24.08.2009

INTERNETDauerlauf gegen die Sucht

Zehn Millionen Teenager in China gelten als internetabhängig. Partei und Eltern sorgen sich um die Jugend des Landes. Wer zu lange vor dem Bildschirm hockt, dem wird die Sucht in Entzugslagern ausgetrieben - oft mit Drill und Schlägen. Ein Junge wurde zu Tode geprügelt.
Deng Senshan war ein guter Junge, nur spielte er gern am Computer. Deshalb schickten ihn seine Eltern in ein Entzugslager, und 14 Stunden später war er tot. Die Menschen, die ihm helfen sollten, hatten ihn zu Tode geprügelt. Er wurde 15 Jahre alt.
Deng, sagt sein Onkel, schwänzte nie die Schule, er befolgte alle Regeln. Schüchtern war er, zu schüchtern, um mit Mädchen zu sprechen, und außerdem ein wenig übergewichtig. Draußen joggen wollte er nicht, aus Scham, deshalb stellte ihm sein Vater einen Hometrainer neben das Bett. Nur im Wasser fühlte Deng sich wohl, er war ein guter Schwimmer. Noch am Tag bevor er ins Camp ging, badete er mit seiner Familie im Meer.
Am 1. August nahm er zusammen mit seinen Eltern den Zug. Fast 500 Kilometer fuhren sie, um Deng in das Qihang Salvation Training Camp in Nanning zu bringen. Das Fernsehen hatte über das Camp berichtet, es hörte sich gut an, fanden Dengs Eltern. Sie wollten ja nur sein Bestes. Im September sollte er auf die Oberschule wechseln, deswegen wollten sie jetzt den Entzug. Dabei, sagt der Onkel, spielte Deng doch nur anderthalb bis zwei Stunden am Tag.
Ob ihr Sohn auch nicht geschlagen werde, wollte die Mutter wissen, bevor sie Deng im Camp zurückließ. Aber nein, hieß es, wir erziehen nur mit Psychologie. Doch als die Eltern gegangen waren, zwangen die Trainer Deng zu laufen, Kilometer um Kilometer. Er fiel hin, sie schlugen ihn, zertrümmerten einen Schemel auf ihm, schleppten ihn ins Wachzimmer und schlugen ihn wieder. Gegen drei Uhr nachts wurde Deng ins Krankenhaus gebracht, um 3.40 Uhr starb er. Sein Gesicht war blutüberströmt. Der Leiter des Camps sagte später, der Junge sei rebellisch gewesen.
338 Millionen Chinesen nutzen das Internet, 10 Millionen Teenager gelten als abhängig. Zu diesem Schluss jedenfalls kommt eine Studie der China-Jugend-Internet-Vereinigung.
Vor allem Online-Spiele fesseln die Jugend an die Bildschirme, aber die Chinesen chatten auch gern. Schon vergleichen Experten die Macht des Computers mit der des Opiums, das einst das Land lähmte. Andere bangen um die Sprachfähigkeit der Kinder. Es kursieren Zahlen, wonach drei Viertel aller Jugendstraftäter internetabhängig sind. Der Nationale Volkskongress sorgt sich um Chinas Jugend, vor allem aber sorgen sich die Eltern.
Im ganzen Land haben deshalb private Entzugszentren aufgemacht, über 400 insgesamt, kaum eines ist offiziell registriert. Sie nennen sich "Trainingscamp" oder "Sommercamp", arbeiten oft mit Schulen zusammen. Manche stellen einfach ein paar Sportlehrer ein, Vorschriften zur Qualifikation des Personals gibt es nicht, vielen Betreibern geht es nur um Gehorsam - und um Profit. Zwischen 5000 und 29 000 Yuan (gut 500 bis 3000 Euro) zahlen die Eltern, um ihre Kinder für ein, zwei oder drei Monate einzuweisen zur Entwöhnung. Doch langsam bekommen Chinas Eltern Angst, nicht vor dem Netz, sondern vor den Erziehern.
In der Provinz Shandong malträtierten Ärzte mehr als 3000 Patienten mit Elektroschocks, erst vor einigen Wochen untersagte die Regierung deshalb die Behandlung junger Computersüchtiger mit Elektroschocktherapie. In Hebei schickte ein Camp 135 Internetabhängige auf einen langen Marsch: 28 Tage und 850 Kilometer durch die Prärie in der Inneren Mongolei. In Guangdong hielten Jugendliche Zettel mit der Aufschrift "SOS" und "Wir werden geschlagen" durchs vergitterte Fenster ihres Entzugszentrums.
Gerade erst hatte der Tod von Deng Senshan das Land aufgeschreckt, da gab es schon den nächsten Fall, dieses Mal in Sichuan: Pu Liang, 14 Jahre alt, liegt mit schweren Nierenschäden im Krankenhaus. Auch ihm wollten sie die Freude am Computerspiel aus dem Leib prügeln.
"Kinder zu lieben ist das Wichtigste im Leben eines Lehrers", das ist einer der Sinnsprüche, die im Addiction Medicine Center des Pekinger Armeekrankenhauses hängen. Chinas größte und älteste Entzugsklinik für Internetabhängige liegt am Stadtrand von Peking auf Kasernengelände. Hier kommt nur herein, wen die bewaffneten Wachen durchwinken.
Der Weg zur Klinik führt vorbei an einem riesigen Aufmarschplatz und dem Plakat "Loyalität für die Partei". Schnurgerade Wege, Rosen in Reih und Glied, überall die gleichen roten Klinkerbauten, in den einen wohnen die Soldaten, in einem Haus die Kinder. 67 Patienten haben sie in der Klinik zurzeit, die meisten sind zwischen 13 und 18 Jahre alt.
"Denk über deine eigenen Fehler nach, statt über die Schwächen der anderen zu reden" steht auf dem Plakat über der Spüle im Speisesaal. "Die Erfolgreichen finden eine Lösung, die Verlierer suchen eine Entschuldigung" heißt es im Konferenzraum. Und auch die Eltern werden ermahnt, zum Beispiel: "Kinder, die mit Feindseligkeit aufwachsen, werden aggressiv."
Die Eltern spielten die wichtigste Rolle bei der Entwicklung von Computersucht, erklärt Tao Ran, 48, Direktor der Klinik, ein Mann mit teigigem Gesicht und korrektem Seitenscheitel. Gerade in China würden die meisten Eltern ihr Kind zu sehr gängeln; alles wollten sie kontrollieren: was das Kind isst, was es anzieht, was es studiert. So verlören die Jugendlichen jede Kreativität und Eigeninitiative und auch die Fähigkeit, sich selbständig anzupassen an ihre Umgebung.
Dazu kommt, dass nur ein guter Schüler den guten Ruf der Familie garantiert. Wenn das Kind versagt, verlieren auch die Eltern das Gesicht. Schnell, sagt Tao, sei der Vorwurf da: Wer schlecht in der Schule ist, ist überhaupt ein schlechter Mensch. Manche Jugendliche halten diesen Druck, das ewige Streben nach Perfektion, die ständigen Zurechtweisungen nicht mehr aus. Und dann fliehen sie vor den Bildschirm.
Dabei sind es meist die Eltern selbst, die ihre Kinder angefixt haben. Schon im Kindergartenalter rüsten manche ihre Söhne und Töchter mit einem Computer aus. Das, hoffen sie, werde ihnen bei der Ausbildung nützen. Als dann überall Internetcafés aus dem Boden schossen, wo die Datenübertragung schneller ist als zu Hause, wo es Snacks gibt statt keifender Eltern und jede Menge Gleichgesinnte, wurden diese Treffs zum Rückzugsort für Chinas Teenager.
Tao, selbst im Rang eines Obersts, gehört zur Expertengruppe, die im vorigen Jahr erstmals einen Leitfaden zur Diagnose von Internetsucht veröffentlicht hat. Zu den Symptomen zählen demnach: mehr als sechs Stunden täglich im Netz; Desinteresse an anderer Freizeitbeschäftigung; Unfähigkeit, die Dauer im Web zu begrenzen.
Dennoch gibt es bisher keine verbindliche Definition des vermeintlichen Krankheitsbildes. Zong Chuansan, Direktor von Chinas Vereinigung für psychische Gesundheit, warnt, dass es bisher meist vom moralischen Urteil der Eltern abhänge, ob sie ihr Kind als suchtkrank betrachteten oder nicht. Zudem würden viele Menschen nicht zugeben, wie lange sie online sind, wenn Internetabhängigkeit als "geistige Störung" angesehen werde, so wie es Tao tut. Schließlich würden in China Geisteskranke immer noch diskriminiert. Das eigentliche Problem, sagt Zong, sei die Einstellung der Menschen: "Sie machen das Internet zum Monster."
Das sieht Tao Ran anders. Der Schaden, den die Jugend weltweit durch Internetsucht nehme, sagt er, sei größer als der, den die Schweinegrippe anrichte. Seine Klinik ist seine Mission. Auf der Broschüre steht: "Wenn die Jugend stark ist, ist auch das Land stark."
Li Ming**, Anfang zwanzig, studiert eigentlich Flugzeugbau, jetzt sitzt er auf seinem Doppelstockbett in Tarnfleck-Uniform, nur am Wochenende darf er seine eigene Kleidung tragen. Zwei Monate und elf Tage schon lebt er hier in dem kleinen Raum mit dem vergitterten Fenster. Er hat Glück, heute stehen nur sechs Zahnputzbecher in gerader Linie auf dem Fensterbrett, hängen nur sechs Plastikschüsseln mit sechs Waschlappen übereinander auf dem Holzständer, normalerweise sind sie zu acht im Zimmer. Die Jungs waschen ihre Kleidung selbst, sie machen ihr Bett, sie räumen auf. Das kennen die meisten nicht, sie sind aufgewachsen als Einzelkinder.
Sechs Uhr aufstehen, halb acht Frühstück, halb zwölf Mittagessen, halb zehn schlafen gehen, dazwischen Psychotherapie oder marschieren. So vergehen Lis Tage, streng nach Stundenplan. An der Universität hing er bis spät nachts vor dem Computer, schaffte es am nächsten Tag erst mittags aus dem Bett. Dabei hätte er schon um acht Uhr in der Vorlesung sein müssen.
Warum er so gern spiele? Li Ming beißt sich auf die Lippe, knetet seine Hände. "Da kann ich meine Sorgen vergessen", sagt er mit leiser, hoher Stimme. Früher sei er glücklich gewesen, auf dem Basketballplatz mit Freunden. Als Student aber kam er mit der Freiheit nicht zurecht. Keine Kontrolle wie zu Hause, ein Studienfach, das er nicht mochte, an einer Universität, die seine Eltern für ihn ausgesucht hatten. Sein Onkel hatte gesagt, mit so einem Abschluss bekomme er später einen guten Job.
Sieben Stunden täglich verbrachte er im Netz, er vermasselte das Examen. "Du ruinierst unsere Familie!", schimpften die Eltern. Li Ming aber spielte weiter, es war alles viel leichter im virtuellen Leben. Und wenn er im Computerspiel tötete, sagt er, konnte er endlich den ganzen Stress rauslassen. "Das kann man ja sonst nicht."
Auch Li Mings Mutter wohnt jetzt in der Klinik, denn Direktor Tao setzt nicht nur auf Medikamente für die Depressiven und Hyperaktiven. Er will auch die Eltern schulen. "Respektiert eure Kinder", sagt er ihnen. "Gebt euren Kindern Raum!"
Viel Raum aber haben die auch in der Klinik nicht. Der Schlaftrakt ist abgesperrt durch ein hohes Gitter und ein schweres Vorhängeschloss. Um das Gitter haben sie künstliche Blumenranken drapiert, damit es hübscher aussieht. Das Arztzimmer liegt auf demselben Gang wie die Zimmer der Teenager. Dort sitzen sie in ihren weißen Kitteln und wachen und bewachen, 24 Stunden am Tag.
Er habe viel gelernt hier, sagt Li Ming, doch am Anfang wollte er einfach nur raus. "Ich habe mich gefühlt wie ein Vogel im Käfig." Jetzt aber muss er los, hinaus in den Hof, mit den anderen antreten im Karree. Ein paar Meter Dauerlauf, dann wieder strammstehen. Manche hängen mehr, als dass sie stehen, einer gähnt. Es gehe um die Körperhaltung, erklärt eine Schwester, die meisten hätten einfach keine Spannung mehr nach dem vielen Sitzen.
Oberst Tao sieht es so: 90 Prozent seiner Patienten sind Jungs, und den meisten fehlt es an Zuwendung vom Vater. Der ist oft zu beschäftigt damit, Geld zu verdienen, als dass er seinem Sohn als Vorbild dienen könnte. Heraus kommen weiche Jungs, denen es an Männlichkeit mangelt, die keinen Schmerz aushalten und keine Frustration. "Die Kaserne schafft eine Männerwelt", sagt Tao, das findet er gut. Bei ihm in der Klinik gibt es drinnen Palmen-Fototapete und draußen Soldatengebrüll.
Ab und zu dürfen seine Patienten sogar selbst zur Waffe greifen, dann spielen sie im Gelände ein Computerspiel nach, in voller Montur, mit Helm, Schutzweste und speziellem Gewehr, nur ohne Munition.
Sie sollen, sagt Tao, die körperliche Anstrengung spüren, nicht nur den Klick auf die Maustaste. Teamarbeit, Konzentration, all das soll die Kinder zurückholen in die Realität. "Es fühlt sich toll an, das Gewehr zu halten", sagt Li Ming. Sie können sogar vorher festlegen, wer wie viele Leben hat.
Die Eltern von Deng Senshan aber warten noch immer darauf, dass sie ihr totes Kind zu sich holen können. Sie haben jetzt eine Entschädigung bekommen, über eine Million Yuan (etwa 100 000 Euro).
Wenn die Polizei ihnen Bescheid gibt, werden sie noch einmal nach Nanning fahren, in die fremde Stadt, zur Einäscherung ihres Sohnes. Seine Urne aber wollen sie mitnehmen nach Hause. SANDRA SCHULZ
* Am 31. Juli, dem Vortag seiner Einlieferung in das Entzugscamp.
** Name von der Redaktion geändert.
Von Sandra Schulz

DER SPIEGEL 35/2009
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