24.08.2009

KARRIEREN„Muffige Wärme“

Der frühere Kohl-Berater und SED-Kritiker Gerhard Besier will für die Linke in den sächsischen Landtag ziehen.
Es gibt Wandlungen, die verlangen nach einer Erklärung. Wie wird ein überzeugter Atheist zum strenggläubigen Muslim, was macht aus einem friedfertigen Familienvater einen Amokschützen? Und wie kommt ein konservativer Professor, der über Jahre zu den bevorzugten Gesprächspartnern Helmut Kohls zählte, zur Partei Die Linke?
Gerhard Besier hat einen Großteil seines Lebens auf der rechten Seite zugebracht. Er ist Theologe und Historiker, was einen gegen politische Aufwiegeleien schon einmal weitgehend immunisiert; aus seiner Feder stammt das Standardwerk über den SED-Staat und die Kirche, einige Jahre hat er das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden geleitet.
Nichts wies bislang auf einen Ausbruch aus der geordneten, konservativen Lebenswelt hin, auf die Hinwendung gar zu einer Partei, die in einer Reihe von Ländern immer noch für so gefährlich gehalten wird, dass der Verfassungsschutz sie unter Beobachtung hat. Wenn die Sachsen am kommenden Sonntag zur Wahl gehen, wird Besier danach wohl für die Linke im Landtag sitzen, er steht auf Listenplatz 18, das reicht.
Also: Was ist da passiert?
"Nun ja", sagt Besier und blinzelt fröhlich in die Nachmittagssonne, "ich finde einfach, dass es Zeit für einen Machtwechsel in Sachsen ist." Zwanzig Jahre sei jetzt die CDU in Dresden am Ruder, er habe schon immer etwas gegen Staatsparteien gehabt, da liege das Engagement für die Linke doch nahe, denn nur sie sei in der Lage, der jetzigen Regierung gefährlich zu werden. Das klingt nachvollziehbar und ein wenig irre zugleich.
Die Geschichte wäre unvollständig, wenn man nicht hinzufügen würde, dass Besier einen ganz persönlichen Grund hat, einen Machtwechsel herbeizuträumen. Jede Konversion braucht einen Treibsatz, in seinem Fall war es die Auseinandersetzung um seinen Platz als Direktor am Hannah-Arendt-Institut, der ihn erst von den Christdemokraten entfremdete und dann zur Linkspartei trieb.
Von Anfang an gab es Ärger, weil sich der aus Heidelberg zugezogene Historiker nicht an die Spielregeln in Dresden halten wollte. Er fand es zum Beispiel nicht in Ordnung, dass die Linken von der CDU um ihren Platz im Beirat gebracht worden waren, und sagte das auch. Im Institut mussten die Mitarbeiter plötzlich Englisch sprechen, weil der neue Direktor die Forschungsgebiete ausweitete. Besier hat damit keine Probleme, er hat viel in Amerika gelebt, er hat sich auch Polnisch und Schwedisch beigebracht, aus Neugier, wie er sagt. Er ist überhaupt ein sehr umtriebiger Mensch, der sich für originelle Ideen begeistert, das überfordert manche Leute.
Am Ende wurde ihm sein Einsatz für Religionsfreiheit zum Verhängnis, der die Scientology-Organisation und die Zeugen Jehovas mit einschloss, es gab ein bisschen bestellte Empörung, dann ließ ihn die CDU über die Klinge springen. Er hat nicht nachgefragt, wie die Linken auf ihn gekommen waren, als sie ihm im Frühjahr ein Mandat antrugen, aber auch umgekehrt gab es erstaunlich wenig Fragen.
So wird jetzt im sächsischen Landtag wohl erstmals ein Abgeordneter der Linkspartei sitzen, der viele sozialpolitische Vorstellungen seiner Partei schlicht "Unsinn" findet, auch die Forderung nach einem sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan, und der mit den meisten Mitgliedern nicht viel am Hut hat. Von einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die er neulich besuchte, erinnert Besier vor allem die "muffige Wärme", die sich beim Erinnerungsaustausch der alten Kader einstellte.
Wahrscheinlich ist es so: Der Professor möchte einfach gern auch im Landtag ein paar Reden halten und den alten Widersachern bei der Gelegenheit die Meinung geigen. Was hat er zu verlieren? Der Posten als Professor an der Universität ist ihm sicher - "und die Linken", sagt Besier, "die können mir nicht in die Parade fahren, denn dann würden sie ja alle Vorurteile über sich bestätigen". JAN FLEISCHHAUER
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 35/2009
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