24.08.2009

BILDUNG„Halbwegs gerecht“

Der deutsche Pisa-Chef und Bildungsforscher Eckhard Klieme über den Sinn und Unsinn von Schulnoten
Klieme, 54, verantwortet seit Jahresanfang den Pisa-Test in Deutschland und war Sprecher der Autorengruppe, die den Nationalen Bildungsbericht 2008 erstellt hat. Er hat Mathematik und Psychologie studiert und ist am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung sowie als Professor für Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main tätig.
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SPIEGEL: Herr Professor Klieme, in den meisten Bundesländern hat die Schule schon wieder begonnen. Viele Schüler zittern nun wieder vor schlechten Noten. Wäre es nicht besser, den Schülern diesen Stress zu ersparen und auf Zensuren und Zeugnisse zu verzichten?
Klieme: Nein. Das Bildungssystem muss Kompetenzen nicht nur vermitteln, sondern sie auch dokumentieren und vergleichbar machen, um die Vergabe von Chancen - Studienplätze, Plätze an weiterführenden Schulen, Ausbildungsplätze - zu legitimieren. Noten sind also auch eine Basis für halbwegs gerechte Entscheidungen.
SPIEGEL: Ist das nicht ein bisschen wenig: ein halbwegs gerechtes Bildungssystem?
Klieme: Ein hundertprozentig gerechtes System gibt es nicht, weder in unserer Gesellschaft noch in unserem Bildungswesen.
Auch mit standardisierten Tests kann man Gerechtigkeit und Vergleichbarkeit zwar steigern, aber nicht erzwingen. Deshalb ist ein Bildungssystem, das Entscheidungen allein von Tests abhängig macht, wie es teilweise in den USA der Fall ist, für mich keine Alternative.
SPIEGEL: Aber Sie selbst haben es schon als "kontrafaktische Annahme" bezeichnet, dass Lehrer objektiv urteilten.
Klieme: Noten haben einen subjektiven Anteil, das ist richtig. Lehrer benoten nicht nur die Leistung, sondern auch das Engagement, die Motivation und das Potential, das sie in einem Schüler sehen. Das ist pädagogisch gesehen auch sinnvoll ...
SPIEGEL: ... schränkt aber die Vergleichbarkeit ein.
Klieme: Ja, insofern gibt es eine hundertprozentige Vergleichbarkeit nicht. Aber wie gesagt: Standardisierte, zentrale Tests sind ein Orientierungsrahmen für Lehrer und kein Ersatz für deren eigenes Urteil. Sonst würden sie die Pädagogik kaputtmachen.
SPIEGEL: Wie gerecht ist denn das Urteil des einzelnen Lehrers?
Klieme: Die meisten Lehrer schaffen es recht gut, so etwas wie eine Rangliste aufzustellen: Wer ist der Beste, wer ist der Nächstbeste? Und zwar ohne allzu große Verzerrungen. Die Noten sind besser als ihr Ruf, sie sind zumeist eine faire Beurteilung ...
SPIEGEL: ... aber doch nur innerhalb einer Klasse.
Klieme: Genau. In dem Moment, wo man die Noten über Klassen, Schulen oder gar Bundesländer vergleicht, bricht das System zusammen. Wir wussten ja schon vor Jahrzehnten, dass die Standards in den Bundesländern unterschiedlich sind, gerade in den Oberstufen. Zentrale Abschlussprüfungen, wie sie in den meisten Bundesländern eingeführt worden sind, können dazu führen, dass die Notengebung wenigstens innerhalb eines Landes ähnlicher wird.
SPIEGEL: Muss man denn wirklich schon Grundschüler mit schlechten Noten behelligen?
Klieme: Ich sage nicht, dass man Noten unbedingt auch schon ganz früh braucht. Pädagogisch wichtig ist von Anfang an die individuelle Rückmeldung. Ein Vergleich mit anderen und eine Gesamtbilanz, wie sie in Noten stecken, werden dann wichtiger, wenn es auf den Abschluss zugeht und wenn Chancen verteilt werden. Da brauchen wir Noten, aber wir sollten uns auch hier nicht allein auf sie stützen. Bei der Vergabe von Studienplätzen sollte es weitere Kriterien geben.
SPIEGEL: Das heißt: Wo es wichtig wird, sollen wir Noten wichtig nehmen - aber so wichtig dann auch wieder nicht?
Klieme: Die Noten müssen ergänzt werden. Ich habe eine Zeitlang am Zulassungstest für Mediziner mitgearbeitet, der in der Kombination mit der Abiturnote eine gute Aussagekraft besitzt. Eine Mischung von solchen lokalen Kriterien wie der Abiturnote und standardisierten Kriterien wie dem Medizinertest ist das Beste.
SPIEGEL: Immer mehr Hochschulen führen eigene Eingangstests ein.
Klieme: Wenn Studienplätze Mangelware sind, ist mir vieles lieber, als nur die Note zu berücksichtigen oder gar nur zu losen. Aber man muss schauen, ob die Verfahren halten, was sie versprechen. Ich würde meinen Kindern nicht empfehlen, sich einem Test zu stellen, den sich die Professoren einer Universität nebenbei ausgedacht haben. Einen Test zu erstellen, das ist eine professionelle Kunst, die man beherrschen muss.
SPIEGEL: Wenn heute über Bildung geredet wird, geht es häufig um Evaluation, um Leistungsmessung, und man hört Wörter wie Top-down-Ansatz, Output oder Outcome. Die Pisa-Studie, deren deutschen Teil Sie verantworten, hat dazu beigetragen. Können Sie verstehen, dass das manchen aufstößt?
Klieme: Ich finde diese Sprache unschön, diese Anglizismen, und auch das Wort Qualitätssicherung passt nicht richtig zur Pädagogik. Aber ich bin davon überzeugt, dass man ein Interesse daran haben sollte, welche Bildungsinhalte wie vermittelt werden. Dazu gehört auch, genau nachzuschauen, was tatsächlich erreicht worden ist. In unserer Desi-Studie, der ersten nationalen Leistungsstudie, haben wir festgestellt, dass von den Hauptschülern nur ein Drittel das Ziel erreicht hatte, das laut Lehrplan erreicht werden muss. Das hatte vorher niemand gedacht - man war einfach davon ausgegangen, dass das Ziel in der Regel erreicht wird.
SPIEGEL: Es war allen egal, ob Schüler tatsächlich etwas lernen?
Klieme: Man begegnet nach wie vor einer verbreiteten Einstellung: Wenn die Stimmung stimmt, also wenn die Lernfreude und die Motivation und das Engagement hoch sind, dann ist man schon zufrieden. Das Engagement und die sozialen Fähigkeiten der Schüler werden ausgespielt gegen die kognitiven Leistungen. Das ist leider ein Grundmotiv der Bildungsdiskussion in Deutschland, aber mir ist beides gleich wichtig!
SPIEGEL: Heute haben wir all diese Schülerstudien mit den schönen Namen: Desi, Timms, Pisa, Iglu. Hinzu kommen Vergleichsarbeiten und Zentralabiture. Übertreiben wir jetzt in die andere Richtung: Erst haben wir zu wenig gemessen, jetzt messen wir zu viel?
Klieme: Wir hatten einen enormen Nachholbedarf im Vergleich zu anderen westeuropäischen und amerikanischen Ländern, nicht nur den USA.
SPIEGEL: Wo stehen wir heute?
Klieme: In der Wissenschaft haben wir aufgeholt, auch durch Pisa. Aber wir haben noch nicht so recht verstanden, dieses Wissen in der Praxis zu nutzen. Bei uns ist die pädagogische Diagnostik, also das Erfassen, Verstehen und Beurteilen von Leistung und Leistungsschwierigkeiten, völlig unterentwickelt. Noch heute sagen mir Referendare, davon verstünden sie nichts, das sei nicht Teil ihrer Ausbildung. Die sind dann entsprechend unsicher, was das Entdecken von Förderbedarf oder auch die Notengebung betrifft.
SPIEGEL: Wir messen alles, aber wir machen nichts daraus?
Klieme: Ich muss zugeben, dass ich selbst vor zehn Jahren gedacht habe: Wenn man einer Schule oder einem Lehrer Feedback gibt, dann tut sich schon etwas. Inzwischen gehen wir viel stärker in den Dialog mit Schulen. Aber tatsächlich werden die Ergebnisse noch nicht ausreichend genutzt - vor allem nicht da, wo es wirklich Probleme gibt. Diese Schulen brauchen gute Rückmeldung und mehr Unterstützung.
INTERVIEW: MARKUS VERBEET
Von Markus Verbeet

DER SPIEGEL 35/2009
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