27.07.2009

LEUCHTMITTELLicht aus, Spott an

Das EU-Glühlampenverbot geht nach hinten los: Statt zu energiesparenden Produkten zu wechseln, decken sich Händler und Bürger mit konventioneller Ware ein.
In manchen Punkten funktioniert die große Politik nach denselben Regeln wie die Kinderpädagogik: Wer Verhalten ändern will, kann mit Anreizen locken, was aufwendig ist, aber meist Erfolg verspricht. Oder aber, die simple Variante, er verkündet mit großer Geste schlichte Verbote. Es ist die Methode, die der sonst eher schüchterne EU-Energiekommissar Andris Piebalgs zuletzt bevorzugt hat.
Unter Führung des Letten und mit breiter Unterstützung der Bundesregierung hat die EU Ende vorigen Jahres beschlossen, die Glühlampe aus dem Verkehr zu ziehen. Begründung: Sie verwandele nur fünf Prozent der Energie in Licht, den Rest in nutzlose Wärme. Ihre Abschaffung sei ein "deutlicher Beleg für die Entschlossenheit der EU, ihre Energieeffizienz- und Klimaschutzziele zu erreichen", lobte Piebalgs.
In fünf Wochen wird es nun ernst, vom 1. September an werden zunächst die 100-Watt-Birnen sowie sämtliche matten Exemplare ausgeknipst (siehe Grafik) - sofern die Bürger mitmachen.
Statt auf energiesparende Produkte zu wechseln, nutzen sie nämlich lieber die verbleibende Zeit, um sich mit herkömmlicher Ware zu bevorraten, und zwar gleich zehnerpackweise: Die Verbraucher decken sich mit Glühbirnen ein, als müssten sie morgen schon im Dunkeln sitzen.
Die Baumarktkette Obi beobachtet "eindeutige Hamsterkäufe" und registriert ein Plus von 27 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2008. Die Konkurrenz von Hornbach verkauft von den matten Modellen 40 bis 112 Prozent mehr. Vor allem die 100-Watt-Exemplare finden reißenden Absatz: plus 80 Prozent bei Max Bahr, in den Praktiker-Märkten hat ihr Verkauf sogar um 150 Prozent zugenommen.
"Es ist unglaublich, was da passiert", sagt Werner Wiesner empört. Wiesner ist Seniorchef von Megaman, einem Anbieter von Energiesparlampen. Das Ganze weise bereits "hysterische Züge" auf, meint er. Einer seiner Außendienstler habe im Baumarkt einen Mann beobachtet, dessen Einkaufswagen mit Glühbirnen jeglicher Art vollgepackt gewesen sei: matt und klar, birnenförmig und kerzenschlank, Ware im Wert von mehr als 200 Euro. "Das reicht für die nächsten 20 Jahre."
Nicht nur die Kunden, auch Händler sorgen jetzt vor. "Wir haben gut eingekauft", verrät ein Sprecher von Praktiker. Die EU-Verordnung verbiete zwar die Produktion und den Import von Glühbirnen, nicht aber ihren Vertrieb, so der Standpunkt. Juristisch ist das umstritten, die Baumarktkette will jedenfalls ihre Lagerbestände auch nach dem 1. September zu Kampfpreisen in den Markt drücken. Was als Beitrag zum Klimaschutz gedacht war, verkehrt sich ins Gegenteil: in Verkaufshilfe für vermeintliche Klimakiller. Während der Absatz an Glühbirnen bundesweit laut Gesellschaft für Konsumforschung zwischen Januar und April um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugelegt hat, ist das Geschäft mit Energiesparlampen sogar um zwei Prozent geschrumpft. Mit anderen Worten: Das Verbot geht nach hinten los.
Ein ökologisch sinnvolles Produkt, so schimpft Megaman-Gründer Wiesner, werde zum Symbol der EU-Bürokratie. Und der Brüsseler FDP-Parlamentarier Holger Krahmer höhnt über den "Lampen-Sozialismus" der Kommission.
Licht aus, Spott an: Womit die Beamten nicht gerechnet haben, sind die hartnäckigen Vorbehalte der Verbraucher. Energiesparlampen lieferten ein kälteres, fahles, pulsierendes Licht, lautet ein gängiges Urteil. Sie gäben Farben verfälscht wieder, verlören an Helligkeit, verursachten Elektrosmog und enthielten giftiges Quecksilber.
Manches an der Kritik mag überzogen oder überholt sein. Die Sparlampen sind besser geworden, manche liefern schon annähernd so warmes Licht wie Glühbirnen. Allerdings steht der Umweltnutzen nicht so eindeutig fest, wie oft behauptet wird. Bei einer Langzeitstudie von "Öko-Test" haben nach 6000 Betriebsstunden bereits 16 von 32 getesteten Sparbirnen den Geist aufgegeben. Und dann bleibt noch die Frage der Optik: Was haben Leuchtstofflampen auf einem neobarocken Kronleuchter verloren?
Der Widerstand gegen das Glühbirnen-Aus wächst. Ihre Abschaffung bedeute eine Verschlechterung der Lebensqualität, mosert der Münchner Leuchtendesigner Ingo Maurer. "Wir empfehlen Protest gegen das Verbot, zivilen Ungehorsam, die rechtzeitige Bildung von Leuchtmittelvorräten." Schließlich dürften die Verbraucher ja auch weiter Kerzen kaufen, obwohl deren Energieeffizienz miserabel sei.
Brüssel versuche erneut, die Bürger zu bevormunden, kritisiert auch Unternehmer Wiesner. Sein Vorschlag: Statt Glühlampen zu verbieten, hätte die EU sie mit einem Aufschlag von fünf Euro pro Stück belegen sollen. Dann würde sich der Kunde den Kauf zweimal überlegen und eher zur Sparlampe greifen: "Dann hätte die EU ihr Ziel von ganz allein erreicht."
Weil aber Energiekommissar Piebalgs die Verbotsmethode der Anreizstrategie vorzieht, verbreitet sich Torschlusspanik in der Republik. Selbst Museumsbetreiber werden davon erfasst.
Sie wollen sichergehen, dass Installationen samt ihrer leuchtenden Bestandteile auch in Zukunft so wirken, wie die Künstler sie einst geschaffen haben: mit traditioneller Glühfunzel eben. Die Hamburger Kunsthalle hat sich vorsorglich schon mal 600 Stück gekauft. ALEXANDER JUNG
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 31/2009
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