31.08.2009

MYTHENDer letzte Erbe

Sie standen für Jugend und Optimismus, verhießen Fortschritt und Aufbruch: Auch nach dem Tod des Senators Ted Kennedy, des letzten Großen der amerikanischen Familiendynastie, ist die Strahlkraft des legendären Namens nicht erloschen.
Der Mast mit der amerikanischen Flagge war schon von weitem zu sehen. Die Sonne schien, das Meer leuchtete, die Wiese war frisch gemäht, und das Sommerhaus mit seinen Fensterläden und Schindeln strahlte weiß.
Es war das Abbild einer amerikanischen Postkarte. Es war wie in einer Kulisse, die erzählt von Nachmittagen auf dem Segelboot draußen im Nantucket Sound, von den Footballspielen der drei Brüder, die sich in Badehosen aufmachten, die Welt zu erobern.
Anthony Kennedy Shriver, 44, hatte im Mai vergangenen Jahres zu einem großen Gartenfest auf das Anwesen der Kennedys in Hyannis Port eingeladen, dorthin, wo schon der Großvater gelebt hatte: Joseph P. Kennedy, der sein Geld erst an der Börse verdiente und später während der Prohibition mit dem Schmuggel von Alkohol.
Der Enkel Anthony wollte Spenden sammeln an diesem Tag, insgesamt drei Millionen Dollar für eine Stiftung, die sich um Behinderte kümmert. Die Tische waren mit weißen und roten Blumen geschmückt, Mozzarella mit Cherrytomaten, Rinderfilet mit grünem Spargel wurden gereicht.
Carl Lewis, der ehemalige Sprinter, stand dort, Schönheitsköniginnen aus Massachusetts und auch Tom Brady, der Footballstar, waren geladen. Jemand gab den guten Rat, nicht so viel zu essen, weil es später noch Hummer geben sollte.
Eigentlich hätte der 76-jährige Ted Kennedy an diesem Tag die Rede halten sollen. Morgens noch hatte er mit seinen Hunden auf der Wiese gespielt, beim Frühstück aber war er plötzlich zusammengebrochen und musste mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden, wo schließlich ein Tumor in seinem Kopf gefunden wurde. An diesem Tag im Mai 2008 schlich sich der Tod in das Leben von Ted Kennedy.
Niemand wäre überrascht gewesen, wenn die Familie das Fest abgesagt hätte. Stattdessen aber rief Anthony Kennedy Shriver die Gäste zusammen und hielt eine kleine Rede über seine Stiftung und die Spenden, die er einsammeln wollte an diesem Wochenende. Er trug Jeans und ein buntes Radler-Shirt, er war morgens mit dem Rennrad unterwegs gewesen und hatte sich noch nicht geduscht.
Als Kennedy brauchte er keinen Anzug, um ernst genommen zu werden, auch wenn alle anderen einen trugen. "Ich will jetzt nichts Unpassendes sagen, aber wenn Onkel Teddy schon mal nicht hier ist, sollten wir das ausnutzen. Ich weiß, dass sich viele Leute in den letzten Jahren sein Haus gern anschauen wollten, also nutzen Sie Ihre Chance, es ist immer ein bisschen schwieriger, wenn er zu Hause ist. Wir haben jetzt sturmfreie Bude."
Haltung bewahren, niemals aufgeben. Der Traum muss weiterleben. Ted Kennedy hat diesen Satz immer wieder gesagt. Zum ersten Mal 1968, als sein Bruder Robert im Präsidentschaftswahlkampf ermordet wurde. Er hat ihn auch gesagt, als er 1980 selbst die letzte Chance verpasste, ins Weiße Haus einzuziehen. Der Traum muss weiterleben - deswegen hielt auch damals, im vergangenen Jahr, sein Neffe Anthony die Rede, deswegen gab es weiterhin Bier und gutes Essen. Mag passieren, was will, es muss immer weitergehen. Auch jetzt, nach dem Tod von Ted Kennedy, des letzten Großen der Dynastie, im Alter von 77 Jahren am vorigen Dienstag.
So sehen die Kennedys das, und so sieht es die Welt. Es ist die Familie, die einen neuen Stil von Politik erfand, in der sich Washington und Hollywood zusammenfanden, Gerechtigkeit und Glamour, Aufbruch und Eleganz. Sie schuf ein neues Bild von Politik, in der Parteiprogramme keine Rolle spielten, sondern große Worte wie Freiheit und Optimismus.
Den Traum gibt es jetzt seit bald 50 Jahren, und wo immer auf der Welt heute ein junger Politiker auftritt, der gut reden kann und einen Neuanfang verspricht, ist er auch wie ein Kennedy.
Der Name ist zum Maßstab geworden für die Idee von einer neuen, besseren Welt, auch wenn die lebenden jüngeren Kennedys, 26 Cousins und Cousinen der dritten Generation, das Versprechen ihres großen Namens niemals mehr einlösen können. "Ich mache mir nichts vor", sagte Anthony Kennedy Shriver im vergangenen Jahr auf dem Sitz seiner Familie, "die Leute kommen wegen unseres Namens. Und deswegen benutze ich ihn."
Die drei Brüder, John, Robert und Edward, waren die Keimzelle dieses Traums, eine kleine Bande, ehrgeizig, sympathisch, sexy. Sie wurden getrieben von den Ambitionen ihres Vaters, der selbst einmal Präsident werden wollte, aber scheiterte, auch weil er als Botschafter der USA in London Sympathie für Adolf Hitler gezeigt hatte.
Sie wollten sich messen, immer besser sein als die anderen, im Football, beim Tennis, beim Debattieren. Der Vater erzog sie wie beim Militär, etwas wert war nur der, der es nach oben schaffte, in ein politisches Amt, und schließlich zur Präsidentschaft. Er formte aus der Familie eine Firma, bis heute gibt sie jedem seinen Platz, bietet sie eine Chance, sich zu bewähren, um aufzusteigen.
Als sich vor ein paar Jahren der Rocksänger Bono bei Teds Schwester Eunice meldete, weil auch die Kennedys etwas für Afrika tun sollten, verwies sie ihn nicht etwa an ihren Bruder Ted, sondern an ihren Sohn Bobby Shriver, der von da an mit Bono Geld für Afrika sammelte. Es galt das Prinzip, dass immer der Nächste aufrückte, wenn einer seinen Platz freimachte. Nur kein Stillstand, immer weiter mit der Stafette.
Stark, unerschütterlich, optimistisch, das sind die Kennedys, sie sind aber auch ein Meisterwerk der Selbstinszenierung. Lange sollte niemand etwas wissen von den Schwächen, von den Schlägen, die auch diese Familie trafen. Von Rosemary Kennedy, der ältesten Schwester von JFK, die geistig behindert war und nach einer riskanten und missglückten Operation weggesperrt wurde.
Von den Schmerzen John F. Kennedys, der immer kränklich war, manchmal kaum in der Lage zu regieren, von seinem schwachen Rücken und den Cortisonspritzen, mit denen er fit gehalten werden musste. Niemand sollte das sehen, auch das gehörte zum System Kennedy: Nur so konnte das Charisma der Jugend zum Kennedy-Kult werden.
Der Mord an John F. Kennedy 1963 in Dallas hat dieses Bild eingefroren, die Jungenhaftigkeit dieses Präsidenten. Zugleich hat dieser Tod seine Präsidentschaft vor einem harten historischen Urteil bewahrt. Nicht die Kuba-Krise und die Killerkommandos prägen sie bis heute, nicht die Er-
innerung an seine zahlreichen Affären, sondern die unvergesslichen Bilder, von seiner Freundschaft mit Frank Sinatra, von Marilyn Monroe, die "Happy Birthday, Mr. President" für ihn hauchte, und von seiner Tochter "Sweet Caroline" mit Pferdeschwanz.
Sein Tod hat erst den Mythos geschaffen, eine Art Franchise, eine Lizenz für seine Nachfahren, die JFKs Rolle, seine Präsidentschaft stets für ihre Zwecke umdeuteten.
Seine unvollendete Amtszeit wurde zur Projektionsfläche für allerlei Wünsche und Karrieren; jeder auf seine Art spann weiter am Mythos. Seine Frau Jacqueline verbreitete überall nach seinem Tod, wie sehr John F. Kennedy die Sage von Camelot liebte, die Geschichte von König Artus und seinen Rittern der Tafelrunde, ein König, der für sein Land starb und zum Helden wurde.
Sein Bruder Robert führte in seinem Namen den Kampf für mehr Gleichberechtigung der Rassen, obwohl sich John F. Kennedy für die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King nur sehr zögerlich erwärmt hatte. Und Teddy Kennedy nutzte den Ruf seines Bruders für seinen Kampf um mehr soziale Gerechtigkeit, obwohl JFK in Wirklichkeit nie der liberale Vorzeigepräsident war, den auch seine Parteifreunde später aus ihm zu machen versuchten.
Immer mehr entrückte der Mythos, und jede Tragödie, die den Mythos nährte, schuf neue, übermenschliche Erwartungen an die Erben.
Erst der Mord an John, dann der Mord an Bobby, der gute Chancen hatte, auch Präsident zu werden, in einem Hotel in Los Angeles im Sommer 1968. Dann 1969 Teddys Autounfall in Chappaquiddick mit dem Tod seiner Begleiterin Mary Jo Kopechne, der für die Kennedys ein für alle Mal das Ende der Träume vom Weißen Haus besiegelte.
Ted Kennedys Sohn Patrick fragte sich einmal, ob er überhaupt "genug Kennedy" sei: hart genug, ehrgeizig genug, erfolgreich genug. Nicht einmal sein Vater traute ihm anfangs ein Amt zu. Der "Boston Globe", das Heimatblatt des Clans, nannte ihn einen "Un-Kennedy", das Gegenteil für jung, sexy, männlich, die lebende Antithese zum Mythos von Camelot.
Patrick Kennedy ist heute Abgeordneter im Repräsentantenhaus, seit dem Tod seines Vaters in der vergangenen Woche der letzte gebürtige Kennedy, der ein nationales politisches Amt innehat; aber jeder öffentliche Auftritt, selbst ein Interview scheint für ihn eine Tortur.
Die Legende ist längst zur Bürde geworden. Einige haben sich abgewendet wie die Ehefrau von Arnold Schwarzenegger, Maria Shriver, die sich stets gegen das Ansinnen gewehrt hatte, ein politisches Amt anzustreben. Caroline Kennedy, die Tochter von JFK, zog sich in letzter Minute zurück, als der Clan sie zur Kandidatin für den frei gewordenen Senatssitz von Hillary Clinton bestimmen wollte.
Andere aus der Familie wollten Großes wie ihre Väter und Onkel und verwechselten wahre Heldentaten mit halsbrecherischen Mutproben. Sie versuchten hip zu sein, abenteuerlich, provokant, um jeden Preis, aber sie verloren sich im Grenzgebiet zwischen Glamour und Klamauk.
Sex, Drogen, Alkohol beschädigten den Mythos von Amerikas "First Family". 1984 starb Robert Kennedys Sohn David in Florida an einer Überdosis Drogen. 1997 verunglückte dessen Bruder Michael beim Skifahren in Aspen tödlich. Und 1999 kamen John F. Kennedy Jr., damals der heimliche Kronprinz, seine Frau Carolyn und deren Schwester bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
Ted Kennedy war der letzte große Stammhalter der Kennedys, aber er war kein großer Redner und auch kein Visionär. Stattdessen hat er in seinen mehr als 40 Jahren im Kapitol 2500 Gesetze im Senat eingebracht. Er war der erste und einzige der Kennedy-Brüder, der graue Haare bekommen hat, dem alle zuschauen konnten beim Altern.
Seit einem Flugzeugabsturz 1964 hatte er chronische Rücken- und Nackenschmerzen, er wurde bald übergewichtig, sein Gesicht gezeichnet vom Alkohol und vom Alter. Aber den Mythos der Kennedys konnte er trotzdem bewahren.
Als sich Barack Obama im vergangenen Jahr aufmachte, Präsident zu werden, suchte er die Unterstützung der Kennedys, er wollte der erste schwarze Kennedy werden. Aber er brauchte nicht den jugendlichen Charme, der die Kennedys berühmt gemacht hat, den Glamour des Clans, Charisma hatte er selbst genug.
Er brauchte jemanden, der ihm Glaubwürdigkeit verlieh, er brauchte den Mythos. MARC HUJER
* Vorn: Patricia, Rose, Edward, Joseph, Rosemary, Eunice; hinten: John, Jean, Robert, Kathleen.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 36/2009
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