17.08.2009

BUNDESTAGSWAHLDas Schauspiel Politik

Die Realität hat einen schweren Stand in diesem Wahlkampf. Kunstfiguren wie Horst Schlämmer und Kunstparteien wie Die Partei karikieren Politiker in ihrem Buhlen um Wählerstimmen, das vor allem von einem lebt: Fiktionen. Von Dirk Kurbjuweit
Ein Gespräch mit Martin Sonneborn kann einen in den Wahnsinn treiben. Es gibt ihn zweimal, als reale Person und als Vorsitzenden der Spaßpartei Die Partei. Wer gerade redet, ist ihm nie anzumerken. Den Spaß bringt er so ernst rüber, dass er als Spaß nicht kenntlich ist, und damit bleibt auch unklar, was er ernst meint.
Gerade sagt Sonneborn, Mitarbeiter der Satirezeitschrift "Titanic", dass er mit seiner Partei etwas für die "Zukurzgekommenen" tun wolle.
Wirklich?
"Wirklich."
Er erzählt, dass es gerade im Osten viele Menschen gebe, die von der Politik missachtet würden und die einen Anspruch darauf hätten, ernst genommen zu werden. Man kennt das. Gerade bei dieser Politikkritik klingt Sonneborn nicht wie ein erfundener Politiker, sondern wie ein echter. Soweit es da überhaupt eine sinnvolle Grenze gibt.
Denn derzeit erlebt der politische Betrieb ein Vexierspiel, in dem nicht immer klar ist, was Fiktion ist und was Realität, in dem sich Kino mit echtem Leben mischt. Aber was dieser Tage passiert, ist nicht ein Sonderfall, sondern eine Zuspitzung. Der Politik ist die eigene Wirklichkeit schon vorher abhandengekommen.
Vergangene Woche lief in den Kinos Sonneborns Film "Die Partei" an. In dieser Woche startet "Horst Schlämmer - Isch kandidiere!" von Hape Kerkeling, der sein Alter Ego, den grauen Mantelträger Horst Schlämmer, in den Wahlkampf schickt. Sowohl Sonneborn als auch Kerkeling wollen nicht reine Fiktion liefern, sondern spielen mit dem Anspruch auf Realität.
"Die Partei" wurde jüngst vom Bundeswahlleiter nicht für die Bundestagswahl zugelassen, obwohl Sonneborn behauptet, er wolle die Macht. Hape Kerkeling lässt sich derzeit nur als Horst Schlämmer interviewen und gab in Berlin eine Pressekonferenz, in der ihn die Journalisten wie einen echten Politiker befragten. Bei dieser Veranstaltung tauchte auch Sonneborn auf und hielt eine politische Rede.
Am Donnerstag schaffte es Kerkeling auf die Titelseite der "Hamburger Morgenpost" mit der Schlagzeile, dass 18 Prozent Horst Schlämmer zum Bundeskanzler wählen würden. Das spricht nicht für die Politik, nicht für das Volk und nicht für einen Journalismus, der politischen Klamauk allzu gern zur großen Sache macht.
Das alles belegt die Krise der Realität, die derzeit in vielen Bereichen von der Macht der Fiktion bedrängt wird. Am deutlichsten in den virtuellen Welten des Internets, aber auch im Sport. Hier genießen die Surrogate schon so viel Aufmerksamkeit wie die Wettbewerbe zwischen echten Sportlern. Beispiele dafür sind Stefan Raabs Boxkämpfe oder das Spiel von Oliver Pochers Spaßtruppe gegen Bayern München, das Sat.1 eine Traumquote von über 30 Prozent bescherte.
Nun erwischt es auch die Politik. Die muss sich fragen lassen, warum Sonneborns Partei nicht an der Bundestagswahl teilnehmen darf, die anderen Parteien aber schon. Denn mit Illusion und Spaß arbeiten auch die anscheinend echten Politiker.
Vor allem der Wahlkampf ist eine Zeit, in der die Realität einen schweren Stand hat. So lebt der Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier gerade etwas ungemütlich in einer doppelten Fiktion. Die bislang schlimmste Umfrage sagt seiner Partei 20 Prozent voraus. So übel wird es nicht werden, aber wo Steinmeier hinkommt, wird er als 20-Prozent-Mensch behandelt, mit Häme oder Mitleid.
Dagegen setzt Steinmeier die Fiktion der greifbaren Kanzlerschaft und ist damit einem Martin Sonneborn ziemlich nahe. Der sagt auch, dass er die Macht will, was kein schlechter Gag ist für den Vorsitzenden einer Partei, die vor vier Jahren 10 379 Stimmen bekommen hat. Genauso könnte man lachen, wenn Steinmeier sagt: "Ich will Kanzler aller Deutschen werden." Da FDP-Chef Guido Westerwelle ein Bündnis mit SPD und Grünen ausgeschlossen hat, fehlt Steinmeier derzeit die Aussicht auf die Kanzlerschaft.
Aber er tut, als könne er Kanzler werden, weil er sonst gleich zu Hause bleiben könnte. Und nicht ganz zu Unrecht geht er davon aus, dass Westerwelles Verweigerung ebenfalls eine Wahlkampffiktion ist, weil der seine Stammklientel nicht verschrecken will, am Ende aber doch aus "staatspolitischer Verantwortung" oder etwas ähnlich Bombastischem eine Koalition mit der SPD eingehen wird. So könnte aus zwei Fiktionen eine Realität werden, nämlich Steinmeiers Doch-noch-Kanzlerschaft.
Deshalb ist der Bürger gut beraten, wenn er einen Wahlkampf mit ähnlichen Augen betrachtet wie die Filme von Sonneborn und Kerkeling. So ist das Versprechen von Union und FDP, die Steuern zu senken, eher ein ästhetisches Element als ein politisches. Es gehört einfach in die Optik eines bürgerlichen Wahlkampfs. Sieht immer gut aus, war aber nie so lachhaft wie jetzt, da die Finanzkrise die Haushalte auslaugt.
Ein anderes Mittel, eine Fiktion zu schaffen, ist die Auslassung. CDU und Grüne tun öffentlich so, als wäre ein schwarz-grünes Bündnis ausgeschlossen. Wer aber dieser Tage mit Spitzenpolitikern beider Parteien redet, hört, dass sie selbstverständlich miteinander koalieren werden, wenn die Zahlen des Wahltags das nahelegen. An der Volksverdummung arbeitet nicht nur die Unterhaltungsbranche.
Fast jeder Satz, der derzeit im politischen Raum gesagt wird, hat ein Verfallsdatum eingeprägt: 27. September 2009. Danach wird die Wahlkampffiktion entsorgt und dem Vergessen anempfohlen. Eine neue Welt geht auf, mit neuen Möglichkeiten.
Allerdings ist es leider nicht so, dass die Zeit zwischen den Wahlkämpfen den Namen Realität verdient. Auch das Gespräch mit einem Spitzenpolitiker kann einen jederzeit in den Wahnsinn treiben.
Sie haben gelernt, dass sich das gesprochene Wort vom Denken lösen muss, damit sie überleben können. In einer Mediengesellschaft wird jeder Satz so schnell verbreitet, gedeutet, hysterisiert oder verfälscht, dass er zum Gift gegen die eigenen Ambitionen werden kann. Deshalb ist ein Gespräch mit einem Politiker normalerweise ein Spiel von Verstecken, Andeuten, Vernebeln, Preisgeben. Wer sagt, was er denkt, gilt im politischen Betrieb als Dummkopf.
Die Bundeskanzlerin, die der Bürger aus den Medien kennt, ist die Angela Merkel, die Angela Merkel zusammen mit ihren Beratern für den Politikbetrieb erfunden hat, weil diese Variante ihrer selbst erfolgversprechend wirkt. So hat es Hape Kerkeling mit der Figur des Horst Schlämmer gemacht, Martin Sonneborn mit der Figur des Parteivorsitzenden und Frank-Walter Steinmeier mit der politischen Figur Frank-Walter Steinmeier.
Wenn die Genannten Glück haben, wissen sie noch, wer sie in Wahrheit sind. Wahrscheinlich jedoch haben sie so oft Rollen gespielt und gewechselt, dass die "wahre" Angela Merkel stark geprägt ist von ihren fiktionalen Varianten. Der Begriff "wahr" wäre damit für die Politik genauso unsinnig wie für den Kinofilm.
Auch im Politikbetrieb gibt es keine selbstidentischen, einheitlichen Wesen. Was dem Kerkeling sein Schlämmer, dem Sonneborn sein Parteivorsitzender, ist der Merkel ihre Merkel II oder III oder IV, je nach Situation. Ihre virtuellen Kittel hat sie immer dabei und schlüpft mal in den einen, mal den anderen.
Der zweite Begriff, in dem sich die beiden Satiriker und der politische Betrieb treffen, heißt Spaß. Zwar wirkt Sonneborn aus der Zeit gefallen, wenn er die FDP eine "Spaßpartei" nennt. Das ist vorbei, das Guidomobil, der Auftritt bei "Big Brother" oder die "18" unter den Schuhsohlen sind Erinnerungen aus dem Jahr 2002. Westerwelle ist dieser Spaßvogel nicht mehr.
Auch Merkel und Steinmeier kann man die Ernsthaftigkeit nicht absprechen. Und doch gibt es im politischen Betrieb insgesamt einen ungebrochenen Trend zur Selbstverclownung.
Was zum Beispiel hat die CDU-Abgeordnete Vera Lengsfeld geritten, als sie ihren Wahlkreis in Berlin mit Bildern wuchtiger Dekolletés tapezieren ließ? Das eine gehört der Bundeskanzlerin, die einmal mit einem tiefausgeschnittenen Abendkleid in die Osloer Oper gegangen ist. Das andere gehört Lengsfeld selbst. "Wir haben mehr zu bieten" steht auf dem Plakat.
Das ist so dämlich, dass sich Sonneborn schwertut, etwas noch Dämlicheres zu finden. Sex, klar, das ist auch ihm eingefallen. Für seinen Film hat er eine junge Schönheit als Spitzenkandidatin casten lassen, die aber wirkt gegen das Busenmassiv von Lengsfelds Kampagne so züchtig, dass sie glatt der Realität entsprungen sein könnte und nicht der Satire.
Es ist absolut begrüßenswert, wenn Kerkeling und Sonneborn die Politik veralbern, aber müssen es Politiker auch noch selbst machen? Oder müssten sie nicht der Demokratie die Würde verleihen, die dann die Komiker auseinandernehmen können?
Wer sich in den kommenden Wochen im Wahlkampf herumtreibt, auf Plätzen, in Zelten und Hallen, wird sich oft fremdschämen müssen. Da werden Politiker Witze reißen und Verse schmieden, sie werden schwungvoll Blaskapellen dirigieren und mit Bällen jonglieren, in schlimmen Fällen werden sie auf Socken in Hüpfburgen hüpfen und zu jugendlicher Musik ältlich tanzen.
Das politische Personal dieses Landes wird uns mit Übungen in Kindlichkeit unterhalten wollen. Das gilt als Volksnähe, und meistens ist es nur peinlich. Kein Kinofilm würde die schlimmsten Auftritte so zeigen, weil sich die Fiktion weniger herausnehmen kann als die Realität. Die Fiktion muss irgendwie wahrscheinlich wirken, und das muss die Realität nicht.
Ein Satiriker wie Sonneborn sucht in seinen politisch-satirischen Sätzen nach einer Nähe zur Realität, nach einer Überspitzung, in der das Wesen des politischen Betriebs deutlich wird. Er darf nicht haltlos spinnen, wenn seine Witze zünden sollen.
Ein Politiker wie Franz Müntefering dagegen ist so frei, im SPIEGEL zu sagen: "Frau Merkel kann schon mal die Umzugskisten packen." Das ist ein Satz, dem jeder Bezug zur Realität des 9. Juli fehlt, als er gesagt wurde. Als Erfinder kann Müntefering den Satiriker Sonneborn jederzeit übertreffen. Der wahre Spinner ist der Vorsitzende der ernstgemeinten Partei.
Wenn man Sonneborn zuhört oder die Interviews von Kerkeling als Schlämmer liest, fällt einem bald auf, dass sie etwas tun, was Politiker auch tun: Sie reden nicht daher, sondern suchen nach Sätzen, die zünden, die haften bleiben. Sie haben eine auf einen Zweck hin modellierte Sprache, und dieser Zweck ist für Politiker und Unterhaltungskünstler gleich: Sie ringen um Aufmerksamkeit.
Und jetzt kommt der traurige Satz: Sie ringen gegeneinander um Aufmerksamkeit. Sie spielen in dieser Hinsicht dasselbe Spiel. Wenn Kerkeling auf der Titelseite der "Morgenpost" steht, kann nicht Müntefering dort stehen und umgekehrt.
Deshalb ist es so passend, wenn jetzt zwei Unterhaltungskünstler als Kunstfiguren im politischen Betrieb mitmischen. Es wirkt wie die Gegenattacke, weil sich die Politiker längst im Unterhaltungsbetrieb breitgemacht haben. Sie arbeiten viel mit Fiktion, sie sind zu fast jeder Albernheit bereit, und dass sex sells, wissen sie auch.
Zudem führen Spitzenpolitiker längst das Leben von Showstars. Sie sind einer unaufhörlichen und eindringlichen Beobachtung ausgeliefert, spielen daher ständig ein Vorzeigeleben für Kameras und Reportagen und haben keine Chance mehr, Menschen in ihrer Normalität kennenzulernen, weil sich alles ändert, wenn sie auftreten. Die Betriebe wurden gefegt, die Menschen jubeln oder pfeifen. Merkel bewegt sich durch einen endlosen Kinofilm.
Politiker haben Politik, mit den Medien zusammen, zu einem Teil des großen Spaß- und Illusionstheaters gemacht, und deshalb dürfen sie sich nicht wundern, dass es so leicht ist für Sonneborn und Kerkeling, Verwechselbarkeit herzustellen. Die Antwort darauf kann nur Ernst- und Wahrhaftigkeit sein.
Auf die Frage, was Sonneborn, der auch für SPIEGEL ONLINE arbeitet, machen würde, wenn seine Spaßkampagne eines Tages erfolgreich sein sollte und er in den Bundestag einzöge, wird er ein bisschen blass. Er würde einen Ersatzmann schicken, sagt er, an echter Macht liege ihm nichts.
Da scheint es also etwas zu geben, das ihn deutlich von den echten Politikern unterscheidet. Andererseits würden die auch behaupten, dass es ihnen nicht um die Macht geht. Insofern passt es dann wieder.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 34/2009
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