26.09.2009

JOURNALISTENMonologe mit Putin

Der Pressefreiheit sind in Russland enge Grenzen gesetzt. Reporter müssen um ihr Leben fürchten. Doch es gibt mutige und kritische Redakteure - auch fern von Moskau.
Wenn der Schmerz zu groß wird, macht sich der Chefredakteur der Wochenzeitung "Korruption und Verbrechen" auf zur letzten Ruhestätte seines Vorgängers auf einem Friedhof am Stadtrand der Millionenstadt Rostow am Don. Dann stellt Sergej Slepzow nach russischer Tradition ein Glas Wodka mit einem Stück Brot auf das Grab von Wjatscheslaw Jaroschenko. "Ich bin sicher, dass mein Freund umgebracht wurde", sagt er, "aber die Polizei hat nicht einmal Ermittlungen aufgenommen."
Jaroschenko schrieb über gefälschte Gerichtsakten, gekaufte Freisprüche, bestellte Verhaftungen und getürktes Beweismaterial. Im Frühjahr soll sich der Journalist bei einem Sturz den Hinterkopf eingeschlagen haben. Angeblich ein Unfall. Slepzow verweist auf offene Fragen: Warum gab es keine blauen Flecken an Armen und Beinen, wenn Jaroschenko von einer Treppe gestolpert ist? Warum wurde sein Handy Tage später auf einer Parkbank gefunden, zwei Kilometer entfernt vom Hinterhof, in dem Passanten den schwerverletzten Chefredakteur gefunden hatten?
"Hör endlich auf, Unruhe zu stiften", herrschte ein Polizeisprecher Slepzow am Telefon an. Sein Chefredakteur habe eben einen über den Durst getrunken und 1,8 Promille im Blut gehabt. Bei Slepzow nährt das den Verdacht, dass die Wahrheit vertuscht wird. "Ich höre zum ersten Mal, dass bei der Einlieferung ins Krankenhaus mit solch einer Verletzung der Alkoholspiegel gemessen worden sein soll", sagt er.
Die Moskauer "Glasnost"-Stiftung jedenfalls hat den plötzlich verstorbenen Chefredakteur in die Liste der 122 Journalisten aufgenommen, die im Reich Wladimir Putins seit 2000 ermordet wurden.
Regelmäßig rangiert das Land weit hinten in einer von "Reporter ohne Grenzen" erstellten Rangliste, die den Stand der Pressefreiheit in aller Welt erfasst. Im vergangenen Jahr lag es auf Platz 141 von 173 untersuchten Staaten.
Der Mord an der Enthüllungsjournalistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 sorgte international für Schlagzeilen. Weniger bekannt ist die Situation in der Provinz.
Dort beherrschen die Lokalregierungen oder reiche Geschäftsleute die wichtigsten der 25 000 regionalen Zeitungen und Zeitschriften des Landes und der 2500 registrierten TV-Sender. Die Behörden schicken unbequemen Redaktionen schon mal die Steuerfahndung ins Haus. Und natürlich findet die Feuerwehr immer einen Verstoß gegen die Brandschutzauflagen.
Doch trotz alldem gibt es auch hier mutigen und kritischen Journalismus. Eine dieser Inseln der Freiheit liegt im Zentrum von Rostow, im siebten Stock eines neuen Bürohochhauses.
Hier schlendert Irina Samochina, 38, eine der erfolgreichsten Verlegerinnen Russlands, im Ringelpullover durch die Redaktion. Sie gibt die Wochenzeitung "Krestjanin" ("Der Bauer") heraus. Samochinas Reporter Marat Ossenko schreibt an seiner Kolumne "Monologe mit Putin".
In seinen Texten macht er sich etwa darüber lustig, dass die Regierung in Moskau lange Zeit das Wort "Krise" aus dem Sprachgebrauch der Staatsmedien verbannte, wo doch jeder Dorfbewohner diese am eigenen Leib spüre. Ossenkos Monologe versuchen, die wenig an Politik interessierte russische Gesellschaft aufzurütteln und der abgehobenen Elite eine Reaktion abzuringen. Die Mächtigen jedoch schlagen öffentliche Proteste mit Polizeigewalt nieder. "Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter", sagt die Verlegerin Samochina.
Weil der Kreml sich auf seine Statthalter in der Provinz verlassen kann, nimmt er nur selten direkten Einfluss auf die Lokalpresse. Wenn in Russlands fernem Osten aber Tausende auf die Straße gehen, um gegen neue Importzölle auf Gebrauchtwagen aus dem Ausland zu protestieren, sorgt die Regierung in Moskau dafür, dass davon in den Fernsehsendern und staatlich kontrollierten Medien kaum etwas zu sehen ist.
"Der Bauer" verkauft wöchentlich 24 000 Exemplare, er ist das journalistische Flaggschiff Samochinas. Geld aber verdient der Verlag mit Nutzwertzeitschriften und seiner Druckerei. Russlandweit verloren politische Wochenblätter seit Beginn der Wirtschaftskrise vor einem Jahr 15 Prozent ihrer Leser, Titel wie "Meine Super-Datscha" legten dagegen zu. Nach einer aktuellen Umfrage lesen nur 9,6 Prozent der Russen eine Tageszeitung. In Deutschland sind es mehr als 70 Prozent.
Reporter ohne Grenzen beschreibt in einer neuen Studie über Regionaljournalismus in Russland zwar viele ermutigende Beispiele - aber auch die bittere Realität in weiten Teilen des Landes. Oft lassen sich Journalisten dafür bezahlen, wohlwollende Berichte in ihrer Zeitung unterzubringen.
Am Mittag inspiziert Irina Samochina ihre Druckerei, die größte private in Südrussland. 40 Zeitungen mit einer Gesamtauflage von einer Million Stück wirft sie wöchentlich aus. Die meisten davon sind kostenlose Anzeigenblätter wie "Vabanque" und "Reklame des Südens", sie erreichen Auflagen von bis zu 300 000 Exemplaren, enthalten aber keine politischen Nachrichten.
So verdient die Verlegerin wenigstens mit an der Billigkonkurrenz. Andere unabhängige russische Zeitungen kommen indes von zwei Seiten unter Druck: Die Reklameblätter nehmen ihnen die Anzeigen weg, die größten, von Staat und Behörden subventionierten Zeitungen, die Leser. In Rostow etwa lässt die Provinzregierung die Wochenendausgabe des Moskauer Regierungsblatts "Rossiiskaja gaseta" in einer Auflage von 100 000 Exemplaren kostenlos verteilen. Die Zeitung liegt treu auf Kreml-Kurs.
In Bataisk mit seinen 104 000 Einwohnern gibt es zwei Zeitungen: den noch zu Stalins Lebzeiten gegründeten "Vorwärts" und die "Bataisker Zeit". Der "Vorwärts" steht ganz in der Tradition sowjetischer Medien, die sich als Verlautbarungsorgane verstanden. Er wird aus dem Stadthaushalt bezahlt und preist den Bürgermeister.
Die private Konkurrenz, die "Bataisker Zeit", arbeitet in einem Haus mit modischer Spiegelglasfassade. Auch hier ist eine Frau die Chefin. Die resolute Swetlana Schischkanowa und ihre achtköpfige Redaktion testen tausend Kilometer von Moskau entfernt die Grenzen der Pressefreiheit. Und die sind eng gezogen. Die "Zeit" bringt das Stadtoberhaupt schon zur Weißglut, wenn sie Leserbriefe veröffentlicht, deren Verfasser sich über das Fällen von Bäumen in der Stadt beschweren.
"Wirklich heiße Themen wie die Gerüchte, dass der Bürgermeister und seine Familie den gesamten Brothandel unserer Stadt und eine Restaurantkette kontrollieren, greifen wir erst gar nicht auf", sagt Schischkanowa. Der Bürgermeister hat dennoch eine Informationsblockade verhängt. Journalisten der "Zeit" bleiben bei offiziellen Terminen vor der Tür.
70 Kilometer östlich, in der Kleinstadt Wessjoly, hat ein mutiger Chefredakteur den Bürgermeister gestürzt. Jewgenij Tkatschow, ein Mann mit Schnurrbart wie aus einem Kosaken-Epos, blättert durch die Jahrgänge seiner Zeitung "Sori Manytscha". Auf einem der Titelblätter prangt ein Foto von einer Straße im Schneematsch, darunter die Zeile: "Es reicht!" Ein anderes kündigt einen Artikel über die "Familiengeschäfte des Bürgermeisters" an. 2007 wurde Tkatschow mit dem angesehenen Moskauer Sacharow-Preis ausgezeichnet. Seine Zeitung erscheint wöchentlich mit einer Auflage von 3600 Stück und erreicht damit so gut wie jeden Haushalt im Kreis. Dank Tkatschow ist die Presse tatsächlich die vierte Gewalt in Wessjoly.
Mit brutalen Begleiterscheinungen. Unbekannte haben vor Jahren seine Redaktion abgefackelt und das Auto in Brand gesetzt. Er schreibt dennoch weiter gegen Korruption und Vetternwirtschaft an. "Anders kann ich nicht", sagt er. "Ich bin doch Journalist." MATTHIAS SCHEPP
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 40/2009
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