24.08.2009

UMWELT„Elektroautos reichen nicht“

Der designierte Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Jochen Flasbarth, 47, über schärfere Klimaziele, die Verschlankung des Autos und seine Pläne für einen nationalen Kohlekonsens
SPIEGEL: Herr Flasbarth, als künftiger Präsident des Umweltbundesamts sind Sie so etwas wie der oberste Klimaschützer der Regierung. Ist der Ökokollaps noch zu stoppen?
Flasbarth: Sonst säße ich nicht hier. Deutschland hat die Chance, ein Modell zu sein. In einem Kraftakt hat die Große Koalition beschlossen, den Kohlendioxid-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Da sind wir wirklich weiter als alle anderen Industrieländer.
SPIEGEL: Ist das Ziel auch zu erreichen?
Flasbarth: Die beschlossenen Schritte reichen nur für ein Minus von 35 Prozent. Deshalb sollte die neue Bundesregierung sofort ein neues Klimapaket auflegen. Weil wir davon ausgehen müssen, dass ein Teil der heutigen Maßnahmen nicht vollständig funktioniert, brauchen wir einen Puffer, um das Ziel bis 2020 sicher zu erreichen. Das neue Klimapaket sollte weitere zehn Prozentpunkte CO2-Reduzierung bringen.
SPIEGEL: Wie lässt sich das machen?
Flasbarth: Wir müssen ernsthaft an den Gebäudebestand heran, an die Landwirtschaft und vor allem an den Verkehr.
SPIEGEL: Wollen Sie sich mit dem Ruf nach einem Tempolimit unbeliebt machen?
Flasbarth: Man kann ja meinetwegen sagen, dass ein Tempolimit nicht geht, weil es bei den Autofreunden serienweise Herzstillstand auslöst. Aber dann muss man darlegen, wo sonst im Verkehrsbereich CO2 eingespart werden kann. Unsere Autos sind auch deshalb so schwer und verbrauchsstark, weil sie dafür ausgelegt sind, bei 180 Stundenkilometer nicht aus der Kurve zu fliegen. Das steigert den Verbrauch, auch wenn man nicht rast. Ein Abrüstungsprogramm hin zu effizienten, schicken Leichtbauautos ist nötig.
SPIEGEL: Die Industrie will jetzt doch im großen Stil Elektroautos produzieren.
Flasbarth: Das reicht nicht. Würde man heute sein Elektroauto nachts aufladen, hätte man ein Atomauto. Denn Kernenergie hat gerade dann einen bedeutenden Anteil an der Stromerzeugung. Wenn aber die Energieversorgung umgebaut wird, der Strom in Zukunft aus erneuerbarer Energie kommt und die Autos nachts überschüssigen Windstrom speichern, wäre das ein Riesenfortschritt.
SPIEGEL: Aber 2020 soll es erst eine Million Elektroautos geben.
Flasbarth: Das ganze Verkehrssystem muss auf den Prüfstand. Im Bundesverkehrswegeplan, der die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur beschreibt, spielt Klimaschutz bisher kaum eine Rolle. Die Gewichtung zwischen öffentlichem und individuellem Verkehr ist völlig falsch. Wir brauchen nach der Wahl einen neuen Verkehrswegeplan, der dem öffentlichen Verkehr eindeutig Vorrang gibt. Einige Straßenbauprojekte werden auf der Strecke bleiben müssen.
SPIEGEL: Wird die Wirtschaft da nicht aufheulen, der Wohlstand sei in Gefahr?
Flasbarth: Als Ökonom finde ich es sehr bemerkenswert, dass dieselben Leute, die uns Umweltschützern immer ökonomische Unkenntnis vorgeworfen haben, nun durch Habgier weltweit Millionen Arbeitsplätze zerstört haben. Und in der Umweltbranche entstehen weiter neue Arbeitsplätze.
SPIEGEL: Welche Zielmarke verfolgen Sie beim Klimaschutz?
Flasbarth: Ein CO2-freies Deutschland bis 2050 ist ein Projekt, das ich mit der wissenschaftlichen Expertise des Umweltbundesamts vorantreiben will. Wir werden der Politik darlegen, wie das möglich wäre.
SPIEGEL: Gehört Atomkraft dazu?
Flasbarth: Nein. Bei der Atomkraft trete ich ganz in die Fußstapfen meines Amtsvorgängers Andreas Troge, der nicht wie ich in der SPD, sondern in der CDU ist. Der Atomausstieg hat erst den Freiraum dafür geschaffen, nicht immer auf die nächste Anti-Atom-Demo zu starren, sondern auf die Energie der Zukunft.
SPIEGEL: Hat Kohle eine Zukunft?
Flasbarth: Das ist die wichtigste energiepolitische Entscheidung, die ansteht. Nach der Wahl sollte es möglichst rasch einen nationalen Kohledialog von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Umweltverbänden und Gewerkschaften geben. Unsere Fachleute am Umweltbundesamt haben ausgerechnet, dass wir bis 2020 keinen Neubau von Kohlekraftwerken brauchen.
SPIEGEL: Das würde bedeuten, dass alte, ineffiziente Kohlekraftwerke länger laufen.
Flasbarth: Wenn man neue Anlagen baut, sind sie Jahrzehnte in Betrieb und können dem Umbau zu einer nachhaltigen Energieversorgung im Weg stehen.
SPIEGEL: Umweltverbände gehen auch gegen die unterirdische CO2-Speicherung vor, die Kohlekraftwerke sauberer machen soll. Haben Sie dafür Verständnis?
Flasbarth: Wer solche Speicher mit Atommülllagern vergleicht, übertreibt maßlos. Wenn man sieht, wie sehr andere Länder auf Kohle setzen, wäre es riskant, die CO2-Entsorgung komplett zu verdammen. Wenige Länder haben bei der Kohle ein solches Know-how wie wir. Da haben wir eine Verantwortung, das auch großtechnisch zu erproben. In welchem Umfang wir das dann in Deutschland anwenden, ist eine Aufgabe für den Kohledialog.
SPIEGEL: SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier will die Steinkohleförderung nach 2018 fortsetzen. Passt das zu den umweltpolitischen Zielen?
Flasbarth: Wie viel Kohle verbrannt werden soll und wo die Kohle herkommt, sind zwei verschiedene Fragen. Ich würde aber davon abraten, den Kohleabbau weiter zu subventionieren. Das Geld ist für den umweltfreundlichen Umbau der Energiewirtschaft dringender nötig.
SPIEGEL: Also doch weg von der Kohle?
Flasbarth: Das geht aus vielen Gründen nicht schlagartig. Als Jugendlicher in Duisburg-Rheinhausen habe ich mich gegen die Luftverpestung engagiert. Als dann die Nachricht kam, das Stahlwerk werde geschlossen, war mir doch mulmig zumute. Solche Befindlichkeiten muss man beim Weg in die ökologische Industriegesellschaft berücksichtigen.
INTERVIEW: CHRISTIAN SCHWÄGERL
Von Christian Schwägerl

DER SPIEGEL 35/2009
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