24.08.2009

DIPLOMATIEDie ABC-Republik

Abchasien, ein Bastardstaat der Weltgemeinde, wurde vor einem Jahr von Russland anerkannt. Es liegt geopolitisch brisant, jederzeit einsetzbar als Kriegsgrund zwischen altem Osten und neuem Westen. Was passiert, wenn eine Nation versucht, sich selbst zu erfinden? Von Alexander Smoltczyk
Sie können schreiben, was Sie wollen. Aber ...", sagt der Ministerpräsident, "... bitte lachen Sie nicht über uns." Alexander Ankwab füllt die Cognac-Gläser. "Auf die Freiheit!"
Wenige Wochen zuvor ist eine Bazooka auf den Dienstwagen des abchasischen Regierungschefs abgefeuert worden. Er sei wohl jemandem zu nahe getreten, sagt Ankwab: "Es war der vierte Anschlag. Aber noch lebe ich. Auch Abchasien lebt noch, oder?"
Alexander Ankwab ist Ministerpräsident eines Landes, in dem die Städte Pzyb, Gwylrypsch oder Gjatschrypsch heißen. Und das - "bisher!" - diplomatische Beziehungen nur zu Russland und Nicaragua unterhält. Und zum Gaza-Streifen, aber der zählt derzeit nicht.
Die einzige internationale Organisation, in der dieses Land repräsentiert ist, ist die Organisation nichtrepräsentierter Nationen und Völker (Unpo), ein Weltverband der Idealrepubliken und befreiten Zonen, der Ethno-Minderheiten und Phantomstaaten.
Alexander Ankwab wird von seinen Mitarbeitern "Anthony Hopkins" genannt, weil er aussieht wie der britische Schauspieler. Aber Ministerpräsident Ankwab schauspielert nicht. Er meint es ernst: "In zehn Jahren kann Abchasien eine Art Monaco werden. Kein Investor stört sich an unserem Status. Singapur wollte kürzlich gleich alles aufkaufen, Hotels, den Flughafen, die Strände. Das ging uns zu schnell."
Abchasien liegt im Kaukasus, dort, wo Europa langsam nach Asien hin ausläuft. Bis 1993 gehörte das Land zu Georgien. Seit es sich für souverän erklärt hat, ist "Abchasien" der Versuch eines Landes, sich selbst zu erfinden. Als Staat erinnert es manchen Realpolitiker an jene Leute, die plötzlich beschließen, in einer Höhle im Stadtwald zu leben und eine eigene Sprache zu sprechen.
Am 26. August 2008 hatten Abchasiens Ministerpräsident und seine Bürger ein Robinson-Crusoe-Erlebnis. Sie waren nicht allein. Russland hatte Abchasien anerkannt. Alexander Ankwab erfuhr davon aus dem Fernsehen. Russland hatte gerade die abtrünnige georgische Provinz Südossetien besetzt (beziehungsweise befreit), und die EU versuchte, zwischen Russland und Georgien zu vermitteln. Da stellte sich der russische Präsident vor die Kameras und verkündete, seine Regierung habe die ebenfalls abtrünnige Provinz (beziehungsweise Nation) Abchasien anerkannt, sicherheitshalber.
Damit ist Abchasien eines der jüngsten Mitglieder der Staatengemeinschaft, wenn auch nur ein Bastard. In diplomatischen Schriftsätzen wird es mit ABC abgekürzt (das Kürzel Südossetiens lautet SOS).
Die ABC-Republik hat keine eigene Währung, kann kein Geld drucken und auf dem Finanzmarkt auch keine Kredite aufnehmen, weil es sie völkerrechtlich nicht gibt. Für den Rest der Welt ist das Land nur eine größenwahnsinnige Provinz Georgiens, mit so viel Einwohnern wie Kassel.
Nun brauchte einen Abchasien nicht zu interessieren, wenn es nicht im Kaukasus läge, in jener heißen Zone der geopolitischen Tektonik. Als sich dort vor einem Jahr der Kaukasus-Krieg zwischen Russland und Georgien zuspitzte, reiste der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier alarmiert nach Suchumi. Und nicht, um mit Premierminister Ankwab Cognac zu trinken. Abchasien ist diplomatisches Sudoku des höchsten Schwierigkeitsgrades, ein jederzeit einsetzbarer Casus Belli zwischen altem Osten und neuem Westen. Es gibt Experten, die sagen, der nächste europäische Krieg würde irgendwo zwischen Krim und Kaukasusgebirge ausbrechen.
In der Zwischenzeit ist Frieden. "Auf eure Kanzlerin! Auf die deutsch-abchasische Freundschaft!" Mit diesen Worten überreicht Ankwab Gastgeschenke. Teuer riechende Prospekte, einen Messing-Wimpel mit einer wütenden Amazone, dem Staatswappen, eine Uhr mit der abchasischen Nationalflagge, einer Handfläche vor grün-weißen Streifen. Es sind Existenzbeweise eines Staats, den es eigentlich nicht gibt und der eigentlich auch nicht zu betreten ist.
In den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amts in Berlin heißt es: "Abchasien ist grundsätzlich für den internationalen Reiseverkehr gesperrt. Eine legale Ein- und Ausreise ist weder über die georgisch-russische Grenze noch über die Waffenstillstandslinie entlang des Inguri-Flusses möglich. Vor Reisen nach Abchasien wird ausdrücklich gewarnt."
Trotz dieses Hinweises gibt es an der Nordgrenze den Grenzposten Psou, ein pathetisches, ziemlich heruntergekommenes Zementportal, an dem russische Touristenbusse warten. Für die Russen sind Abchasiens Strände wie Rimini, nur besser: Es ist billig, alle verstehen einen, und man braucht seine Rubel nicht zu wechseln.
Ein Lada ist mit Eiern beladen, aus dem Kofferraum eines anderen ragt eine Wagenachse heraus. Daneben stehen zwei Porsche Cayenne mit frischem ABH-Kennzeichen. Die Fahrer sind im Duty-free-Shop verschwunden, wo man für Euro "Bounty" und schottischen Whisky kaufen kann.
Weil die Südgrenze nach Georgien geschlossen ist, kann man nur über das russische Schwarzmeerbad Sotschi einreisen. Nichtrussen müssen sich daher neben dem abchasischen Visum noch ein russisches Transitvisum besorgen und aufpassen, dass Georgien davon nie etwas erfährt.
Theoretisch könnte man auch im Hafen von Trabzon einen türkischen Bootsbesitzer bestechen, damit der einen durch die Seeblockade Georgiens schleust. Eine riskante und illegale Technik, mit Hilfe deren der gesamte Überseehandel Abchasiens abgewickelt wird.
Als Benetton im Mai die Eröffnung einer Filiale in Abchasien ankündigte, sprach Georgiens Außenminister von einem "verbrecherischen" Plan und drohte mit Vergeltung. Benetton zog zurück.
Es ist gut 3000 Jahre her, dass Jason und die Argonauten hier nach dem Goldenen Vlies suchten. Damals hieß das Land noch Kolchis, und an einem der örtlichen Kaukasusgipfel wühlte ein Adler in den Eingeweiden des Prometheus. Der hatte damals schon die göttliche Ordnung durcheinandergebracht.
Heute heißt die Hauptstadt Suchumi - beziehungsweise abchasisch politisch korrekt Suchum ohne i, denn 3500 Abchasen sollen nicht umsonst im Unabhängigkeitskrieg 1992/93 für Freiheit und Rechtschreibung gestorben sein. So war einer der ersten Verwaltungsakte nach der Befreiung das Überpinseln aller Endungs-i aus den Ortsnamen der Karten. Tipp-Ex als Waffe.
Abchasien war einmal "die rote Côte", ein subtropischer Zipfel Sowjetreich, und ehemalige DDR-Bürger können nicht ohne Wehmut an diese Strände denken, die Palmen, die Mandarinenbäume.
Die Bürostuben der gesamten Sowjetunion wurden mit Topfpflanzen aus Abchasien beliefert. Es gab eine Zuchtstation für Paviane, vor der heute ein Heldendenkmal steht. Es ist ein Granitblock in Form eines Mantelpavians, darin eingraviert der Dank des Sowjetvolks für all die aufopferungsvollen Experimente im Kampf gegen Typhus und Polio.
Noch vor zehn Jahren war Suchumi eine befreite, aber völlig zerstörte Stadt, in der nachts die Schüsse der Schmugglerbanden zu hören waren und Autos umherrasten, die als einziges Kennzeichen eine Plakette des ADAC aufwiesen.
Inzwischen fahren Oberleitungsbusse. Man sieht geöffnete Banken, und vorm Puschkin-Gymnasium stehen Jugendliche in Schuluniformen. Im Kino läuft ein Louis-de-Funès-Film mit abchasischen Untertiteln. Es gibt Ampeln, eine Kinderbibliothek, Geschwindigkeitskontrollen, und eine Frau führt ihren Dackel an einer Flexi-Leine spazieren. Das allein ist noch kein Beweis für eine funktionierende Zivilgesellschaft. Aber es steht doch in gewissem Widerspruch zum Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amts in Berlin.
Abchasien hat sogar ein Nationales Olympisches Komitee. So steht es neben der Tür eines Büros, im Souterrain des ansonsten ziemlich ausgebrannten ehemaligen Sowjetgebäudes am Platz der Freiheit.
Der Sportminister zündet sich eine Parliament-Zigarette an, bläst den Rauch aus und sagt: "Wir haben an der Domino-Weltmeisterschaft teilgenommen. Ziemlich erfolgreich." Der Sportminister ist ein hagerer ehemaliger Panzerkommandant von 45 Jahren. Zum Glück verdiene seine Frau ganz gut, sagt der Minister, sonst könnte er sich das Amt gar nicht leisten.
"Wir hoffen, auch bei den Olympischen Spielen in London 2012 dabei zu sein." Leider erlaube das IOC keine Teams zweifelhafter Staaten. "Eigentlich müsste Abchasiens Fußballnationalmannschaft also in georgischen Trikots auflaufen." Der Sportminister schaut in die Runde, als hätte er einen Witz erzählt.
"Unser Fußballverband ist 100 Jahre alt. Wieso werden unsere Aufnahmeanträge von der Fifa immer wieder abgelehnt? Die Verhandlungen mit der Internationalen Sambo-Föderation sind dagegen auf gutem Weg." - Sambo? - "Ja. So eine Art sowjetisch-russisches Judo."
Im Jahr 2014 werden in Sotschi, direkt an der abchasischen Grenze, die XXII. Olympischen Winterspiele abgehalten werden. Vergebens hatte ein im georgischen Exil wirkendes Gegen-"Olympisches Komitee Abchasiens" versucht, die Spiele zu verhindern. Nun sollen 14 Millionen Tonnen Sand, Kies und Beton aus Abchasien für die Bauten geliefert werden. Jede Tonne zementiert den Status quo. Vielleicht war "Sotschi 2014" auch ein Grund für die russische Anerkennung des Landes. Es wäre unschön, an jeder Biathlon-Loipe mit Partisanenbeschuss rechnen zu müssen.
Die politische Macht Abchasiens passt in ein Gebäude. Es ist ein sandgestrahlter Stalin-Bau an der Uferpromenade, wo es bittersüß nach Pomeranzenbäumen und Eukalyptus riecht. Hier wohnt der Staatspräsident, um die Ecke gelangt man ins Parlament, und gegenüber ist der Eingang zum Büro des Premierministers und seines Kabinetts. Heute allerdings ist kaum jemand da, weil die Mutter des Staatspräsidenten gestorben ist und fast alle auf dem Friedhof sind.
Die Abchasen basteln sich ihren Staat mit dem gleichen Ernst zusammen, der gleichen irritierenden Sorgfalt, mit der Bastler sich den Eiffelturm aus Zündhölzern nachbauen. Im Parlament, einem an den Sitzungssaal einer Kreissparkasse erinnernden Raum im Parterre, sind die wichtigsten der zwölf Parteien vertreten, von der Sozialpolitischen Bewegung Aidgilara bis zur Abchasischen Volkseinheit.
Für das offizielle Europa ist Abchasien dennoch eine Art Räuberrepublik, wo Schieber und überdrehte Historiker ihren Separatismus austoben. Deswegen hat auch Maxim Gwindschija Schwierigkeiten, in die richtigen Büros vorgelassen zu werden. Auf seinem Schreibtisch steht das Schild: Stellvertretender Außenminister der Republik Abchasien. "Wenn ich etwa mit den baltischen Republiken sprechen will", sagt der Spitzendiplomat, "geben sie mir Termine bei drittklassigen Beamten."
Gwindschija ist 33 Jahre alt, verdient 200 Dollar im Monat und wohnt mit seiner Familie in einem Plattenbau am Stadtrand. Seine Frau leitet die erste abchasische Model-Agentur und organisiert jedes Jahr die - von der Staatengemeinschaft nicht anerkannte - Wahl der Miss Abchasien.
"Wir wollen kein Frontstaat gegen den Westen sein", sagt Maxim Gwindschija. "Viele Politiker des alten Europa verstehen das. Aber die neuen Europäer bauen ihre Haltung auf antirussischen Vorurteilen." Dabei sei Abchasien vielleicht die einzige funktionierende Demokratie im Kaukasus.
"Eure NGOs haben uns Menschenrechtskurse finanziert, peacekeeping und conflict training. Haben wir alles besucht", sagt er. "Aber Russland hat uns die Pensionen für die Alten bezahlt. 20 Millionen Dollar jedes Jahr."
Russland würde auch alle Exporte aufnehmen, vor allem Mandarinen und Baumaterial für Olympia. Sein Handy meldet sich. "Excuse me ..." Es ist der Gesandte in Tiraspol, der Hauptstadt der Transnistrischen Moldau-Republik, ebenfalls nicht anerkannt.
Die Welt, in der sich der Diplomat Maxim Gwindschija bewegt, ist eine, von der die westliche Öffentlichkeit keine Ahnung hat. Es ist die Unpo, die Völkerfamilie der Nichtrepräsentierten, eine Gegen-Uno mit Vollversammlung, Generalsekretär und Sicherheitsrat, die sich regelmäßig trifft. Gwindschija kennt den Außenminister der Buffalo River Dene Nation, steht in lockerer Verbindung mit der Regierung Belutschistans, Burjatiens und den Krim-Tataren. Das sei auch gut und informativ, sagt er: "Aber wir brauchen die EU."
Seit über zehn Jahren versuchen Uno und Europäer, zwischen Georgien und Abchasien zu vermitteln. Streitpunkte waren immer die Rückkehr der überwiegend georgischen 250 000 Flüchtlinge und die territoriale Integrität Georgiens. Die EU-Diplomatie betonte dabei zwei Grundprinzipien: Unverletzlichkeit nationaler Grenzen und Demokratie. Im Fall Abchasiens passt beides nicht zusammen.
Der deutsche Diplomat Dieter Boden war Chef der Blauhelmmission in Georgien, Unomig, gewesen. Er schrieb einen Plan, wonach Abchasien als autonome Republik nach Georgien zurückkehren sollte. Georgien stimmte zu, Abchasien lehnte ab. Man fürchtete die Rache: "Die schlagen uns doch tot", sagt der Vizeaußenminister.
Georgien soll, so wollen es die USA, möglichst rasch Mitglied der Nato werden. Offiziell muss Deutschland das auch wollen. Aber seit den Kriegstagen im August 2008 ist die Begeisterung etwas verhaltener.
Stalin hatte die damalige Abchasische Sozialistische Sowjetrepublik 1931 seinem Geburtsland Georgien als autonomes Territorium zugeschlagen. Für die einen war das eine Gebietsreform, für die anderen der Beginn des kulturellen Genozids.
Auf jeden Fall kam es seit 1957 mehr oder weniger alle zehn Jahre zu Protesten der Abchasen.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion wollten die Abchasen von Georgien, was Georgien von der Sowjetunion wollte: die Unabhängigkeit. Aber die Abchasen waren nach den Vertreibungen (beziehungsweise Auswanderungen) und diversen Umsiedlungen (beziehungsweise Bodenreformen) nur noch eine Minderheit im eigenen Land.
"Abchasien ist das einzige Land der Welt, wo Stalins Politik wiederhergestellt werden soll. Beim Lunch sagen mir die westlichen Diplomaten, dass unsere Unabhängigkeit eine Tatsache ist. Aber wenn's ernst wird, schweigen sie." Das sagt Batal Obachija, der abchasische Ströbele, ein Menschenrechtsaktivist mit hagerem Schauspielergesicht.
Im Krieg befehligte er ein Frauenbataillon, heute ist er die personifizierte Opposition im Land und bereit für jede Ketzerei - fast jede: "Abchasien und Georgien sind genauso verschieden wie Frankreich und Deutschland. Immer wenn die beiden Länder vereint waren, gab es einen Genozid."
Obachija ist eigentlich Archäologe. Im Kaukasus sind Historiker ständig mobilisiert. Sie haben dem Streit zwischen Abchasen und Georgiern Worte und Gründe gegeben. Sie haben scharfsinnig auf kulturelle Nuancen geachtet, haben Abweichungen in den Trachten der Bergbauern herausgearbeitet und uraltes Unrecht angezeigt. Die Debatte um die Ingoroqva-These, wonach die Abchasen nie eine eigenständige Volksgruppe gewesen seien, hat vermutlich mehr Blut fließen lassen als je ein Streit zwischen Philologen.
"Die abchasische Kultur ist die älteste auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion", so beginnt eine fröstelnde Dame im Faltenrock ihre Führung durchs Abchasische Nationalmuseum (ehemals: Abchasisches Museum). Sie zeigt auf das Modell einer Siedlung der Bronzezeit: "Damals konnte man Abchasien noch nicht von Georgien unterscheiden."
Während des Unabhängigkeitskriegs 1992 hätten, sagt sie, georgische Milizen das Museum gestürmt, den Direktor verprügelt und alle Teppiche eingepackt. Eines der ersten Ziele im Bürgerkrieg sei das abchasische Nationalarchiv gewesen.
So genießen Historiker in Abchasien höheres Ansehen als viele Generäle. Wenn sie nicht sowieso Generäle sind.
Abchasiens erster Präsident, Wladislaw Ardsinba, war ein Experte für Keilschriften und die toten Sprachen des Orients. Bis heute besteht die alte Führungsgarde überwiegend aus hochgebildeten Männern, die ihr Leben damit verbracht hatten, den Ursprung der abchasischen Sprache im vierten vorchristlichen Jahrhundert und die Konturen des ersten abchasisch-kartwelischen Königreichs zu erforschen.
Der Krieg hatte ihre Bibliotheken, Keramikfunde und Habilitationsaufzeichnungen zerstört. Alles war ihnen genommen. So wurden sie Politiker. Die Historiker regierten ihren Forschungsgegenstand. Beziehungsweise das, was von ihm noch übrig war.
Im Saal IX des Museums hängt das Bild eines weißbärtigen, seine Pfeife rauchenden Bauern: "Nikolai Schapkowski", sagt die Führerin ohne jede weitere Erklärung. Das war jener angeblich 140-jährige Mann, von dem Henri Barbusse 1929 berichtete und der das Treffen mit dem französischen Dichter noch um zehn Jahre überleben sollte. Das Bild daneben sei der "Chor der Hundertjährigen", sagt die Frau.
Nirgendwo werden die Menschen älter als im Kaukasus. Sofern sie einander nicht vorher umbringen.
Das Taxi ist ein nach Benzin und "Wunderbaum" riechender Wolga. Am Rückspiegel baumeln Boxhandschuhe, und alles vibriert unter armenischer Tanzmusik. "Druschba", brüllt der Fahrer und dass er lieber Touristen aus Leipzig fahren würde als Russen.
Aber die kommen nicht. Ohne Fährverbindung in die Türkei und ohne Direktflüge nach Europa ist Abchasien auf die Touristenbusse aus Sotschi angewiesen. Seit die russische Wirtschaftsblockade gelockert ist, seit sich die russischen Touristen wieder an die Sandstrände von Suchumi und Picunda legen dürfen, erwacht die Wirtschaft aus dem Koma. Exil-Abchasen kommen aus Moskau, Istanbul, Damaskus zurück und stecken ihr Geld in Kurhotels und Restaurants.
Im Mai erst unterzeichneten Abchasiens Wirtschaftsministerin und der russische Ölkonzern Rosneft eine Rahmenvereinbarung über die Ausbeutung der Schwarzmeerreserven an Öl und Gas. Bei seinem Besuch am 12. August hat Putin die Modernisierung der Grenz- und Militäranlagen versprochen, für 354 Millionen Euro. Den Georgiern sei einfach nicht zu trauen, sagte der Premier.
Und seit Präsident Bagapsch ankündigte, russische Firmen sollten Abchasiens zerstörtes Eisenbahnnetz managen und den Flughafen ausbauen, protestiert die Opposition gegen den Ausverkauf des nationalen Erbes. In den zwölf Monaten seit der Anerkennung hat sich die Russophilie doch sehr gelegt. "Die wollen uns auffressen", ist inzwischen die gängige Einschätzung. Überall gibt es russische Zeitungen, und über einigen Tankstellen weht nur noch die russische Flagge.
Die Immobilienpreise haben sich bereits verdoppelt. Usbekische Wanderarbeiter hämmern an den Dachstühlen, während die Söhne der Kriegshelden in ihren BMW die Küstenstraße rauf- und runterjagen.
Der abchasische Mobilfunkanbieter Aquafon hat 100 000 Kunden, und es gibt noch einen zweiten. Der Strom kommt vom Inguri-Stausee in den Bergen. Das Kraftwerk wird von Georgiern und Abchasen gemeinsam betrieben. Auch während des Krieges kam niemand auf die Idee, daran etwas zu ändern.
Das Wunderbaum-Taxi hält vor dem ehemaligen Sanatorium des sowjetischen Komponistenverbands. Hier trainiert gerade das abchasische Heer für den Häuserkampf. Die Rekruten werfen sich zwischen die Rabatten, nehmen Deckung hinter Palmen und versuchen, dabei ein ernstes Gesicht zu machen.
"Wir arbeiten an einem Abkommen zur Militärkooperation. In Zukunft wird es so sein: Wer Abchasien angreift, greift Russland an." Sagt Garri Kupalba. Er ist Mathematiklehrer, Generalmajor und stellvertretender Verteidigungsminister. Die russischen "Friedenstruppen" haben sich im Oktober 2008 in die Kasernen zurückgezogen. Mehrere tausend russische Soldaten sind weiterhin in Abchasien stationiert.
Die abchasischen Streitkräfte dagegen bestehen, sagt Kupalba, im Wesentlichen aus 120 tschechischen Panzern, einem erbeuteten LAR-160-Raketenwerfer israelischer Produktion und 5000 Soldaten. Exil-Abchasen hätten ein paar Schnellschlauchboote mit MG-Aufsatz gespendet für den Aufbau der Schwarzmeerflotte Abchasiens.
"Es ist doch so: Die Georgier wollten uns mit Gewalt umbringen, die Russen mit Süßigkeiten. Da ist doch klar, wofür wir uns entscheiden, oder?", sagt Hibla, eine Studentin an der Universität von Suchumi - "Suchum. Ohne i", sagt sie. Vor ihr liegt das Schwarze Meer, unbeweglich wie ein kalter Teich.
"Wir wissen, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Wir wollen keine Sowjetmenschen mehr im Parlament, sondern junge, gebildete Leute, die etwas von internationalen Beziehungen verstehen. Wieso nehmt ihr uns nicht ernst?"
Hinter ihr, vorm Riva-Hotel, sitzen murmelnd die Alten und schwenken ihre Zigaretten im milchigen Licht. Dahinter wiederum die Gipfel des Kaukasus, wo irgendwo Europa versickert. Bis dorthin kamen 1942 die deutschen Truppen - und nicht weiter.
Hibla gehört noch zu Europa. Mit ihren 20 Jahren hat sie bereits Politik studiert, ein halbes Jahr in den USA gelebt, arbeitet nebenbei bei einer NGO für Jungunternehmerinnen und will Diplomatin werden. "Und dann Außenministerin", sagt sie. Das meint sie ernst.
Hier am Ufer hat Suchumi mehr von Baden-Baden als von Bagdad.
Auf der demolierten Seebrücke wird Sushi angeboten, ein russisches Pärchen schlendert die Promenade entlang, zu groß, zu breit, zu grell gekleidet. Vielleicht werden die Russen eines Tages die ugly Americans Abchasiens.
Hibla schaut ihnen nach und sagt: "Russen verstehen übrigens kein Wort von dem, was wir reden. Unter anderem haben wir sieben verschiedene k-Laute", sagt Hibla, die künftige Außenministerin. Und beginnt eine Reihe komplizierter Übungen im hinteren Rachenraum.
Für Völkerrechtler mag die Republik Abchasien eine Einbildung sein. Eine Autosuggestion. Aber doch so gut gespielt, dass zwischen Realität und Fiktion kaum mehr zu unterscheiden ist. Nichts wirkt heute so unwirklich wie der Status dieses Landes als georgische Provinz.
Und nichts so real wie der Ernst eines 20-jährigen Mädchens, das am Ufer des Schwarzen Meeres steht und gymnastische Übungen mit dem Gaumensegel macht: "Hören Sie es?"
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 35/2009
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