13.07.2009

MEDIZIN„Das sieht zu einfach aus“

Stefan Schlatt, 45, Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin Münster, über die künstlichen Spermien, die der britische Biomediziner Karim Nayernia aus menschlichen embryonalen Stammzellen hervorgebracht haben will
SPIEGEL: Spermien aus der Petrischale - ist das Hokuspokus oder ernst zu nehmende Wissenschaft?
Schlatt: Karim Nayernia hat erstaunliche Erfolge erzielt, und zwar mit ganz simplen Tricks - etwa durch die Zugabe einiger Vitamine. Die Daten sind hochinteressant. Allerdings sind die Ergebnisse auch mit großer Vorsicht zu genießen. Die Studie ist in einem eher mittelmäßigen Journal erschienen, sie ist vorher sicher schon durch einige Revisionen gegangen und abgelehnt worden. Das Ganze sieht fast zu einfach aus. Wenn man 50 Jahre forscht, und plötzlich gelingt einem Labor mit sehr einfachen Mitteln der Durchbruch, dann muss man vorsichtig sein.
SPIEGEL: Lässt sich denn feststellen, ob Nayernias Spermien etwas taugen?
Schlatt: Die dazu erforderlichen Experimente - die Befruchtung einer Eizelle mit den künstlichen Spermien - sind sowohl in Deutschland als auch in England verboten. Deshalb gehören jetzt vernünftige tierexperimentelle Studien auf den Tisch.
SPIEGEL: Wozu will man überhaupt künstliche Spermien?
Schlatt: Prinzipiell kann man mit den In-vitro-Keimzellen den langen Prozess der Spermatogenese untersuchen. Die Abläufe sind durchaus vergleichbar mit dem, was im Körper passiert. Man muss nur klipp und klar sagen: Die Spermien, die Nayernia zeigt, sind bestenfalls spermienähnliche Gebilde.
SPIEGEL: Ist es vorstellbar, dass mit künstlichen Spermien eines Tages Kinder gezeugt werden?
Schlatt: Denkbar ist alles. Was wir aber bisher überhaupt nicht begreifen, ist die natürliche Qualitätskontrolle. Die Natur stellt sicher, dass intakte DNA weitergegeben wird. Wie man das in vitro bewerkstelligen kann, weiß im Augenblick noch kein Wissenschaftler.

DER SPIEGEL 29/2009
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