06.07.2009

SRI LANKADer perfekte Überläufer

Nach einem Vierteljahrhundert Bürgerkrieg steht die Regierung vor der Aufgabe, die Nation zu versöhnen. Ausgerechnet ein ehemaliger Anführer der gefürchteten Tamilen-Tiger soll dabei helfen.
Es wird noch dauern, bis wirklich wieder Frieden im früheren Ceylon herrscht, auf der einstigen "Insel des Lächelns". Noch immer durchkämmen Einheiten der Armee die Dschungel und das Buschland. Sie fahnden nach versprengten Resten der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung, die eigentlich schon seit Mai geschlagen ist.
Länger als ein Vierteljahrhundert haben die Befreiungstiger von Tamil Eelam, die LTTE, auf Sri Lanka für einen eigenen Staat gekämpft. Sie kontrollierten fast ein Drittel des Landes, sie verfügten über einen straffen Militärapparat samt Selbstmordkommandos, eine eigene Marine, die "Sea Tigers", und sogar über eine kleine Luftwaffe.
Jetzt ist ihr Chef Velupillai Prabhakaran tot, sein Bild ging um die Welt, wie er dalag mit starren Augen, sein gesamter Führungszirkel wurde ausgelöscht. Und die Soldaten jagen die allerletzten Tiger - wer sich fangen lässt, muss gleichfalls mit dem Schlimmsten rechnen. Vier Rädelsführer werden in der Ostprovinz gestellt und umstandslos erschossen. 50 Mann sollen weiter südlich in ein dünnbesiedeltes Gebiet geflohen sein und dort Bauern drangsalieren. Also rücken Suchtrupps hinterher.
Nichts fürchtet man in Colombo in diesen Tagen mehr, als dass sich die LTTE neu formiert oder aus dem Untergrund noch einmal zu Terrorattacken ansetzen könnte. Auch Geldbeschaffer und Waffenschieber werden deshalb dingfest gemacht, sofern man ihrer habhaft wird. Die Regierung war nie zimperlich im Umgang mit einer der hartnäckigsten Guerilla der Welt. Aber auch nie, wenn es um die Bevölkerung ging.
Das Ausland stand dem Konflikt lange Zeit indifferent, bestenfalls mahnend gegenüber. Nun kritisiert der Westen Sri Lankas Führung massiv wegen der vielen Opfer unter der Bevölkerung; Hilfsorganisationen melden weiterhin desolate Zustände in den Flüchtlingslagern im Norden, wo unabhängige Journalisten unerwünscht sind, sowie eine katastrophale medizinische Versorgung. Von mehr als 20 000 getöteten Tamilen in der letzten Kriegsphase hat die britische "Times" berichtet.
Außenminister Rohitha Bogollagama streitet das entschieden ab, kein einziger Zivilist sei durch Soldaten ums Leben gekommen. Anderslautende Behauptungen empfindet er gerade jetzt als störend, da die Offiziellen in Colombo sich in triumphaler Pose gefallen. Sie möchten sich lieber ungestört der hehren Aufgabe der nationalen Einigung widmen.
26 Jahre lang hatte die LTTE versucht, die Interessen der oft benachteiligten und schikanierten tamilischen Minderheit wahrzunehmen - in einem Land, das zu 75 Prozent singhalesisch ist und nur zu 18 Prozent tamilisch. Immer radikaler, immer rücksichtsloser wurde ihr Führer Prabhakaran mit den Jahren. Nun ist der Traum vom eigenen Staat Tamil Eelam vorbei.
Zeit für einen Schlussstrich lautet das Credo von Präsident Mahinda Rajapaksa, dessen Konterfei überall auf den Straßen der Hauptstadt zu sehen ist, es grenzt schon an Personenkult. "Wer dieses Land liebt, ist auf unserer Seite", verkündet er in ganzseitigen Zeitungsanzeigen und fordert alle "Patrioten" auf, die Wirtschaft anzukurbeln.
Sein rekordverdächtiger Apparat von 49 Kabinettsmitgliedern, 37 weiteren Ministern nebst 20 Stellvertretern will den geschundenen Staat zu einer Einheit schmieden. Die Politik muss insbesondere den Minderheiten beweisen, dass eine Ära der Versöhnung beginnt.
20 Millionen Sri-Lanker sollen wieder zueinanderfinden, Buddhisten und Hindus, Muslime und Christen. Die Rolle als Minister für Nationale Integration fällt dabei ausgerechnet einem Tamilen zu: dem 43-jährigen Vinayagamoorthy Muralidharan, der als "Oberst Karuna" jahrelang für Angst und Schrecken sorgte.
1983 war er zur LTTE gestoßen und bald zur rechten Hand Prabhakarans aufgestiegen. Vor fünf Jahren überwarf er sich mit seinem Mentor und eröffnete im Osten eine zweite Front. 2006 schwenkte er erneut um, diesmal ins Regierungslager. Zum Dank wurde er Abgeordneter, am 9. März dieses Jahres sogar Minister.
Karuna gilt im Volk als "Tiger, der seine Streifen verlor", als geschickter Wendehals, es kursiert so manches böse Gerücht über ihn. Menschenrechtler machen ihn verantwortlich für die Rekrutierung von Kindersoldaten, für Entführungen, Folter und mehrere Massaker.
Nichts von alledem sei wahr, beteuert heute der Politiker Karuna. Er sitzt daheim in seinem schmucklosen Arbeitszimmer, schlichtes Hemd, dunkle Hose, die nackten Füße in blaugemusterten Gummischlappen. Auf seinem Schreibtisch sind ein paar Mappen säuberlich gestapelt, zu seiner Rechten liegt ein dickes Buch des Inders A. C. Kapur über die "Prinzipien der politischen Wissenschaften". Der Minister ist mit sich im Reinen, er gibt den gelassenen Pragmatiker.
Voller Überzeugung sei er einst für die Sache der Tamilen eingetreten und Mitglied der LTTE geworden, sagt er und ist keinen Moment verlegen dabei. Genauso konsequent habe er sich von Prabhakaran losgesagt, von diesem "überschätzten Mann", dessen "Egomanie" und "Menschenverachtung" er nicht ertragen habe.
Das Zerwürfnis der beiden Alpha-Tiger hat die Organisation damals nachhaltig geschwächt. Als Karuna schließlich nach Colombo wechselte, konnte er mit formidablem Insiderwissen dienen - ein perfekter Überläufer. Wie kein anderer kannte er die Stärken und die Schwächen Prabhakarans: "Ich habe mehr als 20 Jahre mit ihm verbracht, er war ein unbelehrbarer, totalitärer Charakter, der keinerlei Friedensangebote akzeptierte."
Entscheidungen habe der Boss immer nur unter vier Augen verfügt, etwa die Ermordung des ehemaligen indischen Premiers Rajiv Gandhi 1991. Nie habe es Diskussionen gegeben. Gewiss, er sei mit Prabhakaran auch privat gewesen, sagt Karuna und dreht nervös an seinem Goldring, man habe gemeinsam geangelt, aber eine echte Kumpanei sei nie entstanden: "Ich habe die LTTE aufgebaut, militärisch wie politisch. Ich war es, der die Tür geschlossen hat. Und ich bin der Schlüssel ihres Scheiterns, das weiß die ganze Welt."
Am 19. Mai sah der Minister-Oberst den alten Weggefährten ein letztes Mal, er identifizierte dessen Leichnam. Prabhakaran sei vor seinem Tod gefoltert worden, wird neuerdings gemunkelt. "Wenn er einsichtiger gewesen wäre", sagt Karuna lediglich und reibt sich scheinbar müde das Gesicht, "wenn er sich geändert hätte, wie schön wäre das für ihn gewesen."
Karuna polarisiert, er hat Feinde im radikalen Tamilenmilieu und ist der vielleicht bestgeschützte Mann Sri Lankas. Derzeit kümmert er sich um die Rückführung von Vertriebenen und um das erste rein tamilische Armee-Regiment, das in den befreiten Gebieten aktiv werden soll. Vorige Woche hat er dessen Gründung angekündigt, 600 seiner ehemaligen Gefolgsleute seien bereits dabei. Karunas Aufgabe ist es, alle Tamilen wieder in den Staat Sri Lanka einzubinden, doch dafür muss vor allem ihr Lebensstandard dem singhalesischen Niveau angeglichen werden. Das schafft kein Mann allein.
Also steckt die Regierung als Signal des Aufschwungs 23 Millionen Euro in die Infrastruktur der befreiten Tiger-Reviere. Iran hilft mit einem 76-Millionen-Kredit, der die Elektrifizierung von 1000 Dörfern ermöglichen soll. Eine japanische Bank stellt 23 Millionen bereit, gleichfalls zur Stromversorgung. Kuwait und Saudi-Arabien haben 70 Millionen für Bewässerung zugesagt. Hinzu kommen 15 Millionen Opec-Euro für einen Kanal und 79 Millionen aus Indien für die Flüchtlingshilfe.
Der imposanteste Deal nimmt unter chinesischer Regie im Süden Formen an, nahe dem alten Fischerhafen von Hambantota, einer überwiegend muslimischen Stadt. Hier liegt eine große Lagune, verborgen hinter einem dichten Vegetationsgürtel, auch sie für Ausländer tabu.
Wie ein Staatsgeheimnis wird der vierstufige Ausbau des Gewässers zu einem der bedeutendsten Tiefwasserhäfen Südasiens gehütet, ein weiterer Wechsel auf die Zukunft. 11 000 einheimische und chinesische Arbeiter bewegen mit einem imposanten Fuhrpark Sandberge, Tetrapoden und Felsen, gießen Kaimauern aus Beton. Die erste ist im Rohbau fertig.
Ab 2011 sollen hier die Reichtümer der Insel umgeschlagen werden, neben Kaffee, Tee und Kokosnüssen auch Eisenerz, Mangan, Molybdän, Nickel und Kobalt. In vier Hafenbecken werden Frachter an modernsten Terminals anlegen können, die Fahrrinne wird auf 17 Meter vertieft.
Für die Chinesen ist es ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Hambantota wird nicht allein als Handelsdrehscheibe dienen, sondern als geostrategischer Horchposten für den Indischen Ozean, selbst wenn das niemand zugibt, im Verbund mit den ebenfalls von Peking finanzierten Häfen Gwadar in Pakistan und Sittwe in Burma.
Ein neu asphaltierter Zubringer führt bereits ins Hinterland; Hambantota ist der Wahlkreis des Präsidenten, entsprechend viele Tsunami-Hilfsgelder landeten hier. In seinem Bezirk wurde das Wiederaufbausoll zu 173 Prozent übererfüllt, die Quote in den Tamilen-Gebieten lag nur bei 39 Prozent. Und so verwandelt sich in Richtung der tamilischen Küstenstadt Batticaloa die glatte Straße zur Buckelpiste, reihen sich die Schotterabschnitte und auch die Kontrollposten.
Kaum ein Unterschied zur Kriegszeit: Patrouillen auf freier Strecke, bewaffnete Uniformierte entlang der Überlandstraße hinter mannshoch aufgeschichteten Sandsäcken. Sie prüfen Reisegenehmigungen und sogar Fahrgestellnummern.
An der Lagune von Batticaloa hatten sich die Milizen von Prabhakaran und Karuna einst zähe Stellungskämpfe geliefert: Tiger gegen Tiger, Tiger gegen die Armee. Noch traut man hier dem neuen Frieden nicht, viele Menschen fürchten Repressalien. Wer einige Zeit in einem Lager verbracht hat wie der Besitzer einer Werkstatt in Batticaloa, verschweigt lieber seinen Namen: "Es ist zu früh zu sagen, ob und wie lange die Idylle hält." Auch die Besitzerin eines kleinen Krämerladens äußert sich nur blumig-unverbindlich: "Wenn Gott wiederkehrt, muss man ja lächeln."
Eine gute halbe Autostunde nördlich aber wird die Küstenstraße wieder komfortabler, sind die Häuser frisch getüncht. Luxuriöse Geländewagen diverser Hilfsorganisationen rauschen an der im Aufbau befindlichen regionalen Universität vorbei - willkommen in Kiran, dem privilegierten Heimatdorf Karunas. Zweimal haben Prabhakarans Männer das Geburtshaus des Abtrünnigen niedergebrannt. An dessen Stelle steht nun ein rohes Backsteingeviert zwischen Palmen und rosa blühenden Frangipani-Bäumen, daneben das Wohnhaus von Kirunas Schwager Gyanabhashkar mit tadellosem grünem Putz.
In dezentem Abstand schieben Militärs Wache; die Nationalstraße 15, die an dem Gebäude vorbeiführt, ist an zwei Stellen zu einem Slalomkurs verengt. Das soll weiteren Vergeltungsakten vorbeugen. Karunas Verwandte gelten nach wie vor als gefährdet, sein einziger Bruder ist zu Prabhakarans Zeiten umgebracht worden.
Gyanabhashkar, der Schwager, gibt sich optimistisch. "Im Großen und Ganzen" könne man "sehr glücklich über die Entwicklung sein", sagt er vorsichtig. Sollte es LTTE-Kadern aber wieder gelingen, Batticaloa zu infiltrieren, dann gebe es vielleicht "auch für uns wieder Probleme". Doch wer auf einen erprobten Strategen wie den Oberst zählen könne, dem müsse nicht bange sein: "Er kümmert sich um uns Tamilen, warum sollten wir uns Sorgen machen?"
Auf dem Nachbargrundstück steht ein leuchtend bunter Shiva-Tempel. Kaum im Amt, hat der Minister Karuna, ein Hindu, hier gebetet. Der Symbolwert für Sri Lanka war ihm wohl bewusst: Shiva ist der Gott der Zerstörung und der Erneuerung.
RÜDIGER FALKSOHN, PADMA RAO
Von Rüdiger Falksohn und Padma Rao

DER SPIEGEL 28/2009
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