03.08.2009

Das Russland der anderen

Nahaufnahme: Der junge Moskauer Polit-Aktivist Roman Dobrochotow kämpft mit Kunst und Witz gegen Unfreiheit und Zensur.
Wenn alles so läuft wie immer, werden Roman und seine Freunde in einer halben Stunde in der Zelle sitzen. Dieses Mal könnte es sogar noch schneller gehen. Vor dem Taganka-Gericht in einem ruhigen Moskauer Hinterhof haben die jungen Männer eine hölzerne Staffelei aufgebaut und malen mit düsteren Ölfarben ein Bild. Drei Polizisten in schwarzen Springerstiefeln spähen bereits argwöhnisch herüber.
Roman Dobrochotow, 26, schlaksig, dunkel gelockt, lässt sich davon nicht schrecken. Konzentriert pinselt er eine Gestalt mit Priestergewand und Polizeimütze auf das Papier. Den linken Arm streckt die Figur zum Hitlergruß, mit der Rechten führt sie ein kriechendes, graues Menschlein an der Leine - ein Symbol für das von Pfaffen gegängelte russische Volk.
Das Porträt hat ein reales Vorbild: Oleg Kassin, Kopf der orthodox-patriotischen Organisation Volkskonzil. Dieser Fundamentalist ist dafür verantwortlich, dass drinnen im Gerichtsgebäude an diesem Vormittag zwei Ausstellungskuratoren auf der Anklagebank sitzen: Andrej Jerofejew, ehemals zuständig für zeitgenössische Kunst in der weltberühmten Tretjakow-Galerie, und Jurij Samodurow, ehemaliger Direktor des Sacharow-Zentrums. Ihnen wird vorgeworfen, "die geistigen Werte Russlands zu zerstören". Die beiden älteren Herren haben durch winzige Gucklöcher Bilder gezeigt, die russische Museen zuvor in Selbstzensur aussortiert hatten: küssende Polizisten etwa oder Lenin am Kreuz.
"Die Kuratoren und Künstler machen doch nur ihren Job", empört sich Dobrochotow. "Freiheit ist Teil dieser Arbeit." Der junge Mann sieht in Jeans und Langarmshirt sehr zierlich aus, aber wenn er sich, wie er sagt, "schwer macht", sind vier Polizisten nötig, um ihn von der Stelle zu zerren. Dobrochotow ist derzeit der Vorzeigerebell der Moskauer Intelligenzija und Anführer der Oppositionsbewegung "Wir".
"Bewegung" scheint freilich ein großes Wort für das Häuflein von 30 Jungakademikern, das in einer Kellerbar regelmäßig künstlerische Protestaktionen ausheckt. In der überschaubaren russischen Subkultur sind sie trotzdem schnell eine beachtete Größe geworden, denn sie sind kreativer als andere und "einfach interessanter als tausend kommunistische Demonstranten", sagt Dobrochotow stolz.
Er hat das Grüppchen 2005 nach der orange Revolution in der Ukraine zusammengetrommelt, gemeinsam mit Kommilitonen vom Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Politik. Wie Wachhunde der Demokratie kämpfen sie für Transparenz und Meinungsfreiheit, gegen Wahlfälschungen, Nationalismus, Wehrpflicht und Zensur. In Abgrenzung zu einer Putinnahen Jugendorganisation nannten sie sich anfangs "Die, die ohne Putin gehen". Als sich die Kreml-Treuen später "Naschi" tauften, die Unsrigen, änderte Dobrochotow den Namen ironisch in "My", Wir.
Vor dem Taganka-Gericht wird es für die Aktivisten schon nach fünf Minuten brenzlig. Zwei Polizisten stapfen heran und schauen ihnen über die Schulter. Dobrochotow kennt diese Blicke. So fängt es immer an. Zum 200. Geburtstag des Schriftstellers Nikolai Gogol spielte er mit seinen Freunden auf der Straße Szenen aus dessen Roman "Die toten Seelen", eine Anspielung auf Wladimir Putin und dessen korrupte Machtelite. Nach einem kurzen Wortwechsel mit der Polizei landeten sie im Knast, allerdings nur für vier Stunden.
Acht Wochen später rezitierten die Kulturrebellen politische Gedichte in der Innenstadt, nicht etwa eigene, sondern, viel pfiffiger, Verse des Nationalheiligtums Alexander Puschkin. Die subversive Absicht blieb natürlich nicht unerkannt. Eine Provokation: "Anstiftung zum Dekabrismus" notierte ein Polizist als Grund für Dobrochotows Festnahme. Puschkin hatte mit den Dekabristen sympathisiert, jenen meist adligen Offizieren, die im Dezember 1825 das Zarenregime samt Leibeigenschaft und Zensur abschaffen wollten.
Im Schnitt sitzt Dobrochotow alle zwei Wochen für kurze Zeit in Haft, meist zusammen mit ein paar Freunden. Seinen größten Coup hat er allerdings allein gewagt. Bei einer Veranstaltung zum 15. Jahrestag der russischen Verfassung im Dezember im Kreml sprang er plötzlich auf und unterbrach den Redner, keinen Geringeren als Präsident Dmitrij Medwedew, mit einem Zwischenruf. "Schande den Verfassungsänderungen!", rief Dobrochotow - Medwedew hatte kurz zuvor die Amtszeit des Präsidenten auf sechs Jahre verlängern lassen. Der junge Rebell versuchte weiterzusprechen, aber Sicherheitsleute zerrten ihn aus dem Saal. Der Präsident, der sich großmütig und gelassen geben wollte, rief sie zurück. Vergebens, niemand hörte auf den Hausherrn.
Noch am selben Tag verlor Dobrochotow seinen Job bei einem Radiosender, ein anderer Auftraggeber entfernte sofort alle Texte des Unbequemen aus dem Internet. Nun will Dobrochotow für das Moskauer Stadtparlament kandidieren. "Als Abgeordneter wäre ich immun", sagt er. "Dann könnten sie mich nicht mehr ständig festnehmen."
An diesem Vormittag hängt sein Schicksal noch von der Laune der bulligen Polizisten ab. Aber die haben offenbar wenig Lust, die Protestler vom Platz zu schleppen. Sie halten ein paar Meter Abstand und belassen es bei der Drohkulisse. "Glück gehabt", freut sich Roman. Diesmal. "Wir" packen die Malutensilien zusammen und gehen zur Feier des Tages ein Bier trinken. ANN-DORIT BOY
Von Ann-Dorit Boy

DER SPIEGEL 32/2009
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