20.07.2009

MEDIZINDer Zwillings-Krebs

Die ehemaligen Handball-Nationalspieler Michael und Uli Roth bekamen Prostatakrebs mit 47 Jahren. Ihr Fall ist ein Plädoyer für die Vorsorge und den umstrittenen PSA-Test.
Kurz vor Mitternacht am Dienstag vergangener Woche sitzt Michael Roth an einem langen Holztisch in einem Hamburger Szenelokal. Er liest auf dem Handy eine Kurznachricht. Es ist die 37. SMS, die er innerhalb der letzten Stunde bekommen hat. "Geil - die Reaktionen sind sensationell", schreibt der Absender. Und zum Abschied: "Kuss Bulle".
Bulle ist der Spitzname von Uli Roth, dem Zwillingsbruder von Michael. Er liegt zu diesem Zeitpunkt drei Kilometer Luftlinie entfernt in der Martini-Klinik am Hamburger Universitätskrankenhaus. Es ist die letzte Nachricht, die er an diesem Abend schreibt, achteinhalb Stunden später wird ihm dort die Prostata entfernt.
Als Michael die Nachricht seines Bruders liest, läuft im Fernsehen der Abspann der ZDF-Talkshow "Markus Lanz". Die Sendung ist am Nachmittag aufgezeichnet worden, mit den Roth-Zwillingen als höchst ungewöhnlichen Gästen. Die Modellathleten, 47 Jahre alt, ehemalige Handball-Nationalspieler, über 1,90 Meter groß, muskulös, schwarze Haare mit grauen Schläfen, hatten offen über ihren Prostatatumor gesprochen. Sie erzählten über ihre Angst vor Impotenz und Inkontinenz und über ihre Unfruchtbarkeit.
Prostatakrebs mit 47 Jahren ist äußerst selten. Und dass im April erst Michael seine Karzinom-Diagnose erhielt und sechs Wochen später Bruder Uli von Ärzten die identische Nachricht erhielt, das hat es in Deutschland noch nicht gegeben.
"Wir waren entsetzt, als wir hörten, dass Freunde und Bekannte anders als wir in unserem Alter nicht zur Krebsvorsorge gehen", sagt Michael Roth, der im Mai operiert worden ist. "Wären auch wir so nachlässig gewesen, dann wären wir nicht so glimpflich davongekommen." Die beiden Olympiahelden, Silbermedaillengewinner 1984 in Los Angeles, haben sich deshalb entschlossen, ihre Krebsfälle einer großen Öffentlichkeit bekanntzu- machen.
Sie wollen ein Vorbild geben, wie es sich bisher nur Frauen getraut haben. Vorsorgeuntersuchungen für Brustkrebs, der häufigsten Tumorerkrankung des weiblichen Geschlechts, werden inzwischen von vielen prominenten Frauen beworben, von der Sängerin Anastacia, 40, bis jüngst zur Moderatorin und Fußballergattin Sylvie van der Vaart, 31. Als die australische Popsängerin Kylie Minogue 2005 über ihren Brustkrebs berichtete, stieg in ihrem Heimatland die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen um 40 Prozent an.
Männer leiden hingegen lieber im Verborgenen. Prostatakrebs ist, trotz 58 000 Neuerkrankungen jährlich, noch immer ein Tabuthema. Krebs ist schlimm, aber schlimmer ist, als Kerl zu gelten, der keine Kraft mehr in den Lenden hat und auf Windeln angewiesen ist.
Dabei herrschte an prominenten Beispielen kein Mangel. Er habe in Hamburg "schon viele bekannte Persönlichkeiten operiert", sagt Hartwig Huland, "aber niemand hat öffentlich darüber gesprochen". Der Operateur der Roth-Zwillinge und seine beiden Chefarzt-Kollegen in der Martini-Klinik gelten mit jährlich 900 Eingriffen weltweit als Marktführer für Prostataoperationen.
Die Folge dieses Schweigens der Patienten: Nur 15 Prozent der deutschen Männer gehen zur Vorsorge. Dass die beiden Handballer aus Leutershausen an der Bergstraße zu dieser Minderheit gehören, hat sicher auch mit ihrem früheren Beruf zu tun. Als Sportler, glaubt Uli Roth, achten "wir wohl mehr auf unseren Körper als andere".
Zu ihrer aktiven Zeit bildeten Uli, der Kreisläufer, und Michael, der Spielmacher, ein Paar, das sich auf dem Feld blind verstand. 1990 wurden sie mit dem TV Großwallstadt Deutscher Meister. Doch auch nach der Sportkarriere vergeht kein Tag, an dem die beiden nicht mehrmals miteinander telefonieren. Uli hat sich in der Unterhaltungsbranche etabliert, seit zwölf Jahren managt er die deutsche Popgruppe Pur. Michael führt eine eigene Promotionsfirma, aber mehr noch ist er als Handballtrainer aktiv.
Als Michael Roth am 16. April seine Tumordiagnose erhielt, gab sein Arbeitgeber, der TV Großwallstadt, eine Pressemitteilung heraus. "Wegen eines operativen Eingriffs der Harnwege", hieß es dort, werde der Bundesligatrainer "voraussichtlich die nächsten vier Wochen nicht zur Verfügung stehen".
Es war eine typische Form der Desinformation rund um ein Tabu. "Ich war völlig am Ende", erinnert sich Michael Roth, "du denkst an Tod und an ausfallende Haare." Auch er wollte nicht öffentlich "in die Kategorie der Krebskranken" gestellt werden. Und welcher Mann im mittleren Alter gibt schon gern zu, dass ihm eine Operation bevorsteht, die seine Potenz bedroht?
Dann aber lernten die Roth-Brüder immer mehr über die Krankheit. Sie erfuhren, wie außergewöhnlich es war, dass ihre Krebsgeschwüre in einem solchen Frühstadium entdeckt wurden.
Beim vorbereitenden OP-Gespräch erklärte Professor Huland, dass Männer eine 15 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, an der Prostata zu erkranken, wenn sie familiär vorbelastet sind. "Als Michael mir das erzählte, wusste ich sofort: Ich habe es auch", sagt Uli Roth. Er erinnerte sich an die Masern, die Windpocken, die erst den einen und wenig später den anderen Bruder befielen. Und an die Milchzähne, die erst beim einen und drei Stunden später beim anderen wackelten.
Michael Roths Tumor war verhältnismäßig klein und hatte noch keine Metastasen gestreut. Die Prostata ist von feinen Nervenbahnen umgeben, die für die Erregung des Schwellkörpers verantwortlich sind. Wenn der Operateur großflächig schneiden muss, gehen schon mal Zellen verloren. Das Glied kann daher - für einen gewissen Zeitraum oder für immer - seine Standfestigkeit verlieren. Dann muss der Patient nachhelfen: mit Tabletten, Penisspritzen oder Vakuumpumpen.
Zudem muss der Arzt bei der Operation nah an den Schließmuskel der Blase heranschneiden. Wird dieser beschädigt, kann die Funktion verlorengehen, den Urin zu halten.
Michael Roth war schon zehn Tage nach der Operation wieder "trocken", wie die Mediziner sagen. Auch die Nerven zum Schwellkörper haben ihre Funktionsfähigkeiten behalten. Es kommt nur keine Samenflüssigkeit mehr, Roth ist unfruchtbar.
"Wir hatten so viel Glück im Unglück", sagt Michael Roth, deshalb wollten sie ihre Geschichte als Vorbild für andere Männer öffentlich machen. "Die Vorsorge dauert zehn Minuten", sagt Michael Roth, und der Nutzen könne gewaltig sein: "Ein längeres Leben mit Sex und ohne Windeln".
Die Zwillingsbrüder sehen sich nun als Paradebeispiel für den Nutzen des Prostatatests, der unter Medizinern durchaus nicht unumstritten ist. Denn der Test auf das Prostata-spezifische Antigen (PSA) gibt nur einen Hinweis zur Früherkennung von Tumoren. Ein Wert von über vier Nanogramm PSA pro Milliliter Blut gilt als verdächtig. Doch diese Werte können stark schwanken, körperliche Anstrengung oder Geschlechtsverkehr beeinträchtigen ihn.
Zudem können auch Männer unterhalb dieser Vier-Nanogramm-Schwelle Tumoren haben. Und wahr ist zudem, dass nicht jeder Getestete, dessen Blut den kritischen Wert übersteigt, unbedingt krebskrank ist. Gesetzliche Krankenkassen lehnen es wegen dieser Ungenauigkeiten ab, die rund 30 Euro teure Untersuchung zu bezahlen. Privatpatienten wird sie dagegen erstattet.
Aufklärung darüber, wie zuverlässig der PSA-Test wirklich ist, versprachen sich die Mediziner von einer jüngst veröffentlichten Untersuchung mit 162 000 Männern zwischen 55 und 69 Jahren in Europa. Das Ergebnis: Durch eine flächendeckende PSA-Testung sinkt die Sterblichkeit um 20 Prozent.
Kritiker halten dagegen, der Aufwand für ein solches Screening sei nicht gerechtfertigt: Man müsse statistisch gesehen 1410 Männer testen und 48 Tumoren behandeln, um ein Leben zu retten. Viele Männer würden deshalb überflüssig biopsiert, bestrahlt oder operiert. Die gute Seite von Krebsgeschwüren in der Prostata ist nämlich, dass sie sehr langsam wachsen und meist schmerzfrei sind. Viele Männer sterben demzufolge im hohen Alter nicht an ihrem Tumor, sondern an anderen Krankheiten.
Professor Huland gibt zu, dass der PSA-Test "noch viele Schwächen" hat. Aber er sei gleichzeitig eine "phantastische Methode, um Prostatakrebs frühzeitig zu erkennen". Huland rät deshalb allen Männern ab 45 Jahren, regelmäßig einen PSA-Test machen zu lassen. Wenn in der Familie bereits ein Prostatafall aufgetreten sei, solle man schon mit 40 Jahren zum Arzt gehen.
Für den Arzt sind die beiden Brüder der beste Beweis für den Sinn der PSA-Prävention. Sie wirkten nach außen "knackgesund" (Huland), nichts sprach für einen Tumor. Womöglich wäre er so lange gewachsen, bis ein Eingriff nicht mehr ohne schwerwiegende Folgen möglich gewesen wäre.
Michael Roth ging schon mit 40 Jahren das erste Mal zu seinem Urologen. "Was wollen Sie denn hier, Sie sind doch noch viel zu jung", habe ihm der Arzt geantwortet. Roth bestand auf einen Test, weshalb nun Vergleichswerte über einen Zeitraum von sieben Jahren vorlagen.
Das ist ein großer Vorteil, denn aussagekräftiger als eine einzige Erhebung ist der Verlauf des PSA-Wertes über eine längere Distanz. Und als dieser Wert im April innerhalb eines Jahres von 1,9 auf 3,9 Nanogramm pro Milliliter hochgeschnellt war, galt dies als klares Indiz für einen Tumor.
Doch nicht nur die Diagnose der Roth-Brüder war völlig identisch. Die Operation von Uli war deckungsgleich mit dem Eingriff bei seinem Bruder. Wie Michael konnte er bereits einen Tag nach der OP sein Krankenhausbett wieder verlassen. "Ich war sogar einige Stunden schneller als Michael auf den Beinen", sagt Uli Roth. UDO LUDWIG
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 30/2009
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