21.09.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ihnen ging alles zu schnell“

Der ehemalige US-Außenminister James Baker, 79, über Mauerfall und Wiedervereinigung, seine Zusammenarbeit mit Helmut Kohl und die Widerstände im Weißen Haus
SPIEGEL: Secretary Baker, vor 20 Jahren fiel in Berlin die Mauer, ein knappes Jahr später folgte die Vereinigung beider deutscher Nachkriegsstaaten. Wem gebührt das größte Verdienst?
Baker: Den Lorbeer teilen sich viele. Zu nennen ist in jedem Fall der ehemalige sowjetische Führer Michail Gorbatschow, der zusammen mit meinem damaligen Amtskollegen und Freund Eduard Schewardnadse die Grundsatzentscheidung traf: Was auch immer passiert, wir setzen kein Militär ein. Das war für ein Imperium, das mit Hilfe von Gewalt entstanden war und lange durch Gewalt zusammengehalten wurde, eine erstaunliche Festlegung.
SPIEGEL: Warum, glauben Sie, traf Gorbatschow diese Grundsatzentscheidung?
Baker: Ich glaube, die sowjetische Führung war damals zu dem Schluss gekommen, dass sie mit dem Westen nicht länger mithalten konnte, wirtschaftlich nicht und auch nicht militärisch. Die Standfestigkeit von Ex-Präsident Ronald Reagan begann sich auszuzahlen.
SPIEGEL: In einem Strategiepapier aus Ihrem Außenamt hieß es damals, dass Gorbatschow einen "diplomatischen Blitzkrieg" in der Öffentlichkeit führe. War Amerika
die Führung der europäischen Ereignisse zeitweise entglitten?
Baker: Ohne die Führungskraft Amerikas hätte es keine Wiedervereinigung gegeben. Vergessen Sie nicht: Gorbatschow wollte alles Mögliche, aber keine Wiedervereinigung. Frankreich und Großbritannien waren ebenfalls sehr skeptisch. Sie fürchteten, dass die Geschichte sich wiederholt.
SPIEGEL: Hatten der französische Staatschef François Mitterrand und die britische Premierministerin Margaret Thatcher allen Ernstes Angst vor einem neuen Großdeutschland wie unter Hitler, was in gerade veröffentlichten britischen Akten suggeriert wird?
Baker: Es ging nicht um einen neuen Hitler. Aber Deutschland hatte zweimal innerhalb kürzester Zeit seine Nachbarn überfallen. Mein Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg. Ich war noch keine zehn Jahre alt, da brach Deutschland schon den nächsten Weltkrieg vom Zaun.
SPIEGEL: Welche Rolle spielte Helmut Kohl, der sich heute als Kanzler der Einheit feiern lässt?
Baker: Ohne Kohl hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben, so wie es sie ohne Präsident George Bush und Gorbatschow nicht gegeben hätte. Es brauchte mehr als einen Staatsmann, dieses historische Ergebnis zustande zu bringen. Und vergessen Sie nicht den Widerstandsgeist der Menschen in Osteuropa.
SPIEGEL: Kohl selbst glaubt, sein Zehn-Punkte-Programm, das er vor allem mit zwei befreundeten Geistlichen und seinem außenpolitischen Berater Horst Teltschik verfasst hat, sei der Fahrplan zur Einheit gewesen. Stimmt es, dass er die Amerikaner darüber nicht informiert hat?
Baker: Kohl rief bei Bush an, aber erst nachdem er den Plan am Morgen des 28. November 1989 im Bundestag vorgestellt hatte.
SPIEGEL: Sie waren verärgert?
Baker: Wir hätten gern eher davon erfahren. Aber verärgert waren wir nicht. Zumal der Plan nicht das zentrale Instrument auf dem Weg zur Wiedervereinigung war. In diesem Plan war eher vage von konföderativen "Strukturen" zwischen den beiden deutschen Staaten die Rede. Verschiedene Formen der Zu-sammenarbeit waren vorgesehen, um diesem Ziel näher zu kommen.
SPIEGEL: Hat Kohl die Bedeutung seines Plans übertrieben?
Baker: Wichtiger als der Zehn-Punkte-Plan war ein Gespräch, das Kohl mit Bush und mir im Februar 1990 in Camp David führte. Bei diesem Gespräch gab es nur zwei wirklich wichtige Fragen: Wie erreichen wir die Wiedervereinigung? Und: Was würde sie für die Nato bedeuten? Kohl versicherte uns: "Deutschland will unter gar keinen Umständen Neutralität. Ein vereinigtes Deutschland wird Nato-Mitglied bleiben." Das hat er uns verbindlich zugesagt.
SPIEGEL: Sie vertrauten ihm also?
Baker: Er gab uns sein Wort. Wir gaben ihm unser Wort. Wir hatten eine tadellose Beziehung.
SPIEGEL: Gab es eine Alternative für Sie, einen Plan B?
Baker: Nicht für Amerika. Wir alle hatten doch 40 Jahre lang die Wiedervereinigung gefordert. Da durfte es in dieser Situation kein Zögern geben. Wir schätzten an Kohl, dass er, wie Bush, wie ich, Realpolitiker war. Das werde sich mit Geld regeln lassen, sagte er uns in Camp David mit Blick auf die Russen. Woraufhin Bush, halb ernsthaft, halb im Scherz, erwiderte: "Ihr Deutschen habt ja auch tiefe Taschen."
SPIEGEL: Franzosen und Briten zeigten sich bei weitem nicht so wohlwollend.
Baker: Mit diesem kohlschen Versprechen eines vereinigten Nato-Deutschland gelang es uns auch, die skeptischen Franzosen und die widerwilligen Briten zu überzeugen. Sie hatten Bedenken, aber sie konnten keine Alternative entwickeln.
SPIEGEL: Wie eng war das Verhältnis von Margaret Thatcher zu Bush damals?
Baker: Wir arbeiteten ganz eng mit ihr zusammen, aber nicht so eng wie unter Reagan. Der hatte ihr zuweilen erlaubt, für die USA mit zu sprechen. Als Bush, der unter Reagan Vizepräsident war, ins Amt kam, musste er erst mal klarmachen, wer die westliche Allianz führt. Dennoch: Das Problem waren die Sowjets, nicht die Briten.
SPIEGEL: War Gorbatschows Verzicht auf eine Neutralität Deutschlands in den Augen des Machtpolitikers Baker ein Fehler, auch wenn Deutschland und Amerika von diesem Fehler profitiert haben?
Baker: Unter seiner Prämisse - kein Armee-Einsatz - hatte Gorbatschow keine andere Wahl. Amerikaner, Briten, Franzosen und die deutsche Bundesregierung sagten nein zur Neutralität. Die Bevölkerung der DDR hätte sich aber andererseits nicht mehr mit einem Fortbestand der DDR abgefunden. Die Wiedervereinigung war eine Abstimmung mit den Füßen. Gorbatschow hätte den Lauf der Dinge nur noch mit Waffengewalt aufhalten können.
SPIEGEL: Und dennoch: Dieses Zurückweichen der Sowjets, die jahrzehntelang versucht hatten, den Westen mit Stellvertreterkriegen und scharfer Rhetorik in Schach zu halten, erscheint selbst im Rückblick noch wie ein Wunder.
Baker: Ich erinnere mich, wie Gorbatschow uns im Weißen Haus besuchte. Wir waren im Sitzungsraum des Kabinetts, als er sagte, jedes Land solle das Recht haben, sich seine Verbündeten selbst auszusuchen. Damit war die Sache für mich klar. Ich saß dabei und dachte - wow.
SPIEGEL: Sie sagten einmal: "Wir Amerikaner haben nie auf der Mauer getanzt." Warum diese Bescheidenheit?
Baker: Unser Verhandlungshorizont mit den Russen war mit dem Tag des Mauerfalls ja nicht abgeschritten. Wir brauchten sie für die bald darauf beginnenden Zweiplus-Vier-Verhandlungen, wir brauchten sie später für die Abrüstungsgespräche. Wir wollten nichts tun, was Gorbatschow unnötig in Verlegenheit gebracht hätte.
SPIEGEL: Der Reagan-Regierung, der Sie als Finanzminister angehörten, war diese Art Zurückhaltung fremd. "Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!", hatte Ronald Reagan am 12. Juni 1987 am Brandenburger Tor ausgerufen.
Baker: Das war damals richtig. Reagans Entschlossenheit, zu der auch die Entscheidung gehörte, das Raketenabwehrsystem SDI zu starten, legte die Grundlage für die Ereignisse, die zur Wiedervereinigung führten. Aber als die Ereignisse sich überschlugen, als Geschichte sich rasant beschleunigte, wäre jeder Triumphalismus falsch gewesen. Sie konnten nicht mit Gorbatschow Geschäfte abmachen und ihm gleichzeitig in die Augen stechen.
SPIEGEL: Und es entsprach wohl auch nicht dem Naturell des 41. Präsidenten. "Ich bin kein sehr emotionaler Mensch", hat Bush senior über sich selbst gesagt.
Baker: George Bush war ein weiser Präsident. Die Geschichtsschreibung wird ihm für seine Zurückhaltung Respekt zollen.
SPIEGEL: Waren Sie jemals in der DDR?
Baker: Ich war der erste und der letzte US-Außenminister, der einen Fuß in diesen Staat gesetzt hat. Kurz nach der Maueröffnung, es war die Weihnachtszeit 1989, fuhr ich über die Glienicker Brücke ins Potsdamer Interhotel, um den Hoffnungsträger der SED, Hans Modrow, zu treffen. Es war für mich ein surreales Erlebnis.
SPIEGEL: Warum?
Baker: Es war, als ob jemand die Welt von Bunt auf Schwarzweiß umgeschaltet hätte. Alles war grau, die Kleider, die Häuser, die Menschen, die Stimmung. Auf den Straßen waren diese kleinen Trabis zu sehen, aber auch davon nicht sehr viele.
SPIEGEL: Welchen Eindruck hat Modrow auf Sie gemacht?
Baker: Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass wir über freie Wahlen sprachen, die ja noch nicht wirklich garantiert waren, als plötzlich ein Mann den Raum betrat. Der sah aus wie Egon Krenz, der gerade erst zurückgetretene Parteichef. Jetzt gibt es Probleme, dachte ich. Erst als er mich fragte, ob ich ein Mineralwasser haben möchte, erkannte ich: Das war der Kellner.
SPIEGEL: Hans Modrow wurde im März 1990 als Ministerpräsident der DDR abgewählt, nun hatten Sie es mit dem Christdemokraten Lothar de Maizière zu tun.
Baker: Er war nun der DDR-Vertreter, dem wir bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen gegenübersaßen. Auf dieses Verhandlungsformat - bei dem die beiden deutschen Teilstaaten und die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs gemeinsam über den Weg zur deutschen Vereinigung verhandeln sollten - bin ich stolz. Wir haben es gegen allerlei Widerstände durchgesetzt, und es hat das gewünschte Ergebnis gebracht: Wiedervereinigung der deutschen Staaten, Nato-Mitgliedschaft Deutschlands und der Rückzug der Roten Armee aus der ehemaligen DDR.
SPIEGEL: Nicht alle haben Ihren diplomatischen Ansatz damals unterstützt. Sie haben dem SPIEGEL Einsicht in Ihre privaten Aufzeichnungen gewährt. Daraus geht hervor, dass es ausgerechnet im Augenblick des großen diplomatischen Erfolgs zu Auseinandersetzungen über den richtigen Weg kam. Was genau war vorgefallen?
Baker: Es passierte in Ottawa im Februar 1990 bei der gemeinsamen Konferenz von Nato- und Warschauer-Pakt-Staaten. Gerade hatte ich von Briten, Franzosen, Russen und Deutschen die Zustimmung zum Zwei-plus-Vier-Prozess gewonnen. Doch als ich Präsident Bush im Beisein seines Sicherheitsberaters Brent Scowcroft die gute Nachricht durchtelefonierte, gab es Bedenken. "Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist", sagte Scowcroft. "Wir bewegen uns zu schnell." Ich erwiderte, alle hätten schon zugestimmt. Nicht alle, behauptete da Scowcroft: "Kohl nicht." Da wurde nun der Präsident hellhörig und fragte mich: "Jim, bist du sicher, dass Kohl das so akzeptiert?"
SPIEGEL: Warum diese Zweifel an dem Zwei-plus-Vier-Format?
Baker: Es gibt in jeder Administration Spannungen zwischen dem im Weißen Haus angesiedelten Nationalen Sicherheitsberater und dem Außenminister. Einige Mitarbeiter von Scowcroft wollten den Zwei-plus-Vier-Prozess nicht. Wir hatten schon im Vorfeld viele Diskussionen geführt, ob dieses Format das richtige sei. Ihnen ging alles zu schnell. Sie wollten die zwei deutschen Staaten allein verhandeln lassen. Die vier Siegermächte sollten sich raushalten, das war deren Linie.
SPIEGEL: Und hatte Kohl denn tatsächlich sein Mittun bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen in Frage gestellt?
Baker: Dafür gab es keinerlei Anhaltspunkte, Helmut war an Bord. Trotzdem musste ich nun nochmals Hans-Dietrich Genscher ansprechen und mich nach Kohls Position erkundigen. Schließlich überzeugte ich den Präsidenten, beim deutschen Kanzler anzurufen. Bei diesem Telefonat bekräftigte Kohl seine volle Unterstützung für die Zwei-plus-Vier-Gespräche. Dann sagte Bush zu mir: "Go ahead."
SPIEGEL: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Präsident Bush beschreiben?
Baker: Als Außenminister müssen sie ganz eng mit dem Präsidenten zusammenarbeiten. Sonst stehen sie auf verlorenem Posten. Der Präsident muss den Außenminister unterstützen, verteidigen und beschützen. Ich war Bushs politischer Manager in all seinen Wahlkämpfen, deshalb passte kein Stück Papier zwischen uns.
SPIEGEL: Was haben Sie über die Deutschen gelernt in den jahrelangen Verhandlungen?
Baker: Dass man sich auf Deutschland verlassen kann. Ich habe zwar damals die Ängste von Briten und Franzosen verstanden, aber nicht geteilt. Als der Einheitsvertrag im September 1990 unterschrieben wurde, sagte ich zu Hans-Dietrich Genscher im Scherz: Als Nächstes verhandeln wir jetzt über die deutsch-chinesische Grenze. Aber Deutschland wurde nicht expansiv. Der Scherz blieb ein Scherz. Geschichte wiederholt sich nicht.
SPIEGEL: Secretary Baker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten Redakteur Gabor Steingart und Mitarbeiter Axel Frohn.
Von Gabor Steingart und Axel Frohn

DER SPIEGEL 39/2009
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