17.08.2009

KARRIERENAn der Seite des Verbrechers

Ferdinand von Schirach ist Strafverteidiger. Aus seinen spektakulärsten Fällen hat er Kurzgeschichten gemacht. Darin kommt er seinen Mandanten so nahe, wie er es sich in seinem beruflichen Alltag niemals erlauben würde.
Auf dem Hals der Frau klafft eine Schnittwunde. Die Wunde verläuft von oben nach unten, sie ist frisch. Auch der Kopf der Frau ist auf dem Foto zu sehen und die Augen, halb geöffnet. Die Augen wirken irgendwie lebendig.
Auf den anderen Fotos, die nebeneinander auf zwei großen schwarzen Pappen kleben, ist die armselige Küche zu sehen, in der die Frau niedergestochen wurde: vielleicht acht Quadratmeter groß, das Fenster weit geöffnet, Blutspuren auf dem gefliesten Boden, Blutspuren mit Schlieren, auch an der Wand großflächige Blutflecken.
"Schrecklich, diese Fotos, nicht wahr?", sagt Ferdinand von Schirach. Er sagt es so, als müsse er es sagen, weil es normal ist, solche Bilder schrecklich zu finden.
Dann aber sagt er: "Wenn man sich die Fotos länger ansieht, dann vergeht der Schrecken, dann fangen die Bilder an, eine Geschichte zu erzählen."
Er beugt sich noch einmal über die Pappen und deutet auf die Aufnahmen: "Die Frau muss hier an der Wand gestanden haben, als ihr das Messer in den Hals gerammt wurde. Der Mann, der das getan hat, muss ihren Kopf an die Wand gedrückt haben. Dann ist die Frau zu Boden gefallen, der Mann hat sie, wahrscheinlich an den Beinen, aus der Blutlache gezogen. Irgendwie ist es ihr gelungen, sich zu befreien und aus dem Fenster zu fliehen."
Ferdinand von Schirach, 45 Jahre alt, ist Strafverteidiger in Berlin und der Mann, der die Frau niedergestochen hat, sein Mandant. Es dürfte schwer werden, jemanden davon zu überzeugen, dass am Verhalten dieses Mannes noch irgendetwas zu verteidigen ist, aber so weit ist Schirach noch nicht. Diese Fotos, die auf einem Tisch vor ihm liegen, sind gerade erst von der Staatsanwaltschaft gekommen, er weiß nicht genug über den Fall. Nicht genug für einen Prozess, nicht genug auch für eine richtige Geschichte.
Ferdinand von Schirach ist auch Literat. Sein erstes Buch "Verbrechen" erscheint in dieser Woche, er hat eigene Fälle zu Kurzgeschichten verarbeitet*.
Schirach schreibt so souverän, klar und einfach, als hätte er nie etwas anderes gemacht und als hätte er sich immer fern-
gehalten vom seltsamen Deutsch der Juristenakten. Er macht nicht viel, knapp und konkret bleibt er, er ist ein großartiger Erzähler, weil er sich auf die Menschen verlässt, auf deren Schicksale.
Er erzählt beispielsweise von dieser schönen jungen Frau, die eines Tages ihrem Bruder, den sie eigentlich sehr liebt, ein Barbiturat einflößt und ihn in der Badewanne ertränkt.
Oder von dem Arzt, einem älteren, unbescholtenen Herrn, der im Garten arbeitet und Unkraut jätet, als ihn seine Frau ruft und mit ihm schimpft. Er könnte es hinnehmen, wie er es immer hingenommen hat, doch diesmal bittet er sie in den Keller, hebt eine Axt, rammt die Klinge in den Kopf, trennt den Kopf, die Arme, die Beine vom Körper. Dann geht er zum Telefon und wählt die Nummer der Polizei.
Wie in einer Bildergeschichte erzählt Schirach von der jungen Frau und dem alten Mann: wie die junge Frau in der Badewanne wartet, bis ihr Bruder eingeschlafen ist, dann "küsste sie seinen Nacken und ließ ihn unter Wasser gleiten". Wie der alte Mann Mühe hat, die Axt aus dem Schädel seiner Frau "zu hebeln, er stellte seinen Fuß auf ihren Hals". Schirachs Geschichten sind geschriebenes Kino in Kurzformat, und der grausige Befund seiner Geschichten lautet: Jeder, einfach jeder kann zum Schwerverbrecher werden.
Warum macht ein Anwalt das? Die übliche Rolle aufgeben und die Sprache, von der er umgeben ist, um sich seinen Mandanten noch einmal zu nähern? Er geht ein hohes Risiko ein. Er könnte als jemand dastehen, der zu viel ausplaudert, der seine höchste Pflicht, die Schweigepflicht, verletzt. Was ist sein Gewinn? Kann er in der Literatur anders auf die immerwährende Schuld der Verworfenen und Verlorenen blicken als im Alltag?
Ferdinand von Schirach schiebt die Pappen mit den Fotos zur Seite und begibt sich zum Interview über sein Buch in ein anderes Zimmer seiner Kanzlei. Es ist ihm offensichtlich nicht ganz wohl dabei, was jetzt passiert. Als Strafverteidiger und auch als Autor lebt er von den Geschichten anderer Leute. Er taucht in fremde Schicksale ein. Zwar muss jeder Strafverteidiger seine ganze Persönlichkeit einbringen in seinen Beruf, und es gibt auch Richter, die das zugeben, dass die Ausstrahlung und das Auftreten eines Verteidigers mitentscheidend sein können für den Verlauf eines Verfahrens. Doch der Verteidiger stellt seine Persönlichkeit in den Dienst des Verfahrens. Und dass Schirach jetzt plötzlich nur für sich selbst sprechen soll, in seinem ersten Interview zu seinem ersten Buch, scheint ihm nicht zu behagen. Er tupft sich die Stirn und redet erst einmal über das Wetter.
Hitze, typisches Mordwetter sei das heute. Schon früh an diesem Tag habe es einen Anruf in der Kanzlei gegeben, seine Kollegen seien ausgeschwärmt, zur Polizei, zum neuen Mandanten.
Schirach holt eine Zigarette aus seinem silbernen Etui. Vor jedem Platz am Konferenztisch, an dem er jetzt sitzt, liegt ein Schreibblock mit seinem Namen bedruckt und dem Familienwappen. Der Tisch und die paar Stühle drum herum sind die einzigen Möbel in dem hohen, stuckverzierten Raum. Überall in dieser Kanzlei sieht es so aus, ziemlich leer, ziemlich vornehm, so als gelte es, Distanz zu schaffen zu all dem, worum es in diesen Räumen die meiste Zeit geht: um Einstiche in Hälse und Herzen, um Spuren von Blut und Sperma.
Und es ist auch so, Richter sagen das, Staatsanwälte, alle sagen das: Strafverteidiger müssen Distanz halten können, zu den Schicksalen, von denen sie umgeben sind, vor allem aber zu den Mandanten selbst, sonst sind sie verloren. Denn so ein Mandant übt Druck aus auf seinen Verteidiger, er äußert lauter Wünsche: Der Anwalt solle diesen oder jenen Belastungszeugen streng befragen, er solle sich nichts bieten lassen vom Richter, er solle Theater machen vor Gericht. Aber vor Gericht herrschen eigene Gesetze. Es kann besser sein, einen Zeugen gar nicht zu befragen, es kann besser sein, ruhig und bescheiden zu wirken vor dem Richter. Der Anwalt braucht einen klaren Kopf, eine Strategie, die mit den drängenden Wünschen seines Mandanten meist nichts zu tun hat. Der Anwalt muss seinen Mandanten und das Verfahren lenken. Und dafür braucht er Distanz.
In seinen Geschichten aber verzichtet Schirach auf Distanz. Die Geschichten profitieren zwar von seinem Vermögen, Dinge zu ordnen und schlüssig aneinanderzureihen, aber sie leben von Nähe und Empathie. Schirach hat keine Sachberichte geschrieben, sondern literarische Erzählungen: Er leidet als Erzähler mit seinen Figuren, er sieht, was sie sehen, riecht, was sie riechen, denkt, was sie denken. Und weil er manchmal sogar ihre Gefühle fühlt, macht er es seinen Lesern maximal schwer, ein hartes Urteil zu fällen. Dieser Erzähler ist Verteidiger durch und durch, die meisten Verbrecher, die er vorkommen lässt, sind Identifikationsfiguren.
Ein Freund von Schirach, Daniel Krause, der in derselben Straße in Charlottenburg eine Kanzlei für Wirtschaftsstrafrecht betreibt, sagt: "Ferdinand ist sehr zurückhaltend, er schließt selten Freundschaften. Ich glaube, die Geschichten hat er geschrieben, weil er so etwas sagen kann, was er sonst nur ganz selten macht: Er zeigt das Innerste seiner Mandanten. Und so, wie er das tut, zeigt er eben auch viel von sich selbst."
Dass er zu nah rangegangen ist in seinem Buch, dass er zu viel ausplaudert, diese Sorge hat Schirach nicht. "Ich habe alles so verändert, dass die Essenz bleibt, aber nicht zu erkennen ist, um wen es geht - sonst würde ich mich strafbar machen, das wäre ja entsetzlich", sagt er mit einem leisen Lachen.
Damit seine Geschichten allgemeinmenschlich bleiben, hat er bestimmte Fälle gar nicht erst mit aufgenommen: die ganz bekannten politischen Prozesse.
Anfang der neunziger Jahre war der gebürtige Münchner nach Berlin gekommen, weil hier die Prozesse gegen die DDR-Oberen begonnen hatten. Er hat - als Referendar des prominenten Anwalts Nicolas Becker - zugeschaut bei dem Verfahren gegen Erich Honecker, den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR.
Er selbst hat dann 1995 das Mandat von Günter Schabowski übernommen, einem SED-Funktionär, der am 9. November 1989 mit einer kargen Antwort auf einer Pressekonferenz dafür sorgte, dass sich die Grenze öffnete, und der sich später ebenfalls wegen der Schüsse auf DDR-Flüchtlinge an der Mauer zu verantworten hatte.
"Eigentlich war es wie bei den Nürnberger Prozessen", sagt Schirach, "heikel und interessant, weil es darum ging, etwas im Nachhinein zu bestrafen, was im untergegangenen System gar nicht verboten gewesen war."
Mit den Nürnberger Prozessen, die in den Jahren 1945 und 1946 gegen die NS-Verbrecher angestrengt wurden, hatte sich Schirach zuvor intensiv beschäftigt. Er hatte die Akten seines Großvaters gelesen, der in Nürnberg verurteilt worden war. Sein Großvater ist Baldur von Schirach, während der NS-Zeit erst Reichsjugendführer, später dann Gauleiter und Reichsstatthalter von Wien. Der Hauptvorwurf gegen den Großvater: die Verantwortung für die Deportation von 60 000 Juden.
"Ich kann nicht sagen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen meiner Berufswahl und meinem Großvater. Wenn ja, dann ist das unbewusst." Seinen Großvater habe er vor dessen Tod 1974 noch kennengelernt, "aber ich erinnere mich kaum, einmal hat er mir ein silbernes Taschenmesser geschenkt. Und nach gutem Pfeifentabak hat er gerochen".
Eine auffällige Parallele aber gibt es zwischen dem Schabowski-Prozess, bei dem Schirach der Verteidiger war, und dem Nürnberger Prozess gegen seinen Großvater 50 Jahre zuvor. Schirachs Mandant Schabowski erkannte seine moralische Schuld an den Todesschüssen an. Und Schirachs Großvater hatte seine persönliche Schuld zum Teil eingeräumt. Schabowski wurde nach neun Monaten im offenen Vollzug begnadigt, und der NS-Verbrecher Baldur von Schirach wurde
nicht zum Tode verurteilt, er verließ nach 20 Jahren das Gefängnis.
Schirach steht auf, verlässt den Konferenzsaal und seine Kanzlei, geht hinaus in die Hitze. Er muss los, nach Moabit, ins Gefängnis. Routine, mehrmals die Woche fährt er dorthin, Mandanten besuchen.
Der Eingang zum Untersuchungsgefängnis liegt an der Straße Alt Moabit, tosender Verkehr. Es dauert, bis die gepanzerte Gefängnispforte zur Seite rollt. Schirach begrüßt den Pförtner, schiebt ihm Ausweis und Handy zu. Dann legt er seine Aktentasche auf ein Band, sie verschwindet kurz, wird durchleuchtet, es geht durch Schleusen und graue Gänge bis an einen Ort, den das Gefängnis-Deutsch als "Zugangsabteilung" bezeichnet. Rechts und links die Zellen, in denen die Angeklagten ihre ersten Tage verbringen. Auch Honecker war hier.
"Die ersten Stunden in der Haft sind die schlimmsten", sagt Schirach, dieses Gefühl des Weggesperrtwerdens. "Die Gefangenen sind dann sehr empfindsam. Jede falsche Geste kann einen Zusammenbruch auslösen." Einer seiner Mandanten ist einmal außer sich gewesen, weil er vom Wärter in die Zelle geschubst wurde, "dieser eher sanfte Stoß, das war zu viel".
Ein Häftling kommt jetzt auf Schirach zu, Tattoos auf den Schultern, Zahnlücken. Er streckt Schirach die Hand entgegen: "Na watt denn, der Anwalt!" Schirach nimmt die Hand und neigt den Kopf zu einer angedeuteten Verbeugung. Im Gefängnis sind Gesten starke Bilder. Sie können Würde nehmen und geben.
Und um die Würde geht es letztlich in der Strafverteidigung. Es geht zwar auch um anderes: um den Wettbewerb mit dem Gegner zum Beispiel, dem Staatsanwalt, und vor allem um viel Geld. Ein geschickter Anwalt kann viel vermögender werden als ein Staatsanwalt oder Richter, er muss an möglichst medienwirksame Mandate kommen, muss für sich werben, selbst im Gefängnis - doch im Kern, in der Idee, die allem zugrunde liegt, geht es um nichts anderes als um Würde. Eine Gesellschaft beweist ihre Souveränität, wenn sie Strafverteidigern die Aufgabe überträgt, den Schwerverbrechern zur Seite zu stehen. Es ist manchmal schwer auszuhalten für die Gesellschaft, dass ein Mörder und Schlächter ein Recht hat auf die Verteidigung seiner Würde. Doch wenn sie es aushält, zeigt sie, wie gut sie funktioniert.
Schirachs Buch ist ein erzähltes Plädoyer für die Würde: Schritt für Schritt, Bild für Bild legt er dar, wie es dazu kam, dass die Schwester ihren Bruder, der Arzt seine Frau tötete. Verbrechen ist für Schirach eine logische Konsequenz aus dem Leben, wie es zuvor verlaufen ist, zugleich aber auch Zufall. Das Böse gehört zum Menschen dazu, es kann, wenn der Mensch in eine Art Tunnel gerät, plötzlich überhandnehmen. Und dann braucht der Mensch einen Verteidiger, der den anderen erklärt, wie alles kam.
Als Schirach wieder draußen steht vor dem Gefängnistor, beantwortet er eine letzte Frage: Ob er es für möglich halte, selbst zum Verbrecher zu werden? Er überlegt nicht lang. "Eigentlich nicht, ich weiß zu genau, was nach einem Verbrechen kommen kann", sagt er und schaut die Gefängnismauer hinauf. Er weiche Situationen aus, die eskalieren könnten. Bei der Parkplatzsuche zum Beispiel - er sagt es laut, um den Verkehr an der Straße zu übertönen -, wenn sich da jemand in eine Lücke vordrängele, fahre er einfach weiter.
Das Konzept: Distanz halten. Sich nicht ausliefern. Ausliefern nur in der Literatur.
SUSANNE BEYER
* Ferdinand von Schirach: "Verbrechen". Piper Verlag, München; 208 Seiten; 16,95 Euro.
* Oben: als Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen 1945, hintere Reihe, 3. v. l.; rechts: auf dem Weg zum Gerichtssaal 1997.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 34/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KARRIEREN:
An der Seite des Verbrechers

  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling
  • Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien
  • Silberameise: Die schnellste Ameise der Welt
  • Eklat im Weißen Haus: Pelosi bricht Treffen mit Trump ab