03.08.2009

LITERATURWürfelspiel vor der Schlacht

Einer der großen Romane der Literaturgeschichte wird endlich wieder lesbar: Reinhard Kaiser hat Grimmelshausens wildes Kriegsepos „Simplicissimus“ ins heutige Deutsch übertragen.
Grauen und Gelächter sind Nachbarn. Erst plündern die Soldaten die Vorräte des Einöd-Bauern, schlachten, braten und essen sein Vieh, vergewaltigen seine Frau, die Mägde und Töchter, schütten einem gefesselten Knecht in den mit einem Holzscheit aufgesperrten Mund "einen Melkeimer voll Jauchewasser", den sogenannten Schwedentrunk, binden einem anderen ein Seil um den Kopf und drehen es mit einem Knebel so lange, bis "ihm das Blut zu Mund, Nase und Ohren herausspritzt". Dann nehmen sie sich schließlich den Bauern selbst vor: Sie reiben dem gleichfalls gefesselten Hausvater die hochgebundenen Fußsohlen mit feuchtem Salz ein, das eine Ziege ableckt, was ihn so kitzelt, dass er vor Lachen "beinah platzt".
Bald steht der Hof in Flammen. Der vermeintliche Sohn des Bauern bleibt als Einziger ungeschoren, flieht in den Wald, kriecht in einen hohlen Baum und findet Unterschlupf bei einem Einsiedler - der weckt ihn irgendwann mit dem Lied "Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall".
Der Junge ist kein Geringerer als der berühmteste deutsche Romanheld des 17. Jahrhunderts: Simplicius ("der Einfältigere"), dessen wüste, komische und anrührende Lebensgeschichte Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen (um 1622 bis 1676) unter dem Titel "Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch" in fünf Büchern erzählt hat. Publiziert hat er sie in den Jahren 1668/69 - zu einer Zeit, "von der man glaubt, dass es die letzte sei", wie es gleich im ersten Satz des Buches heißt, bald nach den Schrecken jenes Dreißigjährigen Krieges, in dem diese Geschichte spielt.
Die Kriegsabenteuer des Simplicius, dieses "seltsamen Vaganten", der sich mal als Narr mit Eselsohren oder Musikant, mal als Soldat oder Räuber, mal als Händler oder Quacksalber durchschlägt - sie spiegeln von Anfang an eigene Erfahrungen des Autors, ohne deshalb komplett autobiografisch zu sein.
Grimmelshausen wurde, wie sein Held, früh von Vater und Mutter getrennt, wuchs auf beim Großvater, einem Bäcker und Weinhändler, und hat im Alter von wahrscheinlich zwölf Jahren erlebt, wie - im Jahr 1634 - seine Heimatstadt, das hessische, protestantische Gelnhausen, von den katholischen Truppen des Kaisers geplündert und gebrandschatzt wurde. Vor dem Krieg wohnten in diesem am Rande der Spessart-Wälder gelegenen Ort, durch den die wichtige Handelsstraße zwischen Frankfurt und Leipzig führte, rund 15 000 Bürger. Nach dem Krieg waren es noch knapp 200 Seelen.
Der "Simplicissimus" des Grimmelshausen ist der erste wirklich bedeutende Roman auf Neuhochdeutsch. Er wird auch - anders als die überwiegend verblassten mittelalterlichen Ritter-Taten oder ein schäferlich-galanter Liebesroman wie Philipp von Zesens "Ritterholds von Blauen Adriatische Rosemund" (1645) - bis heute als Weltliteratur hochgeschätzt. Thomas Mann nannte das Werk, in einem Vorwort zur schwedischen Übersetzung, 1944 "ein Literatur- und Lebensdenkmal der seltensten Art", das "in voller Frische" noch viele Jahrhunderte "überdauern" werde, "ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du".
Das zwischen Schwank- und Predigerton, derber Mundart, Volkslied und humanistischer Bildung eigentümlich pendelnde, vor allem zupackend realistisch und farbig erzählte Konvolut aberwitzigster Episoden gehört in die Kategorie der Schelmenromane und zählt zu seinen Vorläufern berühmte Werke wie die "La vraye histoire comique de Francion" (1623/33) von Charles Sorel und die Rittergroteske "Don Quijote" (1605/15) des Spaniers Cervantes. Bertolt Brechts Versweisheit "Wir wissen, dass wir Vorläufige sind" blinzelt hier fast durch jede Szene.
Grimmelshausen schildert die deutsche Urkatastrophe des Dreißigjährigen Kriegs, der, mit nahezu zehn Millionen Toten, aus Deutschland ein weitgehend entvölkertes, moralisch verruchtes, wirtschaftlich ruiniertes, politisch zersplittertes Hinterland Europas gemacht hat, und tut dies konsequent als Geschichte von unten, aus dem Volk der Bauern, Händler und Landser.
Das kolossale Buch, von dem sich auch Günter Grass inspirieren ließ - der Held der "Blechtrommel" (1959) ist ein gewitzter Schelm wie Simplicius -, hat nur einen Nachteil: Es ist über weite Passagen für heutige Leser kaum noch verständlich. Selbst die geglättete Winkler-Ausgabe von 1972, in der etwa das ursprünglich ursächlich gemeinte "dann" in unser "denn" oder "Befelch" in "Befehl" verwandelt ist, lässt noch jede Menge Missverständnisse zu; etwa wenn sie "Kluft" (für die Zange) oder "witzig" (für verständig) unverändert lässt, ganz zu schweigen von Wörtern, die nicht nur eine Sinnverschiebung durchgemacht haben, sondern so gut wie ausgestorben sind, wie "Fatzvögel" (für Spaßvögel) oder "Blackscheißerei" (für Schreibarbeit).
Für Germanisten, gewappnet mit historischem Sprachlexikon und Freude am archaisch Fremdartigen, ist dies so wenig ein Problem wie der altfränkisch gewundene Satzbau. Doch für eine größere, zumal jüngere Leserschaft gilt der "Simplicissimus" schon lange als weitgehend unzugänglich: ein berühmtes, aber immer seltener gelesenes Buch.
Das kann sich jetzt ändern. Der Übersetzer und Schriftsteller Reinhard Kaiser, der in seinem sorgfältig recherchierten Buch "Königskinder" ein ergreifendes jüdisch-schwedisches Liebesdrama der dreißiger Jahre rekonstruierte (SPIEGEL 46/ 1996), hat sich die Mühe gemacht, den verknorzten "Simplicissimus" Satz für Satz in ein so verständliches wie elegantes, dazu unbedingt zeitgenössisches Deutsch zu übertragen - eine Übersetzung aus dem Deutschen ins Deutsche, wie man sie auch mancher anderen Schrift des 17. und 18. Jahrhunderts wünschen möchte.
Das Ergebnis ist die unverhoffte Wiederkehr eines ziemlich verschollenen Meisterwerks, ein kleines Wunder des Literaturbetriebs. Kaiser, 59, wird es am 17. August in Gelnhausen, der Grimmelshausen-Stadt, vorstellen: Es ist ein schmucker Doppelband der "Anderen Bibliothek", mit Personen- und Sachregister sowie Erklärungen jener Wendungen, die der Übersetzer um des historischen Kolorits willen belassen hat, zum Beispiel: "auf Partei gehen" für Beute machen*.
Wie kam diese Renaissance Grimmelshausens zustande? Was hat Kaiser zu diesem Einstieg in die Geschichte gereizt?
Kaiser wohnt mit seiner Frau in dem fast dörflich anmutenden Frankfurt-Seckbach, am nordöstlichen, grünen Rand der City, in einem kleinen Gründerzeithaus mit Garten. Die Erklärung des Wunders fällt ihm nicht leicht. Er ist zwar umtriebig und fleißig wie kaum einer - mehr als 70 Bücher hat er schon aus dem Englischen übersetzt (auch solche von Irene Dische) und acht eigene verfasst; aber er ist ein sachlicher, nachdenklicher, bescheidener Typ, wenig talentiert zum Selbstlob.
Die Idee zum Grimmelshausen-Projekt, erzählt er zögernd, kam vor gut zwei Jahren auf "bei einem Gespräch mit Heiner Boehncke vom Hessischen Rundfunk, der sich besonders für die Pflege hessischer Literaturtradition engagiert". Der Sender wird aus der - von der Kreissparkasse Gelnhausen gesponserten - Übersetzungs-
arbeit denn auch eine Hörfunkserie produzieren.
Hätte Kaiser anstelle der sprachmikroskopischen Herkulesarbeit, zu der das ständige Suchwort-Hin-und-Her zwischen Originaltext und der digitalen Ausgabe des "Deutschen Wörterbuchs" der Brüder Grimm gehörte, nicht lieber einen Roman geschrieben? "Nein", sagt er, "ich finde den Grimmelshausen-Roman so beeindruckend, dass für mich die Arbeit des Übersetzens, der Übertragung des Fremden in meine Sprachgestalt, nichts als beglückend war. Vor so einem Werk wird man als Autor eher bescheiden. Wenn diese schwierige literarische Operation gelungen ist, finde ich das erfreulich genug. Ein völlig eigenes Buch könnte kein größerer Triumph sein."
Zu seinen Lieblingspassagen zählt der Übersetzer die im 20. Kapitel des zweiten Buchs erzählte Szenerie vor den Toren des von den kaiserlichen Truppen belagerten Magdeburg: Auf einem Platz, "ungefähr so groß wie der Alte Markt in Köln", sind etliche Mäntel ausgebreitet und Tische aufgestellt, "wo man um die Wette würfelte und alle Flüche in hunderttausend mal tausend Galeeren und Schnellseglern, tonnenweise und stadtgräbenvoll daherpoltern ließ". So mancher Soldat verspielte hier "seine Waffen und sein Pferd, ja selbst sein bisschen Kommissbrot".
Kaiser hält es für möglich, dass Grimmelshausen 1636 vor Ort war, als kaiserliche Truppen das von Schweden gehaltene Magdeburg zurückeroberten; fünf Jahre zuvor hatten sie, angeführt von Tilly, schon einmal die Stadt gestürmt und rund 20 000 Menschen getötet - eines der schlimmsten Massaker des Kriegs. Aus Magdeburger Perspektive hat diese Tragödie mit expressiver Wucht Ricarda Huch in ihrem Werk "Der große Krieg in Deutschland" (1912/14) ausgemalt.
Grimmelshausens drastischstes Schlachtengemälde (zweites Buch, 27. Kapitel) bildet das Hauen und Stechen beim brandenburgischen Wittstock ab, wo 1636 die Truppen des Kaisers von den Schweden geschlagen wurden: "Das gräuliche Schießen, das Klappern der Harnische, das Krachen der Piken, die Schreie der Verwundeten und der Vorwärtsstürmenden und dazu die Trompeten, Trommeln und Pfeifen - das alles ergab eine grausige Musik."
In einer eng am Erstdruck orientierten Fassung klingt das noch so: "Das greuliche schiessen / das geklaepper der Harnisch / das krachen der Biquen / und das Geschrey beydes der Verwundten und Angreiffenden / machten neben den Trompeten / Trommeln und Pfeiffen ein erschroeckliche Music."
Und weiter in der neuen Übersetzung: "Man sah nur dicken Rauch und Staub ... Manche Pferde sah man tot unter ihren Herren zusammenbrechen, übersät mit Wunden, die sie unverschuldet, zum Lohn für ihre treuen Dienste empfangen hatten. Andere stürzten aus der gleichen Ursache auf ihre Reiter und hatten so im Tod die Ehre, von denen getragen zu werden, die sie in ihrem Leben hatten tragen müssen ... Die Erde, die doch sonst die Toten deckt, war an diesem Ort nun selbst mit Toten übersät. Da lagen Köpfe, die ihre natürlichen Herren verloren hatten, und Leiber, denen die Köpfe fehlten. Manchen hingen die Eingeweide aus dem Leib, anderen war der Kopf zerschmettert und das Hirn zerspritzt ... Da lagen abgeschossene Arme, an denen sich noch die Finger regten, als wollten sie in den Kampf zurück ... Da lagen abgetrennte Schenkel ..."
So anschaulich diese Schilderung geraten ist - Grimmelshausen hat die Schlacht wohl nicht selbst erlebt und viele Details, zumal die Pointe mit dem Pferd, das vom Reiter getragen wird (eine tragisch-komische Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse), aus Philip Sidneys Roman "Arcadia" übernommen, der fast 80 Jahre vor dem "Simplicissimus" erschien und dem Autor aus einer Übersetzung von Martin Opitz bekannt war.
Eines der trefflichsten Stilmittel dieses Erzählers ist der schockartige Zusammenprall des Schaurig-Großartigen mit dem Tückisch-Lächerlichen: Unmittelbar nach der gewaltigen Schlacht bei Wittstock schildert der Autor nicht weniger minutiös den Kampf des Simplicius mit der juckenden "Armada" von Läusen auf seinem Körper, an die er wegen des starren Brustpanzers nicht herankommt. Schließlich umwickelt er den Ladestock seiner Pistole mit einem Stück Pelz, das er in Leim getaucht hat. Mit dieser "Läuseangel" fährt er unter den Harnisch und "fischt" die Plagegeister "aus ihrem Hinterhalt": "Es nützte aber wenig."
Kaiser ist fasziniert von der erstaunlich modern anmutenden Bedeutung des Geldes in diesem Roman: "Die in den Rock eingenähten Dukaten und das irgendwo in der Landschaft versteckte Gold prägen das Weltgefühl im Roman ähnlich wie in unserer heutigen Finanzkrisen-Erfahrung. Vor allem als Erlebnis des ständigen Auf und Ab: Heute hast du Geld genug, morgen ist alles futsch."
Können wir auch das vom "Simplicissimus" gewiss überzeichnete "Elend und Unheil" des Lebens, dessen Beschwörung als vergängliches, "stinkendes, elendes Fleisch" noch erfühlen? Das barocke "Vanitas"-Pathos ist in dieser aufgeschäumten Heftigkeit heute kaum noch nachvollziehbar. Und doch: Das dabei vermittelte Bild einer "schlimmen, schnöden Welt", einer komischen, vor allem chaotischen Wirklichkeit des sinnlosen Schlemmens und Schwelgens, des Jammerns und Jubelns, des Liebens und Täuschens, des Folterns und Totschlagens aus religiösem Vorwand, des ewigen Machtgewinns und Machtverlustes - es wirkt, sprachlich so aufgefrischt wie von Reinhard Kaiser, heute aktuell wie im 17. Jahrhundert.
Simplicius, der eigentlich Melchior Sternfels von Fuchshaim heißt, zieht sich aus dieser verkehrten Welt zurück, wie er in sie hineingewachsen ist: Er wird Einsiedler, erst im Schwarzwald, schließlich, am Ende einer seltsamen Weltreise, auf einer einsamen Insel. Recht hat er.
MATHIAS SCHREIBER
* Gemälde von Jan Brueghel d. Ä. und Sebastian Vrancx, frühes 17. Jahrhundert.
* Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: "Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch". Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 764 Seiten; 69 Euro. Einbändige Ausgabe 49,95 Euro.
Von Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 32/2009
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