07.09.2009

WELTWIRTSCHAFTZu verkaufen, zu verschenken

In Manhattan entstand die Krise, drastischer als anderswo ist sie dort zu spüren. Bürgermeister Bloomberg spricht von Notstand, Millionen kämpfen um ihre Arbeit. Ist die Gegenwart New Yorks die Zukunft für den Rest der Welt? Von Klaus Brinkbäumer
Sie wissen noch, wie es damals war, das ist es ja. Die Helden und Heldinnen New Yorks, die sich gestern als Ritter und Bezwingerinnen Manhattans fühlten, erinnern sich viel zu gut auch an vorgestern, an die siebziger Jahre, das New York einer Zeit, ehe die Millionengehälter über die Stadt kamen.
Sie erinnern sich, und sie sehen die Zeichen. Darum die Furcht.
Cathy, einst Bankerin, heute Obdachlose vom Tompkins Square: Sie denkt an das Heroin und den Gestank. In den Siebzigern hatte Cathy eine kleine Wohnung nicht weit von hier in der Orchard Street, dreimal wurde dort eingebrochen, sie erinnert sich an brennende Autos und Scherben, an Rauchsäulen und Polizisten, die bei jedem Hieb "fuck you" brüllten.
Der Gastronom Fred Austin sagt, dass er bei sich im "Katz's" keine Toilettentüren hatte wegen der Junkies. Die sollten sich immerhin schämen, wenn sie sich schon vor allen Gästen die Spritzen setzten.
Tom Birchard, Wirt des "Veselka", sagt, damals in den Siebzigern habe er sich den New Yorker Gang angewöhnt: schnell, scharf, immer die kommenden zwei Blocks im Blick, alle zehn Schritte umdrehen, keinem Hauseingang bis auf Reichweite nahe kommen, die Seite oder gleich die Richtung wechseln, sobald zwei oder mehr schwarze Männer sich nähern.
Neben den Morden und den Huren und dem Wissen, dass Harlem oder die Bronx Todeszonen für Weiße waren, sei das Übelste damals die U-Bahn gewesen, das sagt Michael Bloomberg, der Bürgermeister. "Die U-Bahn war heiß und nie pünktlich, alles war feucht und vollgeschmiert und voller Müll, Menschen gingen rein und kamen nicht wieder raus. Ein Inferno."
Nur Grace von der Wall Street sagt, sie habe "keine Angst vor der Rückkehr der Armut".
Es war das erste Gespräch, vor einem halben Jahr, Grace Dolan Flood sagte, ihre Angst sei eine andere: "Ich habe Angst, dass ich das falsche Leben gelebt habe. So viele Jahre, so kraftraubend, und auf einmal bist du raus. Und dann?"
Es ist das New-York-Gefühl 2009: der Zweifel. Die Sorge. Und die Angst.
Davor, dass sich alles am Ende nicht lohnen wird, die Investitionen, die Anstrengung, der ständige Kampf. Vor Drogenschulen, vor Spielplätzen, die wieder zu Tatorten werden könnten, vor zerbrochenen Fensterscheiben, vor dem Verfall. Vor einer Zukunft, die sich anfühlen könnte wie die Vergangenheit.
Wer das New-York-Gefühl im Süden Manhattans finden will, an der Wall Street, im East Village, auf der Lower East Side oder in Tribeca, kommt nicht ohne Zweifel durch die Stadt: New York City besteht aus fünf Bezirken und Tausenden Vierteln und ist zu groß für schlichte Wahrheiten. Am Telefon ist Donald Trump, Immobilienmilliardär. "Mein Freund", sagt er zur Begrüßung; dann: "Es geht New York blendend. Wir haben einen glänzenden Polizeichef, einen glänzenden Bürgermeister, wir sind in glänzender Verfassung." Donald Trump repräsentiert jedoch eine Minderheit in diesem Sommer.
In einem Café am Union Square sitzt Jamie Johnson, 30, Pharma-Erbe und Dokumentarfilmer ("Born Rich"), und Jamie sagt: "Die ganze Stadt hat die ernsthafte Angst, ihre Bedeutung zu verlieren. Die Leute fühlen sich verwundbar. Eine Generation, die nie harte Zeiten sah, spürt, dass die Erwartung, dass alles immer besser wird - geile Schule, geiler Abschluss, geiler Job, geiles Geld -, sich nicht erfüllen wird. Das lässt sie zittern."
Denn New York ist seit September 2008 das Zentrum der Wirtschaftskrise, hier begann sie, hier war die Krise früher als anderswo zu sehen. Und spürbar.
Läden schließen oder halten mit Mühe noch durch, bieten "3 Anzüge für $ 250" an, keiner kauft. "Food traffic", die Taxifahrt quer durch Manhattan zum coolsten Restaurant, gibt es kaum mehr. Dafür mehr Diebstähle, Raubmorde, Drogendelikte. Es gibt nun New Yorker, die so tun, als seien sie überrascht, wenn Kneipen nur Bargeld annehmen, die sagen, sie gingen eben zum Geldautomaten, und nicht wiederkehren. "Impulse shopping", der Gang zur Boutique in der Mittagspause, ist still gestorben. Und 6,5 Prozent aller Läden in Manhattan stehen schon leer, ein Zwanzigjahreshoch; auf der Fifth Avenue, zwischen 42. und 49. Straße, der Shopping-Meile der westlichen Welt, sind es 15 Prozent, selbst "Brooks Brothers" ließ vernagelte Fenster zurück. Und Gerüste. Und die Schilder: zu vermieten, zu verkaufen, zu verschenken.
Die Restaurants der Stadt werben mit "recession dinners": Hot Dog und Bier für fünf Dollar. Es sind wieder Tische zu bekommen, immer, überall, und der Concierge ruft zurück und macht Angebote; es wirkt wie das Ende des Snobismus.
Die Schlaglöcher werden größer. Sind da nicht auch mehr Ratten, seit Lehman Brothers fiel? Die Müllsäcke stapeln sich, weil Restaurants und Hotels den Abtransport selbst bezahlen müssen und lieber sparen. Obdachlose streifen durch die Straßen, Wohnungen stehen leer, Vermieter bieten Nachlässe an, all das war vor kurzem undenkbar, jedenfalls hier in Manhattan und drüben in Brooklyn.
Man kann unterschiedlich reagieren auf eine Krise. Der Düsseldorfer Andre Wechsler, einstiger Wall Streeter, dann beschäftigungslos, hat eine Currywurst-Bude an der First Avenue aufgemacht, die Stadtmagazine preisen ihn, wie pfiffig, "so German", und wie lecker.
Hundert Meter weiter sitzt Cathy auf einer Bank und sagt: "Keine Kraft mehr. Ich habe keine Versicherung, keine Arbeit, keine Wohnung." Cathy wohnt in U-Bahn-Waggons und auf den Bänken des Tompkins Square Park, eine Frau im Regenmantel und mit Einkaufswagen. Sie war Brokerin bei Merrill Lynch. Sie hat nicht gespart, übrig ist nichts. Wenn eine wie Cathy ihren Job verliert, geht es schnell hinab in einer Stadt ohne Netz, und tief.
Es ist eine Kettenreaktion. Der Motor der Stadt war die Wall Street, New York ist seit 1990 zur monothematischen Weltstadt geworden. Wenn Lehman Brothers rund 25 000 Menschen verliert, fehlen Steuermillionen, die für Schulen und Polizei und Straßenbau gebraucht werden, Kinder werden aus Privatschulen genommen, es fliegen Putzfrauen und Gärtner raus, das alles wirkt auf den Immobilienmarkt und sämtliche Konsumsparten, und gelbe Taxis fahren nun suchend durch die Stadt, leer bis auf Fahrer, die jene Touristen jagen, die noch Geld ausgeben. Und dann entlässt AIG Tausende und dann Merrill Lynch.
Könnte auch diese Gegenwart New Yorks wieder die Zukunft Berlins und des Rests der Erde sein? New York also wie so oft eine Folie, ein Vorbild, nur diesmal für Angst: das neue Weltgefühl?
Die New Yorkerin Grace Dolan Flood denkt flink, und sie kann reden, sie war Verkäuferin. Ihr Job bestand darin, Beziehungen aufzubauen, Vertrauen. Grace musste Firmen und Privatkunden davon überzeugen, dass sie ihr Vermögen bei der Investment-Bank UBS anlegen wollten. Die Kollegen erfanden die Anlagemodelle, Grace suchte die Anleger zu den Modellen, dafür telefonierte sie, reiste, dafür vergaß sie Familie, Ferien, die Liebe auch, sagt sie, sie arbeitete 15 Jahre lang an der Wall Street, und der Lohn waren mindestens 300 000 Dollar pro Jahr und oft mehr.
Und diese Wohnung hier, Chambers Street Ecke Greenwich, weiter Blick, lässige Lage. Und der Jaguar in der Garage. Und der Status einer Wall Streeterin. Die Kostüme auch, Prada, 800 Dollar, nie getragen, Grace kam nicht mehr dazu.
Sie trank Tee bei diesem ersten Gespräch, sie hat sommersprossige Haut, rote Haare, sie trug ein Trikot von Aston Villa.
Natürlich kannte eine wie Grace Dolan Flood den Markt. Sie kannte die Zyklen, wusste, dass es alle zehn Jahre eine Blase gibt, dann, "wenn wieder alle zu aufgeregt wegen ein und derselben Sache werden", sagt sie; Grace kaufte, wenn andere verkauften, so hatte sie sich auch diese Wohnung besorgt, nach dem 11. September 2001, als sie 435 000 Dollar kostete, weil alle wegrannten aus Lower Manhattan; die Wohnung ist heute 900 000 wert.
Grace sah die Krise kommen, bereitete sich vor, kaufte ein bisschen in fallenden Märkten und hortete Bargeld, um handlungsfähig zu sein. Einen Sturm sah sie kommen, aber nicht den Untergang ihrer Welt. Im Mai 2008: die Kündigung. Danach: die Suche.
Die Wall Street, die Grace gekannt hatte, gab es nicht mehr. Am Anfang reagierte sie noch wie üblich: Sie rief Headhunter an, die sie in Vorstellungsgespräche brachten; sie baute auf ihr Netzwerk, aber es war vorbei, keiner konnte mehr irgendwem helfen. Grace sagte, ihr Ruf sei exzellent: "Kann Beziehungen aufbauen. Ist sehr gebildet. Mannschaftsspielerin. Kundenorientiert. Das ist mein Ruf." Aber der interessierte keinen mehr, nach den Vorstellungsgesprächen kam das Schweigen. Grace holte sich eine Strickjacke und ein Bier. Sie stieg über eine Umzugskiste.
Es lässt sich in Manhattan sehen, was die Krise anrichtet. Virgin hat seine weltweit wichtigste Dependance geschlossen, am Times Square, die Ladys von der Upper West Side lassen sich bei Gucci braune Papiertüten geben, ohne das Firmenlogo. Der Ökonom Colin Camerer sagte dem "New York Magazine", dass Handlungen, die in guten Zeiten glamourös sind, in schlechten ekelhaft werden.
Wohin führt das alles noch? Der Bürgermeister muss beide Thesen zugleich vertreten: Alles ist so schlimm wie noch nie - und alles ist halb so wild.
Denn einerseits hat Michael Bloomberg zu erklären, warum er im November ein drittes Mal gewählt werden will, was unmöglich und gegen das geltende Recht war, bis er das geltende Recht per Stadtparlamentsbeschluss ändern ließ. Es herrsche Notstand in New York, echte Gefahr, New York brauche ihn, sagte Bloomberg, nur er könne die Stadt aus der Krise führen.
Und andererseits führt Bloomberg nun einen Wahlkampf mit 90 Millionen Dollar aus eigenem Vermögen, und wenn man ihn dabei begleitet - von Gracie Mansion, der Residenz am East River, einer weißgelben Villa, zur Hispanischen Handelskammer in Queens zur Vereinigung der Tischler und Schreiner im Sheraton in der 53. Straße zu einer Preisverleihung bei einem jüdischen Geschäftsmann -, dann hört man Bloomberg schon wieder schwärmen von dieser "großartigsten Stadt der Welt", "deren beste Tage noch kommen", weil sie auch diese "Krise besiegen wird".
Bloomberg gilt als Mann wie New York. Er sei flott und gescheit, manisch, cholerisch und ein bisschen größenwahnsinnig, sagen die, die für ihn arbeiten. Gracie Mansion zum Beispiel ist ihm zu klein, er wohnt lieber in seinem Stadthaus am Central Park, tut aber so, als fahre er U-Bahn wie seine Wähler, doch zur U-Bahn bringt ihn der Chauffeur. Wenn ihm ein Bürger vorwirft, mit seiner dritten Kandidatur die demokratischen Regeln zu verraten, weil gegen seine Medienmacht und die Millionen keiner ankomme, antwortet er: "Du bist eine Schande."
Michael Bloomberg, der jedes Gespräch mit "Nenn mich Mike" eröffnet, ist klein. Er ist unabhängig. Er war mal mutig. Die Reporter Manhattans halten Bloomberg vor, nach einer glänzenden ersten Amtszeit, den Jahren bürokratiefreien Handelns, die zweite Amtszeit verschwendet zu haben für seine Ambitionen, in den Präsidentschaftswahlkampf einzusteigen. "Es hat letzte Woche nur zweimal geregnet, einmal drei und einmal vier Tage", das ist sein bester Witz, er macht ihn sechsmal an diesem Tag, doch seine Anhänger sagen, er habe Humor. Er hat auch, so sagen es seine Leute, eine Menge Ideen für die Rettung New Yorks vor dem Untergang.
Es stimme nämlich nicht, dass ganz New York von der Wall Street abhänge, "wir sind die Modehauptstadt der Welt, die Medizinhauptstadt, wir sind die Medienhauptstadt", sagt Bloomberg. 75 000 verlorene Arbeitsplätze in der Finanzwelt, 300 000 im Rest New Yorks, das war die Krisenprognose seiner Regierung, bisher sollen es erst 100 000 verlorene Jobs sein.
Es gibt nun einen Fonds, der Kleinkredite für den Neustart verteilt, es gibt ein Umschulungsprogramm für die Arbeitslosen der Wall Street. "7,5 Milliarden stecken wir in unsere öffentlichen Schulen, wir werden nach der Krise stärker sein als vor der Krise", sagt Michael Bloomberg, der Wahlkämpfer.
Und Tom Birchard sitzt mit einem Milchkaffee vor dem "Veselka", New Yorker Institution, gegründet von ukrainischen Einwanderern. Birchard übernahm den Laden vom Schwiegervater, East Village, Second Avenue, Ecke 9. Straße; Birchard hat weiße Haare, blaue Augen, trägt Shorts, T-Shirt, Turnschuhe, so läuft man in New York durch den Sommer.
Birchard kam hierher wie so viele Suchende. Sein Vater arbeitete für Campbell's, die Suppenfirma, dann brachte er Soldaten das genaue Bombenabwerfen bei; Tom, Republikaner-Sohn, wollte fort aus Pennsylvania und zog ins East Village, es war 1967, "es war verrückt hier, es wurde in der ersten Nacht mein Zuhause". Da waren Schwarze, Schwule, Lesben, da war Andy Warhol, der weiter oben wohnte, näher am Central Park, aber nachts vorbeischaute, und damals wusste Tom Birchard nicht, was er werden wollte, es war nicht wichtig. Er frühstückte im "Veselka", lernte seine erste Ehefrau kennen, dann starb der Schwiegervater, und Birchard wusste jetzt, wie er sein Leben verbringen wollte. Im "Veselka".
Die Kinder spielten damals Stockball auf der Second Avenue. Autoschrauber ölten ihre Motoren auf dem Gehsteig. Maler malten, Schreiber schrieben, Musiker probten, und die Hippies sahen zu, lasen, hörten und kifften. Ein anderes Manhattan, ein gutes Manhattan, in jenen Jahren vor 1970. Im "Veselka" gab es eine Polin, die die Bestellung aufnahm, den Tisch deckte, den Borschtsch kochte, den Borschtsch brachte, kassierte, abwusch, und schnell war sie nicht.
Dann ging der Stadt das Geld aus, die Ausgaben waren zu hoch, Bürokratie und Bauprojekte zu teuer, die Steuereinnahmen deckten den Bedarf nicht. Der U-Bahn-Bau stockte, die Löcher wurden mit Stahlplatten bedeckt, die Ratten kamen heraus, und das Viertel kippte.
Drüben, Ecke First Avenue, war das "Vereinsheim der Mafia", sagt Birchard, deren Boten rannten herum und sammelten das Geld für die illegale Lotterie ein. Aus Marihuana wurde Heroin, aus Hippies wurden Zuhälter und Prostituierte, es kamen die Einbrüche, die Morde. Es geschah hier, gleich um die Ecke und vor der Tür, auch drinnen im Restaurant, damals halb so groß. Man trug Messer mit sich im East Village, "in jedes Apartment wurde eingebrochen", sagt Birchard, dem sie den Fernseher raubten aus seiner Bude, die 125 Dollar im Monat kostete. "Und östlich der Avenue A brannten Hausbesitzer die eigenen Häuser aus, weil keiner mehr Miete bezahlte, alle hier lebten entweder von Sozialhilfe oder von Drogen", sagt Birchard.
Und dann ... schlug das Pendel zurück, macht es das nicht immer? Billige Häuser zogen neue Künstler an, Schachfigurenschnitzer, Designerinnen; Cafés öffneten, und die New York University, drüben am Washington Square, brachte Studenten ins "Veselka", seit die "Village Voice" über Tom Birchards "Blintzes" geschrieben hatte, die süßen Quarkpfannkuchen.
Dann die Neunziger, das Jahrzehnt des Geldes. Wall Street übernahm New York, und Menschen, die 2000-Dollar-Mieten zahlen können, übernahmen das East Village. Die Ketten folgten: "Starbucks", "Dunkin' Donuts"; "give me a break", sagt Tom, "Stopp, Schluss jetzt".
Und jetzt?
Es ist ein Schnitt, alle hier spüren es. Kommen die Siebziger zurück - good Morning, Vergangenheit? Geschichte wiederholt sich selten und endet nie, auch die Entwicklung dieser Stadt nicht, die sich schon deshalb wandelt, weil immer neue Migranten kommen und ihre Straßenblocks verändern, die Regeln auch.
Ein neues, einst undenkbares New York gewöhnt sich unter Bloomberg an Klimaschutz und Radwege, am Times Square, auf der Ninth Avenue, von Ost nach West, und nur Taxifahrer ziehen noch von links nach rechts über sechs Spuren und fahren Radler tot; weiße Fahrräder, "Ghost Bikes", angekettet an Laternenpfähle, erinnern an die Opfer.
Das New York der Wall-Street-Jahre war eine Stadt der Egozentriker; nun melden sich reiche Arbeitslose, die in Suppenküchen arme Arbeitslose versorgen wollen, "Citymealson-Wheels", Küche auf Rädern, wächst, und einstige Banker möchten Schülermannschaften Baseball beibringen. Wenn Geld narzisstisch macht, erzeugt kein Geld dann bessere Menschen?
Die theologischen Seminare melden Zulauf. Soziologen behaupten, die neuen New Yorker würden den Wert ge-regelter Arbeit wieder schätzen. "Früher hieß es: Wen kümmert Sicherheit? Sicherheit war etwas für Niedrigflieger", sagt Barry Schwartz, Psychologe am Swarthmore-College in Pennsylvania, aber die Erkenntnis setze sich durch, dass "Sicherheit wichtiger für unser Glück ist als Reichtum".
Die Stadtanalytiker sprachen in den vergangenen Jahren von New York als "hedonistischer Tretmühle", der Stadt der "Maximierer": Alles hatte perfekt zu sein, dann noch besser, alles stand ständig in Frage, weil die Auswahl so groß war - nie war der New Yorker zufrieden. Ändert sich das? Kehrt Ruhe ein? Gelassenheit, hier? Wird Tun wichtiger als Kaufen?
Dieselben Soziologen sagen, dass den Hilfsorganisationen neue Helfer nichts nutzen, weil ihnen das Geld ausgeht; dieselben Psychologen sagen, dass der Großstadtmensch nichts Schlimmeres erleben könne als den Verlust seines Arbeitsplatzes, dieses Scheitern und Versagen, welches den Absturz bedeutet in dieser Stadt wie in allen Metropolen des Westens.
Vielleicht gibt es bald eine neue Trennung, hier neue Sozialgemeinschaften und dort neue Ghettos, die Wiederkehr des rauen New York aus Martin Scorseses "Taxi Driver", ein New York der billigen Mieten, des Mülls, der Morde? Dass schwarze Männer, überproportional schlecht ausgebildet, öfter als alle anderen entlassen werden, wird nicht friedensstiftend sein.
Grace Dolan Flood sagt, die Abwärtsspirale drehe sich, aber New York sei keine verzagte Stadt, Amerika kein kraftloses Land, "wir rollen uns nicht einfach auf die Seite und sterben still", sagt sie.
Grace will Immobilien kaufen, gerade jetzt, von zehn, zwölf Wohnungen könnte sie leben, aber welche Bank gibt Kredite? Sie hat sich bei den "New York City Schoolteachers" beworben; zum Gespräch wurde sie eingeladen, das war die erste Hürde, 46 000 Dollar pro Jahr verdient eine Lehrerin in New York. Sie kam durch alle Bewerbungsrunden, ehe das ganze Programm gestrichen wurde: keine neuen Lehrer, "sorry", der Sparzwang.
"Das Herunterfahren meines Oberschichtlebensstils wird mir nicht schwerfallen", sagt Grace, das habe mit der Geschichte irischer Einwanderer zu tun. Sie kamen nach New York, weil Irland das ärmste Land Westeuropas war. Die Dolan Floods lebten in Brooklyn, als Brooklyn nicht schick war. Der Vater entlud Frachtmaschinen auf dem Kennedy-Flughafen, außerdem war er Hausmeister, und er putzte Büros. Manchmal nahm er die Kinder mit; "ich kann heute noch jedes Bad in fünf Minuten säubern", sagt Grace. Das Ziel der Eltern war, alle fünf Kinder hinauf in die Mittelschicht zu schieben, sie schafften es, alle fünf gingen aufs College. "Ich wollte meine Eltern stolz machen", sagt Grace, "Migranten werden dieses Land aus der Krise führen, weil Migranten nicht einfach glauben, dass ihnen ein besseres Leben zusteht - sie kämpfen dafür."
Die Wohnung hat sie vermietet, die einst läppischen 3500 Dollar pro Monat für Kredite und Unterhalt sind nun zu viel. Sie wird mal bei der Mutter auf Long Island schlafen und mal bei Freunden. Auf die "New York Times", zwei Dollar pro Morgen, verzichtet Grace, wer braucht den Fünf-Dollar-Latte von Starbucks? Früher gingen Wall Streeter täglich essen, heute gehen einstige Wall Streeter an Samstagen aus, keine Vorspeise, Bier statt Wein.
Fred Austin kennt Lower Manhattan gut, die Menschen hier, das New-York-Gefühl. Er ist hier aufgewachsen, Austin sitzt hinten vor der Wand, er führt das "Katz's" auf der Houston Street, hier saß Meg Ryan, als sie in "Harry und Sally" zeigte, wie Frauen einen Orgasmus vortäuschen können, hier aß Bill Clinton. Ein Saal voller Fotos, ein Museum, das sich täglich erneuert; das Pastrami-Sandwich ist die Spezialität.
Der Humor: jüdisch. Wie viele Leute arbeiten hier? "Die Hälfte", sagt Austin.
Er sagt, New York sei das Zentrum der kreativen Welt, immer noch, "das ganze kreative, smarte Geld wird hierher getragen, das hört ja nicht auf einmal auf. Junge Leute kommen nach New York, und sie wollen nicht leiden, sie wollen leben. Jetzt. Vor 30 Jahren wurde mal vom Tod der Städte gesprochen, aber doch heute nicht mehr, wir sind weit weg vom New York der Siebziger. Die Krise ist traurig, sie reicht tief, aber urbane Kultur ist nicht zu ersetzen, der ganze Mix aus Ideen und Kraft und Energie. Wir kommen zurück".
Er isst eine Gurke. Trinkt etwas Kaffee. Fred Austin trägt Glatze und Kinnbart, ein rotkariertes Hemd. Dann sagt er: "Inzwischen begreift die ganze Stadt, dass zu viel auf dem Spiel steht, wir alle wollen unser New York nicht auseinanderbrechen lassen. Es ist ein Wendepunkt, alle wissen das."
Es ist August in New York, ein Regensommer. Monate sind seit dem ersten Gespräch vergangen, Grace Dolan Flood hat wieder Arbeit. Sie unterrichtet nun junge Wall Streeter, lehrt Investmentbanking, "endlich zurück", sagt sie. Gibt es Anzeichen für eine Besserung?
Die Regierung Bloomberg sagt: ja. Grace Dolan Flood sagt: "Ja. Krisen kommen und gehen." Die Daten sagen, dass mehr Läden schließen, weniger Menschen Geld ausgeben; dass Goldman Sachs Milliarden sammelt wie vor der Krise, rettet den Rest der Stadt nicht. Die Daten sagen: In den kommenden Monaten, vielleicht Jahren, wird es schlimmer werden.
Die New Yorker wollen diese Krise besiegen, natürlich, sie reden vom eigenen Mut, von Phantasie, es bleibt ei- ne dynamische 8,3-Millionen-Stadt. Aber ist diese Krise nicht entstanden, weil so viele Amerikaner so selbstverständlich Schulden machen, weil sie denken, sie hätten noch ein Auto und noch ein Haus schlicht verdient? Weil die Geschichte vom außergewöhnlichen Land der besten Arbeiter der Welt längst Mythos und Lüge geworden ist? Könnte es nicht sein, dass die USA und auch das New York von 2009 unfähig geworden sind, zu träge, um sich so schnell zu wandeln, wie die Krise es verlangt?
Tom Birchard, der Wirt des "Veselka", sagt, dass er den wachsamen Gang der siebziger Jahre nicht verlernt habe, doch er hoffe, dass New York zurückkommen werde, wie immer. "Wir haben Übung im Überleben", sagt er, "solange es einen Weg zu überleben gibt, werden wir überleben." Dann grinst er, dann sagt er: "So viele der wirklich Lustigen, der Wilden, die zuletzt gesagt hatten, Manhattan sei nicht mehr cool, da sie sich in Wahrheit Manhattan nicht mehr leisten konnten, kommen jetzt nach Hause."
Es gebe durchaus einen reinigenden Effekt, sagt Birchard: Spekulanten gehen, Künstler kehren zurück. Es sei noch ganz leise, sachte, aber da sei wieder ein Brummen in der Stadt, ein Surren, er spüre es fast wie 1969, noch sei es kein neues New-York-Gefühl, aber da sei etwas im Gange.
Vielleicht braucht eine Stadt wie New York alle zehn Jahre eine Krise wie diese.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 37/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WELTWIRTSCHAFT:
Zu verkaufen, zu verschenken

  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz
  • Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"