14.09.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH„Opfer spielten keine Rolle“

Der polnische Regisseur Andrzej Wajda über seinen Film „Das Massaker von Katyn“, das Schicksal seines Vaters und das Leben mit der Lüge während der kommunistischen Herrschaft
SPIEGEL: Herr Wajda, Sie haben im Laufe Ihres Lebens über 40 Filme gedreht und Weltruhm erlangt. Dieser eine Film aber, "Katyn", ist Ihnen der wichtigste. Sie seien verpflichtet gewesen, ihn zu machen, haben Sie gesagt. Wegen Ihres Vaters, Jakub Wajda, der zu den Ermordeten gehört?
Wajda: Ich erinnere mich noch, wie 1943 die ersten Nachrichten über die Massengräber eintrafen. In den damals veröffentlichten Todeslisten fand sich der Name meines Vaters nicht. Es hieß, die ermordeten Offiziere, deren Leichen die Deutschen in einem Wald bei Katyn gefunden hatten, stammten aus dem sowjetischen Lager Kosjolsk. Mein Vater war aber - das wussten wir - in Starobelsk gefangen gehalten worden. So hatten wir noch Hoffnung. Ich gab immer an, er sei im Krieg verschollen, ich hatte ja keine Beweise für seinen Tod.
SPIEGEL: Wann erfuhren Sie die Wahrheit?
Wajda: 1956, als ich zum Filmfestival nach Cannes durfte. Polnische Emigranten im Westen, vor allem in London, hatten einiges an Dokumenten gesammelt, sie wussten bereits, dass auch die Offiziere aus anderen Lagern des sowjetischen Geheimdienstes ermordet worden waren. Mein Vater wurde in den Kellern des NKWD in Charkow erschossen. Es gibt in den Archiven genaue Listen.
SPIEGEL: Der Streit über die Schuldigen an diesem Massaker wurde jahrzehntelang mit großer Erbitterung geführt, noch heute ist er nicht beigelegt.
Wajda: Die deutsche Propaganda jubilierte, als die Nazis die Massengräber entdeckten, Goebbels konnte es vor Freude kaum fassen. Zur gleichen Zeit liquidierten die Deutschen in vielen besetzten Städten jüdische Ghettos. Die Nachrichten aus Katyn waren eine Erschütterung, die uns von den Verbrechen an den Juden ablenkte. Bald war klar, dass die Sowjets die Täter waren. Die neuen Machthaber in Polen nach dem Krieg vertuschten das natürlich. Ich wusste schon früh, dass ich diesen Film nicht ma-
chen konnte, solange das kommunistische System existierte, sondern erst, wenn Polen die Freiheit erlangt haben würde.
SPIEGEL: Selbst dann fiel es Ihnen offenbar nicht leicht, Sie haben 18 Jahre gewartet.
Wajda: Ich hatte mir eines nicht klargemacht: Während der kommunistischen Jahre war in der polnischen Literatur kein einziger Roman, keine Erzählung, keine Materialsammlung zum Thema Katyn entstanden. Nach 1989 befand ich mich in einer seltsamen Situation: Die Freiheit war da, nun konnte ich den Film machen - aber ich stellte fest, dass ich gar keine literarischen Vorlagen dafür hatte.
SPIEGEL: Es gab nur historische Quellen?
Wajda: Ich habe versucht, daraus ein Drehbuch zu entwickeln, das gelang zuerst nicht. Später haben wir begonnen, echte Schicksale zusammenzutragen und sie dramaturgisch zu verbinden. Es wurde mir klar, dass das Thema des Films nicht nur das Verbrechen, sondern auch die Lüge über Katyn sein musste. Das Verbrechen traf meinen Vater, die Lüge aber meine Mutter, die jahrelang wartete und zweifelte: Vielleicht lebt er ja noch, irgendwo in Gefangenschaft. Sie starb 1950, ohne Gewissheit erlangt zu haben.
SPIEGEL: Sind diese Schwierigkeiten die Erklärung dafür, dass der Film mit so wenig Pathos auskommt? Die Kamera blickt fast gefühllos auf die Ereignisse. Selbst die Erschießungen im Wald von Katyn wirken unheimlich still, schockierend durch ihre Sachlichkeit: Hinrichtungen am Fließband.
Wajda: Wenn das Sowjetsystem noch existierte, müsste mein Film sich gegen dieses mörderische System wenden. So aber wurde daraus ein Film über die Vergangenheit. Ich wollte zeigen, dass Katyn von einem verbrecherischen System verursacht wurde, auf Befehl Stalins - nicht von "den Russen".
SPIEGEL: Einem System, dem es darum ging, eine ganze Gesellschaftsschicht auszulöschen: die bürgerliche Elite.
Wajda: Unter den Dokumenten, die Gorbatschow und Jelzin später an Polen übergaben, findet sich ein Brief von NKWD-Chef Berija an Stalin. Darin sagt er, die gefangenen polnischen Offiziere seien "unverbesserliche Feinde der Sowjetmacht", und schlägt vor, sie zu erschießen. Es gibt Stalins Unterschrift auf dem Tötungsbeschluss. Die letzte Szene mit den Erschießungen soll deutlich machen: Jeder Offizier wurde einzeln erschossen. Und jeder der Getöteten hatte eine Akte, die wohl noch heute irgendwo existiert. Sie starben, weil sie polnische Offiziere waren, das war der einzige Grund.
SPIEGEL: An Ihrem Film ist also nichts Fiktion?
Wajda: Die einzige erfundene, also sozusagen literarische Episode ist die der Antigone: Eine Frau versucht, im kommunistischen Polen einen Grabstein mit dem wahren Todesdatum ihres Bruders aufzustellen - 1940, und nicht 1941, wie seinerzeit von den Sowjets behauptet. Alle anderen Szenen sind überliefert, auch die allererste. Da treffen sich auf einer Brücke über den Bug zwei polnische Flüchtlingsströme. Die einen laufen nach Westen vor der Roten Armee davon, die anderen flüchten gen Osten vor den Deutschen. Das hat sich wirklich so abgespielt, als Hitler und Stalin sich Polen teilten.
SPIEGEL: Es gibt noch immer Stimmen bei Ihnen, 60 Jahre danach, die beklagen, Polens Geschichte, sein Märtyrertum, werde missachtet.
Wajda: Die ganz besondere Rolle der Polen ist kein Mythos. Die Hinrichtungen im Wald von Katyn - das ist ein Teil unserer Geschichte, der abgebildet werden musste. Ähnlich war es mit meinem Film "Der Kanal" über den Warschauer Aufstand 1944. Er handelt von den Kämpfern, die sich in den Abwasserkanälen der Hauptstadt fortbewegten. Diesen Krieg im Untergrund gab es nur in Warschau.
SPIEGEL: Hatten Sie nicht Sorge, dass Ihr "Katyn"-Film von den Nationalisten vereinnahmt wird?
Wajda: Nein, Nationalisten lehnen ihn ab. Am meisten hat sie die Szene mit dem russischen Offizier Popow gestört, der die Frau eines Polen vor dem NKWD rettet. Sie haben mir vorgeworfen, ich hätte dafür Geld aus Moskau bekommen, das sei ja russische Propaganda, der Film war ihnen nicht antirussisch genug. Meist fielen die Reaktionen aber anders aus. Ich erinnere mich noch gut an die Premiere hier im Warschauer Großen Theater, da gehen an die 2000 Leute rein. Nach der Schlussszene herrschte Dunkelheit, und dann hörte ich plötzlich, wie jemand ein Gebet sprach für die Toten - im Kino! Es war ein Moment des Abschieds, Jahrzehnte nach den Ereignissen. In Polen haben drei Millionen meinen Film gesehen. Ich hätte gerne, dass das auch ein Abschied von diesem Thema wird. Aber den kann es nicht geben, solange die andere Seite nicht ihre Schuld eingesteht.
SPIEGEL: Keineswegs alle Polen in dem Film sind Helden. Sie zeigen, wie sich viele mit der Katyn-Lüge und den neuen kommunistischen Machthabern einrichteten.
Wajda: Es gab doch gar keinen Ausweg. Wer das Thema berührte, kam ins Gefängnis. Ich erinnere mich, dass eine Kollegin auf der Filmhochschule einmal halböffentlich, also unter Kommilitonen, sagte: Meinen Vater haben die Sowjets ermordet, in Katyn. Sie verschwand. Später erfuhren wir, dass sie im Gefängnis saß.
SPIEGEL: Sie hatten gehofft, dass auch die Russen den Film "ruhig und richtig" aufnehmen würden. War es so?
Wajda: Es gab zwei Vorführungen in Moskau, im Haus des Kinos und im Literaturhaus. Und dort passierte etwas Schönes, das ist vielleicht die bewegendste Geschichte meines Lebens. Ich begann gerade meine Diskussion mit dem Publikum, da stand eine Frau auf und sagte: "Ich bitte den ganzen Saal, sich zu erheben und eine Minute zu schweigen für die getöteten polnischen Offiziere." Alle taten es. Allein für diese Minute hat sich der Film gelohnt. Trotzdem findet er in Russland nicht den Weg in den Verleih. Er kommt überall in Europa heraus. Nur in Russland schafft er es nicht in die Kinos.
SPIEGEL: Ihr Publikum in Moskau waren aufgeklärte Intellektuelle. In russischen Zeitungen gab es ganz andere Rezensionen, mit dem Tenor: Wajda betreibt primitive Russophobie, er zeigt die NKWD-Männer als Monster, sein Film ist Propaganda goebbelsschen Zuschnitts.
Wajda: Solche Rezensionen befassen sich doch nicht wirklich mit dem Inhalt des Films. Sie erklären nur, dass jeder Versuch, die Sowjetunion zu kritisieren, ein Angriff auch auf das heutige Russland ist. Dabei muss Russland lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und sich die Fragen nach den Millionen Toten der Stalin-Zeit zu stellen. Es geht nicht allein um 22 000 polnische Offiziere. Solschenizyn hat seine Pflicht getan, er hat über den Gulag geschrieben. Es ist Zeit für einen Film darüber.
SPIEGEL: Wie erklären Sie, dass es in Russland wieder Mode geworden ist, das Verbrechen von Katyn zu leugnen? Erneut wird über die möglichen Täter diskutiert, die Zahl der Getöteten wird angezweifelt - und das 20 Jahre nach der Wende.
Wajda: Mit Putin sind imperiale Hoffnungen von einem Russland, das über das Schicksal der Welt entscheidet, zurückgekehrt. Stalin wird nicht als Verkörperung sowjetischer Macht, sondern als Ausdruck russischer Stärke gesehen. Es soll kein Schatten auf die Millionen sowjetischer Soldaten fallen, die den Sieg über Hitler errungen haben. Opfer spielten keine Rolle, Opfer spielen nie eine Rolle in Russland. Das Massaker von Katyn steht diesem Denken im Wege.
SPIEGEL: Die Moskauer "Prawda" fragte: Warum hat Wajda nicht einen Film über den Antisemitismus in Polen gedreht oder einen über die Leiden der gefangenen sowjetischen Soldaten nach dem sowjetischpolnischen Krieg von 1920?
Wajda: "Katyn" habe ich gemacht, weil er vom Schicksal meines Vaters handelt. Vielleicht ist das nicht mein letzter Film, aber es ist der letzte der polnischen Filmschule, die sich der Abrechnung mit der Geschichte verschrieben hatte, mit der Katastrophe von 1939.
SPIEGEL: Sowjets und Deutsche begingen schwerste Verbrechen an den Polen. Was war diesen Verbrechen gemeinsam?
Wajda: Ich habe versucht, genau das im "Katyn"-Film zu zeigen: Das erste Ziel der Verbrechen ist immer die Intelligenz, denn sie ist der Träger der Erinnerung. Eine Gesellschaft ohne Erinnerung ist nicht viel mehr als ein Menschenauflauf. Stalin und Hitler gingen gleichzeitig gegen die polnische Intelligenz vor. Der größte Teil der 22 000 Offiziere waren Reservisten, im Zivilberuf Ingenieure, Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte. Während sie umgebracht wurden, verhafteten die Nazis die Professoren der Krakauer Universität. Beides sollte ein Schlag gegen den bewussten Teil der Gesellschaft sein. Den braucht ein Land, um frei über sein Los entscheiden zu können. Das haben die Intellektuellen und Künstler in der Solidarnosc-Bewegung ein weiteres Mal bewiesen.
SPIEGEL: Polen beklagen ja oft - und damit meinen sie zuallererst die Deutschen -, dass die Welt ihre Leiden und ihre historischen Verdienste zu wenig würdige. Glauben Sie, dass das oftmals noch angespannte Verhältnis zwischen unseren beiden Ländern besser wäre, wenn die Deutschen mehr über die Polen wüssten?
Wajda: Ich hatte das Glück, in meinem Leben eines der erstaunlichsten Wunder zu erleben: nämlich das, was zwischen Deutschen und Polen passierte, angefangen mit dem Brief der polnischen Bischöfe 1965 "Wir vergeben und bitten um Vergebung". Gerade meiner Generation schien es, als würde die Feindschaft niemals überwunden, als gäbe es Hass für die nächsten hundert Jahre. Über die deutsch-polnischen Beziehungen mache ich mir keine Sorgen. Zur Zeit der Volksrepublik erschien polnische Literatur immer zuerst in Deutschland, polnische Filme kamen zuerst in Deutschland in die Kinos, auch meine. Mir scheint, als hätten die Deutschen der polnischen Kultur den Weg zurück nach Europa bereitet. Ich glaube, dieses gute Verhältnis ist von Dauer, auch wenn es immer mal wieder zu kleineren Verwerfungen kommt. Hätten wir heute auch zum anderen großen Nachbarn ein so gutes Verhältnis, wäre Polen ein glücklicheres Land.
SPIEGEL: Herr Wajda, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Andrzej Wajda
wurde 1926 in Suwalki in Polen geboren. Während des Zweiten Weltkriegs war er im polnischen Widerstand, später studierte er Malerei, bevor er in Lódz die Staatliche Filmschule besuchte. Seine Filme "Der Kanal" über den Warschauer Aufstand (1957) und "Asche und Diamant" über die Rolle der polnischen Heimatarmee (1958) gelten als Meisterwerke. Wajda erhielt die Goldene Palme in Cannes, den Goldenen Löwen in Venedig, den Europäischen Filmpreis und den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk. 1989 wurde er als Kandidat der Solidarnosc in den polnischen Senat gewählt. 2007 drehte er seinen bislang letzten Film "Das Massaker von Katyn", der für einen Oscar nominiert wurde. Katyn steht für eines der großen Kriegstraumata Polens. 1939 überfielen Nazi-Deutschland und die Sowjetunion gleichzeitig das Land. In einem Wald in der Nähe von Katyn ermordete der sowjetische Geheimdienst im Frühjahr 1940 rund 22 000 polnische Offiziere. Die Nazis entdeckten die Massengräber 1943 und machten damit antisowjetische Propaganda. Nach der Rückeroberung des Gebiets durch die Rote Armee ließ der Kreml das Massaker auf den Herbst 1941 umdatieren und beschuldigte die Nazis des Mordes an den Offizieren. Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks 1989 war dies die offiziell gültige Version. Die russische Militärstaatsanwaltschaft weigert sich bis heute, alle Akten herauszugeben. Am 17. September kommt "Katyn" in die deutschen Kinos.
Das Gespräch führten die Redakteure Christian Neef und Jan Puhl in Warschau.
Von Christian Neef und Jan Puhl

DER SPIEGEL 38/2009
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