14.09.2009

WINNENDEN„So eine Wut, so ein Hass“

Am 11. März tötete Tim K. bei einem Amoklauf 15 Menschen und sich selbst. In der Akte der Staatsanwaltschaft liefern Polizisten und Psychiater nun Erklärungsversuche für das Unerklärliche.
Da standen sie in dem Laden, Vater und Sohn, und gaben ihre Bestellung auf: 1000 Schuss. Der Vater orderte. Der Sohn bezahlte. Die Schachteln mit den lose verpackten 9-mm-Patronen lagen schwer in der Hand.
Es war Freitag, der 23. Januar 2009, noch 47 Tage bis zur Tat. Ein stürmischer Wintertag, wolkenverhangen. Der Sohn erklärte dem Verkäufer, die Munition sei ein Geschenk für seinen Vater, nachträglich zum 50. Geburtstag. Die Mutter erzählt im Nachhinein, wie sehr der Vater sich über die neue Fürsorglichkeit des Sohnes gefreut habe. Seit Jahren hatte Tim K. niemandem aus seiner Familie mehr ein Geschenk gemacht.
1000 Kugeln. "Billigmunition", erinnert sich der Verkäufer. Bestimmt für die gemeinsame Lieblingswaffe: eine Beretta. "Sie lag ihm", gab der Vater später zu Protokoll, Tim habe sie "gleich gemocht".
Der gemeinsame Einkauf war wohl eine Art Test oder Prüfung, glaubt heute der erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater Reinmar du Bois, inwieweit der Vater mitgehen oder seinen Sohn doch noch stoppen würde. Zuvor hatte der Minderjährige versucht, die Patronen allein zu erwerben, und war in dem Stuttgarter Waffengeschäft abgewiesen worden.
Jetzt, da der Vater ihn begleitet hatte - ohne Verdacht zu schöpfen, was seinen Sohn wirklich trieb -, war das Schicksal nicht mehr aufzuhalten. Denn die Beretta lag leicht zugänglich im Kleiderschrank im elterlichen Schlafzimmer, hinter einem Stapel Pullover.
Keine zwei Monate später betrat der Berufsschüler Tim K. mit dieser Waffe und wohl genau dieser Munition die Albertville-Realschule in Winnenden und tötete 15 Menschen und sich selbst.
Die Tat des 17-Jährigen hinterließ in der ganzen Republik ein Gefühl von Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Eine Antwort auf die Frage nach dem Warum hat Tim K. mit ins Grab genommen. Doch ein halbes Jahr nach diesem blutigen Vormittag haben nun Polizei und Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen abgeschlossen. Und in der mehrere Dutzend Ordner füllenden Akte finden sich viele Ansätze für Antworten.
Die polizeilichen Ermittler und der Psychiater du Bois zeichnen in diesem Konvolut ein detailliertes Psychogramm des Täters und seiner Familie. Ihre wichtigste Einschätzung: Zwar hätten die Eltern von Tim K. den konkreten Amoklauf kaum voraussehen können. Doch offensichtlich scheint, dass sie die Verhaltensauffälligkeiten ihres Sohnes über Monate hinweg ignoriert haben.
Warnsignale, dass mit Tim K. etwas nicht in Ordnung war, gab es den Ermittlern zufolge zahlreiche. Zu den eindringlichsten gehört sein Versuch einer medizinischen Selbstdiagnose mit Hilfe des Internets. Bereits im November 2006 hatte K. in eine Suchmaschine die Wörter "Psichisch Krank" eingetippt. Im Frühjahr 2008 vertraute sich der damals 16-Jährige schließlich seiner Mutter an, legte ihr einen Artikel über bipolare Störungen vor, den er im Netz recherchiert hatte. Dies sei vielleicht der Grund für seine schlechten schulischen Leistungen, vermutete Tim. Es war ein Hilferuf.
Die Eltern suchten Rat in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Weinsberg. Am Mittwoch, dem 23. April 2008, saß dort ein angespannter Tim K. erstmals einer Therapeutin gegenüber. Er berichtete von stündlich wechselnden Stimmungsschwankungen; wenn es ihm nicht gutgehe, schien die Welt für ihn "dunkler", er habe dann "schlechter gesehen".
Der Psychotherapeutin fiel seine steife Körperhaltung auf, in dem Gespräch gab es Phasen, da wirkte er abwesend, und welche, da schien er von einer inneren Unruhe befallen. Wenn seine Gedanken zu kreisen begännen, so erzählte er, dann erscheine die Welt schlecht, und häufig habe er Gedanken, andere umzubringen, gar den Wunsch, alle Menschen zu erschießen. Manchmal habe er "so eine Wut, so einen Hass auf die Menschheit", dann erschrecke er vor seinen eigenen Gedanken und lenke sich durch stundenlanges Spielen am PC ab. Während des Gesprächs vermied Tim K. jeden Blickkontakt.
Nach vier weiteren Sitzungen notierte die Therapeutin: "Verdacht auf atypischen Autismus". Und fügte als Differentialdiagnose "Zwanghafte Persönlichkeitsstörung und Spielsucht" hinzu. In einer späteren Befragung durch die Polizei sprach sie zusätzlich von der Vermutung einer "schizophrenen Psychose".
Knapp ein halbes Jahr vor der Amoktat war sie dennoch zu dem Ergebnis gekommen, dass bei Tim K. "keine akute Eigen- oder Fremdgefährdung" vorliege. Ein fataler Irrtum.
Tims Eltern, so erklärte sie den Ermittlern, habe sie immerhin auf seine "aggressiven beziehungsweise fremdaggressiven Gedanken" hingewiesen; und von dem freien Zugang des Jungen zu Waffen habe sie nichts geahnt. Sowohl die Mutter als auch der Vater bestreiten jedoch vehement, jemals über die Inhalte von Tims Phantasien informiert worden zu sein.
Nach einem Persönlichkeits- und einem Intelligenztest, bei denen Tim K. ein deutlich negatives Selbstwertgefühl und ein durchschnittlicher IQ von 96 bescheinigt wurden, diagnostizierten die Ärzte aus Weinsberg bei dem jugendlichen Patienten eine "soziale Phobie".
Bei einem Abschlussgespräch im September 2008 erklärten die Psychologen den Eltern, dass sich Tim viel mit Filmen be-
schäftige, die nicht für seine emotionale Reife geeignet seien und sehr viel Gewalt beinhalteten. Die Mediziner rieten, "das Spielen am PC beziehungsweise das Filmeschauen zu reduzieren". Zudem empfahlen sie eine weiterführende Gesprächstherapie. Einzige Voraussetzung dazu sei die Mitarbeit von Tim.
Es ist unklar, ob die Eltern versuchten, ihren Sohn zu einer Fortsetzung der Therapie zu ermutigen. Der Vater fasste gegenüber der Polizei das Gespräch mit den Ärzten so zusammen: Er und seine Frau seien damals erleichtert gewesen, "da nichts Gravierendes bei Tim festgestellt worden war".
Noch eine dramatische Fehleinschätzung.
Der amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Peter Langman hat in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche potentielle "School Shooter" behandelt sowie die Akten von Amokläufern wie den Columbine-Tätern studiert. In seinem Buch "Amok im Kopf. Warum Schüler töten", das im Oktober auf Deutsch erscheint, teilt er die jugendlichen Täter in drei Krankengruppen ein: psychopathisch, psychotisch und traumatisch kranke Jugendliche.
Langman ist davon überzeugt, dass Menschen wie Tim K. zu Massenmördern wurden, weil ihre psychischen Krankheiten nicht früh genug erkannt und behandelt wurden. "Sie wollten sich selbst zerstören, indem sie andere und die Welt um sich herum zerstörten, und umgekehrt wollten sie die Umwelt vernichten, um sich selbst auszulöschen", heißt es im Vorwort.
Es spricht viel dafür, dass auch Tim K. so tickte. Nach der Behandlung in der Weinsberger Klinik könnte der Schüler einen bewussten Paradigmenwechsel von der Patienten- zur Verbrecherrolle vollzogen haben, so der Stuttgarter Gerichtsgutachter du Bois. "Die Suche nach delinquenten Lösungen hatte vermutlich auf Tim eine befreiende Wirkung", schreibt der Sachverständige, "er begann, sich mit der Realität zu beschäftigen."
Anteil an dieser Entwicklung hatte vermutlich auch Tims Vater - schließlich begann der passionierte Waffensammler zu dieser Zeit, mit seinem Sohn im Schützenverein zu trainieren. Statt bei der Gesprächstherapie erschien der offenbar psychisch schwerkranke Tim beim Scheibenschießen. Das letzte Mal am 24. Februar, gut zwei Wochen vor der Tat.
Die Rolle des Schützen, des Angreifers, hatte Tim da schon geübt, tagelang, nächtelang, vor dem PC. Im Tresor in seinem Zimmer, das mit Softair-Waffen an der Wand dekoriert war, fand die Polizei 5000 Euro und ein undatiertes DIN-A4-Blatt mit dem Text: "Es gibt zwei Behauptungen, warum es solche Menschen gibt. Die einen sagen, man wird so geboren, die anderen sagen, man wird zu dem gemacht. Die Wahrheit ist, diejenigen haben es schon von Geburt an in sich, es kommt jedoch nur raus, wenn das Gemachte hinzukommt!"
Was sich nach der Tat wie ein Abschiedsbrief liest, wie eine abschließende Selbstdiagnose, verdeutlicht, wie intensiv sich der Teenager mit der Frage nach dem Bösen im Menschen beschäftigt hat; wie er nach Antworten suchte für die Existenz von Serientätern, Amokläufern und Massenmördern. Im Internet glaubte er fündig geworden zu sein.
Die Ermittler sicherten auf seinem Rechner neben einschlägigen Videos und Fotos zu Amoktaten wie in Littleton, Erfurt oder Emsdetten auch Material über den Massenmörder Ernst August Wagner, der 1913 im Schwäbischen ein Blutbad anrichtete. Und sie fanden Fotos, die Tim K. mit einer Digitalkamera der Familie gemacht hatte: Darauf hat er sich eine schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen und eine Sonnenbrille aufgesetzt. Seine Pose erinnert an die der anderen jugendlichen Amoktäter, die er im Internet gefunden hatte.
Auf Tims Computer fand die Polizei auch Spuren, denen zufolge der Schüler immer wieder zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 recherchiert hatte. Letztmalig am 8. März, als er bei Wikipedia unter anderem die Seiten über "Mohammed Atta" und "Abdulaziz al-Omari" aufrief; beide starben als Attentäter an Bord der entführten Flugzeuge, die in die Türme des World Trade Center einschlugen. Fotos der einstürzenden Wolkenkratzer hatte Tim K. ebenso gespeichert wie Dokumente zum Film "Flug 93". Besteht also ein Zusammenhang mit dem Datum seiner Tat am 11. März - genau ein halbes Jahr vor dem 11. September? Die Ermittler gehen in ihrem Bericht auf die Bedeutung dieser Funde nicht näher ein.
Den Ablauf der Amoktat sieht der psychiatrische Gutachter du Bois stark durch zwei Ego-Shooter-Spiele beeinflusst. Ballerte Tim K. sich früher gemeinsam mit seinem besten Freund durch die Welt von "Counter Strike", so wich er seit Ende 2008 seinem einstigen Partner aus. "Vermutlich hatte er nunmehr die Grenze des Spielers überschritten", glaubt du Bois, "seine neuartigen Ideen konnte er nicht mehr mit einem anderen Menschen spielerisch teilen."
Aus dem Spaß war Ernst geworden. Schließlich ballerte Tim K. längst mit echter Munition - neben seinem Vater auf dem Schießstand von Leutenbach.
Reinmar du Bois teilt in seiner Expertise den Amoklauf in zwei Phasen ein. In einer ersten Phase habe Tim K. seine "Counter Strike"-Erfahrungen in die Realität umgesetzt: Seine Kleidung ähnelte jener der Spielfiguren, und scheinbar emotionslos tötete er die meisten seiner Opfer mit gezielten Kopfschüssen - in dem blutrünstigen Computerspiel wird dies besonders honoriert.
Seine spätere Flucht aus der Schule, bei der er einen weiteren Menschen erschießt, sowie die Geiselnahme eines unbeteiligten Autofahrers, den Tim K. mit vorgehaltener Pistole zu einer stundenlangen Irrfahrt zwingt, gleicht dem Gutachter zufolge "dem Handlungsschema aus 'Far Cry 2'". In einer Inhaltsangabe zu dem Spiel heißt es: "Die zahlenmäßige Überlegenheit und Feuerkraft des Gegners kannst du nur durch List, Überrumpelung, Täuschung und natürlich brutale Gewalt wettmachen." Am Ende, nach 112 Schuss, glaubt der Psychiater, könnte Tim wieder "in der Realität aufgetaucht" sein. Vom Spiel abweichend setzte er sich die Beretta an den Kopf und tötete sich selbst.
"Far Cry 2" hatte ihm seine Mutter 2008 zu Weihnachten geschenkt. Was sie nicht ahnen konnte: Ihr Sohn hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon längst in eine quälende Phantasiewelt zurückgezogen. Auf seinem Computer sammelte er Dutzende Pornobilder, die sogenannte Bondage-Szenen zeigen. Die Rollen sind immer gleich verteilt: Frauen dominieren Männer, fesseln diese, fügen ihnen Schmerzen zu. Die Bilder müssen Tim K. über lange Zeit gemartert haben. Aber sprechen konnte er darüber mit niemandem - zu groß war wohl die Scham. In Tims Kopf, so die Deutung des Psychiaters, entwickelte sich der Drang nach masochistischer Unterwerfung immer weiter. Das einzige ihm plausible Gegenmittel: Schießen mit scharfer Munition.
"Im Bewusstsein, dass er die Frauen, die ihn sexuell quälten und erniedrigten, irgendwann bald dafür bestrafen werde, konnte er die masochistische Unterwerfung riskieren", schreibt Reinmar du Bois. Und er fügt hinzu: "Prozesse einer Verengung des Denkens und Fühlens bei gleichzeitig klarer und kühler Planung von Morden sind in der Literatur über sexuell motivierte Serienmörder gut beschrieben."
Heißt das im Klartext, dass Tim K. bei seinem Amoklauf doch bewusst Frauen töten wollte? Die Tatsache, dass elf der zwölf Opfer in der Albertville-Schule weiblichen Geschlechts waren, legte diese Annahme schon früh nahe.
"Für die Eltern der Opfer ist dies natürlich eine besonders emotionale und existentielle Frage", erklärt Jens Rabe. Der Anwalt aus Waiblingen vertritt die Eltern von fünf Kindern, die von Tim K. ermordet wurden. "Ich hatte erwartet, dass der Gutachter auf diesen Punkt detaillierter eingeht", sagt der Strafrechtler, der an eine "Mitverantwortung" von Tims Eltern glaubt.
Der Anwalt Hans Steffan, der Jörg K. vertritt, den Vater von Tim, erklärt: "Wir werden uns zu dem Gutachten nur gegenüber der Staatsanwaltschaft äußern."
Erst Ende September will die Stuttgarter Staatsanwaltschaft darüber entscheiden, ob sie gegen Jörg K. Anklage wegen fahrlässiger Tötung erheben - oder einen Strafbefehl beantragen wird.
SIMONE KAISER
* Computerspiel "Far Cry 2", Flughafenvideo mit Terrorist Mohammed Atta, Kinofilm "Natural Born Killers".
Von Simone Kaiser

DER SPIEGEL 38/2009
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