03.08.2009

KAUKASUSKult der Stärke

Die explosive Lage zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer wird zur Bedrohung für die Führung in Moskau. Der Krieg gegen Georgien vor einem Jahr hat dem Kreml zwar Respekt verschafft, doch die Unabhängigkeitsbestrebungen halten an, auch die Islamisten kämpfen erbittert weiter.
Der alte Mann, den sie in Moskau für den Chefideologen des radikalen Islam halten und einen gefährlichen Unruhestifter auf russischem Territorium, lässt Tee servieren. Ein heißer Wind weht vom Kaspischen Meer hinauf in seine Wohnung über Machatschkala, der Hauptstadt der Republik Dagestan. Im Süden sieht man die Hänge des Kaukasus, jenes Höhenzugs zwischen Kaspi-See und Schwarzem Meer, der seit Jahrhunderten Spielball der Großmächte ist. Ali Alijew, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, schließt die Fenster und startet die Klimaanlage, die Besucher sollen nicht ins Schwitzen kommen.
Bekannter ist der 77-Jährige unter seinem Künstler- und Kriegsnamen Adallo. Er hat verträumte Gedichte geschrieben: "Allein beim Fest des Lebens, lächele ich alles an, was mein Herz berührt", heißt es in einem. Der Poet trägt einen langen Bart, schneeweiß wie sein Hemd, der Saum der grauen Hose fällt auf die nackten Füße.
"Ich kann nur lachen, wenn mich einige als den Bin Laden des Kaukasus bezeichnen", sagt er und kramt nach einer internationalen Fahndungsliste, auf der er gemeinsam mit dem untergetauchten Gründer des Terrornetzwerks al-Qaida steht: "Ich kann ja nicht mal Arabisch lesen."
Adallo ist in den Neunzigern Seite an Seite mit dem tschetschenischen Untergrundführer Schamil Bassajew durch die nahen Berge gezogen. Mit jenem Bassajew, der selbst in Hospitälern noch Geiseln nahm, so wie seine Gesinnungsgenossen später die Kinder in der Schule von Beslan. Seit er aus türkischem Exil zurückgekehrt ist, steht Adallo unter Hausarrest. Geändert hat er sich offenbar nicht, einen Terrorakt wie den in Beslan, bei dem 2004 außer 31 Angreifern 334 Schulkinder, Eltern, Lehrer und Soldaten starben, hält er nach wie vor für gerechtfertigt: "Die Russen haben im Krieg gegen Tschetschenien viel mehr Unschuldige getötet."
Adallo gilt als geistiger Vater jener Männer, die von einem islamischen Kaukasus träumen, von einem grenzübergreifenden Kalifat im Zeichen der Scharia. In der Region töten Untergrundkämpfer Vertreter der Staatsmacht inzwischen im Tagestakt, und Moskau schlägt mit ebensolcher Brutalität zurück.
Das sind Nachrichten allein aus der vergangenen Woche: Am Sonntag reißt ein Selbstmordattentäter vor einem Konzertsaal in Grosny sechs Menschen mit in den Tod; Polizisten erschießen tags darauf acht Verdächtige in einem Wald bei Machatschkala; am Dienstag kommt es zu einem Gefecht in den südtschetschenischen Bergen - vier Rebellen sterben, und am Abend desselben Tages explodiert eine Sprengladung neben dem Haus des Bürgermeisters der inguschischen Hauptstadt Magas.
Mehr als 300 Anschläge gab es allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres im Kaukasus. Dabei starben 75 Polizisten und 48 Zivilisten. Die Behörden ihrerseits "liquidierten 112 Banditen", wie Russlands Präsident Dmitrij Medwedew verkündete.
Die Region sei "eines der größten Probleme des Kreml", warnte vergangenen Mittwoch Alexej Malaschenko, Sicherheitsexperte des Moskauer Carnegie-Center; die Gewalt bedrohe "in zunehmendem Maße die gesamte Nation", bekräftigte am selben Tag Gennadij Saizew, früher Chef des Anti-Terror-Kommandos "Alpha".
Adallo sieht das von seiner Warte aus: Wenn jemand mit einer Maschinenpistole in eine Wohnung eindringe, sagt er, dürfe man sich doch wohl mit einer Axt verteidigen. Mit der Wohnung meint er den Kaukasus, Russland ist der Eindringling. Dann spricht er von Charles de Gaulle, der sei ihm der liebste westliche Politiker gewesen, denn der habe Algerien in die Unabhängigkeit entlassen, allerdings erst nach einem mit äußerster Brutalität geführten Kolonialkrieg: "Auch für die Russen ist der Zug abgefahren, hier im Kaukasus."
Ein Jahr ist es her, dass Moskau in dieser Region Krieg führte - gegen Georgien. Der Waffengang lenkte damals erneut die Aufmerksamkeit der Welt auf das Pulverfass Kaukasus. Es war ein Krieg um die kleine Separatistenrepublik Südossetien, die sich von Georgien gelöst hat und von Tiflis wieder heimgeholt werden sollte. Südossetiens Schutzmacht Russland zerrieb in fünf Tagen die georgische Armee. Aber was bedeutet dieser Sieg für den Rest der Region?
Er bedeutet, dass Moskau seither unter doppeltem Druck steht: In den zu Russland gehörenden Kaukasusrepubliken Dagestan, Inguschien und Tschetschenien muss es sich nun mehr denn je als Ordnungsmacht beweisen, die Sicherheit gewährleistet und Wohlstand schafft und die Islamisten in die Schranken weist. Für die Staaten auf der Südseite des Kaukasus aber muss es seine Anziehungskraft erhöhen, damit nach Georgien nicht auch Armenien, der bislang treueste Verbündete, und das ölreiche, bisher zwischen Moskau und Washington lavierende Aserbaidschan unter amerikanischen Einfluss geraten.
Aber nirgendwo schwelen auf kleinem Raum so viele Konflikte wie im Kaukasus. Auf einer Fläche gerade mal so groß wie Schweden stoßen rund 40 Völker mit gut 50 Sprachgruppen aufeinander. Nur 26 Millionen Menschen leben hier, getrennt jedoch durch Grenzen von insgesamt 3500 Kilometer Länge, die obendrein oft strittig sind.
Sechs Kriege tobten seit dem Zerfall der Sowjetunion an dieser Stelle, es ist die gefährlichste Region in der Nachbarschaft der Europäischen Union.
Genau hier hindurch soll eines Tages Gas aus Zentralasien und Aserbaidschan nach Europa fließen, an Russland vorbei. Die Pipeline liegt weniger als hundert Kilometer von der Grenze Südossetiens entfernt, des Zankapfels des jüngsten Krieges, eines Gebiets, in dem nun Moskaus Panzer stehen.
Entsprechend nervös blicken die Großmächte auf diese Region. Kaum hatte Russlands Präsident Medwedew Anfang Juli seinen amerikanischen Gegenspieler Barack Obama in Moskau empfangen, war er demonstrativ nach Südossetien geeilt. Nur wenig später sicherte Obama-Vize Joe Biden seinerseits in Tiflis dem georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili die Unterstützung Washingtons zu. Gleichzeitig entsandte Amerika den Zerstörer USS "Stout" an die georgische Küste, während Russland 8500 Soldaten zum Manöver "Kaukasus 2009" zusammenzog.
Wer also wird den Kaukasus in Zukunft beherrschen? Der Westen? Die Russen? Der Islam?
Moskau hat sich durch seinen Blitzsieg im vergangenen Jahr erst einmal Respekt verschafft in der Region, in der Stärke als größte Tugend angesehen wird, ja geradezu ein Kult ist. Es hat mit den abtrünnigen georgischen Gebieten Südossetien und Abchasien zwei Protektorate gewonnen, aber gleichzeitig ein Glaubwürdigkeitsproblem: Während der Kreml Südosseten und Abchasen die Unabhängigkeit von Georgien erkämpfte, unterdrückt er ähnliche Separatistenbestrebungen im eigenen Land - im Fall Tschetschenien um den Preis zweier Kriege mit vermutlich über 100 000 Toten.
"Schauen Sie sich nur um in Dagestan und im Kaukasus", sagt Poet Adallo in Machatschkala: "Keiner hier kann mehr ruhig schlafen. Die Völker nicht und die Regierenden nicht."
Vor acht Wochen hat ein Scharfschütze dem dagestanischen Innenminister bei einer Hochzeit mitten ins Herz geschossen; er stand im Ruf, bei der Folter von Untergrundkämpfern gern selbst Hand anzulegen - noch postum ehrte Moskau ihn als "Helden Russlands". Der Bürgermeister von Machatschkala, auch er ein Mann von zweifelhaftem Ruf, hat 15 Anschläge überlebt. Er regiert die quirlige Küstenstadt inzwischen aus dem Rollstuhl.
Von Machatschkala führt eine neue Betonstraße südwestlich in die Berge: Russische Panzerwagen und dagestanische Polizeipatrouillen sollen sich bei der Jagd nach Aufständischen schneller fortbewegen können. Auf bis zu 1000 wird die Zahl der Rebellen allein in dieser Gegend geschätzt - Männer, die im Kaukasus keine Arbeit mehr finden, bei ihrer Jobsuche in Kernrussland aber nur als "Schwarzärsche" bezeichnet werden, als Bürger zweiter Klasse. Das facht den Widerstandsgeist der kampfstarken Bergvölker nur weiter an.
Den Weiler Gubden haben Truppen des russischen Innenministeriums und des Inlandsgeheimdienstes FSB umstellt, die Straßen hinauf sind mit Kontrollposten gespickt. Die entrüsteten Einwohner zeigen Fotos von zwei Toten: Sie tragen Spuren schrecklicher Folter. Die Abendnachrichten des staatlichen Fernsehens hingegen melden, die beiden seien Untergrundkämpfer gewesen, man habe sie bei einem Feuergefecht mit der Polizei getötet.
Womöglich handelte es sich um eine Vergeltungsaktion, weil einige Tage zuvor Polizisten in einen Hinterhalt gelockt und erschossen worden waren. Opfer und Täter sind im Kaukasus nicht leicht auseinander- zuhalten: Im Namen Allahs erpressen manche Untergrundkämpfer Schutzgelder wie gemeine Kriminelle. Polizei und Geheimdienste wiederum töten auch Unschuldige, um Moskau neue Erfolge bei der Terroristenhatz zu vermelden.
Scheinbar friedlich liegt die Bergfestung Achulgo in 2100 Meter Höhe. Ein Großmütterchen verkauft Postkarten mit dem Bildnis von Imam Schamil, der noch heute der Held der Bergvölker ist. Schamil leistete dem russischen Heer Widerstand, als sich Moskau im 19. Jahrhundert den Kaukasus unterwarf. Der Eroberungskrieg verschlang allein 1855 ein Sechstel des Haushalts des zaristischen Russlands, er war teurer als die Unterwerfung Indiens durch die Briten.
Bis heute muss der Kreml tief in die Tasche greifen. In einem Talkessel unweit der Grenze zu Tschetschenien und Georgien, in Botlich, hat er eine Garnison für 3000 Soldaten errichtet. Auf dem Dorfplatz prangt ein Putin-Plakat, das Gas und Strom verspricht. Beides gibt es nun tatsächlich, zufrieden aber sind die 11 000 Einwohner trotzdem nicht. Die Garnison nimmt ihnen Weideplatz für ihre Kühe weg, ja schlimmer noch: Sie bedroht althergebrachte Sitten. Einer der Dorfältesten schimpft über die Frauen der russischen Offiziere, die "in kurzen Röcken oder Männerkleidung" zum Einkaufen über den Markt spazierten. Mit Männerkleidung sind Hosen gemeint.
Den erhofften Wohlstand gibt es hier noch immer nicht. Botlich war zu Sowjetzeiten für seine Aprikosen bekannt, die kleine Saftfabrik liegt nun aber still, der Transport der Waren in die russischen Städte ist zu teuer. Dabei alimentiert der Kreml den Kaukasus mit Milliarden, allein Dagestan zahlt er 80 Prozent des Budgets. Der Kaukasus ist sein Armenhaus.
Bis nach Abchasien, das am Westrand der Bergkette liegt, sind es von Dagestan 1300 Kilometer Fahrt über die Transitstraße M29. Die Städte am Weg illustrieren den schwindenden Einfluss der Moskauer Zentralregierung. In Grosny, der Hauptstadt Tschetscheniens, hat der von Putin eingesetzte Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow die größte Moschee des Kaukasus errichtet. Er regiert hier, als wäre Tschetschenien ein unabhängiger Staat, sein Wort ist Gesetz. Hier ging die Bürgerrechtlerin Natalja Estemirowa Menschenrechtsverletzungen der Kadyrow-Leute nach, bis sie vergangenen Monat ermordet wurde.
Nahe Magas, der Hauptstadt Inguschiens, wurde Präsident Junus-Bek Jewkurow im Juni bei einem Bombenanschlag schwer verletzt. Die russischen Sicherheitsleute dort haben sich hinter einem zehn Meter hohen Zaun verschanzt, der Granaten der Rebellen abhalten soll. Ein Stück weiter, bei Wladikawkas, der Hauptstadt Nordossetiens, liegt Beslan, der Ort des Geiseldramas von 2004. Nur Sotschi, ganz am Westrand des Kaukasus, strahlt ein wenig Hoffnung aus: Dort finden 2014 die Olympischen Winterspiele statt.
Von dem Kurort an der Schwarzmeerküste sind es drei Autostunden nach Suchumi, die Hauptstadt Abchasiens, das Moskau inzwischen als selbständigen Staat behandelt, aber nur, um damit Tiflis zu ärgern. Im Regierungsgebäude, einem weißen Stalin-Bau, umgeben von Palmen und renovierten Hotels, sieht sich ein stämmiger Mann mit hoher Stirn in der Klemme "zwischen dem kleinen Imperium Georgien und dem großen Imperium Russland". Stanislaw Lakoba ist Koordinator der Sicherheitsdienste in der abchasischen Regierung, aber in Moskau betrachtet man ihn mit Misstrauen. Denn der Historiker hat mehrere Bücher geschrieben, in denen er die russische Geschichtsschreibung widerlegt, wonach Abchasien 1810 "freiwillig" dem Zarenreich beigetreten sei.
Lakoba gilt als langjähriger Vordenker der abchasischen Unabhängigkeitsbewegung. Und anders als die bitterarmen Südosseten, die einen Anschluss an das auf russischem Staatsgebiet gelegene Nordossetien wünschen, finden viele der 200 000 Einwohner Abchasiens Gefallen an der Idee einer wirklichen Unabhängigkeit. Eine durchaus kritische Presse moniert die dominierende Rolle Moskaus in dem 220 Kilometer langen Küstenstreifen, der als "Côte d'Azur der Sowjetunion" einst zwei Millionen Touristen im Jahr anzog.
Seit Lakobas Chef, der abchasische Präsident Sergej Bagapsch, Ausländern den Erwerb von Immobilien erlauben will, ist der drohende Ausverkauf an Russen Thema Nummer eins in den Cafés. "Wir könnten bald enden wie die Indianer, die Manhattan gegen billige Halsketten eintauschten", warnt der Chefredakteur einer örtlichen Tageszeitung.
In der "Geschichte Abchasiens" hat Lakoba beschrieben, wie sein Land von Vertreibungen, Strafexpeditionen und blutigen "Säuberungen" heimgesucht wurde, mal initiiert von Moskau, mal von Tiflis. Zu den Opfern gehörte auch Lakobas Großonkel Nestor. Der war abchasischer Republikchef, als ihn der georgische Kommunistenführer Lawrentij Berija 1936 in Tiflis vergiftete und damit auch das Verhältnis zwischen Abchasen und Georgiern.
Die Politik der Bolschewisten-Vorgänger brachte Lakoba auf die Formel: "Der Zarismus brauchte Abchasien ohne Abchasen." Welches Abchasien braucht nun der Putinismus? Russlands starker Mann möchte verhindern, dass Nato-Kasernen auf georgischem Boden allzu nah an seine Sommerresidenz in Sotschi heranrücken. Abchasien und Südossetien hält er sich als Faustpfand. Lakoba aber erträumt sich sein Abchasien als "kleinen, neutralen und weltoffenen Staat".
Den Weg von Suchumi in die 70 Kilometer südlich gelegene, ärmliche Provinzstadt Gali säumen ausgebrannte Häuser, Spuren des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatten georgische Nationalgarden und Paramilitärs die nach Unabhängigkeit strebenden und von Moskau unterstützten Abchasen angegriffen. 8000 Soldaten und Zivilisten starben auf beiden Seiten, 240 000 Menschen mussten aus Abchasien flüchten.
Wegen des Bürgerkriegs kann sich heute in Abchasien nicht einmal die kleinste politische Splittergruppe die Wiedereingliederung in den georgischen Staatsverband vorstellen. Die "territoriale Integrität Georgiens", wie sie Amerikaner und Europäer fordern, ist gegenwärtig nicht mehr als eine Worthülse.
Von Gali führt eine mit tiefen Schlaglöchern übersäte Trasse, auf der mehr magere Ochsen unterwegs sind als Menschen, zur abchasisch-georgischen Grenze. Am Checkpoint versehen uniformierte Abchasen in rostigen Metallbuden ihren Dienst, verstärkt durch Grenztruppen des russischen FSB, die hinter Stacheldraht ihre grauen Zelte aufgeschlagen haben.
Nach Kerngeorgien spannt sich eine Brücke über den Inguri-Fluss, die deutsche Kriegsgefangene nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten. Trüb strömt der Fluss zwischen den verfeindeten Kaukasusrepubliken, am anderen Ufer sind georgische Dörfer zu sehen. Wie eine Fata Morgana flimmern sie in der Gluthitze des frühen Nachmittags.
Eine krumme 80-Jährige mit viel zu weiten Gummistiefeln schleppt sich zur Brücke. Sie lebt in einem Dorf auf der abchasischen Seite, war aber zur Krankenhausbehandlung in der nahen georgischen Stadt Sugdidi, ein Pferdegespann erledigt den Grenzverkehr. Die verarmte Alte kann sich den einen Lari, umgerechnet 42 Cent, nicht leisten, um sich fahren zu lassen. Da naht die Rettung. Eine Kolonne von vier weißen gepanzerten Jeeps mit der blauen Fahne der EU tastet sich zur Brücke voran. Ein Offizier aus Litauen steigt aus, spricht mit der Frau und schenkt ihr den Lari.
Seit die Vereinten Nationen wegen eines russischen Vetos nicht mehr in Abchasien patrouillieren dürfen und seit die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf Druck der Russen ihre Mission in Kerngeorgien, Abchasien und Ossetien aufgeben musste, stellt die EU die einzigen internationalen Beobachter in der Krisenregion. An der 170 Kilometer langen Grenze zu Abchasien hat sie 69 Männer aus 13 Nationen im Einsatz, darunter 22 Deutsche.
Carsten Frommann, ein blonder Kriminaloberkommissar aus Dessau, der schon im Sudan diente, gibt das Kommando zur Weiterfahrt. "Bei Frontattacke alle Autos im Rückwärtsgang zurück, bei Angriff in der Mitte die vorderen Wagen nach vorne, die hinteren nach hinten", befiehlt er, ehe es ins "schmutzige Dreieck" geht, ein paar Quadratkilometer Grenzland, in dem Schmuggler immer wieder Ärger machen.
Seit Juni nennen es die EU-Beobachter "blutiges Dreieck". Da explodierte eine Mine, der Fahrer des Krankenwagens der Mission kam ums Leben. Heute läuft alles glatt. Nur im 1000-Einwohner-Dorf Paluri bringt eine aufgebrachte Menge den Konvoi zum Stehen. Seit anderthalb Monaten bekommen die Dörfler keinen Strom. "So manch einer hier würde gern von uns regiert werden", sagt Wolfram Hoffmann, Bundeswehr-Oberst a. D.
Am Inguri-Fluss gleich hinter dem georgischen Grenzposten steht eine große Tafel mit dem Konterfei des georgischen Präsidenten Saakaschwili: Nadelstreifenanzug, rote Krawatte, dazu die Losung "Wir vereinigen Georgien". Saakaschwili, 2003 durch die Rosenrevolution an die Macht gekommen, hat die georgische Wirtschaft durch Privatisierungen und mit Hilfe von Auslandsgeldern in Schwung gebracht.
Er hat Straßen gebaut, die Korruption bei der Polizei eingedämmt und dafür gesorgt, dass es nun halbwegs regelmäßig Strom, Wasser und Gas gibt. Aber das alles zählt derzeit nicht: Seit sein Versuch gescheitert ist, Südossetien mit Waffengewalt zurückzuholen, nennen ihn Gegner gern "Micheil, den Zerstörer". Gestürzt ist er darüber bislang nicht, obwohl Moskau das inbrünstig hoffte - weil der Westen weiter zu ihm steht und die Opposition zersplittert ist.
Was bleibt Russland nach dem Georgien-Krieg von 2008? Es hat zwei Landfetzen im Südkaukasus, zusammen kleiner als Schleswig-Holstein und anerkannt nur von Nicaragua, unter seine Kontrolle geholt. Der restliche Südkaukasus mit seinen Rohstoffen und Energiekorridoren geht meist eigene Wege - während im Nordkaukasus von Tag zu Tag mehr die Gesetzlosigkeit um sich greift. "Der Kreml hat nicht die geringste Idee, was er in dieser Region als Nächstes tun muss", sagt der Moskauer Politologe Malaschenko.
Nur an der armenischen Grenze zur Türkei, im Dorf Lusarat zu Füßen des schneebedeckten Ararat, sprechen die Bauern von den Russen noch als "Brüder, die uns beschützen". Moskaus Truppen bewachen hier die Grenze Armeniens, Russland bildet armenische Offiziere aus und liefert nahezu das gesamte benötigte Erdgas. Ihm gehören die Pipelines im Land, die meisten Elektrizitätswerke, der größte Mobilfunkbetreiber und sogar die staatlichen Sparkassen.
80 Prozent der Ausfuhren Armeniens aber laufen über Georgien. Weil der russisch-georgische Krieg der Regierung in Eriwan die wirtschaftliche Isolierung des Berglandes vor Augen geführt hat, bemüht sie sich jetzt um eine vorsichtige Aussöhnung mit dem Erzfeind Türkei; bald könnte die seit 1993 wegen des aserbaidschanisch-armenischen Krieges geschlossene Grenze geöffnet werden. Dann würde in Lusarat vielleicht eine Brücke über den Grenzfluss führen, könnten endlich Touristen und Waren passieren.
An einem Tisch im Schatten eines Apfelbaumes sitzt ein Dorfbewohner. Jedes Mal wenn er angerufen wird, ertönt statt eines Klingeltons eine markige Stimme: "Genosse, nimm den Hörer ab, Stalin will dich sprechen." Vom Imperium des Sowjetdiktators, eines gebürtigen Georgiers, kündet an der Grenze zur Nato nur noch dieser ärmliche Vorposten Lusarat. Jedes Jahr zum Tag der Grenztruppen bringen die Dörfler den russischen Soldaten Aprikosen und Äpfel und umarmen sie.
So wie in Lusarat hätte es Moskau gern überall im Kaukasus. Dass die Vergangenheit noch einmal zur Zukunft wird, glauben sie aber nicht einmal im Kreml.
UWE KLUSSMANN, MATTHIAS SCHEPP
Von Uwe Klussmann und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 32/2009
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