31.08.2009

KUNSTHANDWERKDer Herr der Ringe

Flohkutschen und Elfenbeinreliefs in Briefmarkengröße: Im 18. Jahrhundert schufen Künstler für Fürstenhöfe Miniaturen, deren Herstellungstechnik den Forschern bis heute unerklärlich ist. Jetzt sind erneut mysteriöse Wunderkammer-Objekte aufgetaucht. Wie wurden sie geschaffen?
Das Inferno begann Punkt Mitternacht: Soldaten mit Teerfackeln liefen durch die Straßen Altonas und zündeten Haus für Haus an. Fischerkaten gingen in Flammen auf, Brücken, Bürgerhäuser und Kirchen.
Planmäßig wurde die prosperierende Elbstadt im Januar 1713 zerstört. Fast alle Häuser verkohlten, in den Gassen roch es nach verbranntem Fleisch. Befohlen hatte den Terror der schwedische Feldmarschall Magnus Stenbock.
Der teuflische General, der bald danach in Festungshaft geriet, hinterließ der Nachwelt allerdings auch ein ganz anderes Werk, das geradezu überirdisch zu nennen ist. Die jahrelange Muße im Kerker nutzte er, um ein Collier zu basteln, das die feinmotorische Leistungskraft eines Homo sapiens zu überschreiten scheint.
Aus dem bleichen Zahn eines arktischen Narwals ist das 96 Zentimeter lange, 17,5 Gramm schwere Kleinod gefertigt. Es besteht aus 4802 Ringlein mit Durchmessern von nur etwa drei Millimetern. Manche der Glieder sind kaum 0,25 Millimeter dick - so groß sind Hausstaubmilben. "Ein solches Band aus hartem Elfenbein zusammenzufügen ist nahezu unvorstellbar", urteilt der Wiener Kunsthistoriker Peter Hartmann.
Lange befand sich das Collier auf der britischen Insel. Es habe einer "Familie aus dem Umkreis des englischen Königshauses" gehört, heißt es in der Verkaufsannonce des Münchner Auktionshauses Ahrend und Wager.
Der Uhrmacher Herfried Eder griff zu. Für 20 000 Euro erwarb er das Geschmeide und brachte es an einen sicheren Ort in der Schweiz.
Seither wähnt sich der Mann im Besitz einer "Weltsensation". Umfänglich hat er den Schmuck untersucht, die feinen Glieder durchgezählt, Materialproben genommen und hochauflösende Bilder von dem Objekt erstellt. Jetzt legte er seine Ergebnisse Museumskuratoren im In- und Ausland vor. Die reagierten fasziniert.
Denn erst genaues Studium offenbart, wie außergewöhnlich das Stück ist: Normalerweise haben Kettenglieder kleine Nähte, um sie miteinander verbinden zu können - nicht so aber die Ringlein des Stenbock-Colliers. Zwar ist das 300 Jahre alte Material von Spannungsrissen durchsetzt. "Systematische Sägestellen aber gibt es offenbar nicht", staunt die Kuratorin Astrid Scherp vom Bayerischen Nationalmuseum.
Das bedeutet: Der grause Feldherr schälte sein Juwel in einem einzigen Stück aus dem Walzahn heraus. Seine Arbeitsweise glich der von Michelangelo, der auf die Frage, wie er seine David-Statue so meisterhaft aus dem Marmor habe schlagen können, antwortete: "Der David war immer schon da gewesen. Ich musste lediglich den überflüssigen Marmor um ihn herum entfernen."
Seit Wochen knobeln nun schwedische und deutsche Museumskuratoren gemeinsam mit Elfenbeinspezialisten: Wie nur ging Stenbock vor? Welche Arbeitstechnik wendete er an?
Bekannt ist, dass Stenbock Ölbilder malte, er drechselte und schrieb Gedichte. Nach 1703 wurde er zum Kanzler der Universität Lund gekürt. Über seine Fingerfertigkeit aber berichten die Quellen nichts.
Selbst Helmut Jäger, der an Deutschlands einziger Berufsfachschule für Holz und Elfenbein in Erbach lehrt (und als begnadeter Handwerker zwölf Jahre lang alle beinernen Schmuckstücke aus dem Dresdner Grünen Gewölbe restaurierte), weiß keinen Rat.
"Vielleicht hat Stenbock den Walzahn mit Alaun oder einer anderen Tinktur biegsam gemacht", spekuliert er. Denkbar sei auch, dass der Rekordbastler seine Wunderkette auf einer Wippdrehbank formte - "allerdings hätte ihn das unvorstellbare Mühe gekostet" (siehe Grafik).
Hinter vergitterten Fenstern, bei Wasser und Brot, eine schwere Lupenbrille auf der Nase, in der Hand Kettenglieder im Flohformat, an denen er Monat für Monat herumhobelte - so, glaubt Eder, habe man sich den Wahnfried aus Schweden vorzustellen.
Unbezweifelt ist vorerst nur das Alter der Mirabilie. Sie entstammt jener Zeit, als Europas Potentaten mit Leidenschaft ihre Wunderkammern mit Seltsamkeiten und wertvollen Raritäten vollstopften. Eigenartige Kollektionen kamen so zusammen, halb Freakshow und Krempelzirkus, halb Schautempel höchster Kunstfertigkeit.
Bereits im 16. Jahrhundert schufen geschickte Handwerker für den Adel Kabinettstücke aus den Zähnen von Haien und Pottwalen, sie formten Becher aus Nautilusschalen, Spieluhren und Automaten mit undurchschaubarem Räderwerk. Auch kleine Anatomiepuppen mit herausnehmbaren Organen wurden gefertigt und Schatzkästlein mit trickreichen Verschlussmechanismen.
Oft verblüfft die schiere Winzigkeit der Schaustücke. Schon im 16. Jahrhundert bewegte sich die Zunft im Millimeterbereich. Sie schuf "Flohkütschlein", verzierte Kirschkerne und Kegelspiele, die in ausgehöhlte Pfefferkörner passten.
Als wichtigste Hilfsmittel dienten dabei metallische Drehbänke. In schneller Rotation drehten sich die eingespannten Werkstücke, während scharfe Schaber, gebogene Fräsen und Löffelmesser im automatischen Takt Spiralen oder komplizierte Schlangenlinien ins Material frästen.
Jene Kreis- und Ellipsenbahnen, die Kepler und Kopernikus damals als Lauf der Planeten erkannt hatten, ahmten die Drechsler mit ihren Maschinen nach.
Auch der Adel verfiel dem Fieber. Aus Plaisier dilettierte Zar Peter der Große ebenso an der Drehbank wie die britischen Royals.
Die wahren Profis lieferten sich unterdessen einen Wettbewerb hart an der Grenze zum Unmöglichen. Bei einigen Wunderkammer-Stücken ist die Machart bis heute ungelöst.
Aus Berchtesgaden zum Beispiel stammt ein Holzbecher, groß wie ein Fingerhut. Seine Wandstärke: 0,1 Millimeter. So dick ist Schreibpapier. Niemand weiß, wie der Urheber es schaffte, das Holz so dünn zu schleifen.
Kopfzerbrechen bereiten auch die "Chinesischen Bälle". Der Name steht für kleine Hohlkugeln, die, ohne Naht und aus einem einzigen Stück gefertigt, wie russische Matrjoschka-Puppen ineinanderstecken. Ein Drechselgenie vom Dresdner Königshof schaffte es sogar, eine Abfolge von immer kleiner werdenden Vielecken (Polyedern) herzustellen. Manche Forscher glauben, dass sich die Herstellung dieses Unikums über Generationen hinzog.
Die Mikrobilder, mit denen eine Gruppe von Kleinstbildhauern im Rokoko gleichsam die Tür ins Land Liliput aufstieß, sind ein weiteres Mysterium. Mit feinsten Säglein und Hohlsticheln sind hier Figuren in Ameisengröße geschnitzt. Die Details auf ihren Reliefs, Dachschindeln oder Angelruten etwa, messen sich in hundertstel Millimetern. Knapp ein halbes Dutzend solcher Schnitzvirtuosen ist bekannt. Es sind allesamt Männer mit bayerischer Abstammung. Insgesamt schufen sie gut hundert Werke.
Die meisten ihrer Wichtelbilder befinden sich heute in Privatbesitz. Nur die Eremitage und das British Museum haben je vier, das Kunsthistorische Museum in Wien hat weitere fünf Exemplare.
Erst jüngst hat der Spezialist Hartmann etwas Licht in die trickreichen Techniken dieser Haarspalter unter den Bildhauern gebracht. Sein Fazit: "Mikrobilder zählen zu den spektakulärsten Dingen, die jemals von Künstlern geschaffen wurden."
Als Pioniere der Bewegung gelten die Bamberger Paul Johann und Sebastian Hess. Um 1765 begannen sie damit, Tempelruinen im Zwergenstil zu erschaffen. Hirtenidyllen schnurrten bei ihnen auf Briefmarkengröße zusammen.
Als wichtigstes Werk von Sebastian gilt die Maria-Theresien-Brosche, an der er drei Jahre lang herumfummelte. Das Stück ist sieben Zentimeter lang - Platz genug, um 26 Menschen, 5 Häuser, Bäume und 2 Schiffe unterzubringen. Später gelangte die Kostbarbeit nach England, wo sie "um den Preis eines kleines Schlosses" den Besitzer wechselte, wie es in den Quellen heißt.
Um 1770 zog das geniale Bruderpaar in die Kaiserstadt Wien und entwarf dort immer ungeheurere Petitessen.
Paul Johann überbot das ältere Geschwister noch. Auf seinem Elfenbeinbild "Frauen am Brunnen" ist ein Lamm mit einer Schulterhöhe von einem Millimeter dargestellt. Nach der Fertigstellung kam die zerbrechliche Miniatur unter Bergkristall.
Wie nur konnte so etwas gelingen? Auch das von Paul Johann gestaltete Blattwerk bereitet Kopfzerbrechen. Der Abstand zwischen den Zweigen beträgt 0,02 bis 0,03 Millimeter. Zum Vergleich: Kopfhaar ist zwei- bis dreimal so dick.
Vollends verdutzt, dass Äste und Blätter dreidimensional emporragen. Sie werfen Schatten auf die kobaltblaue Unterlage. "Selbst mit allerdünnsten Schneidsticheln und Sägeblättern ist solch eine Ausarbeitung nicht erklärbar", staunt Hartmann.
Derlei Rekordschrumpfungen konnte europaweit lange niemand unterbieten. Erst der Augsburger Stephani und sein Kollege Dresch durchstießen eine Generation später eine neue Schallmauer - mit Blattwerk von nur noch 0,01 Millimetern. Sie hatten die Grenze zum Unsichtbaren erreicht.
Das Leben dieser Mikroschnitzer liegt fast völlig im Dunkeln. Es gibt kaum Lebensdaten, keine Konterfeis, nicht einmal ihre Vornamen sind bekannt. Klar ist nur, dass das Duo um 1790 in London auftauchte und alsbald für Furore sorgte.
Dem Zeitgeschmack entsprechend, hobelten die Schrumpfkünstler vor allem an Pastoralszenen und Segelschiffen: Eine ihrer Fregatten hat - bei 1,8 Zentimeter Höhe - geblähte Segel und Kanonenluken. An Bord stehen zwei Millimeter große Matrosen. Sogar ihre Hüte sind zu erkennen.
Doch der Wettlauf ums immer Kleinere hatte seinen Preis. Die Künstler lebten unter dauernder Anspannung. Wochenlang hobelten sie an ihren Mini-Reliefs herum. Ein Ausrutscher mit dem Stichel aus Toledostahl, und das Geäst ihrer Bäumlein zerbröselte.
Womöglich wurde Paul Johann Hess deshalb gemütskrank. Der Mann, den ein altes Künstlerlexikon als "Genie" lobt, "das gewiss seinesgleichen nicht hat", ertrank 1798 unter ungeklärten Umständen in der Donau.
Ähnlich tragisch erging es Nikolaus Klammer, Sohn eines bayerischen Porzellanmachers, den die Hess-Brüder als Schüler aufnahmen und in die Geheimnisse der Mikroschnitzerei einweihten.
Erst vor wenigen Wochen ist ein bislang unbekanntes Elfenbeinrelief dieses Meisters aufgetaucht. Hartmann erhielt das Stück zur Begutachtung aus Privatbesitz. Es zeigt auf einer 2,4 mal 1,8 Zentimeter großen Fläche eine Hafenszene mit 5 Schiffen und über 20 Personen.
Geradezu süchtig feilte der Mann an seinen Kleinodien und vergaß dabei die Welt um sich. Er verschuldete sich. Als die Frau und alle sechs Kinder - vermutlich an den Pocken - starben, verlor er seine ruhige Hand und fiel in Depressionen. Am Ende fristete er sein Leben als Zeichenlehrer.
Noch elender erging es jenem Feuerteufel und Kerkerschnitzer Magnus Stenbock, der nach knapp fünf Jahren Festungshaft entkräftet starb.
Eders neue Untersuchungen zeigen, dass sich der nordische Herr der Ringe offenbar langsam an sein Rekordobjekt herangetastet hat. Dem Besitzer ist es gelungen, in Museen weitere Elfenbeinketten ausfindig zu machen, die wahrscheinlich ebenfalls aus der Hand des Generals stammen.
Eine davon liegt - zerrissen - im Depot des Grünen Gewölbes in Dresden. Ihre Glieder sind noch etwas gröber. Zwei weitere Exemplare, schon feiner gearbeitet, befinden sich in schwedischen Museen. Sie müssen bereits entstanden sein, ehe Stenbock im Zwinger von Kopenhagen landete.
Erst 1713, inzwischen hinter Gittern, fasste der Adlige offenbar den Entschluss, Unvorstellbares zu vollbringen. In einem Brief aus dem Gefängnis kündigte er an, er plane nunmehr ein unerhörtes "christliches Werck".
Auslöser war womöglich ein überbordender Schuldkomplex. Die letzten Schriften des Häftlings sind voller Tränen und stammelnden Selbstbezichtigungen. Stenbock hatte Angst, dass ihm der Himmel versperrt sei. Womöglich wollte er mit seinem Werk bei Gott um Abbitte flehen.
Auffällig ist, dass viele Stränge der Elfenbeinkette jeweils 51 Glieder aufweisen. Diese Nummer trägt der wichtigste Bußpsalm der Bibel: "Gott sei mir Sünder gnädig." MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 36/2009
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