20.07.2009

BAYREUTHDie Unsichtbare und das Biest

Die beiden neuen Leiterinnen der Festspiele, die ungleichen Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, müssen nun beweisen, dass sie das Familienerbe in eine neue Ära führen können. Immerhin: Ein drohender Streik scheint abgewendet.
Zwei Wochen lang sah es so aus, als müsse der Spielplan der Bayreuther Festspiele, die an diesem Samstag beginnen, umgestellt werden. Statt "Tristan" zur Eröffnung hätte es auch heißen können: Götterdämmerung. Die Gewerkschaft Ver.di drohte nämlich damit, 123 Bühnentechniker zum Streik zu führen. Es wäre der erste in der Geschichte der Wagner-Festspiele gewesen.
Lange wurden die Arbeiter unter Tarif bezahlt, sie hatten es hingenommen, ganz Diener des großen Erbes. Doch diese Zeit ist vorbei. Am vergangenen Mittwoch schaltete sich Katharina Wagner, die neue Co-Chefin der Festspiele, in die festgefahrenen Verhandlungen ein.
Bis auf eine strittige Summe von rund 150 000 Euro waren sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber nähergekommen. Katharina stellte in Aussicht, diesen Fehlbetrag auch noch lockermachen zu wollen. Insgesamt kommen damit auf die Festspiele Mehrkosten für das technische Personal in Höhe von rund 600 000 Euro pro Saison zu. Am Mittwochabend, drei Tage vor der Eröffnung, soll die Vereinbarung perfekt gemacht werden. Würde die Festspielleitung von ihrem Angebot abrücken, wäre das, so Gewerkschaftssekretär Hans Kraft, "ein Affront" - und der Streik unabwendbar.
Die Krise ist Katharina Wagners erste große Bewährungsprobe. Bisher hatte Ver.di sich in Sachen Wagner immer ruhig verhalten. Es gab nicht einmal Tarifverträge, sondern nur eine Betriebsvereinbarung mit Wolfgang Wagner, 89, der die Festspiele 57 Jahre lang leitete. Er hatte das Unternehmen seines Großvaters Richard Wagner verwaltet wie ein Großgrundbesitzer im 19. Jahrhundert seine Latifundien: jovial, autoritär und ohne Mitbestimmung. Wer nach Bayreuth pilgerte, ob Handwerker, Musiker oder Sängerstar, kam wegen der Ehre, nicht des Geldes wegen. Auf dem legendären Hügel herrschte immer der absolute Primat der Kunst. Bis jetzt - die Streikdrohungen der Gewerkschaft setzen einen Wendepunkt in der Festival-Geschichte.
Nicht nur das ist ein Novum. Mit dieser Saison haben zwei Töchter Wolfgangs, die höchst unterschiedlichen Halbschwestern Katharina, 31, und Eva, 64, den Platz ihres greisen Vaters eingenommen und tragen zum ersten Mal die volle Verantwortung.
Und mit diesem Jahr ist Bayreuth, trotz der Damen mit dem bedeutenden Namen an der Spitze, kein Familienunternehmen mehr. Wolfgang Wagner hat seine Anteile an den Bund, das Land Bayern, die Stadt Bayreuth und den einflussreichen Fan-Verein "Freunde von Bayreuth" übertragen. Staatlich subventioniert sind die Festspiele schon lange: 5,5 Millionen Euro erhalten sie 2009, bei einem Gesamtetat von 14,7 Millionen. Dabei sind die Aufführungen immer ausverkauft: Über 50 000 Plätze in der Saison. Wartefrist für Neu-Wagnerianer: zehn Jahre.
In diesem Jahr ist die Alleinherrschaft des Patriarchen einem Angestelltenverhältnis der neuen Chefinnen gewichen - auf Zeit, versteht sich.
Wotan Wolfgang hatte nach langen Kämpfen eingesehen, dass er die Macht abgeben musste, wenn er sie - wenn auch geschmälert - der Familie wenigstens ein bisschen erhalten wollte. Aber sicher nicht ewig.
Über ein halbes Jahrhundert hatte der Enkel des Komponisten das Unternehmen, sein Walhall, das sein Großvater 1876 gegründet hatte, beherrscht - mit einem Geschäftsgebaren, das zwischen päpstlicher Unfehlbarkeit, despotischer Rücksichtslosigkeit und patenhaftem Wohlwollen schwankte.
Der Alte hatte, wie der Pontifex in Rom, einen Vertrag auf Lebenszeit, nur zu kündigen vom lieben Gott persönlich. Je älter Wolfgang wurde, desto starrsinniger und unkontrollierter gebärdete er sich. Einsame, oft schwer nachvollziehbare Entscheidungen machten ihn, bei aller Verehrung, zur Belastung. Schmeicheln, drohen, schimpfen - nichts half. Er blieb, als gäbe es keine Zukunft nach ihm, und stellte immer neue Bedingungen für seinen Rückzug.
Zuerst wollte Wolfgang Wagner nur weichen, wenn seine zweite, vor zwei Jahren verstorbene Frau Gudrun, eine ehemalige Sekretärin, zur Nachfolgerin gesalbt würde. Die Geldgeber von Bund, Bayern und Stadt Bayreuth lehnten ab. Wolfgang grollte und blieb. Dann wollte er Tochter Katharina inthronisiert sehen. Die war den Entscheidern zu jung und zu unerfahren.
Ein mühsames, quälendes Ringen um die Macht begann, ein Kampf um die Hoheit auf dem Grünen Hügel, um den einzigartigen Mythos einer urdeutschen Künstlerdynastie, eines gigantischen Werks und der Inszenierung der immer zehn gleichen Wagner-Opern, die abwechselnd im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt werden.
Wolfgang wollte seinen letzten Willen durchsetzen, schon zu Lebzeiten. Hochkultur und Boulevard in inniger Umarmung - eine unwiderstehliche Mischung, selbst für Opernhasser.
Mit Mühe konnten die öffentlichen Geldgeber dem grummelnden Greis den Verzicht schmackhaft machen. Er durfte erleben, dass Katharina - sie stammt aus der Ehe mit Gudrun - als Nachfolgerin installiert wurde. Doch dafür musste er Zugeständnisse machen. Die Firma, die Festspiele GmbH, ist nun fest in öffentlicher Hand; ein Verwaltungsrat hat die Kontrolle.
Und Tochter Eva aus erster Ehe musste mit ins Boot. Sie sollte, so die Hoffnung der Geldgeber, mit ihrer langjährigen internationalen Erfahrung als Opernmanagerin ihrer Halbschwester Katharina Seriosität und weltweite Kontakte verschaffen. Eva hat als Programmdirektorin an der Pariser Bastille-Oper gearbeitet, sie war künstlerische Beraterin für die Opernhäuser in Houston, Madrid und für die Metropolitan in New York. Zuletzt gehörte sie der künstlerischen Leitung der renommierten Opernfestspiele in Aix-en-Provence an, wo sie in diesem Sommer noch eine Produktion der "Götterdämmerung" ihres Urahns mitverantwortet.
Für Bayreuth hatte sich Eva allerdings vor ihrer Kandidatur mit Katharina mit ihrer Cousine Nike Wagner, der Tochter von Wolfgangs Bruder Wieland, zusammengetan. Nun wechselte sie plötzlich die Seiten. Küken Katharina bekam die Glucke Eva.
Das ungleiche Not-Duo bildet, psychologisch gesehen, ein überaus prekäres Gespann. Die beiden Frauen an der Spitze haben sich erst vor einem Jahr kennengelernt. Vorher war Eva in Wolfgangs Welt so etwas wie eine Unperson. Eva Wagner-Pasquier, die Katharinas Mutter sein könnte, war einmal das, was Katharina dann wurde: Wolfgang Wagners Liebling. Eine, so erinnert sie sich, "Vater-Tochter".
Aber nur so lange, bis er sich von Evas Mutter Ellen scheiden ließ und 1976 Gudrun heiratete, mit der er zwei Jahre später Katharina bekam. Eva wurde verstoßen. Sie leidet noch heute darunter. Als der Bayreuther Stiftungsrat sie 2001 zum ersten Mal als Wolfgangs Nachfolgerin einsetzen wollte, warf der Vater ihr öffentlich "Unfähigkeit" vor. Wenn sie früher, als sie schon in führenden Opernhäusern arbeitete, auf ihren Vater und ihre Stiefmutter traf, ging sie ihnen aus dem Weg. Wollte sie Karten für Bayreuth, musste sie schriftlich darum bitten.
Gespenstisch die Szene, als Eva mit ihrem 13-jährigen Sohn Antoine 1995 im Bayreuther Zuschauerraum saß und ihr Vater eine Ankündigung vor dem Vorhang machte. Der Junge fragte seine Mutter beklommen, ob er den weißhaarigen Herrn eigentlich "Herr Wagner" oder einfach "Opa" nennen solle.
Vielleicht wegen solcher Demütigungen ist Eva so medienscheu und zurückhaltend, dass man nie genau weiß, ob die kompetente Fachfrau für Vokalkunst in Bayreuth überhaupt anwesend ist. Viele nennen sie nur noch "die Unsichtbare".
Gemeinsame Auftritte mit Katharina sind so rar wie ungebremster Frohsinn in Uropas Werken. Katharina, groß, blond, zungenflink, gibt in dieser Konstellation das Biest. Sie ist zupackend, bisweilen nassforsch, aber auch, wie jetzt in der Streikabwendung, entscheidungsfreudig. Sie wirft Termine um oder nimmt sie gar nicht wahr, sie kann schimpfen wie der Vater und ist machtbewusst wie er. Katharina schwanke, so urteilt ein Mitarbeiter einer großen deutschen Oper, der einmal mit ihr aneinandergeraten ist, "zwischen Größenwahn und Pragmatismus".
Beraten lässt sich die Jungintendantin ungern. Selbst Toni Schmid, Vorsitzender des mächtigen Verwaltungsrats von Bayreuth, gibt zu, dass er keinen Einfluss auf sie habe.
Und dann ist da noch die missliche Frage nach der künstlerischen Begabung: Katharina führt, wie der Vater, auch Regie. Und wie bei ihm ist das nicht ihre stärkste Seite. Es gibt da bei ihr merkwürdige Parallelen zu Wolfgangs Vita. Er hatte nach dem Krieg mit seinem Bruder Wieland die Festspiele übernommen, die durch die unverbrüchliche Freundschaft ihrer Mutter Winifred zu Hitler - die Jungen nannten ihn "Onkel Wolf" - zu Nazi-Festspielen geworden waren.
Bayreuth wenigstens ästhetisch aus dem braunen Sumpf zu ziehen blieb Wieland vorbehalten. Seine kompromisslos modernen Inszenierungen waren nach dem Krieg ein Signal für "Neu-Bayreuth".
Als Wieland 1966 im Alter von 49 Jahren starb, übernahm Wolfgang die alleinige Macht. Und er versuchte sich selbst als Regisseur - doch seine Arbeiten gerieten beschämend bieder und brav.
Sieben eigene Inszenierungen hat inzwischen auch Katharina gezeigt, eine davon - "Die Meistersinger" - in Bayreuth. Die meisten waren kein Erfolg. Die letzte jedoch, ein stimmlich überdurchschnittlicher und szenisch achtbarer "Tannhäuser" auf Gran Canaria, an der Peripherie der Opernwelt, wo sie eine Ferienwohnung besitzt, war zumindest ein weiterer Beweis für Unerschrockenheit und Eigensinn.
Für nur drei Aufführungen hatte sie drei Wochen unter widrigsten Umständen auf der Insel geprobt, gut einen Monat vor der Eröffnung der Bayreuther Festspielsaison.
Während zu Hause Ver.di gegen Wagner antrat, schlug sich Katharina auf den Kanaren mit einer defekten Drehbühne, unfertigen Kostümen und einem uneinsichtigen Theaterleiter herum.
Ihr "Tannhäuser" vor der Küste Afrikas ist längst abgespielt, und ihrer Zukunft als Festspielchefin hat er wenig genützt.
Sieben Jahre läuft der Vertrag von Katharina und Eva. Nur wenn er verlängert wird, können sie zeigen, wie ihr Bayreuth in Zukunft aussehen soll. Denn bis 2015 sind wichtige Künstlerverträge noch vom Vater geschlossen worden. In den vergangenen Jahren litten die Festspiele an eher glanzlosen Sängern und nicht immer überzeugenden Inszenierungen.
Die "FAZ" beispielsweise befand, das Festival stecke fest "zwischen provinziellem Muff und Boulevardisierung". Bayreuth hat als letzte Instanz in Sachen Wagner ausgedient.
Schon kursieren Wetten, ob die beiden Halbschwestern ihr erstes Etappenziel bis 2015 wirklich gemeinsam erreichen werden: zu unvereinbar die Charaktere, zu scheu die eine, zu machtbewusst die andere.
In ihrem "Tannhäuser" lässt Katharina am Ende die Titelfigur noch einmal in verschiedenen Verkleidungen auftreten, ein trauriger Held auf der Suche nach dem Selbst.
Und dieses Tasten nach einer schlüssigen Identität, so scheint es, steht auch Katharina bevor: Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele? Erbin, Managerin, Mythenverwalterin oder doch nur die letzte Wagner an der Spitze eines Unternehmens, das als Utopie eines monomanischen Komponisten begann? JOACHIM KRONSBEIN
* Inszeniert von Katharina Wagner auf Gran Canaria.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 30/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BAYREUTH:
Die Unsichtbare und das Biest

  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik