31.08.2009

MIGRANTENVerfluchte Freiheit

Ein junger ägyptischer Akademiker in Deutschland hat die Geschichte seiner Entwicklung aufgeschrieben - ein Ausbruch aus der frommen Tyrannei der Tradition.
Hamed Abdel-Samad hat schon mehrere Leben hinter sich. Mit 16 machte er Abitur, umarmte seine Mutter, gab dem Vater die Hand und brach in die Hauptstadt Kairo auf, ein begabter junger Mann, der nicht nur lernen, sondern die Welt verändern wollte.
Die erste Entscheidung, die er treffen musste, so erinnert er sich, war: "Schließe ich mich den Marxisten oder den Muslimbrüdern an?" Sein Vater war ein Imam, also ging er zu den Marxisten, "Muslimbrüder ohne Gott". Nach einem knappen Jahr hatte er genug von den gottlosen Revoluzzern und wechselte zu den echten Muslimbrüdern. Die nahmen ihn mit offenen Armen auf und boten ihm alles, was ein wacher und suchender Geist braucht: Spiritualität, Kameradschaft, Nestwärme. Den Koran zu lesen, hatte ihm schon sein Vater beigebracht; bei den Brüdern lernte er, die Lektüre in die Praxis umzusetzen, für Allah und den Sieg des Islam über die Ungläubigen. Am meisten Spaß machte es, bei Demonstrationen mitzumarschieren, die Fahne des Propheten zu schwenken und zu rufen: "Tod den Juden!"
Heute, keine 20 Jahre später, lebt Hamed Abdel-Samad in München, ist mit einer Dänin verheiratet und arbeitet am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität. Thema seiner Dissertation, die gerade entsteht, ist das "Bild der Juden in ägyptischen Schulbüchern".
Eine erstaunliche Biografie, so verschlungen, dass man zuerst an einen Abenteuerroman glauben möchte, eine arabische Ausgabe von Felix Krull. Aber Hamed Abdel-Samad ist kein Literat und auch kein Hochstapler, er hat nur aufgeschrieben, was er erlebt hat, seinen "Abschied vom Himmel"*.
Es ist der Weg aus einem ägyptischen Dorf nach Europa, das Schicksal eines muslimischen Migranten, der Wandel vom Glaubenskämpfer zum aufgeklärten Intellektuellen - einzigartig, verrückt und doch irgendwie exemplarisch. Das Buch, so der Autor, erzähle "eine ganz gewöhnliche Geschichte, wie sie tausendfach passiert"; ungewöhnlich sei allenfalls, dass sich ein junger Mann wie er getraut habe, sie anderen mitzuteilen.
Bei Frauen kommt so was öfter vor. Männer dagegen, so Abdel-Samad, würden lieber über ihre Heldentaten berichten als darüber, wie sie geschlagen, miss-
braucht und vergewaltigt wurden, wie sie gelitten haben und immer noch leiden und wie viel Kraft es sie gekostet hat, sich aus der Tyrannei der Tradition zu befreien.
Genau das hat Hamed Abdel-Samad gemacht, 1972 als drittes von fünf Kindern eines Predigers bei Gizeh geboren, vom Schicksal dazu bestimmt, eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.
Er studierte Englisch und Französisch an der Universität in Kairo, nahm einen Job am Flughafen an und lernte zufällig eine deutsche Touristin kennen, die ihn zu sich nach Augsburg einlud. Die beiden heirateten, aber nicht aus Liebe. Sie war 18 Jahre älter und geschieden, hatte "die Lohnsteuerklasse drei" vor Augen, er "den deutschen Pass". Die Ehe hielt nur kurz, die kulturellen Differenzen waren noch größer als der Altersunterschied.
In seinem Buch wundert sich Abdel-Samad über den "unmäßigen Alkoholkonsum der Deutschen", die "wie Tiere arbeiten und wie Tiere Spaß haben". Deutschland kommt ihm fremd vor, "wie ein kompliziertes Gerät, für das es keine Gebrauchsanweisung gibt". In nur vier Monaten lernt er "Schwimmen und Radfahren", Deutsch und auch den Umgang mit Begriffen wie "Selbst-Über-Windung" und "Beziehungs-Arbeit".
Er besteht eine Eignungsprüfung für das Studium der Politikwissenschaft an der Universität Augsburg und stürzt sich in "diese verfluchte Freiheit". Seine Magisterarbeit über "Radikalisierung in der Fremde" handelt von jungen Muslimen in Deutschland, die aus "bedingungsloser Religiosität" heraus in die Isolation geraten und keine Gelegenheit auslassen, "gekränkt und gedemütigt" zu sein.
Dabei habe er gemerkt, sagt er, dass es nicht nur um den Frust in der Fremde geht: "Das ständige Beleidigtsein ist unsere Schweinegrippe, wir überlegen jeden Tag, wer und was uns wieder gekränkt hat; überall in der arabischen Welt sind die Leute frustriert, sie wissen nicht, wohin mit ihrer Wut und suchen nach Sündenböcken."
So war er auch einmal, zornig und immer auf der Suche nach jemandem, den er für sein Unglück verantwortlich machen konnte.
Die Wut gegen die eigenen Eltern zu richten war unmöglich, obwohl er vom Vater misshandelt worden war und zusehen musste, wie der die Mutter schlug: normal, das machten alle Männer und Väter. Als er mit vier Jahren von einem 15-Jährigen missbraucht wurde, hatte er keinen, dem er sich anvertrauen konnte. Mit elf wurde er noch einmal vergewaltigt, diesmal von einer Gang älterer Schüler. Auch diese Erfahrung musste er für sich behalten, um nicht Schande über sich und seine Familie zu bringen. Das Leben war von einem Gedanken bestimmt: "Was man tun muss, um seine Ehre nicht zu verlieren."
Abdel-Samads Schwestern waren jeweils 16, als sie die Schule verließen und ihre erheblich älteren Lehrer heirateten. Die eine wurde mit 38 Großmutter, die andere mit 34. Alles ganz normal, Hauptsache, die Frau geht unberührt in die Ehe. Den Unverheirateten bleibt nur die Flucht in die Phantasie oder die Religion. Freitags, so schreibt Abdel-Samad, seien "die Moscheen voll mit diesen im sexuellen Notstand lebenden jungen Menschen". Die gesellschaftlichen Zustände färbten auf die zwischenmenschlichen Beziehungen ab: "Jeder unterdrückt jeden. Der Staat unterdrückt die Menschen, und die Menschen unterdrücken einander."
Es dauert eine Weile, bis er sich aus diesem Kreislauf herauskatapultiert. Mitten im Studium in Augsburg zieht es ihn für ein Jahr nach Japan, wo er die Landessprache lernt. "Ich wollte weg aus Europa, weg vom Islam, weg von allem." Auf einer Konferenz in Kyoto trifft er seine jetzige Frau Connie. Deren Mutter ist Japanerin, ihr Vater Däne. Connie wurde in Kopenhagen geboren, hat in Japan Philosophie studiert und will mit einer Arbeit über Sartre und Kierkegaard promovieren.
Nach dem Studium arbeitet Abdel-Samad bei der Unesco in Genf, dann am Lehrstuhl für Islamwissenschaft in Erfurt und schließlich am Institut für Schulbuchforschung in Braunschweig, bevor ihn der Historiker Michael Brenner im Herbst 2008 an die Uni München holt, ausgerechnet ans Institut für Jüdische Geschichte und Kultur.
Mehr multikulti geht nicht. "Wer, wenn nicht ich?", sagt Abdel-Samad dazu, "ich mache das, was zu meiner Biografie passt, ich biete mein Leben an." Schließlich sei er in seiner Jugend ein "überzeugter Antisemit" gewesen, obwohl er "noch nie einem Juden begegnet war".
Der Sohn eines Predigers hat sich sein Leben von der Seele geschrieben. Es war Zufall, dass es so gekommen ist. Als er einmal im Krankenhaus lag, fing Abdel-Samad an zu schreiben, ohne Konzept und ohne Notizen, mal auf Deutsch, mal auf Arabisch, schließlich "sah das Buch aus wie ich".
Er gab das Manuskript einem Freund zu lesen, der bot es einem kleinen unabhängigen Verlag in Kairo an - als Roman, alles andere wäre zu gefährlich gewesen. Das Buch wurde von fast allen großen ägyptischen Zeitungen besprochen und veranlasste eine Vereinigung namens "Nusrat al-Islam" (Unterstützung des Islam) zu einer Fatwa, die bis jetzt ohne Folgen blieb. Nur in Abdel-Samads Heimatdorf gab es Tumulte, einige Bewohner wollten das Buch verbrennen, worauf Abdel-Samads Vater nach über zwölf Jahren zum ersten Mal wieder auf die Kanzel stieg, um seinen Sohn zu verteidigen. Seit dessen Weggang ins Ausland hatte er nicht mehr gepredigt, so sehr schämte er sich, dass er als Erzieher versagt hatte.
Nicht, dass er jetzt stolz auf seinen Sohn wäre, aber: "Er respektiert, was ich mache." Nur Abdel-Samads Mutter tut so, als wäre nichts passiert. Dass ihr Sohn kein religiöser Mensch mehr ist, dass er sich von einem "wütenden unberechenbaren Gott" verabschiedet hat, nimmt sie nicht zur Kenntnis. Alles, worauf es ihr ankommt, ist, dass sie ihn ab und zu wieder in die Arme nehmen und für ihn kochen kann.
Und Abdel-Samad selbst? Ist er jetzt zur Ruhe gekommen? Je mehr er über sich nachdenkt, umso größer wird wieder seine Distanz zu Deutschland. Neulich war mal wieder auf einer Versammlung von Gutmenschen die Rede von den Ausländern, die Deutschland "kulturell bereichern" würden. Da stand er auf und sagte: "Ich bin nicht hergekommen, um euch zu bereichern. Ich habe mein Land verlassen, um in Freiheit leben zu können."
Abdel-Samad teilt heute die Menschen nicht in Freunde und Feinde ein, sondern in solche, die die Freiheit lieben, und solche, die sich versklaven lassen, egal ob von einer Religion oder einer weltlichen Ideologie. Den Koran kann er noch immer auswendig, hat aber schon lange keine Moschee mehr besucht. Allerdings: Wenn er einen Burger bestellt, bittet er darum, dass er ohne Speck zubereitet wird. "Ich bin ein Muslim, der vom Glauben zum Wissen konvertiert ist." Er hat Kant, Hegel, Spinoza, Kafka und Tocqueville gelesen, er kann aber auch Paulaner, Franziskaner und Erdinger Weißbier am Geschmack unterscheiden - in Bayern ein wesentliches Indiz für geglückte Integration.
Und wenn einer wissen möchte, wie er das alles mit seiner Herkunft vereinbaren kann, dreht er den Spieß um: "Entschuldigen Sie bitte, bin ich Ihnen nicht muslimisch genug?" HENRYK M. BRODER
* Hamed Abdel-Samad: "Mein Abschied vom Himmel". Fackelträger Verlag, Köln; 320 Seiten; 19,95 Euro.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 36/2009
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