20.07.2009

BILDUNGDürftiger Bestand

Die Versprechungen sind groß, die Gebühren häufig hoch, und dennoch stecken viele Privathochschulen in Schwierigkeiten. Einer weiteren Universität droht jetzt die Pleite.
Der Traum vom Professorenleben währte nur wenige Tage. Voller Hoffnung war Heinz Eckart Klingelhöfer - promoviert, habilitiert, motiviert - an die Hanseuniversität Rostock gekommen. Das Konzept hatte ihn überzeugt, sagt der Betriebswirt, die "elitäre Ausrichtung" ihm gefallen.
Wie elitär aber die Rostocker Privat-Uni werden sollte, hatten weder Klingelhöfer noch die Geldgeber vorhergesehen. Drei Studenten auf sechs Professoren - traumhafte Bedingungen für die Lehre, aber untragbare Zustände fürs Geschäft. Nur wenige Wochen nach Vertragsschluss erfuhr Klingelhöfer, dass das Uni-Unternehmen in Rostock beendet werden soll. Im Herbst vergangenen Jahres bekam er noch den Professorentitel verliehen, zum folgenden März gab es die Kündigung.
So endete der Traum in der vergangenen Woche vor dem Arbeitsgericht Rostock. Heinz Eckart Klingelhöfer, 42, wird sich wohl mit einigen tausend Euro und der Erkenntnis abfinden müssen: Privaten Hochschulen fällt es in Deutschland extrem schwer, sich gegen die Staatskonkurrenz zu behaupten.
Rund 70 000 Studenten waren im Wintersemester 2007/08 an privaten Einrichtungen eingeschrieben, über 50 Prozent mehr als noch drei Jahre zuvor. Die Gebühren sind hoch, mancherorts über 1000 Euro im Monat, und die Versprechungen oft groß. Die Private Fachhochschule Göttingen etwa wirbt mit einer "Karrieregarantie" und einer "Jobgarantie". Wer sechs Monate nach dem Master-Abschluss noch ohne Stelle ist, bekommt freilich keinen Arbeitsvertrag vorgelegt, sondern nur einen Teil der Studiengebühren erlassen.
Die staatliche und auch kirchliche Konkurrenz ist den privaten Hochschulen häufig überlegen. Sie bietet nicht nur, trotz aller berechtigten Kritik, eine mindestens ordentliche Qualität. Sie verlangt auch einen unschlagbaren Preis: Einige Bundesländer erheben Gebühren von maximal 500 Euro im Semester, in zehn Ländern ist das Erststudium gar kostenlos.
Und dennoch versuchen es Unternehmer immer wieder, gegen diese Platzhirsche anzutreten. Von "Dynamik und Vielfältigkeit" sei der Hochschulmarkt gekennzeichnet, heißt es im Bildungsbericht des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Zu den Anbietern zählten "ausländische Hochschulen, die in Deutschland Niederlassungen haben, zum Teil existieren auch ausländische und profitorientierte Aktiengesellschaften, die sich letztlich nicht mehr am deutschen Bildungssystem mit spezifischen Hochschulabschlüssen orientieren".
Die erste private Universität, Witten/
Herdecke, nahm 1983 den Betrieb auf, inzwischen werden in Deutschland mehr als 80 private Hochschulen gezählt. Dahinter stehen gemeinnützige Gesellschaften, aber auch windige Geschäftsmodelle. Das Stuttgart Institute of Management and Technology war so erfolglos, dass es 2007 für einen Euro zu haben war - und das Land Baden-Württemberg dem Käufer noch 1,5 Millionen obendrauf gab.
Am besten stehen private Einrichtungen wie die Bucerius Law School in Hamburg oder die Jacobs University Bremen da, die von großzügigen Gönnern leben. Die Juraschule an der Elbe ist aus dem Nachlass des "Zeit"-Verlegers Gerd Bucerius entstanden, der Bremer Hochschule spendierte die Stiftung des Kaffeemilliardärs Klaus Jacobs 200 Millionen Euro. Wer solche Mäzene nicht hinter sich weiß, tut sich in der Regel schwer - oder steht wie die Uni Witten/Herdecke notorisch vor dem Ruin. "Eine forschende Hochschule lässt sich nicht allein mit Studiengebühren bestreiten", sagt ihr Gründer Konrad Schily.
Das Resultat: vermeintlich akademische Stätten wie das Baltic College. Vier Standorte unterhält die Hochschule, in Güstrow, Rostock, Potsdam und Schwerin. Sie bot bislang drei Bachelor-Studiengänge für Unternehmens- und Tourismusmanagement, vier Professoren unterrichten rund 340 Studenten.
Als der Wissenschaftsrat die Uni jetzt überprüfte, stellte er ein niederschmetterndes Zeugnis aus: unklare Kalkulationen, schlechte Lehre, unzureichende Ausstattung. Die Prüfer störte unter anderem der "dürftige Bestand an Büchern". Pro Jahr stünden nur 5000 Euro für Anschaffungen zur Verfügung. Die gesamte Literatur in Güstrow findet sich in drei Regalen im Sekretariat. "Einen Präsenzbestand wie an Universitäten kann man nicht erwarten, wir setzen vor allem auf digitale Literatur", erklärt Uni-Präsident Jens Engelke.
Vielleicht liegt das Problem aber auch in Engelkes Doppelrolle: Der Uni-Boss ist zugleich einer der beiden Geschäftsführer der profitorientierten Gesellschaft, die hinter dem College steckt. Der Wissenschaftsrat bemängelte jedenfalls mögliche "Konflikte zwischen den ökonomischen Interessen des Trägers und den akademischen Angelegenheiten der Hochschule". In der vergangenen Woche musste sich Engelke gegenüber empörten Studenten rechtfertigen - die Uni-Kunden zahlen immerhin mehr als 400 Euro Gebühren pro Monat.
Nach gut einem Vierteljahrhundert deutscher Privat-Uni-Praxis ist deutlich zu erkennen, mit welchem Studienangebot sich Geschäfte machen lassen. Fächer, deren Unterricht mit hohem finanziellem Aufwand verbunden sind, scheiden aus - Ingenieur- und Naturwissenschaften überfordern wegen ihrer Labors und Gerätschaften die privaten Hochschulen. Auch Geisteswissenschaften gelten als wenig attraktiv, weil deren Absolventen selten mit hohem Einkommen rechnen. Die Neigung, auf Pump an einer Privat-Uni zu studieren, ist bei Philosophen oder Soziologen entsprechend gering.
Ganz anders die Situation der Hochschulen, die strebsamen Managementnachwuchs ausbilden: die European Business School in Wiesbaden und Oestrich-Winkel, die Handelshochschule in Leipzig und die WHU in Vallendar. Die WHU hat etwa, gemeinsam mit der Bucerius Law School, einen "Master of Law and Business" im Angebot, das Ein-Jahres-Programm kostet 22 000 Euro. Auch die Internationale Fachhochschule Bad Honnef hat ihre Marktnische gefunden, sie gilt als Kaderschmiede fürs Hotelfach. Vom Wissenschaftsrat erhielt sie am selben Tag, als das Baltic College abgekanzelt wurde, großes Lob. Entsprechend begehrt war die Hochschule bereits vor zwei Jahren, als die Gründerin aussteigen wollte: Investoren lieferten sich eine Bieterschlacht.
Im Rennen waren unter anderem der amerikanische Bildungskonzern Laureate und die deutsche Verlagsgruppe Klett. Zum Zug kam die Private-Equity-Firma Auctus gemeinsam mit einem Unternehmer, sie zahlten einen zweistelligen Millionenbetrag. Zum Portfolio von Auctus gehörten bis dahin Maschinenbauer, IT-Dienstleister oder Zeitarbeitsfirmen. Nun ist die Hochschule auf Expansionskurs. Im Herbst wurde in Bad Reichenhall eine Filiale eröffnet. Auf dem Gelände der eingestürzten Eissporthalle wird den Kunden ein Angebot "ganz nach den Anforderungen an ein kompaktes und zielgerichtetes Studium" versprochen. Dazu zählen "voll möblierte Studentenapartments auf dem Campusareal" und eine "ideale Betreuungsrelation". Die Expansion in den Süden "finanzieren wir problemlos aus dem Cashflow heraus", sagt der Bad Honnefer Geschäftsführer Florian Schütz. Der ehemalige IT-Unternehmer hat gemeinsam mit Auctus den Zuschlag bekommen, zum Geschäft mit der Bildung kam der Kaufmann per Zufall. Das Prinzip erfolgreichen Wirtschaftens sei dasselbe: "Wir müssen neue Studenten gewinnen, Marketing betreiben und Arbeitsprozesse optimieren."
Das gelingt indes nur wenigen Uni-Unternehmern. Der Student Sebastian Zonker weiß davon bereits mehr zu berichten, als ihm lieb ist. Ursprünglich hat er Jura an einer staatlichen Hochschule studiert, wie so viele andere auch. Dann hörte er von der Hanseuniversität Rostock und wurde einer der bestens betreuten Studenten - bis ihn in den Semesterferien der Geschäftsführer persönlich auf dem Handy anrief. Er habe eine schlechte Nachricht: Der Betrieb werde wohl eingestellt.
Immerhin kümmerte sich die Hanseuniversität auch danach um ihren Elitestudenten, der Betreiber Educationtrend bezahlte den Umzug nach Bruchsal bei Karlsruhe. Dort verfügt das Unternehmen über die International University in Germany. An seinem neuen Studienort lernt Zonker nun weiterhin Business Administration, zahlt 10 000 Euro im Jahr und hat sogar etliche Kommilitonen. Rund 170 junge Menschen studieren auf dem hübschen Campus, mindestens 15 Millionen Euro Steuergelder wurden investiert, damit die Klein- zur Universitätsstadt werden konnte.
Zonker war sehr zufrieden, bis vor wenigen Tagen bekannt wurde: Der Geldgeber zieht sich zurück. "Angesichts veränderter Rahmenbedingungen und verschärften Wettbewerbs erwirtschaftete sie Verluste", verkündete Educationtrend. Nun wird, nicht zum ersten Mal in Bruchsal, ein Retter in der Not gesucht. Wenn nicht rasch etwas geschieht, wird es bald eine Hochschule weniger in Deutschland geben. Zonker bleibt derzeit nur die Hoffnung, dass es in Bruchsal irgendwie weitergeht: "Dass Kosten durch Einnahmen gedeckt werden müssen, haben wir ja in BWL schon im ersten Semester gelernt".
STEFFEN EGGEBRECHT, JAN FRIEDMANN, CHRISTOPH TITZ, MARKUS VERBEET
Von Steffen Eggebrecht, Jan Friedmann, Christoph Titz und Markus Verbeet

DER SPIEGEL 30/2009
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