27.07.2009

LEBENSARTCiao bella

Seit jeher ist Italien der Deutschen liebstes Reiseland, auch wenn es immer rätselhafter wird, unheimlicher, unfassbarer. Eine Reise durch das Land von Silvio Berlusconi zeigt: Es ist Deutschland näher, als viele glauben. Von Alexander Smoltczyk
Zeig mir das Land, wo ein ehemaliges Softporno-Starlet als Ministerin gehandelt wird. Zeig mir das Land, wo Betriebsräte auf Firmenkosten zum Bordellbesuch fliegen und ein musikbegeisterter Medienmogul 80 Prozent des Boulevards beherrscht.
Zeig mir das Land, wo der Weltbank zufolge die Bürokratie für Firmengründer undurchschaubarer ist als in Ruanda oder Kasachstan. Wo Manager ihre Firmen herunterwirtschaften und dann auf Rettung von jenseits der Alpen hoffen.
Wo die Bevölkerung trotz katastrophaler Wirtschaftsdaten von der Krise nichts wissen will, in bester Dolce-Vita-Laune. Zeig mir das Land. Es ist nicht weit. Wir stehen mittendrin. Das sind Nachrichten aus Deutschland.
So viel vorweg. Der Softporno hieß "Die Stoßburg" (in einer Nebenrolle: Dagmar Wöhrl, heute Parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium), der Medienmogul ist Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des Springer-Konzerns, und der Weltbank-Bericht "Doing Business" datiert von 2009.
Man muss manchmal genau hinschauen. Schlagzeilen erzählen nicht alles über ein Land. Die Bundesrepublik ist italienischer geworden und Italien deutscher. Das Rauchverbot jedenfalls wurde dort einfach beschlossen und umgesetzt - basta.
Es hat sich einiges geändert seit "Teutonengrill" in Rimini und Rita Pavones "Arrivederci Hans". Geblieben ist die gegenseitige Anziehungskraft. In diesen Wochen zwängen sich wieder rund acht Millionen Bundesbürger über den Brenner, durch den Gotthard-Tunnel und in Billigflieger, um ihrem Lieblingsland näher zu kommen. Endlich werden sie wieder sagen können: "Due Kaputtschinis, Mario" - und wissen, dass Mario wieder das Doppelte berechnen wird.
Jedes Telefonat eine Stand-up-Performance, jedes Anfahren an der Ampel ein Kampf um die Pole-Position wie in Monza.
Herrlich, diese älteren Herren, jeder ein Agnelli, ein Padrone, ein Sky du Mont! Das gleichzeitige Telefonieren, Flirten und Ausfüllen der Steuererklärung, alles auf der Überholspur ... Italien ist eben ein Land, wo das Nebensächliche mit großem Ernst betrieben wird und das Wichtige mit Leichtigkeit. Und sei es das Leben.
Und doch ist etwas anders in diesem Sommer 2009. Seit Mussolinis Zeiten hat Italien keine so schlechte Presse mehr im Ausland gehabt. Und das nicht nur, weil der Regierungschef sich die Gespielinnen wie Austern auf die Residenz bestellt, im Dutzend und bitte keine alten dabei.
Es liegt an der Politik, dass Italien seinen Nachbarn unheimlich geworden ist. Die kanadische Tageszeitung "The Globe and Mail" vergleicht Italien mit "einem Militärregime", der "Economist" mit Kolumbien. Der WDR berichtet von einer "Diktatur des Lächelns" und meint damit nicht Nordkorea. Für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ist das Land im Jenseits der Alpen nur noch der "Stinkstiefel".
Ciao bella ... Kann man da überhaupt noch hinfahren?
Ist die "Repubblica Italiana" im 63. Jahr ihres Bestehens tatsächlich auf dem Weg zum "postdemokratischen Totalitarismus", wie ernstzunehmende Beobachter meinen? Oder ist wie gewöhnlich alles halb so wild, wie ebenso gut informierte Kreise glauben?
Italien ist es unwohl mit sich selbst. Das ist gewiss. Die sonst so leichten Tischgespräche über Politik sind bitterer geworden und schärfer. Weil etwas zu Ende geht? Weil etwas nicht enden will?
Andiamo. Machen wir eine kleine Grand Tour, eine politische Reise durch Berlusconistan, vom Lago Maggiore bis hinunter nach Bari und Neapel. Reden wir mit Leuten, die es besser wissen müssen.
zzz Fußball-WM am Lago Maggiore. Gleich hinter der Grenze hört Italien schon wieder auf. Die Ortsschilder zeigen Wörter mit vielen Üs, und über dem Stadion von Varese wehen grüne Fahnen, als hätte die iranische Opposition die Macht übernommen. Hier ist "Padanien". Eine historisch nicht weiter belegbare Nation, erfunden von einem gescheiterten Medizinstudenten namens Umberto Bossi und seiner rechten Lega Nord. In Lega-Land hält man "Italien" für ein historisches Missverständnis. Padanien ist einer der Gründe, weshalb Italien so sonderbar geworden ist.
Im Stadion von Varese wird gerade eine Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen. Hymnen werden gespielt. Es ist der wahre und eigentliche World Cup der wahren und eigentlichen - wenn auch nicht anerkannten - Nationen. In Gruppe 2 spielt Sápmi (Lappland) gegen die Provence und gegen Gozo, eine weitgehend unbekannte Nation bei Malta. Okzitanien und Irakisch-Kurdistan spielen gegen Titelverteidiger Padanien. Abchasien konnte sich nicht qualifizieren. St. Pauli auch nicht.
Eine Narrenveranstaltung? Zum Auftaktspiel kam der Minister für föderale Reformen, Umberto Bossi. Seine Lega Nord ist inzwischen die älteste Partei Italiens.
"Früher gab es die Parteifeste der Kommunisten oder der Christdemokraten. Heute gibt es das Fest der Lega. Gegrillt wird nach wie vor, und immer noch geht es um die kleinen Leute", sagt Sandra Cane.
Sie erinnert an jemanden. 48 Jahre alt, ziemlich "gebräunt", wie Berlusconi es nennen würde, und von einer knappen Mehrheit ins Amt gewählt - mit dem Slogan "Yes we Cane".
Sandra Cane ist die einzige und erste farbige Bürgermeisterin in Padanien. In ihrer Heimat Massachusetts ist sie bei den Demokraten eingeschrieben. Hierzulande ist sie bei der Lega. Ihre 5000-Seelen-Gemeinde Viggiù liegt oberhalb des Lago Maggiore. In ihrem Rathaus hat sie Frauen auf die wichtigen Posten gesetzt.
Wenn man sie fragt, weshalb sie, als Tochter einer Italienerin und eines GI, zu den Padaniern gegangen sei, dann sagt Cane: "Wegen der Identität." Ein Gefühl, das damit zu tun habe, "seine Geschichte zu kennen, seine Traditionen, sonntags in der Familie zu essen und kein Papier auf den Boden zu werfen". Ein Gefühl von Sicherheit.
Die Lega lebt von den Ängsten. Sie sieht sich als revolutionäre Kraft der Ordnung. Als Kämpferin gegen die italienische Krankheit, gegen Verschwendung und Korruption, Bürokratie und Vetternwirtschaft. Es ist ein zur Welt aufgeblasener Regionalismus mit einfachen Symbolen und jeder Menge Grillfeste fürs Volk. Das ist die einzige revolutionäre Botschaft, die bei den Wählern Italiens noch ankommt. Die Lega ist in den meisten Provinzen des Nordens so verankert wie die CSU in Bayern. Landesweit kam sie bei den Europawahlen auf zehn Prozent der Stimmen.
Berlusconi ist von der Lega abhängig. Sie ist die treibende Kraft hinter seinen Reformen.
Umberto Bossi hat durchgesetzt, dass in Zukunft die Steuern föderal erhoben und verwaltet werden sollen. Das soll die Verantwortung im Umgang mit dem Geld erhöhen, die Steuerflucht bremsen: "No taxation without representation." Das war eine Parole der amerikanischen Unabhängigkeit.
Der Lega-Minister für Reformen ist dabei, überflüssige Gesetze und Vorschriften abzuschaffen. 36 000 sollen es sein.
Die Lega ist eine Bewegung quer zu den klassischen Einteilungen. In der Textilstadt Prato ist sie die Partei der Arbeiter und Fabrikbesitzer gleichermaßen. Diesen Globalisierungsverlierern sitzt das "Made in China" im Nacken und der Fiskus sowieso. Sie fühlen sich von den klassischen Parteien nicht mehr vertreten.
Es heißt, Städte mit Lega-Bürgermeistern wie Verona, Bergamo, Prato würden gut verwaltet. Die Hitzköpfe müssten nur eingebunden werden, heißt es. So sprach man in Deutschland einmal von den Grünen. Und noch früher von den Nazis.
Vor der Europawahl ließ die Lega Nord Plakate mit dem Gesicht eines Indianers kleben: "Sie haben unter der Immigration gelitten. Jetzt leben sie in Reservaten." In Mailand sollen beim Plakatieren auch illegale Migranten eingesetzt worden sein.
Das wiederum ist tröstlich.
Es war ein Vorschlag der Lega, dass jetzt in den Vorstädten Bürgerwehren ihre Runden drehen sollen. Sandra "Citizen" Cane, der Bürgermeisterin, ist dabei nicht ganz wohl: "Das muss gut vorbereitet sein. Ich will keinen Ku-Klux-Klan in meinem Padanien haben."
Die Einwanderungsregeln sind unter dem Druck der Lega verschärft worden. Illegale Einwanderung ist seit neuestem ein Strafdelikt, geahndet mit Geldstrafe, Haft und Ausweisung. Im Ausland sind Parallelen zu Mussolini gezogen worden. Dabei ist das Gesetz im Kern nur abgeschrieben - vom deutschen Zuwanderungsrecht.
zzz Pasta in der Po-Ebene. In der Gegend südlich von Turin hat der italienische Geschmacksimperialismus sein Hauptquartier. Von hier aus werden Barilla-Nudeln, Parma-Schinken und Salami in die Welt geschickt, Cinzano heißt ein Städtchen, und die höchste Erhebung ist die Schokoladenfabrik von Michele "Nutella" Ferrero, dem reichsten Mann Italiens. Dieses Land floriert, egal, wer in Rom das Sagen hat.
Italien hatte einmal die mächtigste und beeindruckendste Linke in Europa, geführt von der größten kommunistischen Partei im Westen. Die "Partito Comunista Italiano" hatte bis zu 2,2 Millionen Mitglieder, doppelt so viele wie die SPD in ihren besten Zeiten. Und auch die deutschen Sozialdemokraten schauten bewundernd auf Eurokommunisten wie Enrico Berlinguer.
Nichts davon ist geblieben. Die Schuld eines einzigen Mannes? "Nicht Berlusconi ist das Problem, sondern der Berlusconismus. Die quasi genetische Mutation der Leute nach 20 Jahren TV-Dauerbombardement", sagt Carlo Petrini. Die Linke hatte weder der Verbreitung der neuen Formen von Massenkultur etwas entgegenzusetzen noch der Zersplitterung der alten Formen von Arbeit. "Die Lega Nord hat der Linken vorgemacht, wie man sich im Territorium einnistet. Wie man die Umwelt und die kleinen Leute verteidigt."
Carlo Petrini ist der erfolgreichste Revolutionär Italiens. Er ist der Gründer von "Slow Food", jener inzwischen weltweiten Bewegung zur Rettung des Genusses, deren Erschütterungen bis nach Hamburg-Eppendorf zu spüren sind. Slow Food entstand hier, in einem piemontesischen Provinznest namens Bra, wo die Notare mittags mit ihren Aktenbündeln zum Essen laufen und die Mütter, jetzt im Juli, mit den Kindern schon voraus ans Meer gefahren sind.
Slow Food ist die populärste Erbin von 1968 in Italien. Carlo Petrini fand Klassenkampf damals in Ordnung, aber noch lieber kostete er mit den Genossen die Weine des Piemont und agitierte die Bauern der Po-Ebene, damit sie weiter die unvergleichlichen Carmagnola-Paprikaschoten anbauten.
Die Revolution fand beim Essen statt, nicht in den Fabriken. Gabel und Spaten waren erfolgreicher als Hammer und Sichel. Slow Food rettet heute Speisefische, steht an der Seite bockiger Rohkäseerzeuger.
Petrini sieht nicht so aus, als könnte er sich darüber freuen. Er hat die graugelbliche Haut eines Leberkranken, die Stirnadern stehen hervor, und ständig wischt er mit einem Tuch am Mund herum. "Wir brauchen einen neuen Humanismus", fährt er fort und redet dann länger über die Diktatur des Konsumismus, das Mono-Denken und die einfallslose Opposition.
Er möchte an die kleinen Leute glauben, und er verzweifelt an ihnen. Die Italiener lieben Berlusconi nicht, vielen ist er peinlich. Aber wenn keiner schaut, machen sie das Kreuz hinter seinem Namen, als kleineres Übel, weil sie niemand anderem zutrauen, überhaupt noch etwas zu ändern.
Petrinis Stimme hat Gewicht. Seine Ökologie-Kolumnen erscheinen in der "Repubblica". Aber man spürt bei ihm auch einen Snobismus, jene leise Verachtung der Masse und ihrer Kultur, die der Linken in Italien zum Verhängnis geworden ist.
Möglicherweise ist Berlusconi nicht die Ursache der Krise, sondern nur ihr Ausdruck. So sieht es Giuliano Ferrara. Ferrara war einmal Minister des Cavaliere. Seine Zeitung "Il Foglio" ist das Blatt der rechten Intelligenzija. Finanziert wird es vornehmlich von Veronica Lario, der Noch-Signora Berlusconi. Nicht allein seines ungeheuren Körpers wegen wird Ferrara "Elefantino" genannt. Wenn Berlusconi politischen Verstand hätte, sagt man, würde er argumentieren wie Ferrara.
Er sitzt auf dem Flachdach der früheren Arbeiterfestung Lingotto in Turin und ist damit beschäftigt, diverse Meerestiere von seinem Teller zu vertilgen. Lingotto war das Stammwerk von Fiat. Auf dem Dach wurden die Mirafiori und Spider getestet. Inzwischen kann man hier postindustriell speisen, und auch Giuliano Ferrara hat sich längst von seiner kommunistischen Phase gelöst. "Ihr versteht nicht, was in Italien los ist. Seit 1994 sind quasi alle Parteien verschwunden. Alle! Man stelle sich vor, in den USA lösten sich Republikaner und Demokraten über Nacht auf. Das war unsere Situation. Berlusconi fürchtete damals um sein Unternehmen. Also ging er in die Politik und machte sich breit in dem Vakuum, ohne lang zu fragen."
1994, das war der italienische Mauerfall, nur doppelt. Die kommunistische Partei stand plötzlich ziemlich allein und löste sich auf. Und die 50 Jahre lang regierende "Democrazia Cristiana" verschwand mitsamt allen Satelliten in der Justizoffensive "Mani pulite".
Über Nacht ging das alte politische Establishment unter. Davon hat sich Italiens Politik bis heute nicht erholt. Die herrschende Kaste verabschiedete sich und ließ den Schlüssel stecken. Silvio Berlusconi nahm ihn sich.
Seither hat dieser Mann das Land verändert, Ferrara würde sagen: zum Besseren. Berlusconi hat die Rechte mit den Liberalkonservativen vereint, gegen die alten Parteiapparate, die extreme Linke ist aus dem Parlament herausgewählt, und die Demokratische Partei ist nach der letzten Niederlage gegen Berlusconi noch mit der Selbstfindung beschäftigt.
"Der Cavaliere hat als Erster in Europa verstanden, wie man mit dem Fernsehen herrschen kann. Natürlich hat er keinen Sinn für den Staat. Er wird nie zwischen privat und öffentlich unterscheiden können. Er ist eben der Prototyp des Impresario."
Alles lässt sich durch einen Scherz, ein Kompliment, eine Perlenkette oder einen Briefumschlag mit Scheinen regeln. "Gianni Agnelli, der König von Fiat, hatte genauso schwarze Kassen im Ausland und seine Orgien. Niemand schrieb darüber. Gegen keinen anderen richtet sich die Wut der Justiz und der Presse so sehr wie gegen den Cavaliere. Warum?"
Ferrara holt kurz Luft und sagt: "Weil dieser Mann außerhalb der politischen Kategorien steht. Er macht das, was sich für einen Staatsmann nicht gehört. Er gehörte nie zum Club und stand immer außerhalb der Nomenklatura. Das gefällt mir. Berlusconi ist am ehesten noch ein Caudillo südamerikanischen Typs."
Also doch eine "Diktatur des Lächelns"? Noch immer sind die Verantwortlichen der blutigen Polizeiexzesse vom G-8-Gipfel in Genua 2001 unbehelligt, einige sogar befördert worden. Im November stürmte ein Kommando von Neofaschisten, vermummt und teilweise mit Stöcken bewaffnet, ein Produktionszentrum des Fernsehsenders Rai, um gegen eine Sendung zu protestieren. Eine eher seltene Szene im Nachkriegseuropa. Niemand wurde deswegen belangt.
"Das Risiko einer autoritären Entwicklung scheint mir gleich null", sagt Ferrara. "Die Kultur unseres Landes erlaubt den totalen Gebrauch der Macht nicht." Ferrara erzählt von den Staatsunternehmen und Verwaltungen, offenbar ein an die späte Sowjetunion erinnerndes System sich selbst erhaltender Untersysteme, mit dem einzigen Zweck, Veränderungen zu ersticken. "In 15 Jahren hat Berlusconi es nicht geschafft, eine Justizreform durchzubringen. Sarkozy ist sehr viel mächtiger als Berlusconi."
In Italien kann der Ministerpräsident noch nicht einmal einen Minister entlassen. Regelmäßig scheitern Volksabstimmungen über Reformen, an deren Notwendigkeit keinerlei Zweifel besteht. Ein Tröpfchen Mehrheitswahlrecht? Ein wenig mehr Steuerhoheit für die Regionen? Alles vernünftige Vorschläge, alles vom Volk in Referenden abgelehnt, 2006 und 2009.
zzz Chianti in Siena. Berlusconi sieht den Grund für seinen schlechten Ruf im "Katastrophismus" der Linkspresse und ihrer Campari schlürfenden Kollaborateure von den Piazze, den Auslandskorrespondenten. Tatsächlich gibt es einen gewissen Hang zur Leidenslust.
Wollüstig stöhnt das Land auf, wenn internationale Rating-Agenturen vor einem "argentinischen Risiko" für Italien warnen. Es wird bezweifelt, dass der Staat die eigenen Schulden wird bedienen können.
Kein EU-Land ist so rettungslos verschuldet wie Italien, keines gibt mehr aus für seine Pensionäre, während die Jungakademiker das Weite suchen müssen. "Zahlen sagen nicht alles über das Land", sagt Marco Morelli. Den Zahlen nach wäre Italien sowieso schon am Ende.
Morelli ist Finanzchef bei einer Bank, deren Schalter schon geöffnet waren, als Christoph Kolumbus nach Venture-Capital suchte. Die "Banca Monte dei Paschi di Siena" ist das älteste noch aktive Geldhaus der Welt, gegründet 1472.
Vom Turm des Stammhauses Palazzo Salimbeni, mitten in der Altstadt von Siena, sieht man die Hügel des Chianti, den Dom, die Ziegeldächer und genau gegenüber der Bank die Konditorei von Gianna Nanninis Familie. Siena ist die Hauptstadt der Toskana-Fraktion.
Marco Morelli ist diese Folklore eher unangenehm. Er könnte in jedem Büro der Londoner City sitzen und schäumt seine Sätze gern mit Anglizismen auf.
"Die Schuldenquote ist höher als anderswo? Nun gut. Aber die Hälfte der public bonds liegt in den Taschen unserer Bürger." 80 Prozent der Bürger besitzen eine Immobilie, die Hälfte von ihnen sogar zwei. "Italien", sagt Morelli, "ist reicher, als die Statistik ahnen lässt."
Das Rückgrat des Landes sind die Kleinunternehmen, vom Fiskus gepiesackt, von den Bürokraten in die Verzweiflung getrieben, von den Banken geringgeschätzt, nicht selten von der Mafia terrorisiert. Es gibt in Italien 40 000 kleine und kleinste Firmen, fast alle mit weniger als 15 Mitarbeitern. Die Tochter steht an der Kasse, der Schwiegersohn macht das Lager. In Norditalien sind sie eleganter, in Neapel verstecken sich die Handtaschenhersteller in den Kellern und Winkeln der Altstadt.
Die einen zahlen Steuern, die anderen können sich das nicht leisten. Das Prinzip ist ähnlich. Wer überleben will, muss fleißiger sein als die anderen, gewitzter und kreativer. Manchmal auch frecher. "Berlusconischer", würde Giuliano Ferrara sagen.
Auch die Banken Italiens sind hinter der Zeit zurück. Sie arbeiten überwiegend lokal. "Noch vor zwei Jahren", sagt Banker Morelli, "wäre das der Beweis völliger Rückständigkeit gewesen. Heute, in der Finanzkrise, ist unsere Wirtschaftsstruktur flexibler, wie ein Stoßdämpfer. Unsere Unfähigkeit zur Diversifikation hat sich als Segen erwiesen. Und glauben Sie mir, es gibt bei uns jede Menge Manager, die rechnen können und Wagemut zeigen."
Fiat-Chef Sergio Marchionne hat das gerade bewiesen, mit seinem Rettungsplan für Opel. Auch die italienischen Luxusmarken - Armani, Ferrari oder Luxottica - spüren nichts von der Krise. Sambonet hat gerade den Porzellanhersteller Rosenthal übernommen.
Auf den Straßen dieses Landes ist zu beobachten, wie Macht im Verkehr ebenso ohne Neid geschweige denn Protest hingenommen wird wie in der Politik. Ein dickes Auto scheint vor allem Anlass zur Bewunderung. Ohne Klage wird hingenommen, dass der Starke seinen Cayenne auf dem Zebrastreifen parkt. Er wird seine Gründe haben. Oder seine Beziehungen.
Wieso eigentlich hört man aus Italien Geschichten, die man aus keinem anderen Land Europas hört, und seien es Monaco oder Albanien?
Nur ein Beispiel: Die Staatsanwaltschaft in Bari hört das Telefon eines des Betrugs verdächtigten Unternehmers ab. Dabei kommt heraus, dass der Betroffene beste Beziehungen zum Ministerpräsidenten hat und diesen regelmäßig mit Callgirls versorgt. Ebenfalls kommt heraus, dass eines der Mädchen auf eine Wahlliste gesetzt wurde, um die vorgeschriebene Frauenquote zu erfüllen. Die Bettgespräche der Dame mit dem Ministerpräsidenten sind in den Morgenzeitungen nachzulesen und im Internet anzuhören. Er: "Ich dusch mich jetzt noch, und du wartest auf mich im großen Bett, ja?" Sie: "In dem, das Putin dir geschenkt hat?" Er: "Genau, das von Putin." Es ist übrigens die Nacht, in der Barack Obama zum Präsidenten gewählt wird.
Woher kommen diese Meldungen, die den Deutschen ihre Liebe zu Italien so schwermachen?
Erklärung eins: Es könnte an der Presse liegen. An einem Hang zum Skandal, einer Lust am Aufdecken, am hemmungslosen Veröffentlichen von Abhörprotokollen.
Erklärung zwei: Es könnte an der Justiz liegen, die gern jeden Verdacht an die Öffentlichkeit herausrückt, um sich Rückhalt zu verschaffen. Das ist jedenfalls die Auffassung des amtierenden Ministerpräsidenten, der die dritte Gewalt als "Krebsgeschwür" begreift.
Erklärung drei: Jeder Bürger dieses Landes weiß aus Erfahrung, dass viele Skandale sich ohnehin als harmlose Kumpaneien entpuppen werden, Seilschaften, Gefälligkeiten, ohne die eine komplexe Gesellschaft nicht funktionieren würde.
Alle drei Erklärungen seien richtig, sagt Emilio Giannelli. Er ist einer der Mächtigsten des Landes, mächtiger noch als der Potentat Silvio B. Jeden Morgen erscheinen Giannellis Karikaturen auf der Titelseite der einflussreichsten Tageszeitung, dem "Corriere della Sera".
"Die Macht des Populisten", meint Giannelli, "ist nur so groß, wie der Populus, das Volk, es zulässt. Vor allem darf er sich nicht zum Gespött der Leute machen."
Papst Benedikt XVI. sagte einmal, er lese den "Corriere" nur wegen der Zeichnungen Giannellis.
Giannelli sieht aus wie der alte Picasso und lebt in einem nach Jasmin duftenden Garten in den Hügeln von Siena, mit einer aufgelassenen Kapelle aus dem 12. Jahrhundert.
In Giannellis Zeichnungen ist Berlusconi der kleine Mann mit den hohen Sohlen, ein Zampano, der Buffo-Duce mit dem gewaltigen Ego. "Berlusconi tobt, wenn er meine Karikaturen sieht. Der ,Corriere' ist das Blatt seiner Heimatstadt Mailand. Alle lesen es. Er hat immer versucht, in die Eigentümergruppe hereinzukommen, und ist stets gescheitert."
Giannelli ist von Haus aus Anwalt, und auch er hat sein Leben bei der Monte-dei-Paschi-Bank in Siena verbracht. Für manches Reformprojekt seines Lieblingssujets hat er Verständnis. "Die Justiz muss dringend reformiert werden", sagt Giannelli. "Mich hat ein Verfahren vom ersten bis zum letzten Tag meiner Tätigkeit begleitet. 30 Jahre lang! Stellen Sie sich das vor. Es ging um irgendwelche Rechte der Süßwarenproduktion."
Nach einem Report der Weltbank liegt Italien bei der Verfahrensdauer auf dem 156. Platz - hinter Angola, Gabun und Guinea-Bissau. Der Schaden für die Wirtschaft wird auf jährlich 2,3 Milliarden Euro geschätzt.
"Berlusconi ist ein Illusionist", sagt Giannelli, der Zeichner. "Er greift immer ein berechtigtes Problem auf, aber tut es nur aus eigenem Interesse. Seine Tricks beruhen auf der Ablenkung des Publikums."
zzz Amore an der Via Cassia. Die Römerstraße Via Cassia führt von Siena durch die Toskana bis nach Rom. Kurz vor der Stadtgrenze, im Penthouse einer burgähnlichen Wohnanlage, residiert die Urmutter aller Polit-Showgirls und Velinen. Ilona Staller zeigte ihren Hintern schon der Welt, als Noemi und all die anderen Velinen noch gewindelt wurden. Als "Cicciolina" war sie im Pornogeschäft so legendär wie als Gründerin der ersten grünen Partei Italiens, der "Lista del Sole" 1979. Sie machte mit entblößter Brust Wahlkampf in Rom und saß vier Jahre im Parlament.
Die Ersetzung des Arguments durch das Bild in der Politik begann mit Cicciolinas Brüsten. Insofern ist sie auch moralisch eher milde gestimmt: "Was ist schockierend daran, wenn ein alternder Politiker sich mit jungen Mädchen umgibt? Er will den Tod vergessen. Der Mächtige ist stark, aber das Fleisch ist schwach."
Ihre Heirat mit dem amerikanischen Pop-Künstler Jeff Koons endete in endlosen Sorgerechtsprozessen um ihren als "biologische Skulptur" geschaffenen Sohn Ludwig.
Heute sitzt Cicciolina zwischen rosa Plüschbären auf dem Sofa und versucht, einer Kampfhündin der inzwischen 16-jährigen biologischen Skulptur Manieren beizubringen: "Sitz, Sheila, sitz! Ich habe im Bett alles gemacht. Aber ich habe es nicht benutzt, um weiterzukommen. Berlusconi ließ mich 1974 - sitz, Sheila! - auf eine griechische Insel einfliegen. Er hatte damals schon diese unglaubliche Vitalität. Und noch alle Haare. Wir saßen bei Tisch, und er redete. Aber kein Kuss, kein Sex, keine Liebe. Ich weiß, das glaubt mir keiner ..."
Berlusconi war damals ein Start-up-Genie, skrupellos, begnadet im Aufspüren von Geschäftschancen und skrupellos genug, jede Chance auszunutzen. Erst in Immobilien, dann im Geschäft mit Privatfernsehen und Werbezeiten.
Wie weit darf ein Pascha gehen? "Die Grenze ist erreicht, wenn ein Mädchen nur wegen seines Hinterns auf die Wahlliste gesetzt wird. Ich", sagt Ilona Staller, "hatte damals zumindest schon eine Partei gegründet." Dabei macht sie diesen Mädchen keinen Vorwurf: "Ihre einzige Waffe ist ihr Gesicht und ihr Körper. So ist die Welt."
Leider. Bei einer Umfrage nannten Teenager-Mädchen als Berufswunsch am häufigsten "Velina". Während das Land über die Potenz seines Regierungschefs redet, stuft die OECD sein Bildungssystem als eines der schlechtesten in Europa ein. Das war der eigentliche Schulmädchen-Report.
zzz Die Palazzi von Rom. Die Elite Italiens ist eine Kaste der Alten. Nirgendwo in Europa sind die Politiker älter, und wohl nirgendwo flüchten sich so viele Jungakademiker ins Ausland. In den Sechzigern war die größte Gewerkschaft diejenige der Landarbeiter. Dann kam diejenige der Metallarbeiter. Heute ist es die Vereinigung der Pensionäre.
"Transatlantico" heißt der Wandelsaal des italienischen Parlaments, und wenn es einen Ort geben soll, in dem klare Verhältnisse geschaffen werden, dann ist dies der falsche. Der Raum wirkt mit seinen Palmenwedeln, den rotledernen Sitzecken, mit den Livrierten, dem gedämpften Licht aus der Höhe der Kassettendecke wie die Lobby eines Grandhotels des Fin de Siècle, ein Raum des Flüsterns, Raunens, Intrigierens. Man fasst sich beim Ärmel, hakt sich unter, stellt sich in Pose, um beiläufig ein "Si, Presìdente ..." ins Handy zu rufen. Ab und zu erstrahlt ein Lächeln und stirbt nach zwei Schritten wieder ab.
All das ist großes Theater, und vermutlich beziehen die italienischen Parlamentarier deshalb die höchsten Diäten in Europa.
Hier, im Zentrum der parlamentarischen Macht, ackert seit einem guten Jahr Laura Garavini, die 42-jährige Abgeordnete der Auslandsitaliener. "Die ersten Tage waren teilweise erniedrigend. Kaum sprach eine Abgeordnete, wurde sie von den Männern der Mehrheit nachgeäfft, und in den Zeitungen schien man sich nur dafür zu interessieren, wie hoch unsere Absätze waren."
Vielleicht sind die Männer das eigentliche Problem Italiens. Nirgendwo wird so viel über Frauen geredet, nirgendwo sind sie so wenig an der Macht beteiligt.
Garavini ist die Anti-Velina. Sie hat in Berlin für eine italienische Gewerkschaft gearbeitet und das Kunststück vollbracht, sich in der eher konservativen Italo-Diaspora durchzusetzen. Seit November ist sie Fraktionsvorsitzende der Demokratischen Partei im Anti-Mafia-Ausschuss.
Im vergangenen Jahr zogen Hunderttausende mit erhobenem Mittelfinger durchs Land und brüllten, angestachelt vom Komiker Beppe Grillo, gegen die gepolsterte Lebensführung ihrer Politiker: "Vaffanculo! Leck mich!"
Für Garavini ist die politische Lage in Italien auch nicht wirklich komisch. Selbstverständlich sei Berlusconi eine Gefahr für die Demokratie: "Er hat keinerlei Sinn für Widerspruch. Wenn ihm etwas nicht passt, soll gleich die Verfassung geändert werden. Das ist in keinem anderen Land denkbar."
Die Abgeordnete mit dem deutschen Pass kämpft gegen den Raubbau am Kündigungsschutz und die Lockerung der Abhörgesetze in Mafia-Delikten. Man könne etwas bewegen, sagt sie. "Wer hier in Italien nur Fernsehen schaut, bekommt gar nicht mit, wie im Ausland über diesen Mann gelacht wird", sagt sie. Italien möchte von den EU-Staaten ernst genommen werden, gleichzeitig leistet es sich einen Ministerpräsidenten, der europäische Normen systematisch ignoriert, wenn es seinem Sende-Imperium passt.
"Es ist eben nicht nur das Bild, mit dem dieser Mann herrscht", sagt Garavini. "Es gibt Zigtausende, Hunderttausende, die unmittelbar von ihm abhängig sind. In seinen Firmen, seinen Sendern, seiner Partei, seiner Verwaltung."
Aber ist Italien in seiner Geschichte nicht schon mit anderen Gefahren für die Demokratie fertiggeworden als einem 72jährigen Egomanen?
In einem der römischen Hinterzimmer sitzt F., ein hoher Verfassungsrichter, dem auch die dunkle Seite der Macht nicht verborgen ist: "Wir leben natürlich in keiner Diktatur. Aber ...", der Richter betont nochmals, er wolle nicht mit Namen genannt werden, "ich habe Angst vor einer Diktatur der Mehrheit."
Und dann sagt er: "Ich sage Ihnen etwas, und glauben Sie mir, es ist Erfahrung eines langen Lebens in der italienischen Politik: Die wirksamste Garantie unserer Freiheit ist unser Mangel an Effizienz."
zzz Fellini in Bari. Die Autostrada von Rom nach Bari durchquert die Abruzzen, jenen Teil des Landes, wo im April die Berge bebten. In der Geschichte Italiens sind Erdbeben Momente der Wahrheit gewesen. Kaum war das Beben vorüber, schaute das Land, meist entsetzt, in den Spiegel. Hilfsgelder verschwanden in den Taschen der Zementkartelle und korrupter Lokalpolitiker. Die eigentliche Katastrophe kam immer erst danach.
Vielleicht entscheidet sich auch das Schicksal der Regierung Berlusconi im Erdbebengebiet. 14-mal ist der Cavaliere in den ersten beiden Monaten nach L'Aquila geflogen. Innerhalb von Stunden standen die Zelte. Er hat den Gipfel hierhergeholt, wollte zeigen, dass er es wieder besser kann als alle anderen vor ihm.
Auch das ist Populismus. Aber im Ohr, zumindest in Deutschland, wird immer die Silvio-Betise bleiben: Man müsse es nehmen wie ein Camping-Wochenende.
"Seine Zeit ist vorüber." Im Büro des Gouverneurs der Region Apulien sieht man jenseits der Mole, im flirrenden Licht, die Fähren nach Montenegro, Griechenland, Kroatien liegen. "Als Berlusconi 1994 mit seinem Schiff zu uns nach Bari kam, standen hier 100 000 Menschen, riefen, jubelten und weinten, als wäre der Messias in Sicht. Es war wie in einem Fellini-Film." Der Gouverneur Nichi Vendola steht auf dem Olivenholzparkett seines Amtssitzes. Er hat über Pier Paolo Pasolini promoviert und ist in Europa vermutlich einer der letzten Kommunisten an der Macht: "Diese Bewegung hat Millionen aus der Anonymität gebracht und Zutrauen in das Wort Freiheit. Kommunismus hat etwas mit Moral zu tun. Während der Berlusconismus Frechheit anstelle von Gemeinschaft setzt, Zynismus statt Mitgefühl. Die Justiz und das Parlament werden lächerlich gemacht, erniedrigt, das Schlitzohr ist die gesellschaftliche Leitgestalt."
Vendola ist jemand, den es eigentlich nicht geben kann. Ein schwuler, Gedichte schreibender Kommunist, der sich mitten im Mezzogiorno mit der Mafia angelegt hat und außerdem streng katholisch ist.
Vendola ist ein Anti-Berlusconi. Einer der nicht wenigen Lichtblicke in der italienischen Politik. In den vier Jahren seiner Amtszeit hat er die Region verändert. Wettbewerb für öffentliche Stellen eingeführt, Hightech-Zonen eingeweiht, die Bauverwaltung auf Regeln statt auf dicke Umschläge gegründet. Dieser Kommunist verwirklicht vieles von dem, was Berlusconi immer ankündigt. Effizienz, Entbürokratisierung, Regeln.
Nichi Vendola steht am Fenster: "Wir waren auf dem Weg zum Neodespotentum. Aber er ist steckengeblieben. Die Krise wird ihn erwischen. Dann helfen keine Versprechungen mehr. Er ist ein Märchenerzähler, dem kein Märchen mehr geglaubt wird."
Man sieht der Landschaft im Süden ihre Narben und Wunden an. Pfeiler nie vollendeter Brücken, Wildbauten und Betonskelette überall auf den Hügeln Kalabriens, die verseuchten Weiden der Mozzarella-Büffel im Hinterland von Neapel.
In keinem anderen Land Europas ist der Stahlbetonverbrauch höher. Die Zement-Mafia hat Süditalien auf dem Gewissen.
Das Verbrechen ist eine Realität, und niemand leidet so sehr daran, niemand schämt sich so sehr dafür wie die Einwohner dieser Landstriche. "Uns wird gesagt, es sei eine Krankheit, ein genetischer Defekt von uns", sagt der Betreiber eines Autoersatzteillagers. "Aber das stimmt nicht. Die Mafia ist dort, wo es Armut gibt und schlechte Politik." Seit dem Krieg glaubten die Politiker im Süden, sie seien schlauer als die Mafia und könnten sie für sich einspannen. Und regelmäßig war es umgekehrt.
Überall an diesen Straßen des Mezzogiorno stehen Wegweiser, halb verdreht und verrostet, durchlöchert von Schrotkugeln und mit Fußball-Schwüren besprüht. Um überhaupt noch etwas erkennen zu können, muss man anhalten und genau hinschauen. Vielleicht ist das ganze Land wie diese Schilder.
zzz Wahrheiten in Neapel. Die Reise durch Berlusconistan endet, wo jede Grand Tour endet, am Golf von Neapel. Der Vesuv hängt drohend über der unmöglichsten Stadt Italiens, Capri und Ischia sind ebenfalls noch zu ahnen im schweren Licht über den Wellen.
Im hellen Leinenanzug erscheint Peter Kammerer. In den Siebzigern schrieb er zusammen mit Ekkehart Krippendorf die Bibel der Toskana-Fraktion, das "Reisebuch Italien", im Rotbuch-Verlag. Eine ganze Generation von Deutschen trampte damit in die Utopie jenseits des Brenners, zum roten Bologna und zu den "Unità"-Pressefesten, entdeckte jenseits der Grenze alles, was es in Bielefeld nicht gab. Klassenbewusste Arbeiter, Kooperativen, Anti-Psychiater und billigen Wein, freie Drogen. In jeder Genossin lockte eine Faustina.
Peter Kammerer ist ein stoppelhaariger Soziologe, der in fröhlichem Schwäbisch die Soziotope Italiens durchstreift. Gerade inszenierte er mit neapolitanischen Jugendlichen ein an Pasolini und Heiner Müller angelehntes Spektakulum.
"In den Achtzigern galt die Bundesrepublik für die italienische Linke als faschistisches Land. Alle sagten, in Italien seien autoritäre Strukturen undenkbar. Nun ja ... Heute ist Italien uns Deutschen unheimlich geworden", sagt Kammerer gutgelaunt. "Ich habe mich schon in den Achtzigern davon verabschiedet, dass hier alles zum Besseren bestellt sein könnte."
Kammerer pendelt immer noch zwischen Umbrien, Neapel und Berlin. Italien sei so wie eines der gigantischen Mobiles von Alexander Calder: Alles bewegt sich, in unvorhersehbarer Dynamik, aber letztlich sei die Struktur sehr gefestigt. Sofern kein Einzelteil zu groß sei. Stilfragen, sagt Kammerer, seien in Italien sehr wichtig. Was man Berlusconi heute noch durchgehen lasse, könnte ihn morgen schon den Kopf kosten.
Italien war immer schon ein politisches Laboratorium. Hitler studierte Mussolini, die Linken bewunderten den Eurokommunismus, die RAF die Roten Brigaden. In zehn Jahren, so Kammerer, könnte auch Deutschland seinen Berlusconi haben. Die Symptome lassen sich bereits erkennen: der Absturz der SPD, die programmatische Leere auf allen Seiten, die Beliebigkeit der Diskurse und die Durchschnittlichkeit des politischen Personals.
Deswegen müsse man dieses Land studieren. Die Sandra Canes und Nichi Vendolas besuchen, den Ferraras zuhören und den Autoersatzteilhändlern.
Berlusconi ist nicht die Krankheit Italiens. Man schaut auf ihn wie in einen allgegenwärtigen Spiegel, manchmal erschrocken, nicht immer gern und stets in Sorge, was sich dahinter verbergen könnte.
Gerade mit seinen Ungeheuerlichkeiten und Zumutungen reizt Italien den Soziologieprofessor Peter Kammerer immer noch: "Nichts hier ist eindeutig. Ich bin etwa ein Befürworter der Korruption. Wenn Regeln zu starr sind, dann muss man die Grenzen überschreiten, sonst ist es mit der Vitalität schnell vorbei. Korruption verhindert, dass sich ein Standard durchsetzt."
Und Standardisierung sei ein Verlust von Zauber. Insofern braucht Europa dieses Land, vielleicht mehr denn je. Als Zumutung und Labor, als Herausforderung und Probebühne, auf der in grotesker Übertreibung Dinge vorgeführt werden. Es ist gut zu wissen, dass es eine Flugstunde entfernt das andere gibt. Es sei immer noch ein spannendes Land, sagt Kammerer, und wert, dass man es genau beobachte.
"Was ich an Italien liebe? Ganz einfach", sagt Kammerer. "Man kann sich in diesem Land auf nichts verlassen." Nicht auf die Wahrheiten. Und noch nicht mal auf den Untergang.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 31/2009
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