflotte, zudem 30 Jahre lang Reparationsleistungen in nicht definierter Höhe.
Damit von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen könnte, verboten die Alliierten der Weimarer Republik die Wehrpflicht und beschränkten das deutsche Heer auf 100 000 Berufssoldaten. Alle Panzer, U-Boote, Militärflugzeuge mussten ausgeliefert werden - "zur Zerstörung oder Unbrauchbarmachung".
Doch statt ewigen Frieden zu stiften, rief der Vertrag dauerhaften Hader hervor. Und schlimmer noch: Er verfehlte sein Ziel kläglich. Nicht einmal eine Generation später stand die Welt erneut in Flammen, mit noch mehr Opfern, noch mehr Zerstörung, zudem mit unglaublichen Verbrechen, darunter dem Mord an den europäischen Juden.
Und seitdem rätseln Historiker über die Frage, ob vor 90 Jahren in Paris eine große Chance verpasst wurde. Wäre die Geschichte Deutschlands, Europas, ja der Welt insgesamt anders verlaufen, wenn die Sieger damals anders entschieden hätten?
Etwa deutlich härter? Die Deutschen hingen ja weiterhin ihren Weltmachtträumen nach. Außenminister Graf Ulrich von Brockdorff-Rantzau, ein Mann von altem Adel und nie ohne Siegelring, war zwar bereit, einige Gebiete abzutreten, wollte aber Österreich anschließen, das Kolonialreich behalten und einen ständigen Sitz im Rat des künftigen Völkerbundes einnehmen, des Vorläufers der heutigen Uno.
Oder war das Friedensdiktat viel zu hart? Nicht die Repräsentanten des für Krieg und Niederlage verantwortlichen Kaiserreichs, sondern Vertreter der neuen Weimarer Republik hatten schließlich den Versailler Vertrag unterschreiben müssen - was sich angesichts der Empörung in Deutschland über die Bedingungen als schwere Hypothek für die junge Demokratie erwies. "Es kann nicht sein, dass zwei Millionen Deutsche umsonst gefallen sind", dröhnte ein junger Rechtsradikaler namens Adolf Hitler, "wir fordern Vergeltung."
Vor allem die Reparationen verleiteten die Führung in Berlin zu fatalen Entscheidungen. Auch um die eigene Zahlungsunfähigkeit zu demonstrieren, riskierte sie eine Hyperinflation, die die Ersparnisse von Millionen Bürgern vernichtete. Später - mitten in der Weltwirtschaftskrise - verfolgte die deutsche Regierung aus dem gleichen Grund eine Deflationspolitik, die die Zahl der Arbeitslosen auf über fünf Millionen hochschnellen ließ (SPIEGEL 3/2008). Auch deshalb glaubten viele Deutsche, die Republik sei den Problemen nicht gewachsen. Auch deshalb verfingen die einfachen Lösungen eines Adolf Hitler.
Was also lief da schief, in Paris 1919? Was wären die Alternativen gewesen?
Die wichtigsten Vereinbarungen wurden in einer exklusiven Runde getroffen, die sich meist in jener Wohnung an der Place des Etats-Unis versammelte, die ein Banker dem US-Präsidenten zur Verfügung gestellt hatte. Da saßen sie dann in einem Halbkreis um den Kamin, in der Mitte auf einem Brokatsessel der 78-jährige französische Premier Georges Clemenceau, kleingewachsen, stets in feines schwarzes Tuch gewandet, mit pergamentfarbener Haut und buschigem Schnurrbart.
Zu seiner Linken meist Italiens Premier Vittorio Orlando, ein Sizilianer, der an der Debatte nur teilnahm, wenn es um italienische Interessen ging. Auf der anderen Seite der puritanische Idealist Wilson, hager, steif und aufrecht, und schließlich Londons Premier David Lloyd George, Lehrersohn aus Wales, dem man trotz des weißen Haarschopfes ansah, dass er mit 56 Jahren der Jüngste in der Runde war. Ein großer Charmeur und berüchtigter Opportunist.
Haben diese vier die große Chance vermasselt?
Die Spurensuche führt zurück auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, nach Verdun und in die Region Flandern, in die Wüsten des Orients und die Dschungel Afrikas. Mehr als 60 Millionen Soldaten aus fünf Kontinenten hatten dort einander mit der Wucht der industriellen Moderne bekämpft. Es gab Tage, da fielen an einem einzigen Frontabschnitt Zehntausende der hochtechnisierten Tötungsmaschinerie zum Opfer: zerfetzt von Maschinengewehr- oder Artilleriefeuer oder den Giftgasschwaden erlegen, insgesamt mehr als neun Millionen Soldaten. Andere kehrten als Krüppel aus dem Stellungskrieg zurück. Männer, denen Gliedmaßen fehlten, denen Nase oder Kinn weggeschossen worden war.
Da Deutschland, Frankreich und andere Länder ganze Jahrgänge weitgehend mobilisiert hatten, gab es in fast allen Familien Anlass zur Trauer. Derartige Opfer vielleicht vergebens geleistet zu haben war ein schwer erträglicher Gedanke.
Ein britischer Diplomat schrieb rückblickend, dass in der aufgeheizten Stimmung es selbst "für Übermenschen unmöglich gewesen (wäre), einen Frieden der Mäßigung und Gerechtigkeit zu ersinnen".
Vielleicht war es wirklich unmöglich. Sicher ist, dass niemand von den europäischen Regierungschefs auch nur versuchte, nach dem Waffenstillstand im Herbst 1918 die Emotionen dieses totalen Krieges zu dämpfen. Im Gegenteil.
Als bei den britischen Unterhauswahlen im Dezember Lloyd George die Themen ausgingen, nahm er sich die Kriegsverlierer vor. Die Boulevardpresse wollte bereits den Kaiser hängen sehen - also biederte sich der Premier seinem Volk mit der Forderung an, den nach Holland geflohenen Wilhelm II. vor Gericht zu stellen (was später scheiterte, da Den Haag die Auslieferung ablehnte).
Lloyd George gewann die Wahl, und ins Unterhaus zogen zahlreiche Parlamentarier ein, die sich einen Karthago-Frieden wünschten. O-Ton von Minister Sir Eric Geddes: "Wir werden aus Deutschland herausholen, was man nur aus einer Zitrone pressen kann, und noch etwas mehr."
Alle Parteien hatten nämlich den Krieg auf Pump finanziert - und zumeist darauf gesetzt, sich bei den Verlierern nach einem Sieg schadlos zu halten. Das war die große Lebenslüge des Ersten Weltkriegs, und Lloyd George wusste darum. Sieger und Besiegte standen nämlich vor ähnlich hohen Schuldenbergen; schon die Versorgung der eigenen Bevölkerung stellte die junge Demokratie in Berlin vor große Probleme.
Das Versprechen, alles werde gut, wenn man nur die Deutschen ausplündere, war nicht zu halten.
Es ist viel darüber spekuliert worden, wie die Geschichte ausgegangen wäre, wenn man die Deutschen gleich bei Beginn der Verhandlungen im Januar 1919 dazugerufen hätte - und nicht erst per Sonderzug im April, als das Wesentliche beschlossen war. Wenn also Berlins Abgesandte ihre Argumente hätten vortragen können, wenn es Rede und Gegenrede und die Einsicht in die Position des anderen gegeben hätte.
Doch das Ende des Krieges war für die Alliierten überraschend gekommen. Noch im Sommer 1918 hatten die deutschen Truppen 50 Kilometer vor Paris gekämpft, und im Osten, wo zwischen Lenins Kommunisten und antibolschewistischen Konterrevolutionären ein Bürgerkrieg tobte, standen sie weit in der Ukraine.
Wilson, Clemenceau und Lloyd George hatten mit einem Sieg frühestens im folgenden Jahr gerechnet. Die Pariser Konferenz begann daher, ohne dass sich die Sieger über Ziele und Prinzipien einig gewesen wären. Mühsam rangen die drei Großmächte in den ersten Beratungen um eine gemeinsame Linie, die sie danach nicht mehr in Frage stellen wollten - was im Fall echter Verhandlungen mit der Weimarer Republik aber unumgänglich gewesen wäre.
Wie ließ sich sicherstellen, dass Deutschland nicht erneut einen Krieg anzettelte? Indem man es niederhielt oder einband? Sollte man lieber auf ein Gleichgewicht der Kräfte setzen oder auf ein System kollektiver Sicherheit? Und welche Folgerungen ergaben sich dann jeweils für Deutschlands Grenzen, für seine Rüstung, für seine Reparationszahlungen?
Alles ungeklärte Fragen, als der französische Präsident Raymond Poincaré am 18. Januar 1919 im prunkvollen Uhrensaal des französischen Außenministeriums die Pariser Konferenz eröffnete. Das Datum war mit Bedacht gewählt - genau 48 Jahre zuvor war in Versailles das deutsche Kaiserreich nach einem Sieg über Frankreich gegründet worden.
Nun versammelte sich tout le monde an der Seine. Denn es ging ja nicht nur um Deutschland, sondern die halbe Welt verlangte nach einer neuen Ordnung. Mit Österreich-Ungarn, dem Zarenreich und dem Osmanischen Reich waren gleich drei Vielvölker-Imperien untergegangen. Überall etablierten sich neue Staaten oder erlebten eine Wiedergeburt: Jugoslawien, Tschechoslowakei, Polen, Ungarn, Österreich. Das Schicksal der deutschen Kolonien in Asien und Afrika musste ebenso entschieden werden wie die Zukunft des Nahen Ostens.
Meist trugen die Politiker, Volksgruppenvertreter oder Scheichs ihr Anliegen im Plenum der Konferenz vor oder in einem der insgesamt 58 Ausschüsse; notfalls auch in den Lobbys und Suiten der Hotels Majestic oder Crillon, wo die nach Hunderten zählenden Delegationen der Briten und Amerikaner residierten.
Da stritten dann Tschechen und Polen um das Gebiet von Teschen; Italien verlangte Teile Dalmatiens, die Jugoslawien für sich beanspruchte; Japan wollte die deutsche Kolonie Kiautschou, obwohl diese auf chinesischem Festland lag. Der Brite Nicolson beklagte eine "Atmosphäre von Zwietracht und Verwirrung", in der die diplomatische Etikette schnell verlorenging.
Wohl selten sind derart viele gefälschte Landkarten und Statistiken vorgelegt worden wie auf der Pariser Konferenz, denn im neuen Zeitalter der Demokratie suchten alle Mächte zu begründen, dass die Menschen in den begehrten Gebieten eigentlich zu ihnen gehörten (oder gehören wollten).
Nach dem Versailler Vertrag mit den Deutschen schlossen die Alliierten am Ende auch mit Österreich, Ungarn, Bulgarien und der Türkei jeweils Frieden.
Oder was sie für einen Frieden hielten. Der mit Deutschland hielt 20 Jahre, die Bestimmungen in anderen Regionen halten die Weltbevölkerung noch neun Jahrzehnte später in Atem.
Kein Zweifel, in Paris wurde manche historische Chance vertan, etwa als der arabische Emir Faisal jene nationale Unabhängigkeit einforderte, die Großbritannien für seinen Kampf gegen die Türken ver-
sprochen hatte. Faisal war bereit, dafür zionistischen Einwanderern in Palästina eine "jüdische Heimstätte" zu gewähren - was den heutigen Nahost-Konflikt möglicherweise verhindert hätte. Doch die Briten lehnten ab. Und trösteten später den Scheich mit dem Thron eines Kunststaates aus drei ehemals osmanischen Provinzen, dessen Gründung sich auf die Verhandlungen in Paris zurückführen lässt: des Irak.
Vielleicht hätte man auch der Petition eines vietnamesischen Emigranten in Paris Aufmerksamkeit schenken sollen, der davon lebte, Schwarzweißfotos zu kolorieren. Der 28-Jährige forderte vergebens die Gleichberechtigung seines Volks mit den Franzosen, die seine Heimat als Kolonie hielten. In den sechziger Jahren kannte ihn dann die ganze Welt, denn unter dem Namen Ho Tschi-minh bekämpfte er die Amerikaner im Vietnam-Krieg.
Ursprünglich wollten die großen Drei samt Italiens Premier in weitgehender Offenheit konferieren. Aber schon bald war ihnen das Interesse der vielen Abordnungen und Zeitungsleute lästig, sie zogen sich zurück. Über hundertmal trafen sich die vier, beugten sich über die riesigen Europakarten.
Clemenceau, gequält von Schlaflosigkeit, mochte seine Kollegen nicht, lästerte vor allem über Wilsons Idealismus ("wie Jesus Christus"). Der US-Präsident war dem Franzosen seinerseits in herzlicher Abneigung zugetan. Während seine Mitarbeiter sich in den Bars und Clubs der Metropole vergnügten, lag er meist um 22 Uhr im Bett und grübelte. Die Probleme der Welt gingen ihm nahe, tagelang musste er der Konferenz fernbleiben, vermutlich infolge eines Schlaganfalls. Nur der unverwüstliche und lebensbejahende Lloyd George genoss mit seiner Geliebten den Trubel in Paris - und die Diskretion der britischen Presse.
Zur Delegation des Premiers zählte ein junger Ökonom, der später weltberühmt werden sollte: John Maynard Keynes. Das Bild, das er von den Verhandlungen in seinem Bestseller "Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages" zeichnete, bestimmt noch heute die Sicht auf die Beteiligten. Schon deshalb, weil seine Schilderungen so unterhaltsam sind.
Clemenceau begegnet dem Leser als überlegener Machtpolitiker, der die Verhandlungen mit halbgeschlossenen Augen verfolgt, die Hände auf dem Tisch in grauen Zwirnhandschuhen. Ein beinharter Vertreter Frankreichs, dessen lebhafteste Eindrücke allerdings laut Keynes "der Vergangenheit und nicht der Zukunft angehören".
Wilson erscheint demgegenüber als "blinder und tauber Don Quijote", von "edlen Absichten beseelt", aber den Winkelzügen des Franzosen hoffnungslos unterlegen, denn der Präsident, immerhin Politikprofessor in Princeton, war laut Keynes im Kopf "zu langsam".
Klingt gut. Die Wirklichkeit sah aber anders aus.
Den scheinbar übermächtigen Clemenceau trieb vor allem eines um: die Angst vor dem Nachbarn. Er stimmte dem prophetischen Memo eines Mitarbeiters zu, dass Deutschland "bis zu einer völligen Wandlung seiner Politik und seiner Weltanschauung eine furchtbare Drohung für die Zivilisation" bleibe.
Der studierte Arzt hatte zwei Kriege der beiden Großmächte in nicht einmal 50 Jahren erlebt, jeweils auf französischem Boden. Er hasste das Reich "abgrundtief für das, was es Frankreich angetan hat". Die französische Bilanz des Ersten Weltkriegs: 1,9 Millionen Tote, 480 000 zerstörte Häuser, 4,2 Millionen Hektar verwüstet, eine Fläche so groß wie Dänemark. Clemenceau beschäftigte auf der Konferenz nur eine Frage: Wie konnte sich sein Land vor einer Wiederholung schützen?
Der Ministerpräsident wusste um Frankreichs strukturellen Nachteil. Vor der deutschen Reichsgründung 1871 waren die Völker ungefähr gleich groß und seine Nation den Deutschen an Wirtschaftskraft überlegen gewesen. Inzwischen hatten sich die Gewichte deutlich verschoben. Clemenceau: "Der Fehler der Deutschen ist, dass es 20 Millionen zu viel von ihnen gibt."
Er sah nur eine Möglichkeit, die Dominanz Berlins auszugleichen: durch ein dauerhaftes Bündnis mit Briten und Amerikanern. Für eine Allianz mit London und Washington war Clemenceau bereit, "jedes Opfer (zu) bringen".
Und davon gab es einige, denn die Angloamerikaner widersetzten sich häufig seinen Vorschlägen, weil sie eine französische Vorherrschaft auf dem Kontinent ebenso fürchteten wie eine deutsche Hegemonie. Zudem sorgten sich Wilson und Lloyd George, ein geschwächtes Deutschland könne Lenins Bolschewisten in die Hände fallen. Der britische Premier mahnte daher die Franzosen zur Mäßigung: "Die größte Gefahr ist die, dass Deutschland sich mit dem Bolschewismus zusammentun und seine Hilfsmittel, seinen Verstand, seine breite Organisationskraft den revolutionären Fanatikern zur Verfügung stellen könnte."
Schritt für Schritt räumte Clemenceau seine Positionen. Elsass-Lothringen sollte zu Frankreich, das war unstrittig. Aber er hatte auch die Südpfalz und das Saargebiet zu Frankreich schlagen wollen. Das restliche linksrheinische Deutschland wünschte er sich als einen neuen Staat, mit Paris durch eine Zollunion verbunden. Das Deutsche Reich wäre dann an der Westgrenze verteidigungsunfähig gewesen.
Wilson lehnte ab: Das sei verrückt, er würde sich "lieber auf der Straße steinigen lassen, als dem zuzustimmen".
Anfang April 1919 stand die Konferenz vor dem Scheitern, und der Präsident ließ bereits den Dampfer "George Washington" für die Heimreise vorbereiten. Am
Ende übernahm der soeben gegründete Völkerbund das Saargebiet mit der Maßgabe, nach 15 Jahren eine Volksabstimmung durchzuführen (bei der über 90 Prozent der Saarländer für einen Anschluss an das "Dritte Reich" stimmen sollten). Und das Rheinland blieb bei Deutschland. Die Alliierten durften es allerdings samt einiger Brückenköpfe rechts des Rheins bis zu 15 Jahre, möglicherweise sogar länger, besetzen. Zudem wurde Berlin dauerhaft untersagt, dort Truppen zu stationieren (siehe Grafik Seite 52).
Ein Kompromiss, obwohl Clemenceau so tat, als hätte er damit die Rheingrenze für ewig gesichert. In kleiner Runde prahlte er, "wenn Sie einmal an meinem Grab stehen, dann werden Sie mir sicher berichten können: Wir stehen immer noch am Rhein".
Immerhin setzte der Mann aus der Vendée durch, dass Deutschland seine Kolonien verlor (Japaner, Briten, Franzosen, Südafrikaner, Australier, Neuseeländer und Belgier griffen zu) und im Osten größere Gebiete an das neue Polen abtrat, darunter den überwiegenden Teil der Provinzen Posen und Westpreußen (siehe Grafik Seite 49). Danzig wurde Freie Stadt unter dem Schutz des Völkerbundes. Zwischen Ostpreußen und das Kernreich schob sich der sogenannte polnische Korridor. Ganz im Sinne Clemenceaus, der mit einem "cordon sanitaire", einem Sicherheitsgürtel aus Polen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien, von Osten her Berlin Einhalt gebieten wollte.
Vielen seiner Landsleute reichte das nicht. Die Erwartungen waren derart hoch, die Rachsucht so stark, dass Clemenceau in der Öffentlichkeit nicht mehr wie bis 1918 als "Vater des Sieges" gerühmt wurde, sondern einen neuen Spitznamen erhielt, in dem sich die Enttäuschung widerspiegelte: "Verlierer des Sieges".
Mit Blick auf die Pariser Innenpolitik tun sich Historiker daher schwer, Clemenceau verpasste Chancen nachzuweisen. Unter den vielen Radikalen in Frankreich war er ein Gemäßigter. Auch wenn er sich keine Gelegenheit entgehen ließ, die Deutschen öffentlich zu demütigen, und damit dazu beitrug, die Atmosphäre nachhaltig zu vergiften.
Auf der Hand liegen hingegen Woodrow Wilsons Versäumnisse. Der US-Präsident hatte - beflügelt vom amerikanischen Sendungsbewusstsein - während des Krieges verkündet, den Frieden auf der Basis des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu schließen. Ein demokratisches Prinzip, das auch dem Waffenstillstand zwischen Deutschland und den Alliierten zugrunde lag.
Wilsons Ansage hatte indes enorme Erwartungen in Deutschland geschürt, die er nicht erfüllen konnte. Schon ein Blick auf die Landkarte hätte ihn belehrt, dass bei konsequenter Anwendung seiner Prämisse das Reich größer und nicht kleiner werden musste - weil nach dem Zerfall der Wiener k. u. k. Monarchie Millionen Österreicher und Sudetendeutsche einen Anschluss an die Weimarer Republik erstrebten. Aus Sicht der Alliierten unannehmbar.
Und in einigen Gebieten, die aus strategischen Gründen zu Polen geschlagen wurden, lebten ebenfalls überwiegend Deutsche. Der Präsident tröstete sich mit dem Gedanken, der Völkerbund als eine Art Weltparlament könne später entsprechende Grenzkorrekturen vornehmen.
Den Hardlinern in Deutschland war es jedoch ein Leichtes, Wilson des Wortbruchs zu beschuldigen und den Eindruck zu verstärken, ungerecht behandelt worden zu sein.
Noch schwerer wiegt der Fehler des Präsidenten, Amerika wirtschaftlich und vor allem politisch nicht an den alten Kontinent gebunden zu haben. Denn Frankreich, Belgien und die anderen Länder brauchten die USA im Rücken, um sich mit Deutschland aussöhnen zu können. So wie es nach 1945 geschah, als die Nato das deutsche Übergewicht austarierte.
Die Einsicht in solche Zusammenhänge war 1919 durchaus vorhanden. Der junge Keynes etwa warb dafür, nicht gegen, sondern mit den Deutschen Europas Wiederaufbau anzugehen, und mit US-Hilfe. Briten und Franzosen hatten während des Krieges riesige Kredite in Washington aufgenommen. Keynes schlug einen Schuldenerlass Washingtons und eine Art Marshallplan vor. Beides sollte die europäischen Siegermächte finanziell entlasten und ihnen Großherzigkeit gegenüber den Deutschen ermöglichen.
Auch ein dauerhaftes sicherheitspolitisches Engagement der Amerikaner stand auf der Pariser Tagesordnung. Clemenceau plädierte dafür, dem neuen Völkerbund in Genf militärische Machtmittel zu verleihen: einen internationalen Generalstab und eine eigene Armee.
Natürlich zielte er darauf, die Deutschen damit kleinzuhalten, aber wie wäre wohl das 20. Jahrhundert verlaufen, wenn es eine solche internationale Streitmacht mit US-Beteiligung gegeben hätte? Doch Wilson lehnte ab: "Das ist unmöglich", im US-Senat angeblich nicht durchsetzbar. Und die Schulden sollten auch zurückgezahlt werden.
War das wirklich unmöglich? Der selbstgerechte Idealist aus Virginia verabscheute jenes Werben und Umschmeicheln, das zum politischen Tagesgeschäft zählt. Er verzichtete darauf, führende Senatoren in seine Delegation für Paris aufzunehmen, machte sich gar über die Parlamentarier lustig, zeigte ihnen immer wieder seine Geringschätzung. So stimmten später zu viele Senatoren gegen eine Mitgliedschaft im Völkerbund und gegen den Versailler Vertrag.
Es war Wilsons bitterste politische Niederlage. Der von ihm initiierte Völkerbund blieb kraftlos, auch weil ausgerechnet sein Land außen vor blieb. Und in der Folge kippte die Stimmung: Immer mehr Amerikaner begrüßten die weltpolitische Isolation. Amerika zog sich zurück. Chance vertan.
So nahm der Zug in den Abgrund Fahrt auf - und blieb, wie von böser Hand gesteuert, fortan bei jeder Weiche auf dem falschen Gleis.
Am heftigsten stritten die Friedensmacher ums Geld.
Zunächst schien die Vernunft zu siegen. Die Amerikaner setzten gegenüber den Verbündeten bei den Waffenstillstandsverhandlungen durch, dass die Deutschen nur für zivile Schäden aufkommen sollten: Häuser aufbauen, Vieh ersetzen, verwüstete Äcker wiederherstellen. Alles andere sollte jede Kriegspartei selbst tragen, also kriegsbedingte Steuerausfälle, Soldzahlungen, Kosten für Panzer oder Fregatten.
Doch dann verlangte Lloyd George eine Kurskorrektur, denn andernfalls hätten die Briten auf ihrer vom Krieg verschonten Insel nur einige tausend Pfund für ein paar versenkte Handelsschiffe erhalten - obwohl Großbritannien mehr Geld für den alliierten Triumph ausgegeben hatte als alle anderen Siegermächte.
Wilson lehnte den Vorstoß zunächst ab; es sei "unehrenhaft", vor dem Waffenstillstand den Deutschen etwas zuzusagen und es hinterher nicht einzuhalten.
Aber Lloyd George stand vor dem Dilemma, dass er im Wahlkampf vollmundig verkündet hatte, die Deutschen würden das Loch in den britischen Kassen stopfen. Nun jammerte er, wie ein Amerikaner notierte, er benötige "eine plausible Ausrede für seine Leute, warum er sie in die Irre geführt habe".
In dieser Situation betrat der südafrikanische Delegierte und spätere Premierminister Jan Smuts die Weltbühne und schlug einen Ausweg vor. Zu den zivilen Schäden, die Wilson ja ersetzt haben wollte, könne man doch auch die Pensionen und Renten für Krüppel, Witwen und Waisen rechnen, die einen beträchtlichen Teil der britischen Kriegskosten ausmachten.
Wilson fluchte und schimpfte; seine Mitarbeiter protestierten, das sei gegen alle Logik, aber schließlich willigte der Präsident ein, um Lloyd George den Rücken zu stärken: "Logik, Logik, ich pfeife auf Logik, ich werde die Pensionen einbeziehen."
Gut für die Briten: Ihr Anteil an den Reparationen stieg schließlich auf 22 Prozent.
Schlecht für die Welt: Mit dem Wortbruch gegenüber Berlin vervielfachte sich die potentielle Summe der von den Deutschen zu zahlenden Reparationen.
Weitsichtig notierte Keynes, es gebe "wenige geschichtliche Vorgänge, die die Nachwelt weniger Grund haben wird zu verzeihen".
Aber selbst in dieser Frage schien es das Schicksal zunächst noch gut zu meinen. Intern diskutierten die Alliierten nämlich Gesamtsummen für die Reparationslasten, die sogar Berlin halbwegs erträglich gefunden hätte. Da aber Clemenceau und Lloyd George fürchteten, ihren jeweiligen Landsleuten könnten diese Gelder zu gering erscheinen, verzichteten die Siegermächte darauf, einen Gesamtbetrag festzuschreiben - was wiederum die Deutschen glauben ließ, sie stellten mit dem Versailler Vertrag einen Blankoscheck aus, der sie später teuer zu stehen kommen würde.
Dabei gingen Briten, Amerikaner und auch Franzosen davon aus, dass "ohne Zweifel innerhalb der nächsten zwei oder drei Jahre der Wunsch überall groß sein werde, die den Deutschen präsentierte Rechnung drastisch zu senken", wie ein amerikanischer Experte notierte.
Die Weimarer Republik konnte ja Reparationsgelder nur durch Handelsüberschüsse erwirtschaften, und das bedeutete weniger alliierte Importe nach Deutschland und scharfe deutsche Konkurrenz auf den Exportmärkten - eine für die Sieger nicht sehr attraktive Perspektive. Nur wollte man diese Einsicht vor den Verlierern verbergen.
Womit wieder eine Chance vertan war.
Das Problem wurde vertagt, eine Reparationskommission sollte später die genaue Summe bestimmen. Diese Kommission verlangte dann noch einige Jahre von den Deutschen Phantasiezahlen, und um die entsprechenden Summen einzutreiben, besetzten Clemenceaus Nachfolger zeitweise Düsseldorf und Duisburg und später sogar fast das gesamte Ruhrgebiet.
Erst 1932 einigte man sich auf ein Ende der Reparationen. Deutschland zahlte insgesamt so viel, wie heute der Arbeits- und Sozialminister in anderthalb Jahren ausgibt, nämlich umgerechnet 180 Milliarden Euro. Hätten die Deutschen schon 1919 gewusst, dass die Summe zwar groß, aber zu bewältigen sein würde, wären sie vermutlich eher bereit gewesen, sich mit den Feinden von einst zu versöhnen.
Ende April war es dann so weit: Der mit 80 000 Wörtern längste Friedensvertrag der Geschichte lag im Wesentlichen vor. Die Verlierer wurden herbeizitiert. Insgesamt drei Sonderzüge brachten die 180-köpfige deutsche Delegation nach Versailles.
Kurioserweise ist das Original des Versailler Vertragswerks verschollen; Hitler hatte es nach Berlin bringen lassen, wo sich bei Kriegsende 1945 die Spur verliert. Aber natürlich gibt es Abschriften und Fotoreproduktionen der 440 Artikel, die die großen Fragen bestimmten, neben Grenzen und Reparationen eine drastische Abrüstung Deutschlands.
Und seitenlange Listen: 500 Zuchthengste, 2000 Stiere, 90 000 Milchkühe, 20 000 Schafe, 15 000 Mutterschweine. Ersatz für die im Krieg gebeutelten französischen und belgischen Bauern.
Die Briten verlangten in Artikel 246 auch den Schädel eines Sultans Makaua, "der aus dem deutschen Schutzgebiet Ostafrika nach Deutschland gebracht worden ist". London hatte dem Stamm der Wahehe die Rückgabe dieses offenbar wichtigen Relikts versprochen. Allerdings wusste in Berlin niemand, wo die Überreste verblieben waren, und angeblich hat das Auswärtige Amt drei Schädel aus der Asservatenkammer geschickt. Sollten sich doch die Briten einen aussuchen.
Neben Makabrem findet sich im Vertrag eine Bestimmung, die die Zeitläufte überdauert hat. Im Hamburger Hafen verfügt die Tschechische Republik noch heute über ein 30 000 Quadratmeter großes Areal, das jetzt eine Firma für Immobilien und Unternehmensberatung nutzt; der Versailler Vertrag garantiert Prag ein entsprechendes Gelände im Freihafen der Hansestadt - zur Pacht für 99 Jahre.
Die deutsche Delegation ging auf der Fahrt nach Versailles von harten Verhandlungen aus. Außenminister Brockdorff-Rantzau hatte Kisten voller Karten, Statistiken und Akten im Gepäck, um seine Positionen gut begründen zu können.
Am 7. Mai betrat eine kleine deutsche Abordnung den Saal des Versailler Luxushotels Trianon Palace. Die Delegierten der Friedenskonferenz waren aus Paris angereist und warteten an einer hufeisenförmigen Tafel. Brockdorff-Rantzau nahm an einem Tisch im Innern des Hufeisens Platz, der einer Anklagebank glich - eine jener vielen kleinen Demütigungen, von denen die französischen Gastgeber nicht lassen mochten.
Der Außenminister und seine Mitarbeiter wirkten auffällig blass, geradezu fiebernd, aber auch Clemenceau waren die Anstrengungen anzusehen. Die Sätze des Franzosen kamen kurz und abgehackt, einem Beobachter zufolge "wie von konzentrierter Wut und Verachtung herausgestoßen": "Die Stunde der Abrechnung ist da. Sie haben uns um Frieden gebeten. Wir sind geneigt, ihn Ihnen zu gewähren."
Und dann die große Enttäuschung: Brockdorff-Rantzau sollte seine Einwände schriftlich vortragen. Also keine mündlichen Verhandlungen, von denen sich Berlin so viel versprochen hatte.
Brockdorff-Rantzau hatte mehrere Redemanuskripte vorbereitet. Er wählte die scharfe Variante, die er sitzend vortrug, um nicht vor den Siegern wie "ein Angeklagter" zu stehen - ein Affront gegenüber dem älteren und ranghöheren Clemenceau.
Mit schneidender Stimme setzte der Graf an: "Wir kennen die Wucht des Hasses, die uns hier entgegentritt. Es wird von uns verlangt, dass wir uns als die allein Schuldigen am Kriege bekennen. Ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge."
Clemenceau lief puterrot an vor Wut, zornig zerbrach Lloyd Georg einen Brieföffner, Wilson schimpfte: "Die Deutschen sind wirklich ein dummes Volk. Sie tun immer das Falsche."
Die deutsche Revolution hatte Brockdorff-Rantzau an die Spitze des Auswärtigen Amtes gespült. Der Diplomat hatte sich während des Krieges mehrfach den deutschen Militärs entgegengestellt und genoss seitdem die Sympathie der Linken. Die Alliierten sahen in dem hochgewachsenen Adligen hingegen ein Überbleibsel des alten Deutschlands.
Dem reizbaren, geltungssüchtigen Mann waren in der Tat Ehre und Würde die "Fixpunkte seines Weltbildes", wie der Historiker Eberhard Kolb schreibt. Eine ganz schlechte Voraussetzung für eine Mission, bei der nicht Trotz und Besserwisserei, sondern Geschmeidigkeit gefragt war.
Schnell verbiss sich der Graf in Artikel 231, dem zufolge Deutschland den Krieg begonnen und den Alliierten "aufgezwungen" hatte. Im nun einsetzenden Notenaustausch - die Deutschen überreichten in vier Wochen 17 umfangreiche Denkschriften - schoss er sich auf die Schuldfrage ein und machte diese damit an den heimischen Stammtischen zum Thema.
Schon bald empörte der Passus die Menschen in der Heimat mehr als jeder andere Absatz aus dem Versailler Vertrag.
Der sogenannte Kriegsschuldartikel ging auf den Anwalt John Foster Dulles zurück, in den fünfziger Jahren als US-Außenminister ein enger Verbündeter von Kanzler Konrad Adenauer. Es war eine Idee von Juristen für Juristen gewesen. Vergleichsweise harmlos.
Dulles wollte mit der Klausel nur den umfassenden Reparationsanspruch der Alliierten rechtlich verankern. Die moralisch aufgeladene Frage, wer den Ausbruch des Weltkriegs 1914 zu verantworten hatte, hatte der Amerikaner so gar nicht stellen wollen. Im Rückblick schrieb er, das habe er wohl "nicht angemessen eingeschätzt".
Minister Brockdorff-Rantzau und die Berliner Regierung trifft freilich mindestens ebensolche Schuld. Schließlich lag in der Kanzlei von Ministerpräsident Scheidemann längst eine interne Dokumentation zum Kriegsausbruch 1914 vor. Wer sie gelesen hatte, wusste: Wilhelm II. und seine Führung trugen zwar nicht die Allein-, wohl aber eine Hauptverantwortung. Doch Scheidemann nahm die brisanten Papiere unter Verschluss.
Den Deutschen in der Heimat waren die militärischen Schrecken des Ersten Weltkriegs, also Artilleriefeuer, Häuserkampf, Giftgaseinsatz, erspart geblieben. Als das Kaiserreich 1918 kapitulierte, standen die zurückströmenden Truppen noch außerhalb der Landesgrenzen. Daraus entwickelte sich die Mär, die Soldaten seien im Felde unbesiegt - und die Niederlage sei Folge eines Dolchstoßes der Demokraten, die den Kaiser zum Abdanken gezwungen hatten.
Aus Selbstgerechtigkeit wurde Trotz, aus Trotz offene Wut. Am 16. Juni lehnten die Alliierten weitgehende Korrekturvorschläge zum Versailler Vertrag endgültig ab und verlangten eine Unterzeichnung innerhalb von wenigen Tagen. Andernfalls würden sie den Krieg wieder aufnehmen.
Es folgte eine der dramatischsten Wochen in der deutschen Geschichte: Ministerpräsident Scheidemann wollte es ebenso wie der parteilose Brockdorff-Rantzau darauf ankommen lassen. "Dieser Vertrag ist die Verewigung des Krieges", schimpfte Konstantin Fehrenbach vom katholischen Zentrum, einem Koalitionspartner der SPD, "auch in Zukunft werden deutsche Frauen Kinder gebären, und diese Kinder werden die Sklavenketten zerbrechen und die Schmach abwaschen, die unserem deutschen Antlitz zugefügt werden soll."
Erst als die Militärs ein ungeschöntes Bild der Lage zeichneten, kippte die Stimmung. General Wilhelm Groener, Erster Generalquartiermeister, hielt eine "Wiederaufnahme des Kampfes für Wahnsinn". Der alliierte Oberbefehlshaber Ferdinand Foch, ein Franzose, plante bereits den Vormarsch entlang der Main-Linie und wollte die politische Spaltung Deutschlands in einen Nord- und einen Südteil. Die Einheit stand auf dem Spiel.
Scheidemann trat schließlich zurück, Brockdorff-Rantzau ebenfalls. Deutschland stand ohne Regierung da. Rund um die Uhr verhandelten nun die Fraktionen; die Rechtsparteien DVP und DNVP wollten auf keinen Fall nach außen hin die Verantwortung mittragen. Am Ende stellten SPD und Zentrum erneut die Regierung, aber ohne weiteren Koalitionspartner und mit einem frischen Ministerpräsidenten.
Der neue Außenminister, Hermann Müller, zugleich Vorsitzender der SPD, erklärte sich bereit, den sogenannten Schandfrieden zu unterzeichnen. Da die Sozialdemokraten einen Zentrumsmann dabeihaben wollten, wurde der Essener Johannes Bell gekeilt, der das Verkehrsressort leitete.
Mit kühlem Blick hätten die Deutschen erkennen können, dass der Vertrag so schlecht nicht war. Berlin hätte im Falle eines Sieges wohl einen deutlich härteren Frieden diktiert. Immerhin blieb das Reich stärkste Wirtschaftskraft auf dem Kontinent. Und da das sowjetische Russland als Bündnispartner für Frankreich ausfiel, musste Berlin auch keine Einkreisung fürchten. Deutschland befand sich "strategisch in einer weitaus stärkeren Position, als es sie vor dem Krieg besessen hatte", urteilt sogar der Historiker und frühere US-Außenminister Henry Kissinger (siehe Seite 54).
Aber dieser kühle Blick ging den Verlierern ab. Und so verschenkten vor 90 Jahren alle wichtigen Beteiligten - Briten, Amerikaner, Franzosen und Deutsche - am Ende die große Chance, nach dem Sterben auf den Schlachtfeldern einen dauerhaften Frieden zu stiften.
Der Versailler Vertrag erwies sich als zu hart, um die Deutschen und ihre Nachbarn dauerhaft zu versöhnen. Und er war zu weich, um die Rückkehr Deutschlands als Großmacht und einen Revanchekrieg für immer auszuschließen.
Am 28. Juni 1919 drängten sich im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles über tausend Menschen: Staatsmänner, Diplomaten, Journalisten, Militärs. Kurz nach 15 Uhr setzten Müller und Bell ihren Namen unter das Dokument. Mit Ausnahme Chinas, das japanische Besitzansprüche ablehnte, unterzeichneten alle Delegationen. Die Zeremonie dauerte 50 Minuten.
Zurück im Hotel, löste sich die Anspannung, und Müller strömte der Schweiß aus allen Poren, wie er es "nie zuvor erlebt" hatte. Er wollte nur weg.
Am selben Abend bestieg die Delegation den Zug und verließ Versailles. Als die Dunkelheit einsetzte, sahen die Deutschen über den Dörfern Raketen und Feuerwerkskörper in den Himmel aufsteigen. Frankreich feierte den Frieden.
Deutschland hingegen lauerte auf eine Revanche.
* Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags am 28. Juni 1919 in Versailles.
* In Versailles im Frühjahr 1919 mit der deutschen Delegation für die Friedenskonferenz.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 28/2009
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