26.09.2009

„Die Lage ist düster“

Außenpolitik-Experte Richard Haass über Auswege aus dem Afghanistan-Dilemma
Haass, 58, ist Präsident des US-Think-Tanks Council on Foreign Relations. Er arbeitete zuvor unter anderem als Berater von Präsident George H. W. Bush und Außenminister Colin Powell.
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SPIEGEL: US-Militärs fordern eine massive Ausweitung des Afghanistan-Feldzugs. Ist das eine Kriegserklärung an den neuen Präsidenten?
Haass: Generäle müssen mehr Truppen verlangen, wenn ihre Ressourcen nicht ausreichen. Das ist in Ordnung so. Aber es ist nicht in Ordnung, das öffentlich zu tun. Aus Respekt vor dem Präsidenten muss eine solche Debatte vertraulich geführt werden. Wer auch immer das interne Memo von General Stanley McChrystal in die Öffentlichkeit brachte, hat unfair und unprofessionell gehandelt.
SPIEGEL: Sollte der Präsident dem Rat des Generals folgen?
Haass: Eine solche Entscheidung wäre übereilt. Der Präsident muss erst sicher sein, dass mehr Soldaten in Afghanistan überhaupt helfen. Außerdem muss er überdenken, ob der amerikanische Einsatz dort den weltweiten Kampf gegen den Terrorismus wirklich voranbringt.
SPIEGEL: Sie bezweifeln das?
Haass: Wenn Terroristen nicht mehr frei in Afghanistan operieren können, dann gehen sie in andere Länder, zum Beispiel in das Nachbarland Pakistan, längst ein Aufmarschgebiet für Qaida-Kämpfer. Die Frage, die sich jeder stellen muss, ist die folgende: Hilft der Kampf in Afghanistan, die Situation in Pakistan zu entschärfen, oder verschlimmert er sie? Fortschritt dort ist für die USA viel wichtiger. Der Präsident hat völlig recht, noch einmal gründlich nachdenken zu wollen, bevor er eine Entscheidung trifft.
SPIEGEL: Erst im März stellte Obama eine neue Strategie für Afghanistan vor, die nun wieder überdacht werden soll. Was hat sich verändert?
Haass: Die Lage in Afghanistan ist einfach düster. Es ist überhaupt nicht klar, ob die Afghanen ihre Stammeskriege, Korruption und persönliche Rivalitäten je überwinden können.
SPIEGEL: In der Regierung wird offenbar auch überlegt, ob die gezielte Terroristenjagd in Pakistan nicht aussichtsreicher ist als eine Truppenverstärkung.
Haass: Ich finde das keine schlechte Idee. Pakistan ist viel wichtiger für die USA, und wir sehen dort erste Fortschritte. Wir müssen Pakistan ökonomisch und militärisch stärker helfen. Gegen die Terroristen gezielt vorzugehen klingt attraktiv. Solange man dabei so wenige Zivilisten wie möglich tötet.
SPIEGEL: Präsident Obama nennt den Einsatz in Afghanistan einen "war of necessity", einen notwendigen Krieg. In Abgrenzung zu einem frei gewählten Krieg. Den Begriff hat er von Ihnen übernommen, Sie verwenden ihn aber gar nicht mehr für Afghanistan. Warum?
Haass: Der Krieg dort war nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ein notwendiger Krieg. Die Taliban herrschten in Afghanistan, sie hassten Amerika. Nun sind sie aus der Regierung vertrieben. Wir sind mit der Regierung in Kabul verbündet, während Qaida-Kämpfer in Pakistan untergeschlüpft sind. Ich bin mir nicht sicher, ob der Kampf in Afghanistan uns im Kampf gegen den Terror hilft. Der Krieg dort ist nun auch ein "war of choice", ein gewollter Krieg. Obama hat sich für ihn entschieden.
SPIEGEL: Was für Alternativen hätte der Präsident denn?
Haass: Es gibt welche. Auch deswegen ist der Krieg in Afghanistan kein Muss mehr. Es geht nicht einfach um die Entscheidung, mehr Truppen zu schicken oder sie abzuziehen. Wir könnten unsere Bodentruppen verringern, aber mehr "Drohnen" gegen Terroristen losschicken. Wir könnten die afghanische Polizei besser trainieren und mehr Entwicklungshilfe zahlen. Wir könnten die Taliban spalten, indem wir mit moderaten Kräften verhandeln. Niemand in Washington will Afghanistan aufgeben. Und niemand sollte das.
SPIEGEL: All dies liefe auf weniger Truppen in Afghanistan hinaus.
Haass: Wenn wir unsere Truppen einfach aus Afghanistan abziehen, besteht die Gefahr, dass Kabul von den Taliban überrannt und die Regierung gestürzt wird. Aber wenn wir weitermachen wie bisher - oder gar noch 10 000 oder 20 000 Soldaten mehr schicken -, kann uns das genauso passieren. Nur dass wir dann einen höheren Preis dafür bezahlen werden.
SPIEGEL: Das US-Militär kritisierte die Bundeswehr scharf wegen Luftschlägen gegen zwei Tanklastzüge, die auch viele Zivilisten töteten. Viele deutsche Politiker und Soldaten waren enttäuscht.
Haass: Wenn unsere Soldaten sich so wie die deutschen Soldaten verhalten hätten, würden wir sie auch kritisieren. Es muss hohe Standards geben.
SPIEGEL: Aber General McChrystal war mit Schelte schon zur Stelle, als viele Details noch unbekannt waren.
Haass: Die Luftschläge sind furchtbar schiefgelaufen. Wenn Fehler gemacht werden - und danach sieht es hier aus -, müssen diese untersucht werden. Außerdem ging es ja nicht nur um die Gefühle der Deutschen. Man muss auch an die Afghanen denken.
INTERVIEW: GREGOR PETER SCHMITZ,
GABOR STEINGART
Von Gregor Peter Schmitz und Gabor Steingart

DER SPIEGEL 40/2009
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