17.08.2009

UNTERHALTUNGSELEKTRONIKExtra-Maut für scharfe Bilder

Millionen Deutsche haben ein TV-Gerät, das „HD ready“ ist. Nur Programm gab's kaum. Jetzt soll das flimmerfreie Fernsehen endlich flächendeckend starten. Es dürfte die letzte Chance sein.
Blumiger als Edmund Stoiber hätte man die Fernsehzukunft kaum beschwören können. Das neue hochauflösende Fernsehen HDTV mache "das Grün der Wiese grüner, das Blau des Himmels blauer und die goldene Sonne goldener", schwärmte er am 26. Oktober 2005. Dann drückte der Bayer auf einen Knopf und aktivierte die ersten beiden HD-Kanäle von ProSiebenSat.1.
Ein gewaltiger Schritt für die Münchner Sendergruppe, aber leider gar keiner für die TV-Öffentlichkeit. Denn danach geschah - so gut wie nichts.
Zwar haben Millionen Deutsche mittlerweile teure Flachbildschirmgeräte zu Hause, die "HD ready" sind. Nur Programm gab es in der neuen Qualität kaum. Und wo die Inhalte existierten, war die Technik zu kompliziert. Frustriert klemmte selbst ProSiebenSat.1 Anfang 2008 seine Vorzeigekanäle wieder ab.
Jetzt wollen deutsche TV-Sender, Satellitenbetreiber, Kabelanbieter und Gerätehersteller es endlich schaffen. Es dürfte die letzte Chance sein für eine Technik, die in andern Ländern längst Standard ist.
Diese Woche übertragen ARD und ZDF die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin als eine Art Testlauf in der neuen Technik. Auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin wollen alle Verantwortlichen Anfang September kräftig trommeln. Die Rückrunde der Fußball-Bundesliga soll dann ebenfalls hochauflösend zu sehen sein. Ab Februar planen ARD und ZDF, ihr komplettes Programm parallel zum normalen Pal-Standard permanent in HD auszustrahlen.
Mit bereits sieben HD-Kanälen lockt der Abo-Sender Sky (früher Premiere), auch andere Privatsender raffen sich auf: Im November startet Satellitenbetreiber Astra mit RTL und Vox in High-Definition-Qualität, im Januar stoßen ProSieben, Sat.1 und Kabel eins dazu. "Wir glauben, dass die Voraussetzungen für einen Massenmarkt jetzt gegeben sind", sagt ProSiebenSat.1-Vorstand Marcus Englert.
Die Hoffnung der Branche: Weil sich die Deutschen immer größere Fernseher kaufen, wird auch ihr Hunger auf schärfere Bilder zunehmen.
Eine Revolution sieht dennoch anders aus. Das liegt auch daran, dass HDTV bislang vor allem ein Paradebeispiel für falsche Versprechungen, technisches Hickhack und missverstandene Kundschaft war.
Schon Mitte der achtziger Jahre hatte das Kürzel die Fernsehfachwelt elektrisiert. Die Bundespost, die damals hierzulande noch die Fernmeldehoheit hatte, ließ für den Aufbau der Infrastruktur zwei Satelliten ins All schießen. Die Europäische Gemeinschaft spendierte Millionen an Forschungsmitteln, damit heimische Elektronikriesen Anschluss an die Vorreiter aus Japan gewinnen konnten. Doch Manager und Techniker hatten die Probleme und Kosten der Umrüstung unter- sowie die Begeisterung des Publikums überschätzt.
Zumindest die technischen Probleme sind gelöst. Nicht nur die Hollywood-Bosse, sondern auch alle großen Sender haben ihr Studio-Equipment für die neue Technik hochgerüstet.
Weltweit empfangen immer mehr Zuschauer ihr TV-Programm digital. In den USA, in Australien, Japan oder Südkorea gehört das hochauflösende Fernsehen zum Alltag. Dort hatte die Verbesserung der Bildqualität von Anfang an Priorität. In Deutschland dagegen wurde die Digitalisierung fast nur dazu genutzt, die Zahl der TV-Kanäle erhöhen zu können.
Zudem wurde der ursprünglich für 2010 geplante Abschluss der Digitalisierung immer wieder verschoben. Die Folge: Mehr als die Hälfte der deutschen Haushalte empfängt das TV-Programm noch analog. Zur Umstellung gezwungen waren nur Zuschauer, die ihr Programm per Antenne bekommen - und jetzt via DVB-T mit einem größeren Angebot belohnt werden.
Besonders schleppend vollzieht sich der Wandel in den Kabelnetzen, die den Großteil des Publikums mit Fernsehen versorgen. Kabel Deutschland, größter Kabel-TV-Anbieter der Republik, will seine Kunden nicht erschrecken und sicherte ihnen kürzlich sogar zu, sie könnten "noch über Jahre wie gewohnt weiter analog fernsehen".
Lange entschuldigten Sender und Kabelfirmen ihre Behäbigkeit damit, dass die meisten Flimmerkisten für den Empfang der Superbilder ja gar nicht tauglich seien. Doch seit 2005 haben die Bundesbürger über 15 Millionen Flachbildschirmgeräte angeschafft. Im ersten Halbjahr 2009 schnellte der Absatz gegenüber dem Vorjahr erneut um 38 Prozent hoch.
Selbst wenn die Branche nun ernst macht, werden die Zuschauer so schnell nicht in Euphorie verfallen: Die Handhabung ist kompliziert, und der Umstieg wird teuer. Vor allem die Privatsender setzen auf eine gewagte Strategie: Das hochauflösende Fernsehen soll eine Art Bezahl-TV durch die Hintertür werden.
Für fast alle HDTV-Fans beginnt die neue Zeit mit der Investition in eine etwa 150 Euro teure Zusatzbox - wirklich bereit sind die meisten Eigner eines Flachmanns mit dem Etikett "HD ready" ohne dieses Gerät nämlich keineswegs. Nur etwa zwei Prozent haben zu Hause die nötige Empfangsbox, mit der ihr Luxusschirm die ankommenden HD-Signale verarbeiten kann.
Hinzu kommt: Sowohl der Satellitenbetreiber Astra als auch die Kabelfirmen wollen die scharfen Bilder meist in verschlüsselter Form in die Wohnzimmer liefern. Wer künftig jede Schweißperle auf der Stirn eines Bundesliga-Kickers im Heimkino erkennen will, soll extra zahlen.
Meist muss dafür eine sogenannte Smartcard gekauft werden, die in die HD-Box gesteckt wird. HDTV, lange quasi als nächsthöhere Evolutionsstufe des Fernsehens gepriesen, die irgendwann Standard für jedermann würde, entwickelt sich damit endgültig zu einem Premium-Produkt.
Wie das geht, machen Astra und die großen Privatsender vor. Um die HD-Varianten von frei empfangbaren Sendern wie RTL, ProSieben oder Sat.1 sehen zu können, ist voraussichtlich eine spezielle Box nötig, die ab Herbst im Handel sein soll. Ein Jahr lang dürfen die Kunden das scharfe Bild gratis gucken, danach werden für das HD-Plus-Paket wohl etwa fünf Euro monatlich fällig. Ein Teil des Geldes fließt dann an die Fernsehsender zurück.
Das sei keine Abo-Gebühr, sondern nur eine Service-Pauschale, heißt es unisono. "Wenn das Pay-TV ist, dann ist das normale Kabelfernsehen längst Pay-TV", sagt ProSiebenSat.1-Vorstand Englert. Dort zahlten die Kunden schließlich jeden Monat etwa 16 Euro, um Programme zu empfangen, die sie via Satellit gratis gucken könnten. Auch RTL verweist darauf, HD sei ein hochwertiges Zusatzangebot, das große Investitionen der Sender erfordere.
Wann und wie die Zeitenwende im Kabel beginnt, wird sich erst in den nächsten Wochen entscheiden. Zwar mangelt es nicht mehr an technischen Kapazitäten, doch ohne Gegenleistung der Sender wollen die Kabelfirmen die Superbilder nicht an die Kunden durchleiten.
Seit Wochen feilscht etwa Kabel Deutschland mit ARD und ZDF "über die Verteilung der Mehrkosten, die durch HDTV entstehen". Auch mit Sky und einigen Privatsendern laufen Gespräche. Wie schon beim normalen Digitalprogramm werden die Kunden womöglich auch beim HD-Angebot mit einer Extra-Maut zur Kasse gebeten. Diese müsste auch zahlen, wer nur ARD und ZDF via Kabel in HD sehen will. Bei Sky sieht man das durchaus mit Genugtuung: "Die Idee von HD als Umsonstfernsehen ist tot", heißt es dort. Dazu sei die Technik schlicht und ergreifend zu teuer.
ISABELL HÜLSEN, KLAUS-PETER KERBUSK
Von Isabell Hülsen und Klaus-Peter Kerbusk

DER SPIEGEL 34/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNTERHALTUNGSELEKTRONIK:
Extra-Maut für scharfe Bilder

  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur
  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze