17.08.2009

EINHEITWettlauf um die Wahrheit

Bei der Vereinigung träumten Politiker und Funktionäre davon, dass Deutschland die führende Sportnation der Welt würde. Das dunkle Erbe der DDR blendeten sie aus. Selbst 20 Jahre nach der Wende, bei der Leichtathletik-WM in Berlin, wird noch über die Dopingverstrickungen gestritten.
Die blonde Frau mit den schwarzlackierten Nägeln tippt, locht, heftet ab. Wenn das Telefon klingelt, sagt sie: "Zimmermann, Toyota-Autohaus, was kann ich für Sie tun?" Sie erledigt ihre Arbeit schnell und routiniert. Frau Zimmermann mag es nicht, Dinge liegenzulassen. Um 13 Uhr schaltet sie den Computer aus, fährt nach Hause und kocht für ihren Mann und ihre zwei Kinder.
Frau Zimmermann sitzt auf der Terrasse ihres Einfamilienhauses am Ende einer Sackgasse. Man kennt sie besser unter ihrem Geburtsnamen: Katrin Krabbe. Sie trägt die Haare jetzt im Pagenschnitt. Zwei schwarze Strähnen umranden ihr Gesicht wie ein Bilderrahmen.
"Grace Kelly" oder "Goldschatz" nannten sie die Medien. Krabbe war Anfang der neunziger Jahre eine erfolgreiche Leichtathletin, ein deutscher Star, gewann bei den Europameisterschaften in Split drei Goldmedaillen, wurde Weltmeisterin über 100 und 200 Meter in Tokio und zur Weltsportlerin 1991 gewählt.
Aber Grace Kelly gibt es nicht mehr. Und Katrin Zimmermann will nicht mehr an die eigene Geschichte zurückdenken. Man müsse die Vergangenheit irgendwann auch mal ausblenden, sagt sie, "sonst wird man bekloppt".
Katrin Krabbe ist eine historische Figur des deutschen Sports. Sie war ein Premium-Produkt der DDR, gewann Gold über 200 Meter bei den Junioren-Weltmeisterschaften 1988. Dann fiel die Mauer, und Krabbe wurde vom Westen übernommen und zum gesamtdeutschen Idol aufgebaut. Das "Wall Street Journal" bezeichnete die Schöne aus dem Osten als "Nationalsymbol", sie machte im neuen Deutschland Werbung für Nike und Haarpflegeprodukte und galt als Beleg für eine gelungene Vereinigung.
Es war ein deutsch-deutsches Märchen. Dann kam erst eine manipulierte Dopingprobe, schnell danach ein positiver Dopingtest und damit der tiefe Fall.
Die Geschichte von Krabbe beschreibt sinnbildlich den Verlauf der Vereinigung des deutschen Sports. Der Zusammenschluss der Sportsysteme bildet einen Sonderfall im großen Prozess der Wiedervereinigung. Während alle anderen Bereiche der DDR abgewirtschaftet hatten, war man im Sport dem Westen überlegen. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gewann die kleine DDR 102 Medaillen, die große BRD gerade einmal 40.
Die Vereinigung löste Euphorie aus. Der Osten war stolz darauf, Weltklasse in die Einheit einzubringen. Der Westen freute sich auf große Siege. Gutausgebildete Trainer und Athleten wie Krabbe, so dachte man, würden Deutschland auf Jahre in allen Medaillenstatistiken unschlagbar machen.
Die Ernüchterung folgte, als die dunkle Seite des DDR-Sports, dokumentiert in unzähligen Akten, auftauchte: die Stasi-Verstrickungen von Sportlern und Trainern, das staatlich organisierte Doping.
Bis heute kämpft der Sport mit den Hinterlassenschaften der DDR. Manche Opfer der Dopingtäter ringen heute um eine Rente für Schwerstgeschädigte. Andererseits sind immer noch ehemalige DDR-Trainer bei den Verbänden aktiv. Kurz vor Beginn der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die derzeit in Berlin ausgetragen wird, wurden noch eilig fünf Übungsleitern mit Dopingvergangenheit Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausgestellt.
Die Freude über das einige Sportland ist verflogen. "Eine echte Aufarbeitung hat nicht stattgefunden, die führenden Funktionäre haben nur auf das schöne Erbe geschielt", sagt Hans Joachim Teichler, Sporthistoriker an der Universität in Potsdam.
Die deutsche Sportvereinigung ist heute eine Geschichte von Menschen, die sich vor dem Mauerfall als Gegner gegenüberstanden und die nach der Wende nicht vorbehaltlos zueinanderfanden, sie ist eine Geschichte enttäuschter Hoffnungen, falscher Versprechungen und schlimmer Schicksale.
Eines davon ist das von Heidi Krieger, Siegerin im Kugelstoßen der Frauen bei der Leichtathletik-Europameisterschaft 1986 in Stuttgart. Krieger heißt heute mit Vornamen Andreas, lebt in Magdeburg. Aus Heidi wurde ein Mann, weil ihre Trainer sie mit Anabolika vollgestopft hatten. Krieger ist eines von 193 staatlich anerkannten Dopingopfern. Er sagt: "Die Trainer und die Sportärzte in der DDR haben Gott gespielt."
Ein Feldweg führt zum Gartenhäuschen von Manfred Höppner, keine 50 Meter vom Ufer des Werlsees entfernt, 42 Quadratmeter Wohnfläche. Manfred Höppner hat sich zurückgezogen, so weit es geht. Er ist geflohen vor der Öffentlichkeit, vor der Presse, vielleicht auch vor Heidi Krieger.
Höppner war in der DDR der Stellvertretende Leiter des Sportmedizinischen Dienstes, dort unterstand ihm die Abteilung Leistungssport II, das war die Dopingzentrale der DDR. Rund 10 000 Athleten wurden von 1974 bis zum Untergang der DDR mit Hormonpräparaten, besonders den blauen Oral-Turinabol-Pillen, fitgemacht. Doktor Höppner war, wie er sagt, "Leader" des Systems.
Aber das ist lange her. Doktor Höppner wohnt jetzt am Werlsee, weit weg, damit niemand mehr Fragen stellt. Ihm wurde der Prozess gemacht, er wurde verurteilt, nun soll es gut sein. Sollte er jemandem Schaden zugefügt haben, erklärt Doktor Höppner, dann habe er sich dafür bereits entschuldigt.
Die DDR war eine Weltmacht im Sport. Weil es Talente wie Heidi Krieger gab, und weil es Männer wie Höppner gab.
519 Medaillen holte das Land bei elf Olympischen Spielen, 192 davon in Gold. Sportler waren Kämpfer gegen den Kapitalismus, staatlich gelenkt. Der SED-Generalsekretär Walter Ulbricht hatte sie einst "Diplomaten im Trainingsanzug" genannt, in Wahrheit waren sie Soldaten im Sportdress.
Sport war Staatsziel. Dafür arbeiteten rund 8000 Trainer. Die klamme DDR gab noch im Wendejahr 400 Millionen Mark für den Sport aus. Ihre Erfolge waren einzigartig, noch heute halten sich Weltrekorde: Marita Kochs über 400 Meter, Gabriele Reinschs im Diskuswurf.
Zum Sportwunderland DDR gehörte aber auch der Staatsplan 14.25. Unter diesem Nummerncode hatte die politische Führung in Ost-Berlin Funktionäre und Wissenschaftler aus vielen Bereichen des Landes zusammengeführt. Es war eine nationale Aufgabe von privilegierten Akademikern mit dem Ziel, immer neue, effektivere Möglichkeiten des Dopens zu erforschen.
Der Sportmedizinische Dienst verteilte die Dopingpillen an die Trainer, die reichten sie weiter an die Sportler. Selbst 14jährige Mädchen bekamen anabole Steroide. "Blaue Steaks", so nannten die Sportler die gefärbten Oral-Turinabol-Pillen. Manfred Höppner nennt sie bis heute "die Dinger".
Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, wusste im Westen kaum jemand Konkretes über diese dunkle Seite. Zwei unterschiedliche Sportstrukturen prallten aufeinander: der auf den Leistungsbereich fixierte Staatssport im Osten und das auf Freizeit- und Breitensport ausgerichtete System im Westen.
Der Übergang erfolgte dennoch im Eiltempo, ohne große Protokolle, ohne lange Vorgespräche. Schon am 17. November verkündeten in Berlin der Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), Klaus Eichler, und der Kollege West, Hans Hansen, vom Deutschen Sportbund (DSB), dass sich der Sportverkehr in Deutschland fortan frei entfalten könne.
Manche Verbände fanden mit spielerischer Leichtigkeit zueinander. So trafen sich die Funktionäre der Ruderer auf einem Autobahnparkplatz. Man schüttelte einander die Hand, stellte sich vor und ging an die Arbeit.
Wolfgang Schäuble war damals wie heute deutscher Bundesinnenminister. Er sitzt im 13. Stock eines Verwaltungsgebäudes in Berlin-Moabit, man hat von hier oben einen guten Blick über die Hauptstadt. Schäuble ist ein Sportfan, er hat alle Namen im Kopf. Henry Maske, Jens Weißflog, Michael Ballack, Matthias Sammer, Jan Ullrich, Katarina Witt. Sie alle schafften es auch im Westen. Im Vergleich zu anderen "Lebensbereichen", sagt Schäuble, habe der Sport schnell seinen Platz gefunden im neuen Deutschland.
Die Politik ließ den Sportfunktionären beim Zusammenschluss weitgehend freie Hand. Man schaute nur auf die Rahmenbedingungen. So besuchte Schäuble 1990 ein Radrennen in Berlin-Pankow. Er traf dort Cordula Schubert, die letzte Sportministerin der DDR. Die wollte die Fördergelder für den Leistungssport im Osten streichen, die Bürgerrechtler hatten den einst so privilegierten DDR-Sport ins Visier genommen. Schäuble pfiff sie zurück. Bonn, erklärte er ihr, habe andere Pläne.
Es war die Zeit der großen Worte, der schnellen Absichtserklärungen. Das Knowhow des DDR-Sports müsse gewahrt werden, hatte Schäuble schon kurz nach dem Mauerfall erklärt. Der damalige Kanzler Helmut Kohl war ganz auf Schäubles Seite. Bei einem Treffen mit dem Chef des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, sprach sich Kohl für die "Aufrechterhaltung des hohen Niveaus" des DDR-Sports aus.
Dabei konnte man bereits ahnen, wie dieses Niveau zustande gekommen war. Die ersten Unterlagen über das Staatsdoping in der DDR lagen schon in Bonn.
Peter Busse trinkt Kaffee im Hotel Königshof in Bonn mit Blick auf den Rhein, an den Wänden hängen Porträts deutscher Kanzler. Busse, ein eleganter Herr Anfang siebzig im legeren Anzug, sagt, er habe bis zur Wiedervereinigung "vom Sport in der DDR nur vage Vorstellungen" gehabt.
Im Jahr 1990 sollte sich das ändern.
Als die Mauer fällt, ist Busse Ministerialrat. Sein Dienstherr, Innenminister Schäuble, ernennt ihn zu seinem Sonderbeauftragten für die politische Wiedervereinigung des Sports.
"Machen Sie mal", sagt Schäuble.
Busse organisiert eine Besichtigungstour. Im Frühjahr 1990 fährt er mit hochrangigen Funktionären des westdeutschen Sports, darunter Willi Daume, im Dienstwagen samt Chauffeur ins ostdeutsche Hinterland. Weil die Zeit knapp ist und die Straßen im Osten noch löchrig sind, nimmt man auch schon mal den Hubschrauber.
Die Herren staunen über Vorträge von Wissenschaftlern in Kienbaum, die über den Stand der DDR-Leistungsdiagnostik referieren. Sie staunen über die schiere Dimension des Sportapparats. Im Osten wirkten allein für die Leichtathletik 592 Trainer, im Westen gab es 45. Im Rudern standen 4 Trainern in der BRD 60 Trainer in der DDR gegenüber. Daume ist besonders begeistert von der Ost-Berliner Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte, vom Dopingkontrolllabor in Kreischa und vom Leipziger Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport. Alle drei Einrichtungen werden wunschgemäß in den Einigungsvertrag eingehen.
Und der Rest? 24,8 Milliarden Mark, so ergibt später eine Hochrechnung, wären notwendig gewesen, um die DDR-Sportstätten zu erhalten. "Uns war klar, dass das alles gar nicht finanzierbar sein würde", sagt Busse. Die Stimmung nach der Besichtigungstour war dennoch euphorisch. "In unseren Köpfen war, dass das vereinigte Deutschland ein besonderes Sportland werden sollte", sagt Busse.
Als in Bonn noch von der neuen Sportgroßmacht Deutschland geträumt wird, beginnt in Berlin ein historischer Wettlauf um die Wahrheit. Die Lehrerin Brigitte Berendonk und der Wissenschaftler Werner Franke, Molekularbiologen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, besteigen am Berliner Flughafen Tegel ein Taxi nach Bad Saarow am Scharmützelsee. Sie haben Informationen bekommen, dass dort in der Militärmedizinischen Akademie der Nationalen Volksarmee brisante Doktorarbeiten gelagert sein sollen. In ein Buch, das er bei sich trägt, hat Franke ein Loch geschnitten, so dass gerade eine Kamera hineinpasst. Sollten ihnen die Militärs die Herausgabe der Dopingarbeiten verweigern, würden sie versuchen, Seiten heimlich abzufotografieren.
Auch in Ost-Berlin, beim Sportmedizinischen Dienst in der Czarnikauer Straße 21, laufen fieberhafte Aktivitäten. Von der Dopingzentrale aus wurden Anabolikapillen in die ganze DDR verteilt. Nun muss das Zeug weg. Eine Mitarbeiterin drückt die Präparate aus den Verpackungen und wirft sie in große Tüten. Dann verteilt sie die Beutel auf herumstehende Mülltonnen in der Umgebung.
Es ist ein letzter Dienst an der untergehenden DDR. Aber sie werden das Rennen um die Wahrheit verlieren. Der SPIEGEL veröffentlicht mehrere Artikel über die Dopingmachenschaften im real existierenden Sozialismus. Höppner hat unterdessen Dopingdokumente an den "Stern" weitergereicht. Und Berendonk und Franke bekommen in Bad Saarow Einblick in wissenschaftliche Arbeiten, darunter Berichte über Dopingprogramme für Minderjährige. Nach langen und lauten Verhandlungen dürfen die Heidelberger drei Dissertationen mitnehmen. In einer wird bis ins kleinste Detail beschrieben, wie Heike Drechsler, die spätere Olympiasiegerin im Weitsprung, vor ihrem WM-Sieg 1983 gedopt wurde.
Berendonk und Franke fahren zurück nach Berlin. Im Flugzeug nach Mannheim stellen sie die Tasche mit den Arbeiten zwischen ihre Füße. Sie ahnen, welchen Schatz sie dabeihaben: die Beweise über den Aufbau eines perfiden Sportsystems - ein Stück deutsche Sportgeschichte.
Die Kamera in dem Buch kam in Bad Saarow nicht zum Einsatz. Sie ist immer noch im Besitz von Berendonk und Franke. Demnächst soll sie im Bonner Haus der Geschichte ausgestellt werden.
Es ist jetzt sehr warm im Büro von Wolfgang Schäuble im 13. Stock. Der Minister überlegt lange. Nein, er könne sich nicht erinnern, wann er erstmals Fakten zum Doping erfuhr. Sei ja alles lange her.
Peter Busse im Königshof in Bonn kann sich genau erinnern. Es ist im Frühjahr 1990, er bekommt Besuch von einem Herrn aus Berlin. Harold Tünnemann, nach der Wende Staatssekretär im Sportministerium der DDR, hat sich auf den Weg gemacht, um Bonn mal ins Bild zu setzen.
Busse trifft Tünnemann zunächst privat in einem griechischen Restaurant in Köln. Als der Mann aus dem Osten auf dem Büfett schwarze Oliven entdeckt, ruft er: "Oh Gott, oh Gott, die haben ja hier schon frische Kirschen!"
Am nächsten Morgen sitzt Tünnemann im Bonner Innenministerium und berichtete vom Staatsplan 14.25, er hat auch Kopien vertraulicher Dokumente dabei, die nahelegen, dass der Bundesnachrichtendienst in Pullach schon seit Jahren über das Dopingsystem der DDR im Bilde ist.
Die Geschichte der Sportvereinigung ist bis heute auch eine Geschichte des Wegschauens. Die vereinigten Sportverbände mussten sich früh entscheiden: Vergangenheitsbewältigung oder Verfolgung der Täter. Der Hauptausschuss des Deutschen Sportbundes (DSB) hatte zwar bereits im Dezember 1991 empfohlen, dass "grundsätzlich" jeder Trainer oder Betreuer aus dem Sport ausscheiden sollte, der "nicht den Nachweis fehlender Beteiligung am Dopingsystem" der DDR erbringen konnte.
Aber wer kontrollierte das? Der DSB? Kein Interesse. Die Sportverbände? Waren nur an Fachkräften aus dem Osten interessiert. Die Vereine? Wenn es Zuschüsse für Trainer gab, schauten sie weg. Der Staat? Ließ dem Sport großen Freiraum.
Viel später, im Jahr 2007, kontrollierte die "Projektgruppe Sonderprüfung Doping" des Bundesinnenministeriums, ob die Anti-Doping-Richtlinien eingehalten wurden. Sie stellte fest, dass die für die Auszahlung der Fördergelder zuständige Behörde "nie untersucht hat, ob die im Bewilligungsbescheid erhobenen Anforderungen der Anti-Doping-Klausel eingehalten wurden".
Und so sitzen die belasteten Trainer weiterhin überall: im Schwimmverband, im Skiverband oder im Leichtathletikverband. Und immer reagieren sie nur dann, wenn Medien wieder einmal auf Dopingfachleute aufmerksam machen. So berichtete der SPIEGEL etwa im Oktober 2007 über den Gewichthebertrainer Bernd Grabsch, der in der DDR mitgeholfen hatte, die Wirkung von Anabolika auf Minderjährige zu untersuchen. Der Verband für Gewichtheben, Kraftdreikampf und Fitness in Sachsen reagierte harsch. Er stritt Grabschs Dopingvergangenheit nicht ab, rechtfertigte die Beschäftigung des Trainers aber damit, dass das Verfahren gegen Grabsch wegen des Verdachts gemeinschaftlicher Körperverletzung gegen
Zahlung von 3000 Mark eingestellt worden war.
Und dann sagte der Verbandspräsident, warum Grabsch für sie so wichtig sei: Er habe mit seinen persönlich betreuten Sportlern ab Mitte der neunziger Jahre zwei olympische Silbermedaillen, mehrere Weltmeistertitel und drei Europameistertitel "erkämpft".
Wie meisterlich man die Realität ausblenden kann, demonstrierte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), eine Prestigeorganisation, der bei Olympischen Spielen immer die meisten Sportler stellt.
Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft 1990 in Split, wo zum letzten Mal Athleten aus der DDR und der BRD getrennt antreten, laufen die Sportler bei der Abschlussfeier Arm in Arm durchs Stadion. Auf der Tribüne sitzt DLV-Präsident Helmut Meyer, Spitzname "Leistungs-Meyer", neben Vizepräsident Werner von Moltke. "Lass uns mal zu ihnen rübergehen, wir gehören doch bald zusammen", schlägt Moltke vor. Aber Meyer, der Sport immer als Teil der Auseinandersetzung zwischen Ost und West gesehen hat, sagt: "Ich gehe erst zu denen, wenn ich deren Chef bin."
Die DDR-Athleten hinterlassen in Split eine eindrucksvolle Visitenkarte für den Beitritt, holen zwölf Goldmedaillen und liegen damit im Medaillenspiegel weit vorn. Der Stern von Katrin Krabbe, blond, schnell, lange Beine, geht auf. Sie gewinnt Gold über 100 Meter. Der Boulevard jubelt: Was für eine Frau!
Nun will Meyer diese Wundersportler doch so schnell wie möglich bei sich haben. Ein Funktionärskollege warnt ihn. Er erzählt Meyer, dass der Heidelberger Professor Werner Franke Anzeigen gegen frühere DDR-Bosse wegen deren Dopingpraktiken vorbereiten würde: Da gehe demnächst eine Bombe hoch. Meyer zuckt nur mit den Schultern. Wer ist schon dieser Franke?
Solange "Leistungs-Meyer" beim DLV die Richtung vorgab, war Vergangenheitsbewältigung ein Alibibegriff. Zwar mussten alle hauptamtlichen Trainer, die aus dem Osten übernommen worden waren, in einer eidesstattlichen Versicherung unterschreiben, niemals für die Stasi gespitzelt zu haben. Doch ob das stimmte oder nicht, überprüfte im Verband niemand.
Das änderte sich erst, als im April 1993 der Sportwissenschaftler Helmut Digel Meyers Amt übernahm. Alle Verbandsfunktionäre und Spitzentrainer mussten einwilligen, dass die Gauck-Behörde ihre Biografien durchleuchtete.
Im Herbst drängte Digel auch 87 Athleten aus den neuen Bundesländern dazu, "sich diesbezüglich zu offenbaren, sollten Sie in der Vergangenheit mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammengearbeitet haben". Es war die Reaktion auf ein Desaster: Heike Drechsler, wenige Monate zuvor bei der WM in Stuttgart als gesamtdeutscher Liebling bejubelt, war als IM "Jump" aufgeflogen. Sie soll Vereinskollegen bespitzelt und dafür sogar Geld kassiert haben, was sie bestritt.
Doch auch Digel verlängerte später Verträge von Spitzenkräften wie dem DLV-Cheftrainer Bernd Schubert, die in der DDR Dopingmittel verabreicht hatten. Mal begründete er dies mit arbeitsrechtlichen Bedenken; mal argumentierte er, dass die Athleten im Osten häufig selbst nach den leistungsfördernden Präparaten verlangt hätten; mal erwähnte er, dass die Trainer Einsicht und Reue gezeigt hätten.
Im Herbst 1991 erscheint ein Buch, das den Blick auf die deutsche Sportgeschichte verändert. Es heißt "Doping-Dokumente", Autorin ist Brigitte Berendonk. Heidi Krieger, die ehemalige DDR-Kugelstoßerin, bekommt es von ihrer Mutter geschenkt. "Du stehst da drin", sagt Elfriede Krieger zu ihrer Tochter.
Krieger hat ihre Sportlaufbahn beendet. Sie wohnt in Berlin, durchlebt eine schwierige Zeit. Sie hat seit einer Weile das Gefühl, "männlich zu empfinden", sie kleidet sich männlich, trägt weite Hemden und Westen, um ihre Brüste zu verstecken.
In dem Buch von Berendonk liest Krieger zum ersten Mal etwas über Oral-Turinabol, über Doping, über den Staatsplan 14.25, über "Hormon-Heidi". Über sich.
Sie liest, wie sie von ihren Trainern gemästet wurde. Einmal verabreichten sie ihr über 29 Wochen doppelt so viel Testosteron, wie ein männlicher Körper im gleichen Zeitraum produziert.
Krieger ist geschockt. Aber noch glaubt sie kein Wort, noch hält sie das alles für Propaganda.
Die Veröffentlichung des Berendonk-Buchs war eine Art Urknall im Prozess der Sportvereinigung. War der Erfolg des DDR-Sports nichts weiter als eine große Lüge? Die große Debatte, die bis heute anhält, nahm ihren Anfang.
Der Sport machte zaghafte Versuche der Aufklärung, meist getrieben von den Enthüllungsgeschichten in den Medien. Es schlug die Stunde der Kommissionen.
Die eine begann ihre Arbeit am 24. Januar 1991 und stand unter dem Vorsitz Heinrich Reiters, des Präsidenten des Bundessozialgerichts. Die Reiter-Kommission hatte den ambitionierten Plan, "Handlungskonzepte zur Bekämpfung des Do-
ping in Zukunft zu entwickeln". Sie hatte aber auch ein Problem: Nur 3 von 50 Fachverbänden hielten es für nötig, auf die Anfragen zur Verantwortung der Trainer überhaupt zu antworten.
Die zweite war die "Ad-hoc-Kommission" unter Führung des DSB-Vizepräsidenten Manfred von Richthofen. Der Adelsmann gerierte sich als energischer Aufklärer. Doch er ahnte wohl schon früh, dass seine hartnäckigen Befragungen, die im Dezember 1991 abgeschlossen waren, folgenlos bleiben könnten. "Die Beweise, die uns vorliegen, sind schlüssig. Doch wir können nichts mehr tun, wenn ein Verband unsere Empfehlungen missachtet."
Richthofen legte den betroffenen Verbänden etwa 50 Namen von belasteten Trainern, Ärzten und Funktionären vor und empfahl deren Kündigung. Doch es geschah so gut wie nichts.
Im Deutschen Skiverband, organisiert von dem ehemaligen DDR-Apparatschik Thomas Pfüller, wirken bis heute Trainer, die nach den Vorgaben Reiters und Richthofens niemals dort arbeiten sollten. Und im Sommer 2009, 18 Jahre nach den Veröffentlichungen Richthofens, musste sich erneut eine Kommission um den belasteten Biathlon-Trainer Frank Ullrich kümmern, der die Vorwürfe bestreitet.
Den DLV trafen Berendonks Enthüllungen mit besonderer Wucht. Präsident Meyer setzte eine unabhängige Juristenkommission ein. Den Vorsitz hatte der Direktor des Darmstädter Arbeitsgerichts, flankiert wurde er von einem Richter des Darmstädter Landgerichts.
An einem Wochenende im November 1991 reisten die Juristen nach Potsdam. An zwei Tagen hörten sie dort 20 schwer belastete Trainer an. Es scheint eine Art Therapierunde gewesen zu sein. Der Kommissionsvorsitzende Frieder Ewald schrieb: "Wir haben ausnahmslos engagierte und qualifizierte Trainer kennengelernt, die sich mit der Problematik auch persönlich auseinandersetzen und insgesamt die Prognose rechtfertigen, dass in jedem Fall eine ,saubere' Zusammenarbeit mit dem Verband und den Sportlern gewährleistet ist. Die Kommission schlägt daher eine Amnestie der Trainer vor."
Von Seiten des Sports hatten die Täter also kaum etwas zu befürchten. In Bedrängnis gerieten sie erst, als die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (Zerv) ihre Arbeit aufnahm. Deren Ermittler sollten die Auswüchse eines Unrechtssystems aufklären und damit ein Kapitel deutscher Geschichte neu schreiben. Und sie sollten Informationen über Täter zusammentragen, damit man sie vor Gericht stellen kann.
Die Prozesse begannen 1998. Gerichte verurteilten Trainer, Ärzte, Wissenschaftler und Funktionäre zu Haftstrafen auf Bewährung. Höppners Vorgesetzter musste 45 000 Mark zahlen, ein anderer Mitarbeiter Höppners 12 600 Mark. Trainer und Ärzte bekamen zumeist Geldbußen zwischen 5000 und 15 000 Mark aufgebrummt.
Aber irgendwann erlahmte auch der Verfolgungswille der Staatsanwaltschaften. Und so gibt es viele hundert Verantwortliche des DDR-Dopings, die niemals zur Rechenschaft gezogen wurden. Rainer Hartwich, der frühere Leiter der klinischen Forschung des Anabolika-Herstellers VEB Jenapharm, sagte 20 Stunden gegenüber Beamten der Zerv aus. Zu Konsequenzen führte das nicht. "Niemand hatte Interesse an der Wahrheit", sagt Hartwich, "weil die Gesellschaft wohl kein Interesse an einem sauberen Sport hat."
Für das größte Aufsehen sorgten die Verfahren gegen Manfred Ewald, den Sportchef der DDR, und Manfred Höppner. Sie wurden wegen Beihilfe zur Körperverletzung zu Bewährungsstrafen verurteilt, Ewald zu 22 Monaten, Höppner zu 18 Monaten.
Höppner, dem Chefdoper vom Werlsee, tut es heute leid, dass auch Minderjährige in der DDR mit Medikamenten gemästet wurden. Das habe er nicht gewollt. Ihm sei es immer nur um Chancengleichheit mit dem Westen gegangen, wo man ja auch im Leistungsbereich mit allen möglichen Wundermitteln gearbeitet habe.
Es gab im DDR-Sport Leute, die anders über Doping dachten als Doktor Höppner. Johanna Sperling, 77, ehemalige Rudertrainerin des SC DHfK Leipzig, hält einen Brief in den Händen, sieben eng beschriebene Seiten. Sie hat ihn 1963 ihren Sportlerinnen ins Trainingslager der Nationalmannschaft nach "Berlin-Grünau, Regattastraße 211" geschickt.
"Ich bitte Euch ganz ernsthaft, kein, aber auch kein einziges Mittelchen zu schlucken, das Eure Leistung angeblich steigert, und wenn es als noch so harmlos, als vollkommen unschädlich oder wunderwirkend Euch gepriesen wird", steht in dem Brief geschrieben. "Bitte weist es zurück, seid stolz darauf und denkt an die kommenden Wettkampfjahre und denkt an Eure Gesundheit. An der eigenen Willensstärke erleidet Ihr keinen Schaden."
Sperling laufen Tränen über das Gesicht. "Unglaublich, dass dieser Brief noch existiert", sagt sie.
Eine ihrer Ruderinnen hat ihn aufbewahrt. Er ist ein sporthistorisches Dokument. Er beweist, dass in der DDR schon Anfang der sechziger Jahre gedopt wurde. Er zeigt aber auch, dass sich DDR-Trainer dem Doping-Dogma verweigern konnten.
Sperling hat mit ihren Ruderinnen offen die Gefahren des Dopings diskutiert. Sie ließ sich von Ärzten über die Wirkungen der Präparate aufklären - und riet ihren Mädchen von der Einnahme ab.
Irgendwann wurde sie ausgebremst von anderen Trainern. Sie durfte nur noch Nachwuchssportler betreuen.
Heidi Krieger hätte jemanden wie Frau Sperling an ihrer Seite gebraucht. Zehn Jahre nach ihrem EM-Sieg ist sie eine in sich zerrissene Persönlichkeit, sie ist überzeugt, im falschen Körper zu leben. Sie geht zum Psychologen und bekommt zwei Gutachten, die ihr bescheinigen, dass sie ein Mann in einem Frauenkörper ist. Sie überlegt, wie sie als Mann heißen soll. Anders. Andersrum. André? Nein. Andreas. Am 23. Januar 1997 wird die Änderung des Vornamens rechtskräftig, und am 7. März lässt sich Krieger in einer vierstündigen Operation die Brüste amputieren, die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernen.
Andreas Krieger bekommt im selben Jahr Post von der Zerv. Er soll als Zeuge aussagen, die Zerv will prüfen, ob die Geschlechtsumwandlung mit den extrem hohen Dosen Anabolika in Zusammenhang steht. Krieger liest Berendonks Buch noch einmal, er ruft Franke an, fragt: "Liegt es am Doping, dass ich Andreas bin?"
Werner Franke antwortet, eine Vermännlichung auf hormonellem Wege sei bei weiblichen Teenagern möglich, die geschlechtlich nicht eindeutig festgelegt seien, die eine Veranlagung hätten zum männlichen Geschlecht. Später wird er deutlicher: "Das war schon kein Doping mehr, das war eine schwerwiegende sexuelle Transformation."
Seit der Wende hat so gut wie kein Spitzensportler aus der DDR offen über Doping geredet. Ehemalige Champions wie die Schwimm-Olympiasiegerin Kristin Otto, die auch Tabletten bekam und heute eine Fernsehgröße beim ZDF ist, könnten zur Aufarbeitung beitragen. Aber sie schweigt.
Wolfgang Schäuble findet das Verhalten von Otto "relativ klug". Es sei "ein Kennzeichen von Diktatur, Täter nicht nur zu bestrafen, sondern ihnen auch abzuverlangen, sich öffentlich selbst zu bezichtigen". Schäuble findet, dass Berendonk und Franke "einen eindrucksvollen und notwendigen Kampf führten". Aber er stört sich auch nicht daran, dass belastete DDR-Trainer immer noch im deutschen Sport aktiv sind. "Auge um Auge, Zahn um Zahn, das ist nicht das tragende Prinzip unserer Rechtsordnung", sagt der Innenminister. "Auch ein lebenslang Bestrafter hat nach 15 Jahren im Normalfall einen Anspruch, dass seine Bestrafung überprüft wird. Dieses Recht sollte, nach 20 Jahren, vielleicht auch für doping- oder Stasi-belastete Trainer gelten."
Berendonk und Franke sitzen in einem Besprechungszimmer des Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Sie haben Deutschland die Wahrheit präsentiert. Sie erhielten dafür das Bundesverdienstkreuz.
Hat Schäuble recht? Ist die Sportvereinigung wirklich geglückt?
Sie verziehen das Gesicht. Sie wurden am Telefon beschimpft. Als Anrufer auch noch ihre Kinder bedrohten, beantragten sie die Überwachung ihres Telefons. Bernd Schubert, der Cheftrainer des DLV, klagte gegen sie, weil er im Buch als "ausgewiesener Fach-Doper" bezeichnet wurde. Er verlor. Heike Drechsler sagte: "Berendonk lügt." Auch die Olympiasiegerin verlor vor Gericht. Manfred von Richthofen sagte einmal, der Aufklärer Franke betreibe einen "gefährlichen Flächenbrand". Als Berendonk in einer Talkshow Zweifel an der Sauberkeit von Katrin Krabbe äußerte und Dopingtests im Trainingslager vorschlug, nannte der DSB-Chef Hans Hansen das "ausgesprochen dummes Zeug".
Wenig später wurden Krabbe und die Trainingsgruppe ihres Trainers Thomas Springstein erwischt, weil bei einer Dopingprobe mit Urin manipuliert worden war. Grace Kelly war gestorben, die "taz" schrieb damals über Krabbe, sie sei nun "die schnellste Apotheke".
Berendonk hat sich aus dem Kampf verabschiedet. Sie zeigt auf ihr grünes Dopingbuch. "Im Grunde habe ich damit meine Arbeit beendet."
Franke, ihr Mann, macht weiter. Immer weiter. Er sitzt in der Kommission, die das Dopingsystem an der Universität Freiburg untersucht. Er ist Interviewpartner für Medien aus der ganzen Welt. Er führt einen Prozess gegen den gefallenen Radstar Jan Ullrich.
Franke ist im Lauf der Jahre nach der Wende härter, immer schärfer in seinen Worten geworden. Vor drei Jahren hat er Krabbes ehemaligen Trainer Thomas Springstein ein "Mädchenschänderschwein" genannt. Springstein, der im März 2006 wegen der Weitergabe eines Dopingmittels an eine minderjährige Sportlerin zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, ging gegen diese Beleidigung vor.
20 Jahre nach der Wende hat Franke vier Aktenschränke mit Unterlagen gesammelt: polizeiliche Aussagen, Stasi-Berichte, wissenschaftliche Arbeiten aus der DDR. Früher wollte er die Funktionäre aufklären, aber er weiß nun, wie die Verbände auf seine Informationen reagieren. "Wir haben sie mit unserem Wissen bedient, und dann haben sie nie etwas davon benutzt", sagt er.
Inzwischen hat es der Professor für Zellbiologie aufgegeben, eine Zusammenarbeit mit Vertretern des Sports anzubieten. "Das ist ein Kampf mit Lanzen gegen Windmühlen", sagt er. Wenn er heute neue Informationen über Doping hat, geht er damit gleich an die Öffentlichkeit. Oder er zeigt die vermeintlichen Täter an.
Katrin Krabbe mag das alles nicht mehr hören, Stasi, Doping, DDR. Die heutige Frau Zimmermann sitzt auf der Terrasse in Neubrandenburg, sie wirkt sehr in sich zurückgezogen. Dem Star der Wiedervereinigung hat das neue Deutschland kein Glück gebracht. Nach ihrer Dopingsperre ging Krabbe vor Gericht und bekam recht. Weil eine mehr als zweijährige Suspendierung das Grundrecht auf Berufsfreiheit beeinträchtige, verurteilte das Landgericht München den Internationalen Leichtathletik-Verband 2001 zu einer Schadensersatzzahlung von 1,2 Millionen Mark für entgangene Prämien und Sponsorengelder.
Aber die Sprinterin und ihr Mann versäumten, das eingeklagte Geld beim Finanzamt als Einkunft anzugeben. Katrin Zimmermann wurde vom Amtsgericht Neubrandenburg zu einer Geldstrafe verurteilt, ihr Mann Michael zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Anfang dieses Jahres meldeten die beiden Privatinsolvenz an.
Auch Manfred Höppner meldete Privatinsolvenz an, wegen der hohen Prozesskosten, einen Teil der Rente haben sie gepfändet. Das irrsinnige Sportsystem der DDR ist untergegangen. Höppner meint, er sei froh, wie alles gekommen ist, wenn er sieht, was heute alles passiert, mit Epo, Gendoping und all den neumodischen, teuren Steroiden. "Wir hätten doch ökonomisch gar nicht mehr mithalten können", sagt Höppner.
In Berlin läuft jetzt die Leichtathletik-WM. Krabbe und Höppner werden nicht hingehen. Andreas Krieger, der Mann, der mal eine Frau war, wird in Berlin sein. Am Rande der WM demonstriert die Doping-Opfer-Hilfe, weil wieder Trainer mit DDR-Dopingvergangenheit im Berliner Stadion mit Athleten arbeiten dürfen.
Seit 2008 beschäftigt sich ein neues Gremium mit der Aufarbeitung. Die sogenannte Steiner-Kommission, benannt nach ihrem Vorsitzenden, dem ehemaligen Richter am Bundesverfassungsgericht, Udo Steiner, wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund eingesetzt. Sie hat zuletzt eine Menge geschafft.
Sie entlastete zum Beispiel den Siebenkampftrainer Klaus Baarck, auch er war in das Dopingsystem der DDR verstrickt. Er steht dazu, die Medikamentenabgabe habe schließlich "kontrolliert" stattgefunden, deshalb sei es auch nicht gefährlich gewesen.
Zu den Olympischen Spielen vorigen Sommer in Peking kam Baarck, indem er zuvor dem DOSB eine Erklärung unterschrieb, nie Dopingmittel weitergegeben zu haben. Zur WM in Berlin gelangte er nun, indem Baarck vor der Steiner-Kommission Reue zeigte und ein Entschuldigungsschreiben unterzeichnete.
So kann es für ihn immer weitergehen.
CATHRIN GILBERT, MAIK GROßEKATHÖFER, JÖRG KRAMER, UDO LUDWIG, GERHARD PFEIL, JENS WEINREICH, MICHAEL WULZINGER
* Links: an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig 1968; rechts: Unterdruckkammer in Kienbaum.
* Vorn: Gabriele Lippe (Team BRD) und Ulf Timmermann (Team DDR) bei der Abschlussfeier der Leichtathletik-EM in Split im September 1990.
Von Cathrin Gilbert, Maik Großekathöfer, Jörg Kramer, Udo Ludwig, Gerhard Pfeil, Jens Weinreich und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 34/2009
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EINHEIT:
Wettlauf um die Wahrheit