27.07.2009

GESCHICHTEMarsch der Maladen

Warum ging Napoleons Armee während des Russlandfeldzugs wirklich unter? Analysen von Knochenfunden zeigen: Schuld war die Kleiderlaus.
Der erste Schuss war lange noch nicht abgefeuert, da war das Schicksal von Napoleons Grande Armée bereits besiegelt. Über 600 000 Mann marschierten im Frühjahr 1812 auf Befehl Bonapartes Richtung Russland - mehr Menschen, als damals in ganz Paris lebten.
Das Riesenheer hatte sich aufgemacht, um das Reich Zar Alexanders I. zu überrollen. Einige Recken taumelten jedoch schon lange vor Beginn der Kampfhandlungen aus Reih und Glied und blieben schließlich reglos am Straßenrand liegen. Waren die Kerls etwa stramm wie die Haubitzen?
Angesichts der schieren Menschenmassen fielen ein paar volltrunkene Soldaten indes kaum ins Gewicht. Erst 200 Jahre später kommt nun ans Licht, dass diese ersten Gefallenen mitnichten zügellose Spritköpfe waren, sondern den Beginn des Untergangs markierten.
So sieht es zumindest der US-Autor Stephan Talty, der die medizinischen Hintergründe dieses Feldzugs rekonstruiert hat*. Stichhaltig erklärt er, warum 400 000 Krieger nicht wieder heimkehrten. Wie kaum ein Historiker vor ihm beleuchtet er dabei die entscheidende Rolle eines kleinen Schädlings: Schuld war die Kleiderlaus.
Demnach haben letztlich weder die Kosaken noch der unerbittliche russische Winter Napoleons Truppe das Genick gebrochen, sondern das von den Parasiten übertragene Läusefleckfieber ("Typhus exanthematicus"). Dies ist das Ergebnis einer Spurensuche, die 2001 mit einer grausigen Entdeckung begann: In der litauischen Hauptstadt Vilnius stießen Bauarbeiter auf ein Massengrab mit 2000 Toten.
Zunächst kursierten Vermutungen, es handle sich um Opfer aus den Folterkellern des KGB oder um Juden, die während der deutschen Besatzung ermordet wurden. Tatsächlich aber wiesen erhaltene Gürtelschnallen und Knöpfe mit Regimentsnummern, die
Archäologen ausgebuddelt hatten, den Weg zur Lösung des Rätsels: Die Toten gehörten ehedem zu Napoleons Großer Armee.
Aus den Zähnen der Verstorbenen haben die Wissenschaftler dann Markproben gebohrt und DNA-Material entnommen. Bei den Laboruntersuchungen stellte sich heraus, dass viele der im Erdloch Verscharrten den Erreger des schon zu Napoleons Zeiten gefürchteten "Kriegsfiebers" in sich trugen.
Minutiös zeichnet Talty nach, wie eine Mischung aus Inkompetenz, Missmanagement und der Ignoranz des kleinwüchsigen Feldherrn eine Armee zu Fall brachte, mit der man heute eine mittlere Großstadt in Deutschland bevölkern könnte. Bereits in der ersten Woche des Feldzugs erkrankten täglich bis zu 6000 Soldaten. "Die Zahl der Kranken steigt in überwältigendem Maße, sie kriechen die Straße entlang, wo viele von ihnen sterben", beobachtete der belgische Arzt J. L. R. de Kerckhove.
"Napoleon interessiert es einen Dreck, wie viele seiner Soldaten auf der Straße zusammenbrechen", beklagte sich denn auch der westfälische Bataillonskommandeur Friedrich Wilhelm von Loßberg bei seiner Frau. In der Tat pflegte der Feldherr in Bezug auf Kranke eine unsentimentale Haltung.
Das vom Kaiser engagierte Ärzteteam - allesamt eifrige Verfechter der obskuren Miasmentheorie, wonach Seuchen durch üble Gerüche verbreitet werden - war mit der Plage ohnehin überfordert. Den Erreger hatte noch keiner identifiziert. Auch dass die Krankheit durch die Kleiderlaus übertragen wird, war noch niemandem aufgefallen.
Fatalerweise kuschelten sich auf den Krankenstationen daher auch die bereits Befallenen an die noch halbwegs Gesunden; so gingen der Plage nie die frischen Opfer aus.
Derlei miserable hygienische Umstände bereiteten der blutdürstigen Laus den Boden. Nach 10 bis 14 Tagen kündigte sich das Verderben mit hohem Fieber und bohrendem Kopfschmerz an. Es folgten Abgeschlagenheit und Schüttelfrost. Die von Fleckfieber Geschundenen wankten aufgedunsen und mit fleckigem Hautausschlag umher und waren alsbald so schwach, dass sie aus eigener Kraft kaum ein Glas Wasser heben konnten.
Heutzutage kriegen Ärzte die Krankheit mit einem Breitband-Antibiotikum recht schnell in den Griff. Abseits von Aderlass, Kräutern und einer Mixtur aus Wein, Wasser und einem Schuss Zitronensaft hatten die Doktoren damals jedoch keine Therapie für die Pein parat. Napoleons Chef-Medicus Dominique-Jean Larrey wusste das Massensterben denn auch nur mit eher unzureichenden Erklärungen zu deuten. Ihm galten andauernder Regen, körperliche Belastung und verdorbener Schnaps als Ursache des Siechtums.
Zwar hatten Napoleons angeschlagene Krieger zwischenzeitlich sogar Moskau besetzt, doch war das Russische Reich mit der matten Truppe nicht zu besiegen. Am 19. Oktober 1812 setzte Napoleon den Marsch der Maladen Richtung Heimat in Gang.
Ausgehungerte und überhitzte Gestalten fielen auf dem Rückzug wie Zombies in die Stadt Vilnius ein. Auf der Suche nach Essbarem drangen Soldaten gar in die Universität ein, um in Formaldehyd eingelegte Präparate zu verspeisen.
Kurz vor seiner Rückkehr nach Paris klärte Napoleon sein Volk einstweilen in einem rasch verbreiteten Bulletin knapp über das Wesentliche auf: "Die Gesundheit Seiner Majestät war niemals besser."
FRANK THADEUSZ
* Stephan Talty: "The Illustrious Dead". Crown Publishers, New York; 315 Seiten; 27 Dollar.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 31/2009
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GESCHICHTE:
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