26.09.2009

ARBEITSMARKTIn der Schockstarre

Während die Arbeitgeber lautstark über Fachkräftemangel klagen, machen junge Ingenieure eine ganz andere Erfahrung: Viele Berufsanfänger finden keinen Job.
Ein paar Tafeln Milchschokolade und drei Standardwerke über Konstruktionstechnik - das sind die Überreste von Rauf Najafovs Leben als Maschinenbauer in Deutschland. "Mehr Bücher haben nicht ins Gepäck gepasst", sagt der 26-jährige Ingenieur aus Hannover.
Seit vier Wochen lebt er in Los Angeles und bereitet sich auf ein Doktorandenstipendium an der California State University vor. Deutsche Schokolade braucht er für die Lernpausen. "Die amerikanische ist ungenießbar", sagt er.
Najafov wäre lieber in Deutschland geblieben. Das Dumme ist nur: Er hat hier keine Arbeit gefunden. "Eigentlich sah alles super aus", sagt er. VW habe ihm eine Stelle zugesichert. Doch dann kam der Crash auf den Finanzmärkten, die Autoindustrie rutschte in die Krise, und Najafov stand ohne Job da. Monatelang suchte er nach einer Stelle. Schließlich entschied er sich für "ein attraktives US-Stipendium".
Die Geschichte des Maschinenbauers passt so gar nicht zum aktuellen Wehklagen des Verbandes Deutscher Ingenieure (VDI) über den "massiven Fachkräftemangel". Auf 52 000 offene Stellen kommen laut VDI derzeit nur etwa 27 000 arbeitssuchende Ingenieure. "Da klafft eine große Lücke", sagt VDI-Chef Will Fuchs.
Doch wer frisch von der Uni kommt, macht häufig eine andere Erfahrung: Er findet immer schwerer einen Job. Im August ist die Zahl der arbeitslosen Ingenieure um 2,6 Prozent gestiegen. Die viel beklagte Ingenieurslücke war vor einem Jahr mit 70 000 fehlenden Fachkräften noch mehr als doppelt so groß wie heute. In der Metall- und Elektroindustrie können viele Firmen ihre erfahrenen Fachkräfte nur noch über Kurzarbeit halten.
"Berufsanfänger haben es im Moment schwer unterzukommen", sagt Christiane Benner, die zuständige Bereichsleiterin bei der IG Metall. Der Republik droht eine neue Umdrehung jener Krisenspirale, die Politik und Wirtschaft diesmal eigentlich vermeiden wollten. Weil die Firmen in der Rezession viele Ingenieursjobs streichen, fehlen später die Fachkräfte, wenn die Wirtschaft wieder Tritt fasst.
Um den fatalen Kreislauf zu stoppen, haben Ministerien, Gewerkschaften und Verbände zahlreiche Initiativen angekündigt. So will Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) einen "Nachwuchs-Fonds" für Ingenieure gründen.
Der Verband der bayerischen Metall- und Elektroindustrie (VBM) startet am 1. Oktober eine Beschäftigungsgesellschaft für Absolventen im Freistaat. Geeignete Kandidaten, die keinen Job finden, werden eingestellt und an Mitgliedsfirmen verliehen. "Wir müssen die jungen Leute überwintern", sagt VBM-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.
Klingt gut, ist aber vorerst mehr Wunsch als Wirklichkeit. Der Schavan-Plan steckt noch im Ideenstadium, und der Bayernfonds ist noch gar nicht offiziell angelaufen. Zwar haben sich schon 50 arbeitslose Ingenieure gemeldet. Wie viele Stellen es geben wird, ist jedoch noch ungeklärt.
"Der Arbeitsmarkt ist angespannt", sagt VDI-Chef Fuchs. "Aber wer wirklich gut ist, der kommt auch unter."
Das hat Rauf Najafov anders erlebt. Er kann Praxis- und Auslandserfahrung vorweisen, außerdem spricht der gebürtige Aserbaidschaner fünf Sprachen fließend. "Was wollen die denn noch?", fragt er.
Auch die Berliner Elektroingenieure Vitalij Fleischhauer, 24, und Christian Koop, 28, sind ratlos. "Ich befinde mich in einer Art Schockstarre", sagt Fleischhauer. Er hat sich gerade erst erwerbslos gemeldet. Koop hingegen hat sich vorsichtshalber schon für ein Masterprogramm ab Oktober eingeschrieben. Obwohl er bereits ein Diplom hat. "Besser, als arbeitslos zu sein", sagt er - und hilft damit auch der Bundesregierung: Er taucht in der Arbeitslosenstatistik erst gar nicht auf. KATRIN ELGER
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 40/2009
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