17.08.2009

Alle sieben Jahre

Literaturkritik. Stephan Thomes Roman „Grenzgang“ ist ein fulminantes Debüt. Von Volker Hage
Zwei Frauen unterwegs zu einem Swingerclub, irgendwo in der Nähe von Gießen, erstmals in ihrem Leben. Kerstin, Mitte vierzig, geschieden, Mutter eines 16-jährigen Sohns, hat sich dazu überreden lassen. Ihre Nachbarin Karin ist die treibende Kraft, die abenteuerlustige Ehefrau eines Mannes, der sich nur für seinen Beruf interessiert. Das Leben kommt den beiden Frauen eintönig vor, das soll sich ändern.
Und so hocken sie nebeneinander im Auto, fahren in die hereinbrechende Nacht hinein, dem fernen verruchten Ziel entgegen. Irgendwann fragt die eine, Kerstin, verzagt: "Was war noch mal der Grund, weshalb wir in diesen Club gehen sollen?" Karin antwortet, ein wenig ungehalten: "Ich hab dich gefragt, und ich bin froh, dass du mitkommst. Aber ich habe dich nicht gezwungen."
Nicht nur in dieser Szene - die Fahrt zum Club wird auf 13 Seiten geschildert - erweist sich Stephan Thome, 37, als Meister der Dialogkunst. Er spürt den inneren Widersprüchen und ambivalenten Haltungen seiner Figuren nach, zeigt, wie Menschen die eigenen Grenzen und die der anderen ausloten. Und das Erstaunlichste: Der Autor ist ein Debütant, "Grenzgang" sein erster Roman.
Thome stammt aus Hessen, hat in Berlin Philosophie und Sinologie studiert. Seit Mitte der neunziger Jahre ist er in Asien unterwegs: Er war auf Reisen in Japan und China, hat Tibet und Nepal, die Philippinen und Malaysia besucht - und ist schließlich in Taiwan gelandet, wo er seit 2005 als Wissenschaftler arbeitet.
Der titelgebende Grenzgang freilich ist ein Ritual, das aufs engste mit Thomes Heimat und Herkunft verbunden ist. Im hessischen Bergenstadt, dem fiktiven Schauplatz des Romans, wird alle sieben Jahre ein Fest gefeiert, das Jahrmarkt, Karneval und Volkswandertag in einem ist - ebenjener Grenzgang, der drei Tage währt.
Dieses Fest gibt es tatsächlich. In Thomes Geburtsstadt Biedenkopf an der Lahn wird es seit 1839 alle sieben Jahre zelebriert. Es geht auf ein 1693 erstmals bezeugtes lokalpolitisches Ereignis zurück, dessen Absicht es war, für nachbarschaftlichen Frieden mit den angrenzenden Gemeinden zu sorgen.
Der Sieben-Jahres-Rhythmus des Festes bestimmt den Rhythmus des Romans. Dessen Zeitspanne umfasst nicht weniger als 28 Jahre, doch Thome erzählt jeweils nur von den Ereignissen der Grenzgangsjahre 1985, 1992, 1999 und 2006 - mit einem kühnen Vorausblick auf das Jahr 2013. Was dazwischen war, wird ausgespart.
Das Fest als Dreh- und Angelpunkt des Romangeschehens ist ein geschickter Kunstgriff: In vielen kleinen Abschnitten wird von den Erlebnissen und der Lebenssituation jeweils eines der Protagonisten berichtet - nicht streng chronologisch, sondern im spannungsreichen Vor und Zurück quer durch die Jahre.
Das Thema des Romans: Was bleibt als Alternative, wenn sich Lebensentwürfe als nicht tragfähig erweisen, und sei es eine Ehe, die zerbricht, obgleich sie so vielversprechend begonnen hat? Das fragt sich nicht nur die alleinerziehende Kerstin Werner, das fragt sich auch Thomas Weidmann, die zweite Hauptfigur des Romans.
Die beiden begegnen einander erstmals und mit jäher körperlicher Anziehung auf dem Grenzgang 1999, als Kerstin noch verheiratet ist und Thomas gerade frustriert nach gescheiterter Universitätskarriere aus Berlin nach Bergenstadt zurückkehrt.
Wie der traurige Held zuvor in Berlin seinen Schreibtisch räumt, unter den freundlich-wohlwollenden, gleichwohl desinteressierten Blicken des erfolgreicheren Kollegen, das ist der erste Höhepunkt des Romans "Grenzgang" und verwurzelt ihn - wie auch die Szenen, in denen Kerstin ihre demenzkranke Mutter versorgt - in der sozialen Realität.
Sieben Jahre später fällt das Resümee Weidmanns, der Gymnasiallehrer geworden ist, nüchtern aus: "Mit Mitte vierzig ist man zu jung, um alt zu sein, aber zu alt, um sich jung zu fühlen, und es stimmt, verdammt noch mal, dass die kurzen Röcke im Klassenraum, die knappen Tops und T-Shirts seiner Schülerinnen ihm an manchen Tagen zu schaffen machen."
Zögerlich nähert er sich Kerstin wieder an, die sich von der Liebe nicht mehr allzu viel verspricht und feststellt, "dass ab einem bestimmten Maß an Frustration das Lustempfinden selbst kränkend wirkt und von da an das Verlangen in abebbenden Wellenbewegungen verläuft, bis es schließlich weder abgestorben noch am Leben ist, sondern erstarrt, wie eingefroren".
Vorerst aber ist noch der Umweg über den Swingerclub zu bewältigen. Kerstin und Karin betreten tatsächlich das biedere, von einem Ehepaar privat geführte Etablissement, ein Einfamilienhaus. Doch als kurz darauf Kerstin einen Schrei ausstößt, ist es keiner der Lust, sondern des Schreckens. Fluchtartig verlässt sie den Raum, wo sie jemanden entdeckt hat, den sie kennt.
Stephan Thome erzählt in seinem Roman von Wendepunkten und Umbrüchen im Leben, von Überschreitungen und Überraschungen. Lange hat es in der deutschen Literatur kein derart reifes Debüt gegeben.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 34/2009
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