03.08.2009

BLUTERTod auf Rezept

Vor 25 Jahren verschrieben Ärzte Blutpräparate, die mit HI-Viren infiziert waren. Über tausend Menschen starben, es war neben Contergan der größte deutsche Medizinskandal. Auch zwei Brüder starben an Aids, der dritte Bruder hat bisher mit dem Virus überlebt. Von Udo Ludwig
Mathias Rüter lebt in einer kleinen Stadt in Süddeutschland. Er wohnt im Reihenhaus einer Neubausiedlung, in den Gärten sprengen die Nachbarn den Rasen, vor den Türen stehen die Kombis von Volvo und Daimler-Benz. Mathias Rüter führt, so sieht es aus, das Leben eines ganz normalen deutschen Bürgers.
Niemand weiß in dieser Siedlung, dass im Haus mit der Nummer 18 ein Opfer eines der größten Medizinskandale wohnt, die es in der deutschen Geschichte gegeben hat.
Mathias Rüter, 44 Jahre alt, ist seit über 20 Jahren HIV-positiv. Er bemüht sich um Ruhe und Ausgeglichenheit, um Lebensbedingungen, die ihm helfen, dass die Krankheit Aids nicht ausbricht. Wenn er an seine Familie denkt, steigt der Ärger in ihm hoch. Immer noch.
Vor kurzem hat er auf vier Seiten die Geschichte seines Lebens aufgeschrieben. Als er fertig war, formulierte er noch einen Satz: "Ich sitze jetzt am PC und glaube nicht, was ich hier geschrieben habe."
Mathias Rüter und seine beiden Brüder Winfried und Markus sind Bluter. Die Brüder sind tot, ebenso wie zwei Cousins. Gestorben an Aids, weil sie Blutpräparate bekommen hatten, die mit HI-Viren verseucht waren. Rüter ist nicht der richtige Nachname. Die Familie hat bis heute Angst davor, öffentlich mit Aids in Verbindung gebracht zu werden. Die Geschichte der Familie Rüter dreht sich seit zwei Jahrzehnten um Trauer, aber auch um das Verdrängen von Wahrheiten. Und um Lügen.
Vor 25 Jahren erschütterte der Bluterskandal die Bundesrepublik Deutschland. Über tausend Menschen, die genaue Zahl lässt sich nicht mehr bestimmen, starben damals an Aids, weil sie mit verseuchtem Blutplasma behandelt worden waren.
Es gab, in den neunziger Jahren, einen Untersuchungsausschuss des Bundestags, ein paar Mitarbeiter des Bundesgesundheitsamts mussten damals gehen. Es waren kleine, billige Opfer. Bis heute hat kein Gericht die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Anders als in Frankreich, wo Verantwortliche für Jahre ins Gefängnis kamen, blieb das Fehlverhalten von Ärzten, Wissenschaftlern und Politikern in Deutschland ohne Folgen.
Die Geschichte der Familie Rüter beginnt im Sommer 1957. Damals stößt sich der einjährige Markus, der Bruder von Andreas, an einer Autotür den Kopf. Eine harmlose Beule, denken seine Eltern. Doch dann wächst die Beule auf die Größe eines Frühstückseis, der Hausarzt kann sich die Ursache nicht erklären. Er überweist den Jungen in die Uni-Klinik. Dort finden Mediziner heraus, dass dem Blut des Kindes der Faktor VIII fehlt, deshalb ist die Gerinnung bei Verletzungen gestört. Hämophilie oder Bluterkrankheit heißt dieser angeborene Mangel.
Es ist eine Zeit, in der Deutschland nicht gern über Dinge spricht, die unangenehm sind, nicht über Schuld, nicht über Geschichte, nicht mal über die Geschichte der eigenen Familie. Als Maria Rüter, die Mutter von Markus, ihre eigene Mutter zur Rede stellt, als sie zum ersten Mal unbequeme Fragen stellt, hört sie, dass die Gene dieser Erbkrankheit in ihrer Familie liegen. Maria Rüters Opa war mit Anfang vierzig an inneren Blutungen gestorben. Die Großmutter hatte nie darüber gesprochen.
Maria Rüter erfuhr, dass nur Männer die Bluterkrankheit bekommen können, dass Frauen Überträgerinnen des Gens sind. Und dass, statistisch, die Hälfte der Söhne dieser Frauen Bluter sind. Die Hälfte ihrer Töchter wiederum sind Überträgerinnen der Krankheit.
Maria Rüter hat fünf Kinder. Die Söhne Winfried, Markus und Mathias sind Bluter, nur Paul ist gesund, ebenso, natürlich, Schwester Sabine. Jede kleine Verletzung kann lebensgefährlich werden, die Eltern gehen daher regelmäßig mit ihren drei Söhnen ins Krankenhaus, wo sie Blut mit dem Faktor VIII bekommen. Im Krankenhaus liegen die Blutspender oft direkt neben den Kindern. Sie haben, wie alle Hämophilen, starke Schmerzen, verursacht durch Einblutungen in die Gelenke.
Mitte der siebziger Jahre wird das Leben der drei Söhne leichter. Ein Wundermittel kommt auf den Markt, ein Faktor-VIII-Hochkonzentrat. Pharmaunternehmen gewinnen diese Gerinnungssubstanz aus einem Pool von bis zu 5000 Blutspendern. Das Mittel können sich die Betroffenen selbst injizieren, es ist eine Verheißung auf ein Leben ohne Krankenhäuser, ohne Schmerzen.
Mathias, Markus und Winfried sind jetzt zwischen 6 und 19 Jahre alt. "Wir sind von der Hölle in den Himmel gekommen", sagt Mutter Maria. Die drei Brüder heiraten früh. Die Frauen von Markus und Winfried bekommen Kinder, es sind Mädchen, die selbst keine Bluter sein können.
Ein- oder zweimal im Jahr fahren die drei bluterkranken Brüder ins Hämophiliezentrum nach Bonn. Dort arbeiten anerkannte Fachleute, Professor Hans Egli und sein Oberarzt Hans-Hermann Brackmann. Brackmann errechnet die Dosierungen. Brackmann sagt ihnen, sie sollten den Faktor VIII auch prophylaktisch einnehmen, nicht nur bei akuten Verletzungen. Nach den Besprechungen gehen die Brüder in den Keller des Zentrums, sie holen die Präparate aus dem Kühllager und packen sie in den Kofferraum ihres Autos.
Anfang der achtziger Jahre gibt es in Deutschland erste Meldungen über Aids. Markus und Winfried arbeiten inzwischen als Krankenpfleger, sie reden in der Familie über diese neue Krankheit, sie nennen sie "diese Schwulenpest aus Amerika". 1981 berichtet der SPIEGEL darüber, dass neben Homosexuellen und Drogenabhängigen auch Bluter von der Immunkrankheit betroffen sind. In dem Artikel ist von "undurchsichtigen" Blutimporten des Bonner Hämophiliezentrums die Rede.
Sieben Professoren der Deutschen Hämophiliezentren gehen gegen die Berichterstattung des SPIEGEL vor, sie sagen, man sei "bestürzt über die Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit", die dieser Artikel ausgelöst habe. Hans Egli, der Chef des Bonner Zentrums, warnt vor hysterischer Überreaktion, er sieht die Gefahr, dass es "bald mehr Hämophilietote durch Suizid als durch Aids" gäbe. Die Brüder Rüter vertrauen ihren Ärzten.
Zu dieser Zeit ist Heiner Geißler (CDU) Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit. Er wird später von Rita Süssmuth (CDU) abgelöst, einer engagierten Sozialpolitikerin, aber, wie alle Gesundheitsminister, bedrängt von mächtigen Lobbyisten aus Medizin, Pharmaindustrie und Krankenkassen. Sie braucht, um diesem Druck standzuhalten, Durchsetzungsvermögen und Rückhalt in der Partei. Süssmuth hat beides nicht.
In dieser Zeit hatten Wissenschaftler längst vor Aids gewarnt und auf die besondere Bedrohung für die Bluter aufmerksam gemacht. Eine Mitarbeiterin des Bundesgesundheitsamts, die Virologin Johanna L'age-Stehr, schrieb im Februar 1983 im "Deutschen Ärzteblatt" über das Thema. Sie bot Lösungen an. Die Hochdosistherapie, praktiziert von den deutschen Hämophilieärzten, hätte durch hitzesterilisierte Arzneimittel ersetzt werden können. Solche Medikamente waren seit langem auf dem Markt. Den Krankenkassen waren sie zu teuer.
So fahren, im Oktober 1985, die drei Brüder Winfried, Markus und Mathias Rüter wieder einmal mit dem Auto nach Bonn. Sie wollen sich untersuchen lassen, und sie brauchen neue Medikamente. Es ist dennoch eine besondere Reise. Sie wollen von Brackmann wissen, ob sie HIVpositiv sind.
Brackmann sei gereizt gewesen, als er die Frage gehört habe, sagt Mathias Rüter. Was spiele das für eine Rolle, habe er wissen wollen. Positiv heiße nur, dass sie Antikörper hätten und die Abtötung infektiöser Viren stattgefunden habe - wie bei der Schutzimpfung gegen Mumps. HIV-positiv bedeute nichts, nur die wenigsten Menschen würden Aids bekommen.
Die drei Brüder bleiben dabei. Sie fragen: Sind wir positiv? Brackmann schickt sie zu seiner Ehefrau, die sich mit "Frau Doktor" ansprechen lässt. In Wirklichkeit ist sie für Büroarbeiten zuständig. Sie blättert durch die Listen, dann liest sie vor.
Mathias Rüter will sich noch genau an diese Szene erinnern: "Rüter, Winfried: positiv." "Rüter, Markus: positiv." "Rüter, Mathias: positiv."
Mehr habe sie nicht gesagt. "Auf Wiedersehen" noch. Die Brüder stehen auf, sie gehen ins Lager und laden neue Medikamente in den Kofferraum.
Die Rückfahrt ist fröhlich, unbeschwert. Noch wissen die Brüder nicht, dass sie eben so etwas wie ihr Todesurteil bekommen haben. Markus ist ein Komiker, er macht Witze über ihre Diagnose und sagt laut: "Gott sei Dank, wir haben Antikörper." Nur Mathias, auf der Rückbank, ist still, er macht sich Sorgen, weil er demnächst heiraten und mit seiner zukünftigen Frau Kinder haben möchte.
Was auf sie zukommen wird, wird der Familie zum ersten Mal bewusst, als Markus' Frau Anette zum zweiten Mal schwanger wird. Sie erhält einen Anruf von Anne Steinbeck, einer jungen Ärztin des Hämophiliezentrums Bonn. Wie können Sie in dieser Situation nur schwanger werden, Sie müssen sich doch vor dem Virus schützen?, sagt die Medizinerin. "Uns hat niemand gesagt, dass wir ohne Verhütungsmittel keinen Sex mehr haben dürfen", antwortet Anette. Wenig später wird sie das Kind verlieren.
Jetzt lassen sich alle drei Ehefrauen der Rüter-Brüder testen, sie sind negativ, ebenso wie ihre vier Kinder, die bisher auf die Welt kamen. Mathias Rüter heiratet zwar seine Freundin. Doch er spürt, dass er homosexuell ist. Seiner Frau sagt er, dass er die letzten Jahre seines Lebens nicht gegen seine Veranlagung leben möchte.
Sechs Jahre nach ihrem Besuch in Bonn wissen die Brüder nun, wie nah der Tod an sie herangerückt ist. Sie haben zwei Tanten. Tante Hanni hat eine Tochter und einen Sohn, er heißt Jochen, ist Bluter und ebenfalls HIV-positiv. Tante Iris hat zwei Söhne, auch sie sind Bluter. Klaus hat sich an den Blutpräparaten angesteckt. Peter hatte Glück, er ist negativ. Damit steht fest: Fünf der sechs Bluter dieser Großfamilie sind dem Tode geweiht.
Anfang 1988 geht es Klaus immer schlechter. Er ist anfällig für Schnupfen, und aus jedem Schnupfen wird eine schwere Krankheit. Die Bonner Ärzte empfehlen Stutenmilch, um das Immunsystem zu stärken. Es nützt nichts, Klaus magert immer weiter ab. Er bittet seinen Bruder Peter, "dieses Teufelswort Aids nicht in den Mund zu nehmen".
Sie bekamen verseuchte Medikamente, die Medikamente brachten ihnen die tödliche Krankheit - aber sie haben Angst, darüber zu sprechen. Aids ist, in der damaligen Zeit, die Krankheit der Homosexuellen, Prostituierten und Drogenkonsumenten, eine Seuche der Sünde. In den Krankenhäusern werden die Aids-Patienten auf Isolierstationen versteckt. Den Kollegen erzählt die Familie, Klaus habe einen epileptischen Anfall gehabt.
Klaus stirbt im April 1988, einige Monate nachdem die ersten Aids-Symptome erkennbar geworden waren. Nach der Beerdigung sitzen die Brüder und ihr Cousin Jochen zusammen, sie sehen sich an, und einer von ihnen stellt die Frage: "Wer wird der Nächste sein?"
Klaus ist schon tot, als sein neues Auto geliefert wird. Er hatte es sich von der Entschädigung gekauft, die infizierte Bluter nun bekommen. Den Haftpflichtversicherern der Pharmaunternehmen ist klar, dass sie für den Schaden aufkommen müssen. Wenn es schlecht laufen würde, dann könnte sie der Bluterskandal 600 Millionen Mark kosten. Deshalb hatten sie einer schnellen außergerichtlichen Einigung zugestimmt. Die Erkrankten selbst drangen auf eine schnelle Lösung, weil sie glaubten, nicht mehr lange zu leben. Und weil sie sich, aus Scham, nicht in öffentlichen Gerichtsverhandlungen zeigen wollten.
Im Schnitt erhält jeder infizierte Bluter 65 000 Mark, inklusive der Beerdigungskosten. Dafür unterschreiben die Opfer, juristisch nicht gegen die Hersteller vorzugehen. Es ist, alles in allem, ein preiswerter Ablasshandel für die Pharmaindustrie.
In den Dörfern und Kleinstädten, in denen die drei Brüder wohnen, darf nichts von der Krankheit bekannt werden. Zu Hause desinfizieren die Rüters jetzt jede gebrauchte Nagelschere, sie achten darauf, wer aus welchem Glas trinkt. Gleichzeitig löst jeder Pickel Angst davor aus, dass die Krankheit ausbricht.
Im Januar 1986 bekommen Winfried und Marianne Rüter ihre dritte Tochter. Drei Jahre später, im Sommer 1989, beginnt der Todeskampf. "Schlagartig", sagt Marianne. Ihr Mann, sagt sie, hatte "keinen Mumm mehr". Er hat sich zusätzlich mit Hepatitis C infiziert. Dann kommt eine Leberzirrhose, dann Pilzbefall im Mund. Es gibt jetzt keine Eindeutigkeiten mehr. Mal verlangt er nach heißem Pudding, im nächsten Moment nach Eiswürfeln. Selbst die engsten Freunde dürfen nicht wissen, woran er tatsächlich leidet.
Winfried muss ins Krankenhaus, er sagt: "Keine Angst, ich bin bald wieder da." Weihnachten darf er für einen Tag nach Hause. Winfried Rüter stirbt am Morgen des 16. Januar 1990 um sechs Uhr, angebliche Todesursache: die Folgen der Hepatitis-Erkrankung.
Wieder eine Beerdigung. Wieder gucken sich Markus, Mathias und Jochen in die Augen: Wieder fragte einer von ihnen: "Wer wird der Nächste von uns sein?"
Marianne Rüter ist jetzt allein mit ihren drei Kindern in dem großen Haus, sie sind vier, acht und zwölf Jahre alt. Neben Trauer breitet sich ein neues Gefühl in ihr aus, Hass. "Hass auf Doktor Brackmann, Hass auf Frau Süssmuth." Hass auf Mediziner und Politiker, Hass auf die, in denen sie die Verursacher ihres Leids sieht.
Für Markus ist nun klar, dass "ich sterben werde", so sagt er es damals. Die nächste Beerdigung ist wieder nicht seine eigene. Sein Cousin Jochen hat sein Studium als Elektroingenieur abgeschlossen. Er arbeitet bei der Telekom in Hamburg. Im Sommer 1992 bricht er in der Sauna zusammen. Er erholt sich, bald danach muss er auf die Aids-Station der Uni-Klinik Münster. Einmal besucht ihn seine Schwester, sie gehen zusammen um den Aasee. "Sieh zu, dass ich wieder in die Kirche komme", sagt er der Schwester. Er möchte kirchlich beerdigt werden. Jochen war aus der Kirche ausgetreten, heimlich, weil manche Kirchenoberen Aids als gerechte Strafe Gottes bezeichnet hatten. Am 15. Januar 1993 gibt Jochens Körper auf.
Jetzt leben nur noch Mathias und Markus. Markus macht immer noch Späße: "Mich kriegt das Virus nicht." Mathias sagt ihm: "Ich fände es klasse, wenn ich zuerst sterbe", er sei Single, sein älterer Bruder Vater einer Tochter.
Es ist die Zeit, in der das Thema Bluter die politische Ebene erreicht hat. Inzwischen ist Horst Seehofer (CSU) Gesundheitsminister, er verspricht Aufklärung. Er fragt seinen Parteifreund Gerhard Scheu, ob er den Vorsitz eines Untersuchungsausschusses des Bundestages übernehmen wolle. Scheu sagt zu Seehofer: "Wenn ich es mache, dann mache ich es richtig."
Im Oktober 1993 setzt der Bundestag den Ausschuss ein. Es wird 46 Sitzungstage geben, Dutzende Sachverständige und Zeugen werden gehört.
Auch Markus wird geladen. "Wir haben uns auch gefragt: Warum sind wir nicht aufgeklärt worden, wie wir mit der Krankheit umgehen sollen?", sagt er, es sei ein Wunder", dass weder die Ehefrauen noch die Kinder in seiner Familie infiziert seien.
In seinem Abschlussbericht zieht Scheu niemanden persönlich zur Rechenschaft. Der Bericht ist eine 672 Seiten starke Anklage des deutschen Gesundheitswesens. Darin steht, dass deutsche Wissenschaftler die Erkenntnisse des französischen Virologen Luc Montagnier, der 2008 für seine Entdeckung den Nobelpreis bekommen wird, nicht ernst nahmen, dass die HIV-Tests deshalb Monate zu spät kamen, dass Leute dafür die Verantwortung trugen, die mehr Interesse an Nebeneinnahmen hatten als am Schutz der Bevölkerung.
Weiter steht darin, dass in den deutschen Hämophiliezentren das umstrittene Präparat doppelt so hoch dosiert wird wie im Ausland. Das steigerte den Umsatz, aber auch das Risiko der Bluter, das HI-Virus zu bekommen. Allein das Bonner Institut, in dem die Familie Rüter behandelt wurde, erzielte mit Bluterpräparaten jährlich einen Umsatz von 133 Millionen Mark und erhielt dafür von den Herstellern Rückvergütungen von 8 Millionen Mark.
Bei Markus Rüter ist nach seiner Aussage vor dem Ausschuss der Wille zu kämpfen neu entflammt. Er wird getrieben von Wut. Diese Kraft trägt ihn noch viele Jahre. Erst im Sommer 1997 besucht er seine Mutter mit einem Strauß Blumen und sagt: "Es geht los." Sein letzter Kampf beginnt.
Er hatte sich in der Zwischenzeit zum Pflegedienstleiter weitergebildet. Manchmal erzählt er zu Hause davon, dass Kollegen Witze über Aids machen würden. "Man muss mitlachen, sonst fällt man auf", sagt er. Er nimmt Medikamente gegen Aids, die es inzwischen gibt. Sie können die Krankheit nicht heilen, aber das Sterben hinauszögern. Durch seinen Klinik-Job hat Markus gute Kontakte zu Vertretern der Pharmaindustrie. Er durchschaut, wie die Hersteller mit Blutprodukten Geschäfte machen. Er hat jetzt einen Gegner: Dr. Brackmann. "Wir müssen sterben, und er macht sich ein schönes Leben", sagt er. Aus dem fröhlichen Kerl mit Hornbrille und Vollbart ist ein ernsthafter Mann geworden, er trägt den Bart jetzt kurz und sieht strenger aus. Er denkt darüber nach, "ob Gott uns oder wir Gott verlassen haben".
Markus Rüter wird zu einem der wenigen Aktivisten der infizierten Hämophilen. Viele sind bereits tot, viele von der Krankheit geschwächt, körperlich, psychisch. Markus sagt Sätze wie: "Ich bin unschuldig angesteckt worden, und ich muss mich verstecken."
Am 4. November 1992 tritt er zum ersten Mal öffentlich auf, als anonymer Gesprächspartner in einem Interview mit dem Fernsehsender Premiere. Ins Studio zu Günther Jauch von "stern TV" geht er getarnt mit einer Kappe auf dem Kopf und angeklebtem Schnurrbart. Dann wagt er sich ohne Verkleidung zu "Schreinemakers live", nur sein Name ist noch verfremdet.
Er will, dass seine Tochter und seine Ehefrau und die Hinterbliebenen der anderen besser abgesichert sind. Er erreicht, in Zusammenarbeit mit Scheu und anderen Politikern, dass die Kinder eine Rente bekommen, solange sie in der Ausbildung sind. Inzwischen weiß er, dass die 65 000 Mark Schadensersatz lächerlich sind. In Frankreich bekommen infizierte Bluter umgerechnet bis zu 800 000 Mark Schadensersatz.
Markus Rüter verklagt das Zentrum, er wird vertreten von dem Hamburger Medizinrechtler Matthias Teichner. Teichner muss nachweisen, zu welchem Zeitpunkt sich Thomas infiziert hat. Das ist nahezu unmöglich. Die Ärzte Brackmann und Egli weisen jede Schuld von sich. Die Seuche sei, sagen sie, mit einer "schicksalhaften Naturkatastrophe" zu vergleichen: "wie ein Taifun oder ein Erdbeben".
Markus Rüter verliert das Verfahren schon aus formalen Gründen. Das sogenannte Beamtenprivileg schützt die Ärzte. Die Richter sind der Meinung, die Ärzte könnten als Landesangestellte nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Markus Rüter sieht den Tod immer näher kommen. Er erfüllt sich jetzt kleine Wünsche: eine Fahrt nach Sylt. Er bestellt seiner Frau einen Opel Corsa. Im November 1997 setzen sich Markus und Anette mit ihrer Tochter Lena zusammen und sagen ihr: "Papa wird sterben."
Von Mai 1998 an kann Markus Rüter nicht mehr arbeiten. Bald möchte er nur noch Kiwis essen. Jeden Tag, zu jeder Tageszeit. Er bekommt Ausschläge auf der Haut in violetter Farbe, die man seit dem Film "Philadelphia" als Merkmal für Aids kennt. Ein Pilz breitet sich in Magen und Darm aus. Er nimmt eine Handvoll Tabletten am Tag, die Viren werden schnell resistent dagegen. Er kann nichts bei sich behalten, bald wiegt er nur noch 40 Kilogramm.
Mathias Rüter kann den Anblick seines Bruders nicht mehr ertragen: die Magerkeit, die vielen Infusionen, "der Schiss" schließlich, dass er irgendwann auch so daliegen wird.
Markus liegt jetzt in einem speziellen Bett im Wohnzimmer seines Hauses. Er sagt zu seiner Frau: "Danke, was du alles für mich getan hast." Dann schläft er ein. Seine Familie kommt, auch die drei Kinder seines verstorbenen Bruders sind da. Er schläft noch zwei Tage, nur ab und zu röchelt er, dann macht er für immer seine Augen zu.
Seine Beerdigung hatte er vorbereitet. Musik von Pur und Elton John, einen Sarg in blauer Farbe. Sein Anwalt Teichner verliest den Abschiedsbrief. Die Botschaft endet mit dem Satz: "Macht ein schönes Abschiedsfest."
Danach sagt Mathias Rüter: "Mein letzter Leidensgenosse hat mich verlassen. Ich bin jetzt der Einzige, ganz allein."
Mindestens 1800 Männer haben sich damals in Deutschland an verseuchten Blutprodukten infiziert. Die Hälfte von ihnen ist gestorben, die meisten anderen sind krank, leben isoliert oder vereinsamt.
Ihre Geschichten sind längst vergessen, öffentlich, nur die Angehörigen leben weiter damit. Die Kinder von Winfried Rüter sind jetzt 23, 27 und 31 Jahre alt, sie sitzen zusammen mit ihrer Mutter Marianne an einem großen Holztisch im Wohnzimmer. "Ich habe ein neues Menschenbild", sagt die Witwe, früher habe sie gedacht, dass Ärzte sich um das Wohl der Menschen kümmern würden, heute wisse sie, "dass Ärzte in erster Linie Geschäftsleute sind".
"Wir haben keinen Vater mehr, wir kennen ihn nicht einmal mehr", sagt Anke, die jüngste Tochter, aber keiner habe ihnen bisher erklären können, warum das so sei. Sie empfinde Hass, sagt Claudia, "nicht auf bestimmte Leute", denn sie wüssten gar nicht recht, wer denn jetzt wirklich für ihre familiäre Katastrophe verantwortlich sei. Ihre Frage laute deshalb auch nicht, "wer" ihnen den Vater genommen habe, sondern "warum das alles geschah".
Ihre Tante Birgit, die Schwester von Jochen, fragt: "Warum, verdammt noch mal, bin ich nicht zu Frau Süssmuth und den anderen Verantwortlichen gefahren und habe sie zur Rechenschaft gezogen?"
Die Frage ist, ob der Staat seine Bürger heute besser schützt als damals. Gerhard Scheu hat noch einmal Unterlagen von damals hervorgeholt. "Widerwillig", wie er sagt. "Der Patient wird immer verarscht", sagt Scheu, "das war damals so, das ist heute so, das wird auch so bleiben."
Nach seiner Arbeit als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses hatte er es noch genauer wissen wollen. Im späten Alter von 55 Jahren schrieb Scheu eine Doktorarbeit über die Aufgaben der Gefahrenabwehr des Staates. Aber das wollte niemand in der Politik so genau wissen.
Was wirklich passiert ist in der Zwischenzeit, ist das Gegenteil von dem, was Scheu wollte. 2006 hat sich Deutschland dem europäischen Arzneimittelrecht unterworfen. Nach erteilter Zulassung kann ein Medikament erst dann wieder vom Markt genommen werden, wenn dessen Gefährlichkeit wissenschaftlich bewiesen ist. "Wie viele Tote braucht man denn, um zu reagieren?", fragt Scheu.
Mathias Rüter lebt seit über 20 Jahren mit dem HI-Virus, "ich bin ein sogenannter Langzeitüberlebender", sagt er, aber "die Krankheit kann jederzeit ausbrechen". Zwei Zahnärzte haben es abgelehnt, ihn zu behandeln.
Rüter arbeitete in einer Bank. Als er seinem Vorgesetzten einmal seine Lebensgeschichte erzählte, fragte der nur: "Und warum haben Sie uns das nicht beim Einstellungsgespräch gesagt?" Rüter antwortete: "Weil ich befürchtet habe, dann den Job nicht zu bekommen."
Sein Chef habe sich daraufhin in seinem Stuhl gedreht und gesagt: "Genau, das hätten wir getan. Dort ist die Tür." Dann suchte sich Mathias Rüter eine neue Arbeit.
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 32/2009
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