24.08.2009

MUSIKVom Staub befreit

In zwei monumentalen CD-Boxen erscheint das Gesamtwerk der wichtigsten Band der Pop-Geschichte noch einmal - die Beatles digital remastered.
Pop hat eine offene Grenze zur Religion. Nirgends wird das so klar wie in der Abbey Road in London. Vor der Tür der berühmten Studios: die Pilger. Junge Italiener ritzen ihren Namen in den Zaun, vier Japaner stellen das berühmte Cover nach, das auf der Straße fotografiert worden ist. In diesem unauffälligen weißen Gebäude haben die Beatles den Großteil ihrer Songs eingespielt, sich vor ihren Fans versteckt und die Möglichkeiten des Klangexperiments entdeckt.
Drinnen geht es zu wie in einem Kloster. Sieben Toningenieure haben in den vergangenen rund vier Jahren das Gesamtwerk der Beatles hier digital überarbeitet. Ein Mammutprojekt, das vielleicht nur mit der Arbeit jener Mönche zu vergleichen ist, die im Mittelalter in der Einsamkeit ihrer Zelle die Evangelien abschrieben. Wort für Wort, Seite für Seite.
Der Beatles-Katalog ist die Bibel des Pop. Für das Projekt seiner vollständigen Wiederveröffentlichung, in zwei Boxen mit 13 beziehungsweise 16 CDs, wurde er vom analogen ins digitale Zeitalter übertragen. Song für Song, Platte für Platte. Anfang September werden sie erscheinen.
Allan Rouse, ein Mann Mitte fünfzig, graue Haare, freundliches Lächeln, hat das Projekt geleitet. Er empfängt in Studio Three, auch hier haben die Beatles aufgenommen. Seit 1971 arbeitet Rouse in den Abbey Road Studios, da hatte sich die Band gerade aufgelöst. Ein Leben für die Beatles. Er war viele Jahre der Assistent von George Martin, dem ehemaligen Produzenten der Fab Four. Dieser beauftragte ihn 1991, eine Sicherheitskopie der Beatles-Masterbänder anzufertigen. Seitdem arbeitet Rouse das Werk der Beatles auf.
Da gab es einiges zu tun: "Live at the BBC"; das Rückblicks-Großprojekt "Anthology", das Mitte der Neunziger auf insgesamt sechs CDs Raritäten versammelte, der dazugehörige Fernsehfilm kam später als DVD-Box heraus; die Neuedition von "Yellow Submarine" im 5.1-Surround-Sound; "Let It Be ... Naked", das umstrittene Experiment, das letzte Beatles-Album noch einmal herauszubringen - als reine Rockplatte ohne die Orchesterarrangements. Auch an "Love", der großen Collage zahlreicher Beatles-Songs, war Rouse beteiligt. Die vergangenen zehn Jahre habe er nur Beatles gemacht, sagt er. Das ist etwa so lange, wie die Beatles zusammen waren. Das neue Projekt ist jetzt sein Meisterwerk.
Nun muss jede analoge Aufnahme, die neu auf CD erscheinen soll, digital bearbeitet werden. Das heißt zunächst einmal nichts weiter, als dass von dem alten Originalband eine digitale Kopie angefertigt wird, um eine Vorlage zum Herstellen der CDs zu haben. Man kann sich nur mehr oder weniger Mühe dabei geben. Im Fall der Beatles wurde Ende der Achtziger nicht besonders viel Mühe aufgebracht, als die Platten zum ersten Mal digitalisiert wurden. Das ist nun anders.
Schon der Umstand, dass es zwei Boxen sind, zeigt an, mit welcher Besessenheit hier gearbeitet wurde: Die Zeit der Beatles fiel zusammen mit dem Übergang von der Mono- zur Stereoplatte. Bis auf die letzten zwei Alben sind alle Beatles-Platten mono und stereo auf den Markt gekommen. Also muss es jetzt auch zwei Boxen geben: "The Beatles Mono Box" und "The Beatles Stereo Box". Die Beatles, erzählt Rouse, brauchten damals manchmal nur eine halbe Stunde, um einen Song zu mixen. Er und sein Team brauchten für das sogenannte Remastern jedes Mal mehrere Tage.
Remastern ist eine Kunst, die mit der Restauration von Gemälden vergleichbar ist. Dort wird in einem aufwendigen Prozess versucht, die Farben wieder so leuchten zu lassen wie an dem Tag, an dem der Künstler das Bild fertigstellte. Im Grunde eine unmögliche Aufgabe, denn auf der Suche nach dem Original arbeitet man es um. Ganz ähnlich das Remastern: Mit der neuesten Technologie wird all der Dreck entfernt, der sich rund um die Aufnahme angelagert hat, die kleinen Klicks und Holperer, die Aufnahmefehler und Tonbandgeräusche. Das Ziel ist paradox: Es soll so klingen wie damals, nur besser.
Hört man es wirklich? Rouse legt "Here Comes the Sun" in den CD-Player. Erst in der alten Version, dann in der neuen. Und tatsächlich: Der Song klingt klarer, als hätte man den Staub abgewischt. Das Gleiche bei "Strawberry Fields Forever". Bei "A Day in the Life" hört man klar und deutlich im Abspann, wie ein Stuhl quietscht - damals im Studio muss sich jemand unbedacht gedreht haben.
Ist er selbst zufrieden mit dem Ergebnis seiner Arbeit? Rouse zuckt mit den Schultern und lächelt. "Paul McCartney mag es. Ringo Starr mag es. Yoko Ono und Olivia Harrison mögen es. Das reicht mir."
Die Plattenfirma EMI verspricht sich jedenfalls einiges von den zwei Beatles-Boxen. Die Band soll noch einmal für einen warmen Geldregen sorgen. Parallel wird die Beatles-Version von "Rock Band" erscheinen, ein Videospiel, bei dem man die Beatles-Songs vor dem Bildschirm nachspielen kann; für jeden getroffenen Ton gibt es Punkte. Auch erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass der Beatles-Katalog diesen Herbst zum ersten Mal als digitaler Download in den iTunes Music Store gestellt wird. Als eine der letzten großen Bands weigern sich die Beatles bislang, ihre Musik im Netz zugänglich zu machen. Wer ihre Songs auf dem iPod hören wollte, musste sie von CD überspielen.
Nicht die Sorge von Allan Rouse. Auch nach all der Zeit mit den Beatles höre er ihre Songs noch gern, sagt er. Auf seinem iPod aber laufe was anderes. TOBIAS RAPP
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 35/2009
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